Die Ökonomisierung und Bürokratisierung der Gesellschaft bei Habermas


Essay, 2014
8 Seiten, Note: 3

Leseprobe

Die Ökonomisierung und Bürokratisierung der Gesellschaft

Jürgen Habermas schreibt in der Theorie des kommunikativen Handelns vom Eindringen von ökonomischen und bürokratischen Systemrationalisierungen in die Lebenswelt. Somit konstatiert Habermas, dass nicht die wirtschaftliche Ausbeutung das hauptsächliche Grundproblem der Gesellschaft darstellt, sondern die Problematik des zunehmenden Eindringens der Bürokratie in die Lebenswelt, das grundsätzliche Problem der modernen Gesellschaft ist. Habermas formuliert:

„Jedenfalls läßt [sic!] sich die These vom Freiheitsverlust besser plausibel machen, wenn man Bürokratisierung als Anzeichen eines neuen Niveaus der Systemdifferenzierung betrachtet. Indem sich die Subsysteme Wirtschaft und Staat über die Medien Geld und Macht aus einem in den Horizont der Lebenswelt eingelassenen Institutionensystem ausdifferenzieren, entstehen formal organisierte Handlungsbereiche, die nicht mehr über den Mechanismus der Verständigung integriert werden, die sich von lebensweltlichen Kontexten abstoßen und zu einer Art normfreier Sozialität gerinnen“ (Habermas 1981: 455).

Habermas verschweigt nicht, dass diese Systemdifferenzierung auch Vorteile für die gesellschaftliche Entwicklung birgt. Das zweckrationale Handeln, ebenso wie das an determinierten Normen orientierte Handeln, welches gesellschaftlichen Subsystemen innewohnt, kann nicht nur negativ betrachtet werden. Diese Betrachtungsweise wäre zu eindimensional und würde der Problematik nicht gerecht werden. Habermas sieht jedoch die Gefahr, dass sich die Lebenswelt eventuell teilweise auflösen könne und die damit verbundenen Prozesse, wie beispielsweise der Prozess über die Verständigung über den Wahrheitsgehalt einer Aussage, an Bedeutung verlieren. Es besteht also die Gefahr, dass die traditionellen Formen der menschlichen Kommunikation von Angesicht zu Angesicht gewaltige Einbußen in Bezug auf ihren Einfluss erfahren. Habermas erklärt somit in seinem Zweistufenmodell der Gesellschaft, dass ein Gegensatz der Subsysteme Wirtschaft und Staat auf der einen und der Lebenswelt auf der anderen Seite besteht. Während also in der Lebenswelt das Verständigungspotential des kommunikativen Handelns von grundlegender Wichtigkeit ist, so sind es in den Subsystemen Wirtschaft und Staat die Medien Geld und Macht.

Der Ambivalenz dieser Grundzüge muss allgemein vorausgestellt werden, dass dem an determinierten Normen orientierten Handeln ebenfalls eine Ambivalenz innewohnt. Während also das zweckrationale Handeln in gewisser Hinsicht zu einer sinnvollen Kommunikation und Verständigung führen kann, sogar kann es auf der anderen Seite diese ad absurdum führen. Die Freiheit der Menschen indes wird von dem Prozess der Bürokratisierung eingeschränkt, insofern, dass sie mit der zunehmenden Ökonomisierung für einen grundlegenden Gesellschaftswandel sorgt. Hierunter leiden, wie bereits zuvor bemerkt, Prozesse des kommunikativen Handelns. Während bei Weber die Bürokratie ihr zentrales Fundament in der legalen Herrschaft, welche auf Gesetzen und Erlässen usw. beruht sieht, muss man anerkennen, dass die Komplexität dieses Begriffs in der modernen Gesellschaft zugenommen hat. Der Begriff unterliegt auf Grund der Globalsierung und der pluralistischen Lebensstile einer immer weiter an Geschwindigkeit zunehmenden Dynamik. Die steigenden Bedürfnisse der Bevölkerung, welche es zu stillen gilt, setzen eine Verkürzung der Produktionszyklen, sowie eine steigende quantitative Produktion voraus, welche von der Bürokratie allenfalls gehemmt werden. Und doch wird es in Zeiten der Internationalisierung immer wichtiger allgemeingültige Standards festzulegen. Dieser Prozess ist an eine steigende Bürokratisierung gebunden. Diese Entwicklungen haben zur Folge, dass auch unvernünftige Wege eingeschlagen werden, welcher der Rationalität widersprechen. Klar ist, dass durch den beschrieben Prozess Missstände erzeugt werden, auf welche Habermas in seinem Werk hindeutet. Habermas kritisiert Weber für die Herausstellung der Zweckrationalität, aber diese ist die die dominante Art von Rationalität in seinen modernen Gesellschaften.

Auch die Globalisierung ist eine Art der Rationalisierung, welche sich durch Verrechtlichung auf der Ebene der Gesellschaft niederschlägt. Zu sagen, sie wäre eine Kolonialisierung ist allerdings zu wenig. Dies wäre zu abstrakt, da genaue Auswirkungen für die Lebenswelt beschrieben werden müssen.

In meinen Ausführungen möchte ich die Bürokratisierung auch unter den Aspekten des parkinsonschen Gesetzes betrachten. Dieses Gesetz über das Wachstum der Bürokratie wurde vom britischen Soziologen Cyril Northcote Parkinson formuliert und erklärt, dass hierarchisch aufgebaute Verwaltungen die Tendenz zur Selbstaufblähung aufweisen. In dieser dramatischen Zunahme von Bürokratie erkennt Parkinson die Gefahr der Unwirtschaftlichkeit, des Leerlaufs und in letzter Konsequenz des Zusammenbruchs. Das parkinsonsche Gesetz zum Bürokratiewachstum besagt, dass Arbeit sich in dem Maß ausdehnt, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht. Dies wiederum sagt aus, dass keine Expansion der Arbeit durch die ihr zu Grunde liegende Komplexität entsteht. Parkinson beschreibt in einem Vergleich eine ältere Dame, welche einen Brief an verwandte schreiben will und sich dabei Zeit lässt, während sie bedenkt, welches Briefpapier sie nutzen will und welches Schreibwerkzeug das Optimale ist. Dementsprechend dehnt sich die Arbeit aus. Im Vergleich dazu nennt Parkinson einen Manager, welcher ebenfalls einen Brief an die Verwandtschaft schreibt, dies jedoch in wenigen Minuten erledigt, da er nicht viel Zeit hat. Parkinson behauptet weiterhin, dass jeder Beamte bzw. Angestellte nach einer möglichst großen Zahl an Untergebenen strebt, während er die Zahl seiner Rivalen gering halten möchte und das Beamte bzw. Angestellte sich gegenseitig Arbeit schaffen. Hier ist also von einem Perpetuum-Mobile zu sprechen, welches das Bürokratiewachstum nach sich zieht. Wenn man nun den Prozess der Rationalisierung auch als einen Prozess der Ausdifferenzierung der Arbeitsteilung und spezifischen Weiterentwicklung und Vertiefung von Sachkenntnissen betrachtet, so erkennt man darin die Bürokratisierung der Gesellschaft in ihrer Deutlichkeit. Im Bezug auf das parkinsonsche Gesetz des Bürokratiewachstums bedeutet dies jedoch, dass die Notwendigkeit Fachwissen einzusetzen für ein Spannungsfeld in der Gewichtung Untergebene-Rivalen erzeugt. Dies befördert die Auswucherung der Bürokratie und sorgt in Teilen dafür, dass der Aufwand an Kosten den Organisationszweck übersteigt. Bürokratie sollte wiederum als Instrument rationaler Herrschaftsausübung angesehen werden. Diese beruht auf Traditionalismus und Fanatismus.

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Details

Titel
Die Ökonomisierung und Bürokratisierung der Gesellschaft bei Habermas
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Jürgen Habermas Theorie des Kommunikativen Handelns
Note
3
Autor
Jahr
2014
Seiten
8
Katalognummer
V273673
ISBN (eBook)
9783656660019
ISBN (Buch)
9783656659990
Dateigröße
355 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ökonomisierung, bürokratisierung, gesellschaft, habermas
Arbeit zitieren
Kevin Deusing (Autor), 2014, Die Ökonomisierung und Bürokratisierung der Gesellschaft bei Habermas, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/273673

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