2008 fragte Queen Elizabeth II aufgrund der Krise in einer Ansprache an die Nation: „Why did nobody see it coming?“. Zeitgleich sprachen Praktiker, Journalisten und Ökonomen weltweit von einem Minsky-Moment. Nicht ohne Grund entfachten Diskussionen über Hyman P. Minskys Theorie. Dieser veröffentlichte bereits 1982, in Anlehnung an die Große Depression von 1929, eine Aufsatzsammlung mit dem Titel „Can ‚It‘ happen again?“. In dieser entwickelt er die Finanzmarktinstabilitätshypothese (FIH), welche besagt, dass dem Kapitalismus gerade in prosperierenden Zeiten eine Tendenz zur Instabilität innewohnt und es somit wieder zu Finanzkrisen und infolgedessen zu Wirtschaftskrisen kommen könne. In Minskys Worten ausgedrückt: „Stability is destabilizing“. Es ist also kein Wunder, dass seine Werke zu Beginn der Finanzkrise zeitweise für 2000 Dollar gehandelt wurden.
Wenngleich die Geschichte des Kapitalismus von zahlreichen Finanzkrisen begleitet wurde, dürften diese im Analyserahmen der Neoklassik nur bei exogenen Schocks auftreten, da unregulierte Märkte sich ansonsten selbst-korrigierend im Gleichgewicht befinden. Krisen auf dem Finanzmarkt sind im Rahmen der Effizienzmarkthypothese theoretisch nicht vorgesehen. Im Gegensatz zur gleichgewichtsorientierten Neoklassik, in der Kreditgeld und Finanzinstitutionen keine bedeutsame Rolle spielen, entwickelt Minsky ein zyklisches Modell, das Kreditbeziehungen, Finanzinstitutionen, Innovationen und Unsicherheit in die Analyse des Kapitalismus zu integrieren versucht. Eine Betonung liegt dabei auf den unterschiedlichen Finanzierungsstrukturen der Wirtschaftsakteure sowie der Rolle von Finanzmärkten, welche einen Einfluss auf die Realwirtschaft haben. Damit befindet sich Minsky in Tradition klassischer Ökonomen die Wirtschaftskrisen auf Finanzmarktprobleme und vor allem Kreditzyklen zurückführten.
Die vorliegende Arbeit wendet Minskys Hypothese auf die Finanzkrise von 2007 an. Zwar wurden viele wichtige Krisenursachen diskutiert: Deregulierung, Gier, Irrationalität, eine Liquiditätsschwemme, Leistungsbilanzungleichgewichte sowie eine lockere Geldpolitik. Sie weisen aber, im Gegensatz zu Minskys Theorie, nicht auf einen systemischen Charakter der Krise hin. Die Analyse der Finanzkrise wird sich dabei auf die Entwicklungen in den USA, wo sie ihren Anfang nahm, konzentrieren. Die These der vorliegenden Arbeit ist, dass Minskys Theorie in leichter Abwandlung die Finanzkrise erklären und zu einem tieferen Verständnis helfen kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die theoretischen Grundlagen der Finanzmarktinstabilitätshypothese
2.1 Minskys Interpretation von Keynes
2.1.1 Das „Wall Street Paradigma“
2.1.2 Die Rolle der fundamentalen Unsicherheit
2.1.3 Portfoliowahl und Liquiditätspräferenz
2.1.4 Die Theorie der Investition
2.2 Die Finanzierungsstruktur ökonomischer Akteure
2.3 Die Rolle von Finanzinstitutionen
2.3.1 Schumpeters Theorie wirtschaftlicher Entwicklung
2.3.2 Die Theorie des endogenen Geldangebots
2.3.3 Finanzinnovationen und Money Manager-Kapitalismus
3. Die Hypothese finanzieller Instabilität
3.1 Expansionsphase
3.2 Kontraktion
3.3 Implikationen für die Wirtschaftspolitik
3.3.1 Big Government
3.3.2 Big Bank und Finanzmarktregulierung
3.4 Grenzen der Wirtschaftspolitik
4. Die Anwendung auf die Finanzkrise von 2007
4.1 Das Wirtschaftsmodell bis in die 1970er Jahre
4.2 Die Entfaltung des Money Manager-Kapitalismus
4.3 Die US-Finanzkrise aus Sicht von Minsky
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Relevanz der "Finanzmarktinstabilitätshypothese" (FIH) von Hyman P. Minsky zur Erklärung der US-Finanzkrise von 2007. Ziel ist es, den systemimmanenten Charakter von Finanzkrisen durch die von Minsky beschriebenen Kreditzyklen und die Transformation des Kapitalismus zu verdeutlichen, um die Krise als systemisches Versagen statt als exogenen Schock zu interpretieren.
- Minskys Interpretation von Keynes und das "Wall-Street-Paradigma"
- Die drei Finanzierungsstrukturen (abgesichert, spekulativ, Ponzi)
- Der Übergang zum "Money Manager-Kapitalismus"
- Die Phasen der finanziellen Instabilität (Expansion und Kontraktion)
- Die Rolle von Deregulierung, Finanzinnovationen und Verbriefungen
Auszug aus dem Buch
2.1.2 Die Rolle der fundamentalen Unsicherheit
Minsky zufolge ist die Einführung der Unsicherheit in die makroökonomische Theoriebildung eine der wichtigsten Leistungen von Keynes, so dass er zu folgendem Schluss kommt: „Keynes without uncertainty is something like Hamlet without the Prince“ (1975, S. 57). In der neoklassischen Theorie ist die Entscheidungsfindung ein rein formaler Prozess, in dem sämtliche Alternativen herangezogen und deren Barwerte unter Beachtung der jeweiligen Eintrittswahrscheinlichkeiten bewertet werden können (vgl. Akerlof und Shiller 2009, S. 32). Keynes postuliert hingegen, dass Investoren keine wahrscheinlichkeitsbasierten Aussagen über die Profitabilität eines geplanten Investitionsprojekts treffen können. Stattdessen handeln Investoren unter fundamentaler Unsicherheit. Die Resultate hängen häufig von nicht vorhersehbaren Umständen in relativ ferner Zukunft ab (vgl. Keen 2011, S. 226). Keynes beschreibt Unsicherheit wie folgt:
„By uncertain knowledge … I do not mean merely to distinguish what is known for certain from what is only probable. The game of roulette is not subject, in this sense, to uncertainty. … [T]he expectation of life is only slightly uncertain. … The sense in which I am using the term is that in which the prospect of a European war is uncertain, or the price of copper and the rate of interest twenty years hence, or the obsolescence of a new innovation. About these matters there is no scientific basis on which to form any calculable probability whatever. We simply do not know.” (1937, S. 213f.)
Unsicherheit spielt bei (a) den Finanzierungstrukturen der Wirtschaftsakteure sowie (b) auf Finanzmärkten eine hervorzuhebende Rolle (vgl. Minsky 1975, S. 67).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Relevanz der Minsky-Theorie im Kontext der Finanzkrise 2008 und Darlegung der zentralen Fragestellung.
2. Die theoretischen Grundlagen der Finanzmarktinstabilitätshypothese: Erläuterung der theoretischen Basis, insbesondere Minskys Keynes-Interpretation, der Investitionstheorie und der Bedeutung von Finanzierungsstrukturen.
3. Die Hypothese finanzieller Instabilität: Beschreibung des systemischen Zyklus aus Expansionsphase, zunehmender Fragilität und drohender Kontraktion sowie staatlicher Eingriffsmöglichkeiten.
4. Die Anwendung auf die Finanzkrise von 2007: Analyse der US-Finanzkrise unter Berücksichtigung des Wandels zum Money Manager-Kapitalismus und der Rolle von Finanzinnovationen.
5. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Anwendbarkeit von Minskys Theorie auf die aktuelle Krise und Diskussion notwendiger Modifikationen sowie politischer Implikationen.
Schlüsselwörter
Finanzmarktinstabilitätshypothese, Hyman P. Minsky, Finanzkrise 2007, Money Manager-Kapitalismus, Ponzi-Finanzierung, Unsicherheit, Kreditzyklus, Spekulation, Immobilienmarkt, Schuldendeflation, Finanzinnovationen, Risikoaversion, Liquiditätspräferenz, Zentralbank, Regulierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die US-Finanzkrise von 2007 auf Basis der theoretischen Modelle des Ökonomen Hyman P. Minsky, um deren systemische Ursachen aufzuzeigen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit fokussiert sich auf die Entwicklung des modernen Kapitalismus, Finanzierungsstrukturen, die Rolle von Unsicherheit bei Investitionsentscheidungen und die Dynamik von Kreditzyklen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass die Finanzkrise 2007 kein zufälliges Ereignis war, sondern ein Ergebnis systemimmanenter Instabilitäten, wie sie Minsky in seiner Hypothese beschreibt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Analyse, die Minskys Literatur, moderne ökonomische Modelle und historische Daten zur Entwicklung der US-Finanzwirtschaft kombiniert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Herleitung von Minskys Hypothese und deren konkrete Anwendung auf die Marktentwicklungen in den USA ab den 1970er Jahren bis zur Krise 2007.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Finanzmarktinstabilitätshypothese, Ponzi-Finanzierung, Money Manager-Kapitalismus, Verschuldungsgrad, Kreditzyklus und systemische Fragilität.
Warum spielt das Konzept der "Ponzi-Finanzierung" für die Krise eine entscheidende Rolle?
Minsky definiert Ponzi-Akteure als Akteure, deren laufende Einkünfte nicht für den Zins- und Tilgungsdienst ausreichen, was das Finanzsystem extrem anfällig für Zinsschwankungen und Preisrückgänge macht.
Welche Bedeutung hat das "Wall-Street-Paradigma"?
Es ist ein von Minsky abgeleitetes Paradigma, das die Vernetzung von Finanzströmen und Produktion in einer monetären Wirtschaft betont, anstatt von einem idealisierten Gleichgewichtsmodell auszugehen.
Wie unterscheidet sich die "spekulative Finanzierung" von der "abgesicherten Finanzierung"?
Bei der abgesicherten Finanzierung decken die Cashflows Zins und Tilgung vollständig ab, während bei spekulativer Finanzierung in der Anfangsphase lediglich Zinsen gezahlt werden können.
- Citar trabajo
- Patrick Voßkamp (Autor), 2013, Finanzkrisen verstehen! Minskys Theorie der finanziellen Instabilität und ihre Anwendung auf die Finanzkrise von 2007, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/274328