„Never free, never me“ - Autoritätenkritik in der Rockmusik

Eine Analyse von Metallicas „The Unforgiven“ und Pink Floyds „The Wall“ im Vergleich mit Charles Dickens’ „David Copperfield“


Bachelorarbeit, 2013
45 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Gesellschaft und Individuum in Rockmusik und Literatur

2. Charles Dickens: David Copperfield und die Idee des Bildungsromans
2.1 Der Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft
2.2 Die verschiedenen Erziehungsmethoden in David Copperfields Leben
2.3 Die Auswirkung der Disziplinierungsversuche
2.4 Das Ende: Eine erfolgreiche Eingliederung in die Gesellschaft?

3. Metallica: „The Unforgiven“ – das Scheitern des Individuums
3.1 Teil I: Repression in jeder Hinsicht
3.2 „The Unforgiven II“: Der Versuch einer Öffnung
3.3 „The Unforgiven III“: Selbsterkenntnis

4. Pink Floyd: The Wall - „We don’t need no education”
4.1 Ausgangssituation: Die Identitätssuche des Protagonisten
4.2 „Bricks in the Wall“: Autoritäten und daraus entstehende Traumata
4.2.1 Die Abwesenheit des Vaters
4.2.2 Die übertriebene Fürsorge der Mutter
4.2.3 Die Repression der Lehrer
4.2.4 Die gescheiterte Beziehung
4.3 Innerhalb der Mauer: Das Wiederaufsuchen des Traumas
4.4 „The Trial“: Die Selbstverurteilung
4.5 „Tear down the wall“ – Befreiung oder Strafe?

5. Gesellschaftsentwürfe und Werte in ihrer Entwicklung
5.1 Der viktorianische Bildungsroman – eine Idealisierung?
5.2 Der Weltentwurf in „The Unforgiven“ und The Wall
5.2.1 Kunst als letztes freies Medium
5.2.2 Rocklyrik als postmoderner Realismus
5.2.3 Rockmusik und die Dekonstruktion bürgerlicher Werte

6. Schluss und Ausblick: Die Bewertung des Erziehungsbegriffs

7. Bibliographie

1. Einleitung: Gesellschaft und Individuum in Rockmusik und Literatur

Die Ideologie der Rockmusik bestand vor allem in ihren Anfängen aus einem „immerwährenden Kampf gegen den Kommerz“[1], sie vertritt die Werte Authentizität und Ehrlichkeit und lehnt es ab, sich Konventionen zu unterwerfen. Diese protesthafte, teilweise auch anarchistische Lebenshaltung steht außerdem stets mit dem Jugendalter und demnach mit jugendtypischen Entwicklungsproblemen in Verbindung, mit Identitätskrisen und dem jugendlichen Wunsch nach Individualität und Selbstverwirklichung.[2] Auch wenn Rockmusik sich inzwischen längst zum Massenphänomen entwickelt hat und sowohl Künstler als auch Anhänger das Jugendalter zum Teil bereits weit überschritten haben, so wird trotzdem die auch durch die Texte vermittelte Einstellung häufig bewahrt. Dementsprechend ist die Entwicklung eines jungen Menschen, sein „Anderssein“ und die damit verbundenen Probleme ein oft aufgegriffenes Thema in der Geschichte der Rockmusik, wobei diese Thematik in der Literatur schon bei weitem länger existiert, als die Rockmusik selbst.

Die Darstellung eines Individuums und die Entwicklung seiner Persönlichkeit im Laufe des Lebens ist ein viel verwendetes Thema in der Literatur, vor allem in längeren narrativen Texten und Romanen. Bereits in den Schelmenromanen des spanischen Goldenen Zeitalters, später in Goethes Autobiographie Dichtung und Wahrheit und besonders prägnant im viktorianischen Bildungsroman im England des 19. Jahrhunderts wurde das Leben eines Individuums von Geburt bis ins hohe Alter oder sogar bis in den Tod literarisch verarbeitet. Dabei zeigte sich zunehmend der Gedanke der Bildung im Sinne von Persönlichkeitsbildung, der Entwicklung einer eigenen Identität, die durch jedes einzelne Ereignis, die das Individuum im Laufe der Zeit erlebt, ein Stück weit geprägt wird.[3] Doch dieses Schema findet sich nicht nur in Prosaliteratur; auch in der Rockmusik wurde das Motiv der Persönlichkeitsbildung durch die Erlebnisse und Begegnungen im Laufe des Lebens verarbeitet, wie in dieser Arbeit am Beispiel der zwischen 1991 und 2008 entstandenen Single-Auskoppelungen „The Unforgiven“[4], The Unforgiven II“[5] und „The Unforgiven III“[6] der US-amerikanischen Heavy-Metal-Band Metallica sowie am Konzeptalbum The Wall [7] der britischen Band Pink Floyd deutlich gemacht werden soll. Um eine Grundlage für die These zu schaffen, dass die Texte dieser Lieder teilweise der Struktur des Bildungsromans folgen oder sie dekonstruieren, soll zunächst die Funktionsweise des viktorianischen Bildungsromans am Beispiel des Romans David Copperfield [8] von Charles Dickens exemplarisch erläutert werden. Dieser eignet sich dafür besonders gut, da im Gegensatz zu manch anderem Bildungsroman die Entwicklung des Protagonisten permanent und unmittelbar im Zusammenhang mit der Gesellschaft steht.[9]

Sowohl David Copperfield, als auch „The Unforgiven“ und The Wall beginnen mit der Geburt eines männlichen Individuums, das schon im frühen Kindesalter mit verschiedenen Schwierigkeiten konfrontiert wird, die ihn für sein Leben prägen. Außerdem steht der Protagonist von Anfang an vor Erwartungen, sowohl von bestimmten Autoritätspersonen als auch der Gesellschaft allgemein, denen er nicht gerecht werden kann oder will; es entsteht ein Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen den persönlichen Bedürfnissen und den Anforderungen anderer. Auch gewaltsame Misshandlungen und „Disziplinierungsversuche“ verschiedener Autoritäten sind bei allen hier behandelten Werken mehr oder weniger explizit gegeben. Umso unterschiedlicher sind dagegen die tatsächliche Entwicklung der Geschichte und des Protagonisten, das Wertesystem und die Wertung der Ereignisse und der Persönlichkeitsbildung – doch dazu muss sowohl die Form des Werkes als auch der soziale Hintergrund beachtet werden. Denn während im viktorianischen England noch der konservative Wert von „domestic happiness“[10] herrscht und eine möglichst reibungslose Anpassung an gesellschaftliche Konventionen erwünscht ist, so zählen in der Rockmusik eher Non-Konformismus, Freiheit und Individualismus zu den Idealen, und auch wenn die Protagonisten in den hier behandelten Songs diese Werte nicht immer selbst vertreten, so muss man sie doch im Hinterkopf behalten, wenn man nach der Bewertung des Erziehungs- und Bildungsgedankens in den Stücken fragt.

So soll in dieser Arbeit sowohl in David Copperfield, als auch in allen drei Teilen von „The Unforgiven“ und dem Album The Wall untersucht werden, wie der Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft entsteht und wodurch er geschürt wird, wie der Protagonist darauf reagiert, sowie ob und wie der Konflikt sich am Ende löst. Außerdem sollen die verschiedenen Gesellschaftsentwürfe und ihre Wertesysteme untersucht werden, weil sich daraus erschließen lässt, warum und in welche Richtung sich die Protagonisten entwickeln. Die zentrale Frage ist, wie der jeweilige implizite Autor diesen Entwicklungsgedanken bewertet - und welche Faktoren schließlich für Erfolg oder Scheitern verantwortlich ist.

2. Charles Dickens: David Copperfield und die Idee des Bildungsromans

David Copperfield ist ein exemplarisches Beispiel für den viktorianischen Bildungsroman, in dem der Protagonist sich in ständiger Interaktion mit seinem sozialen Umfeld entwickelt. Er beschreibt den Weg eines Menschen und seine Entwicklung, hier aus der retrospektiven Sicht des Protagonisten selbst, in einer strikt zielgerichteten Erzählweise, da jedes beschriebene Ereignis Einfluss auf die Entwicklung der Persönlichkeit und damit den weiteren Handlungsverlauf hat: „[...] the Bildungsroman examines a ,legitimate course’ of an individual’s development, each stage having its own specific value”[11] Dabei muss der Bildungsheld eine Reihe von „Initiationstests”[12] bestehen, die es ihm erlauben, erwachsen zu werden und sein Ziel zu erreichen, das hier klar definiert ist: er muss einen Platz in der Gesellschaft finden, der es ihm erlaubt, persönliche Wünsche und gesellschaftliche Erwartungen zumindest vermeintlich zur Übereinstimmung zu bringen und damit ein anerkanntes Mitglied der Gesellschaft und der sozialen Schicht zu werden, zu der er gehört. Dabei schüren natürlich die sozialen Umstände im gerade industrialisierten England des 19. Jahrhunderts besonders den Konflikt; zwar hat das Individuum als solches an Bedeutung gewonnen, aber vor allem in der bürgerlichen Mittelschicht weisen es strenge Normen und Werte sofort wieder in seine Schranken. Auch in der Erziehung an Schulen und ähnlichen Einrichtungen wird gerne die persönliche Entwicklung der jungen Menschen in eine bestimmte Richtung geleitet, wie es auch bei Charles Dickens oft thematisiert wird.[13] David Copperfield läuft allerdings trotzdem geradlinig auf sein Ziel zu: Davids erfolgreiche Integration in die Gesellschaft.

2.1 Der Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft

Der innere Konflikt von David Copperfield beginnt bereits in seiner frühen Kindheit: er wächst ohne Vater bei seiner kindlich-naiven Mutter Clara Copperfield auf und lebt so die ersten Jahre seines Lebens wie abgeschottet von der Realität in einer vermeintlich perfekten Idylle von mütterlicher Liebe. So wird er zunächst nicht mit den strengen Regeln der Welt außerhalb seiner „Seifenblase“ konfrontiert und entwickelt sich zu einem Kind, das viel zu sensibel ist, um diesen tatsächlich Stand zu halten; „David is a sensitive child and his sensitivity is to make him terribly vulnerable to adult cruelty and adult neglect.”[14]

Diese Verletzlichkeit wird ihm zum Verhängnis, als durch die erneute Heirat seiner Mutter sein grausamer Stiefvater Edward Murdstone und dessen Schwester in sein Leben treten. Schnell hat dieser zusammen mit seiner Schwester das komplette Familienleben der Copperfields unter seiner Kontrolle. Er greift in Claras Erziehungsmethoden David gegenüber ein („Now Clara, […] be firm with the boy“[15] ) und übernimmt die Erziehung nun häufig auch selbst, indem er David mit Schlägen züchtigt. So zeigt sich zum ersten Mal der Konflikt, zwischen dem, was David persönlich möchte, nämlich seine unbeschwerte Kindheit in der Obhut seiner Mutter fortzusetzen und dem, was andere, in diesem Fall Mr und Miss Murdstone von ihm erwarten, nämlich Gehorsam und den Wert von „firmness“, wie sie es nennen, den David als nichts anderes als „another name of tyranny“[16] empfindet. Seine in den ersten Lebensjahren durch die naive Mutter geprägte Sensibilität zeigt sich vor allem in seinem Trotz und seiner Zurückweisung gegenüber dem Stiefvater, der versucht, ihn mit für ihn viel zu anspruchsvollem Unterricht zu schikanieren; der kleine David reagiert darauf meist, indem er sich in sein Bett verkriecht oder in Tränen ausbricht, wodurch er die Situation nur verschlimmert, da Mr. Murdstone daraufhin der Meinung ist, noch strenger mit ihm sein zu müssen.

David zieht sich immer mehr in die Welt der Bücher zurück, die sein verstorbener Vater auf dem Dachboden hinterlassen hat und ihm in dieser Zeit den einzigen Hoffnungsschimmer bieten: „They kept alive my fancy and my hope of something beyond that place and time […] This was my only and my constant comfort.“[17] Dadurch deutet sich einerseits schon Davids Affinität zur Literatur an, die später für seine Sozialisation essenziell ist; in diesem Stadium seiner Entwicklung bilden Bücher noch einen Kontrast zu dem, was eigentlich von ihm erwartet wird, seinem Stiefvater zu gehorchen, und scheinen damit unvereinbar zu sein. Außerdem zeigt sich hier auch eine typische Reaktion eines Individuums auf zu strenge Anforderungen von außen, nämlich ein bewusstes Isolieren von der Außenwelt, was später in der Analyse der Texte von Metallica und Pink Floyd umso deutlicher werden soll.

So wird hier der Konflikt zwischen David und seinem sozialen Umfeld bereits in den ersten Kapiteln deutlich und wird sich in den darauf folgenden Episoden aus seiner späteren Kindheit und Adoleszenz noch weiterhin verstärken, um sich dann nach und nach aufzulösen. Dazu müssen nun erst einmal die verschiedenen Maßnahmen betrachtet werden, die andere Figuren treffen, um David „undiszipliniertes Herz“ zu disziplinieren.[18]

2.2 Die verschiedenen Erziehungsmethoden in David Copperfields Leben

David unterläuft im Laufe seiner Kindheit und Jugend verschiedenste Erziehungsmethoden schon allein dadurch, dass er bereits als Kind aufgrund von Schicksalsschlägen bei verschiedensten Menschen, die verschiedenen sozialen Schichten angehören, lebt. Wenn man die liebevolle, aber inkonsequente Erziehung seiner Mutter und deren Haushälterin Pegotty bevor Mr. Murstone in ihr Leben tritt nicht mitzählt, so kann man die Erziehungsmethoden in zwei Kategorien einteilen.

Die erste ist eine aggressive und offensichtlich repressive Erziehung, die er erstmals bei Mr. Murdstone und später im Internat Salem House erlebt. Das Prinzip dieser Methoden erscheint in jeder Hinsicht negativ: David muss das tun, was ihm gesagt wird, ohne dass ihm Platz für eigenes Denken und persönliche Entwicklung gelassen wird. Wenn er die Regeln nicht befolgt, führt das zu gewalttätiger Bestrafung, die sich in Schlägen oder striktem Hausarrest äußert. Auch Salem House, das Internat, in das Mr. Murdstone David schickt, nachdem er sich ihm widersetzt hat, wendet ähnliche Methoden, kombiniert mit sozialer Demütigung an. Beispielsweise wird David gleich am ersten Tag ein Schild mit der Aufschrift „Take care of him. He bites.[19] um den Hals gehängt, als Anspielung auf seine „Missetat“ gegenüber Mr. Murdstone.

Als David im Alter von nur zehn Jahren nach dem Tod seiner Mutter von den Murdstones in eine Weinfabrik zum arbeiten geschickt wird, zeigt er zum ersten Mal in seinem Leben nicht nur Trotz, sondern ergreift tatsächlich Eigeninitiative; er entflieht nachdem er eine zeitlang Opfer von grausamer Kinderarbeit war, der Weinfabrik, um seine letzte lebende Verwandte, seine in Dover lebende Tante Betsey aufzusuchen und sie darum zu bitten, ihn zu adoptieren. Nachdem sie eingewilligt hat, beginnt für ihn ein neuer Lebensabschnitt geprägt von einer auf den ersten Blick vollkommen gegensätzlichen Form der Erziehung. Hier kommt es nämlich weder zum direkten Einsatz von körperlicher Gewalt, noch werden Regeln auf jene dogmatische Weise festgelegt wie bei den Murdstones oder in Salem House. Vielmehr lebt Miss Betsey ihm ihre Werte von der „praktischen Häuslichkeit der Mittelschicht“[20] vor, indem sie ihm die Vorzüge dieses Lebens in Form eines ordentlichen Zuhauses, sauberen Laken und neuer Kleidung präsentiert. Außerdem spielt auch subtil fungierende soziale Kontrolle in ihrer Erziehungsmethode eine große Rolle. Beispielsweise schickt sie ihn in Canterbury in die Schule des Dr. Strong, der seine Schüler statt durch Prügel durch eine Art soziales Netzwerk diszipliniert, das das Benehmen der Schüler durch gesellschaftliche Ereignisse wie Feiern und ähnliches auf diskrete Weise überwacht. Außerdem baut Dr. Strong seine Schule auf bourgeoisen Werten wie „honour and the good faith of the boys“ auf.[21] Gareth Cordery behauptet in seinem Aufsatz „Foucault, Dickens, and David Copperfield“, dass sich Betseys Erziehung nur in ihrer Form von der Mr. Murdstones unterscheidet, das Ziel aber das Gleiche ist: „firmness of character“, was als Charakterstärke übersetzt werden kann. „David simply exchanges one form of social discipline that is openly repressive and corporeal for another, that is covert and internal.“[22] Zwar könnte man dieser These Betseys Aussage gegenüber David entgegenhalten, in der sie behauptet: „I want you to be […] a fine, firm fellow […] with a will of your own.“[23] Dennoch ist die Frage, wie viel eigener Wille bei so viel sozialer Kontrolle und dem strikten Vorschreiben und Vorleben von bestimmten Werten überhaupt übrig bleibt. Denn auch wenn Betsey möchte, dass David seinen eigenen Willen behält, so hat sie doch genaue Vorstellungen davon, was und wie er einmal werden soll und vor allem, dass er einmal auf ähnliche Art wie sie selbst die bürgerlichen Werte der Mittelschicht vertreten soll, was er nach einem langem Weg am Ende des Romans auch schließlich tut. Zwar sind diese Werte im Roman und auch aus Davids Sicht sehr positiv bewertet, aber dennoch strikt vorgeschrieben: „The good heart must learn the nature of ‚real truth and love’ in oder to overcome ‚evil and misfortune in this world’. This is the discipline, which David and every good man must achieve.“[24]

So ist die Erziehung seiner Tante Betsey für David scheinbar das Richtige und trägt auch zu einem sehr großen Teil dazu bei, dass er am Ende seinen Platz in der Gesellschaft findet. Aus heutiger Sicht ist dem aber entgegen zu halten, dass es hier scheinbar nur einen richtigen Weg gibt, den man im Leben einschlagen kann und dass dadurch die Unterdrückung des Individuums noch lange nicht eliminiert ist.

2.3 Die Auswirkung der Disziplinierungsversuche

Um den Grundgedanken der persönlichen Entwicklung und Identitätsfindung von David Copperfield weiter zu verfolgen, ist es wichtig, herauszuarbeiten, welchen Einfluss diese verschiedenen Versuche, ihn zu erziehen, ihm Disziplin beizubringen, schließlich auf ihn haben. Als die Murdstones in sein idyllisches Leben treten, reagiert David als ein Kind, das Liebe anstatt Autorität gewohnt ist, auf die gewaltsamen Methoden mit Trotz; er zieht sich zurück und wehrt sich schließlich gegen die körperliche Gewalt seines Stiefvaters, indem er ihn beißt.[25] Die Erziehungsmethode scheint demnach eher ins Gegenteil von ihrem gewünschten Effekt umgeschlagen zu sein, doch wenn man sein Verhalten in Salem House betrachtet, scheint Murdstones Erziehung doch zumindest oberflächlich einen gewissen Effekt gehabt zu haben. Denn schon dort hat David das Ursache-Wirkungs-Geflecht verstanden: auf undiszipliniertes Verhalten folgt Strafe, deshalb ist dieses Verhalten zu vermeiden. So findet er sich in dem ebenso totalitären System von Salem House schon um einiges besser zurecht, als zuvor bei den Murdstones, da er diese gewalttätige Form der Erziehung bereits kennt, wenn auch immer noch nicht versteht, genauso wenig wie der Erwachsene Erzähler sie gutheißt. Auch später scheinen diese Episoden seines Lebens, wie hart sie auch waren, für ihn absolut notwendig gewesen zu sein, um überhaupt die Kraft zur Eigeninitiative zu finden, aber auch um Miss Betseys subtile Form der Kontrolle als angenehme Erleichterung zu empfinden.

Vor allem wenn man den weiteren Verlauf der Geschichte von David als jungen Erwachsenen betrachtet, so scheint er die bürgerlichen Werte der Mittelklasse, die seine Mutter ihm durch ihre kindliche Art nicht zeigen konnte, absolut zu übernehmen. Dazu trägt natürlich seine Tante Betsey einen großen Teil bei, vor allem aber erfährt er dieses Ideal als er in Canterbury zur Schule geht und dort beim Anwalt Mr. Wickfield und dessen Tochter Agnes lebt. Er sieht, wie Agnes sich um ihren Vater und ihren Haushalt kümmert und damit dem Idealbild der viktorianischen Frau, dem „angel in the house“ entspricht, die sich still und unaufgefordert um alle häuslichen Pflichten kümmert und damit die Rolle des Mannes als Ernährer der Familie perfekt unterstützt. Dadurch, dass David in dieser Zeit seines Lebens diese Werte übernimmt, folgt auch die Unzufriedenheit in seiner ersten Ehe mit Dora Spenlow, die als schönes, aber naives Mädchen eher an seine Mutter erinnert. So zeigt sich, dass David aus heutiger Sicht chauvinistische und repressive viktorianische Werte übernommen hat: „More typical or more interesting is the revelation of Dickens’s implicit social attitudes, often remaining well below the concious level of criticism. [...] David often reveals […] Victorian limitations which the author does not see but which the modern reader most certainly does.“[26] Eines der wichtigsten Beispiele ist, dass er sich immer wieder erneut darüber beklagt, dass Dora nicht wirklich in der Lage ist, einen Haushalt zu führen und ihn damit in seiner Arbeit zu unterstützen. Außerdem sucht er genau dieses Ideal einer Frau schließlich, als er Jahre nach Doras frühem Tod die fürsorgliche, aber eher unterwürfige Agnes Wickfield heiratet.

2.4 Das Ende: Eine erfolgreiche Eingliederung in die Gesellschaft?

Das Ziel des viktorianischen Bildungsromans ist laut Jeffers das „ successful coming of age”,[27] das Erwachsenwerden, bei dem der Bildungsheld erfolgreich seinen Platz in der Gesellschaft findet: „youths become initiated grown-ups, ready to invest their talents in the love and work of the civil society they belong to“.[28] Genauso geschieht es auch bei David Copperfield, wobei er allerdings einige notwendige Umwege einschlagen muss, bevor er tatsächlich seine eigenen Interessen und die Werte, die ihm von der Gesellschaft eingetrichtert wurden, zur Kongruenz bringen kann. Dabei gibt es genau betrachtet zwei Aspekte in seinem Leben, die entsprechend ins Lot gebracht werden müssen. Erstens muss er die richtige Frau heiraten, da Ehe nach den viktorianischen Werten ein Beispiel für eine perfekte Sozialisation ist, sofern sie – was selten der Fall war – tatsächlich aus Liebe und aus freiem Willen geschlossen wird. Der zweite Aspekt ist die Wahl des richtigen Berufs, der es schafft, die Talente und Interessen des Individuums zu berücksichtigen und ihm dennoch ermöglicht, damit seine Familie zu ernähren.

Beide Aspekte beginnt David mit einer Fehlentscheidung, die ihn schließlich zur Einsicht führt. Durch seine Ehe mit Dora stellt er fest, dass Schönheit und Charme nicht genügen, um für ihn die unterstützende Funktion zu haben, die er, vor allem als er seine Karriere als Schriftsteller beginnt, braucht. Sie möchte ihn zwar bei seiner Arbeit unterstützen, doch das einzige, was sie dazu beitragen kann, ist ihm seine Füller zu halten.[29] Agnes dagegen bietet ihm im Gegensatz zu der irrationalen Dora eine Form der Liebe, die konstant und zuverlässig ist und ihm damit den sozialen Rückhalt gibt, den er für seinen Beruf braucht und den sie auch durch ihre effiziente Haushaltsführung gewährleistet – ein Frauenbild, das aus heutiger Sicht natürlich kritisch zu betrachten ist, aus viktorianischer Sicht aber durchaus dem Ideal entspricht.

In beruflicher Hinsicht entschließt sich David nach einer angefangenen Karriere als Anwalt schließlich dazu Schriftsteller zu werden, wodurch er, was im Text zwar nicht explizit erwähnt, aber dennoch deutlich wird, schließlich zu einigem Erfolg gelangt. Damit gelingt es ihm, zwar durch die beobachtende Rolle des Schriftstellers außerhalb des Systems zu stehen, aber trotzdem ein Rädchen im Triebwerk der der gerade industrialisierten Gesellschaft des 19. Jahrhunderts zu werden: „Because it was conceptualised simultaneously as superior to the capitalist economy and as hopelessly embroiled within it, literary work was the work par excellence that denied and exemplified the alienation written into capitalist work.”[30] Dadurch schafft es David schließlich, seine sensible Seite mit den Erwartungen, die an ihn als Mann gestellt werden, zu vereinen; er ernährt mit seinem schriftstellerischen Erfolg die Familie, die er mit Agnes gründet und bekommt von dieser Familie wiederum den sozialen Rückhalt, den er für sein schriftstellerisches Schaffen braucht.

Nach den Werten, die innerhalb des Romans herrschen, erscheint das Ende als eine perfekte Integration in die Gesellschaft, außerdem ist die Suche des Individuums nach seiner Identität abgeschlossen, seine Identität gefestigt. Vielleicht mag auch der viktorianische Leser das Ende demnach als äußerst positiv bewertet haben, im Kontext einer anderen, moderneren Bewertung von Identitätsbildung, wie sie später in den Beispieltexten aus der Rockmusik deutlich werden soll, ist auch die Bewertung des Endes von David Copperfield nicht mehr so einfach. Denn aus deren Sicht sind die Werte, die Dickens hier vermittelt, nicht selbstverständlich als positiv zu erachten: „Dickens expected his reader to admire hard work, domestic efficiency, a high degree of rationality, and competence, and did not usually take the trouble to argue, objectivity, or particularize such merits.”[31] Demnach handelt es sich innerhalb des Wertesystems des Romans als auch des Wertesystems des impliziten Autors und Lesers um ein durchaus positives Ende, dennoch bleibt weiterhin die Frage, wie es ein Leser mit anderem Wertesystem auffassen würde, in dem beispielsweise Individualität und Freiheit einen höheren Stellenwert haben. Außerdem sollten ebenso die Umstände, unter denen das Werk entstanden ist, beachtet werden und es stellt sich die Frage, ob es sich, selbst wenn die Werke von Dickens gerne dem Realismus zugeordnet werden, vielleicht um ein alles andere als realistische Bild der damaligen Gesellschaft handelt, sondern um eine Idealisierung. Dazu soll nun erst einmal gezeigt werden, wie sich der Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft in den Beispielen von Metallica und Pink Floyd äußert und die Weltentwürfe und Wertesysteme anschließend verglichen werden.

3. Metallica: „The Unforgiven“ – das Scheitern des Individuums

„The Unforgiven“ bildet einen pessimistischen Gegenentwurf zu dem zunächst positiv erscheinenden Ende von David Copperfield, was sicher unter anderem auf den generellen Wertewandel im 20. Jahrhunderts, aber auch die speziellen Werte der Rockmusik zurückzuführen ist. Denn während es David Copperfield trotz strenger gesellschaftlicher Ordnung am Ende schafft, seine eigenen Bedürfnisse und die Erwartungen in Einklang zu bringen, er selbst und trotzdem ein integrierter Teil der Gesellschaft zu sein, so scheitert der Protagonist in „The Unforgiven“ an dem Versuch, wobei in Frage zu stellen ist, ob er es jemals versucht hat. Denn alle drei Teile der Trilogie thematisieren die Unmöglichkeit, als Individuum in der Gesellschaft, die hier entworfen wird, zu existieren. Vor allem im ersten Teil wird klar, dass es eigentlich kaum eine andere Möglichkeit gibt, als ein gesichtsloser Teil der Masse zu werden.

„The Unforgiven“, der erste und wahrscheinlich bekannteste Teil der Trilogie erschien 1991 auf dem fünften Studioalbum von Metallica, und erzählt eigentlich eine in sich geschlossene Geschichte, die als verzerrte Dekonstruktion eines Bildungsromans gelesen werden kann. Obwohl sie mit dem Tod (oder kurz vor dem Tod) des Protagonisten endet und damit an sich abgeschlossen ist, folgten zwei Nachfolger mit „The Unforgiven II“, das 1997 in dem Album Reload erschien und 2008 „The Unforgiven III“ in Death Magnetic. Diese beiden Songs knüpfen inhaltlich zwar an ihren Vorgänger an, können aber schon allein wegen des Endes im ersten Teil keinesfalls in chronologische Reihenfolge gebracht werden, sondern betonen eher einzelne Aspekte, die im ersten Teil noch nicht ausgeführt wurden. Wie in diesen drei Liedtexten die Sozialisationsversuche und die Entwicklung des namenlos bleibenden Protagonisten dargestellt werden, inwiefern eine Repression stattfindet und wie sich diese auf ihn auswirkt, wird im Folgenden in textnaher Einzelinterpretation analysiert.

[...]


[1] Peter Spengler, Rockmusik und Jugend. Bedeutung und Funktion für die Identitätssuche im Jugendalter, Frankfurt a.M.: Brandes u. Aspel, 1987, S. 87.

[2] Vgl. Spengler, S. 88.

[3] Vgl. Thomas L. Jeffers, Apprenticeships. The Bildungsroman from Goethe to Santayana, New York: Palgrave Macmillan, 2005, S.49.

[4] Metallica, „The Unforgiven”, Metallica, Los Angeles: Vertigo, 1991.

[5] Metallica, „The Unforgiven II“, ReLoad, Sausalito: Vertigo, 1997.

[6] Metallica, „The Unforgiven III“, Death Magnetic, Los Angeles: Vertigo, 2008.

[7] Pink Floyd, The Wall, Middlesex: E.M.I. Records, 1979.

[8] Charles Dickens, David Copperfield, Croyden: Penguin Popular Classics, 1994.

[9] Vgl. Jeffers, S. 38.

[10] John Kucich,„Self-conflict in David Copperfield“ in: John Peck (Hg.), David Copperfield and Hard Times, New York: Palgrave Macmillan, 1995, S. 141.

[11] Jeffers, S. 49.

[12] Vgl. Jeffers, S. 52.

[13] Vgl. John R. Maynard, „The Bildungsroman” in: Patrick Brantlinger u. William B. Thesing (Hg.), A Companion to The Victorian Novel, Oxford: Blackwell, 2002, S. 289.

[14] Barbara Hardy,„The Moral Art of Dickens: David Copperfield“ in: Harold, Bloom (Hg.), Charles Dickens´ David Copperfield (Modern Critical Interpretations), New York: Chelsea House Publisher, 1987, S. 13.

[15] Dickens, S. 55.

[16] Dickens, S. 51.

[17] Dickens, S. 56-57.

[18] Vgl. Gwendolyn B. Needham, „The Undisciplined Heart of David Copperfield“ in: Nineteenth-Century Fiction 9.2 (1954), S. 81.

[19] Vgl. Dickens, S. 74.

[20] Vgl. Chris R. Vanden Bossche, „Cookery, not Rookery: Family and Class in David Copperfield “ in: John Peck (Hg.), David Copperfield and Hard Times, New York: Palgrave Macmillan,1995, S. 31 (Textpassage von mir ins Deutsche übersetzt).

[21] Vgl. Gareth Cordery, „Foucault, Dickens, and David Copperfield“ in: Victorian literature and culture. 26 (1998), S. 75.

[22] Cordery, S. 71.

[23] Dickens, S. 232.

[24] Needham, S. 86.

[25] Vgl. Dickens, S. 58.

[26] Hardy, S. 10.

[27] Jeffers, S: 49.

[28] Jeffers, S. 49.

[29] Vgl. Dickens, S. 530.

[30] Mary Poovey,„The Man-of-Letters Hero: David Copperfield and the Professional Writer“ in: John Peck (Hg.), David Copperfield and Hard Times, New York: Palgrave Macmillan, 1995, S. 94.

[31] Hardy, S. 12.

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
„Never free, never me“ - Autoritätenkritik in der Rockmusik
Untertitel
Eine Analyse von Metallicas „The Unforgiven“ und Pink Floyds „The Wall“ im Vergleich mit Charles Dickens’ „David Copperfield“
Hochschule
Universität Augsburg  (Lehrstuhl Vergleichende Literaturwissenschaft)
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
45
Katalognummer
V274499
ISBN (eBook)
9783656696513
ISBN (Buch)
9783656697275
Dateigröße
680 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bildungsroman, Metallica, The Unforgiven, Pink Floyd, The Wall, Rockmusik Philosophie
Arbeit zitieren
Senta Gekeler (Autor), 2013, „Never free, never me“ - Autoritätenkritik in der Rockmusik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/274499

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