Die Kinderzeichnung als Indikator für sexuellen Missbrauch


Studienarbeit, 2012

51 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.0 Einleitung
1.1 Sexueller Missbrauch als Brennpunktthema
1.2 Beschreibung und Eingrenzung der Fragestellung und Ziel der Arbeit
1.3 Bezug und Relevanz für die Soziale Arbeit
1.4 Erläuterung des Aufbaus und der methodischen Vorgehensweise

2.0 Was ist Sexueller Missbrauch?
2.1 Aktuelle Zahlen und Fakten
2.2 Begriffsklärung
2.3 Folgen für betroffene Kinder und Familien
2.3.1 Traumatisierungsfaktoren
2.3.2 Mögliche Folgen des Missbrauchs
2.3.3 Kinder ohne Symptome

3.0 Was versteht man unter einer Kinderzeichnung?
3.1 Kurzaufriss der Entwicklung einer Kinderzeichnung
3.1.1 Die Vorschemaphase
3.1.2 Das Stadium der „Werkreife“
3.1.3 Bildschema in der mittleren Kindheit
3.2 Die Zeichnung als Blick ins Innere des Kindes
3.2.1 Die innere Repräsentation – Bilder im Geist
3.2.2 Narrativer Inhalt von Zeichnungen
3.2.3 Die Rolle des Unbewussten
3.2.4 Metaphernverständnis und -produktion

4.0 Kinderzeichnung als Indikator für sexuellen Missbrauch?
4.1 Bisheriger Forschungsstand
4.2 Abgrenzung zu erotischen Zeichnungen
4.3 Berücksichtigung der Rahmenbedingungen
4.4 Aufschlussreiche Merkmale der Zeichnungen
4.5 Zuverlässigkeit dieser Merkmale
4.6 Praxisbeispiel

5.0 Resümee
5.1 Zusammenfassung der Ergebnisse
5.2 Bewertung der Ergebnisse
5.3 Ausblick und neue Forschungsfelder

6.0 Literaturverzeichnis

7.0 Anhang

1.0 Einleitung

1.1 Sexueller Missbrauch als Brennpunktthema

In den letzten Jahren stieg zwar die Aufmerksamkeit an Fällen sexuellen Missbrauchs durch diverse Medienberichte, gestiegen sind gleichzeitig aber auch die Missbrauchszahlen selbst. Das Bundeskriminalamt registriert jährlich über 12.000 Missbrauchsfälle an Kindern (vgl. 2.1). Meist ist der Täter den Kindern bekannt oder vertraut, denn er stammt aus deren näherem Umfeld und die Auswirkungen der Tat beeinflussen die gesamte Entwicklung des noch jungen Opfers. Zwar ist die Palette an Präventionsangeboten und Interventionsmöglichkeiten groß, doch viel zu oft bleibt die Tat im Verborgenen: Nicht nur, dass erzieherische Fachkräfte sich davor scheuen „Staub aufzuwirbeln“ oder Eltern Verdachtsmomente leugnen, sondern das Problem der Aufklärung beginnt häufig schon viel früher, nämlich beim Kind. Denn dieses schweigt. Zum Einen kann es seine Erlebnisse nicht ausdrücken, zum Anderen wurde ihm dies unter Androhung verheerender Konsequenzen verboten. Sich in dieser prekären Lage befindend, braucht das Kind ein anderes Medium, um auf sich und seine Situation hinweisen zu können: die Kinderzeichnung. Kinder drücken mit der Gestaltung von Zeichnungen ihre Befindlichkeit aus, stellen Wünsche, Träume und Ängste dar und schaffen hier einen Draht zu ihrem Innersten. In diesem Kontext stellt sich die Frage, ob Kinderzeichnungen auch als Indikator auf sexuellen Missbrauch hinweisen und so zu einer Entlastung des Kindes beitragen können.

1.2 Beschreibung und Eingrenzung der Fragestellung und Ziel der Arbeit

Untersucht werden soll, inwieweit aus einer Kinderzeichnung hervorgehen kann, ob das Kind sexuellen Missbrauch erlebt hat und wie dies durch Analyse der Zeichnung erkannt werden kann. Die zentrale Fragestellung der Arbeit lautet daher:

Kann die Kinderzeichnung Indikator für sexuellen Missbrauch sein?

Darüber hinaus soll die Arbeit u. a. auch Antwort auf folgende Fragen finden:

Gibt es Merkmale in der Zeichnung, die auf sexuellen Missbrauch hindeuten? Wenn ja, welche und wie zuverlässig sind diese? Inwieweit sind die Kinder fähig, sexuelle Angriffe zeichnerisch zu verarbeiten und der Betrachter fähig, diese zu erkennen?

Aufgrund des Umfanges der Arbeit kann weder auf die komplexe Thematik des sexuellen Missbrauchs, noch auf die Entwicklung der Zeichnung an sich im Detail eingegangen werden. Auch möchte ich mich hier bewusst von sog. „erotische Zeichnungen von Kindern“ oder Gebieten der Heilpädagogik (z. B. Zeichnungen von autistischen Kindern) abgrenzen. Ziel der Arbeit soll es sein, neben einer kurzen Einführung in die Thematiken „sexueller Missbrauch“ und „Kinderzeichnung“ eine Verknüpfung zwischen Beidem herzustellen, sodass die Bedeutung der Zeichnung als Signalcharakter vor dem Hintergrund bisheriger Forschungsergebnisse kritisch abgewogen werden kann. Zugleich soll so auch eine größere Sensibilität und Offenheit diesem Forschungsfeld gegenüber geschaffen werden.

1.3 Bezug und Relevanz für die Soziale Arbeit

Aus meinem eigenen Praxisumfeld sind mir Fälle bekannt, in denen Kinder über ihre Zeichnung prekäre Lebenslagen wie Gewalt, schwierige Familienkonstellationen oder auch Missbrauchserfahrungen zum Ausdruck bringen, da sie dies nicht verbalisieren können oder dürfen. Daher erachte ich das Themengebiet als relevant für die soziale Arbeit, weil das Kind so aktiv unterstütz werden kann, aus seiner belastenden Lage befreit zu werden. Zudem gilt es für Eltern und Fachkräfte durch gezielte Wahrnehmung auf Missstände in der Familie aufmerksam zu werden und über die Zeichnung Kontakt zu dem Kind herzustellen, welcher bei einer Verschlossenheit des Kindes nicht zustande gekommen wäre. Die Verknüpfung von einer differenzierten Analyse kindlicher Darstellungen mit der Darlegung ihrer Bedeutungen kann zudem für Handlungssicherheit bei Eltern und Pädagogen sorgen.

1.4 Erläuterung des Aufbaus und der methodischen Vorgehensweise

Die theoretische Arbeit ist wie folgt aufgebaut: Nach der Einleitung, in einem zweiten Abschnitt, soll zunächst der zentrale Begriff „sexueller Missbrauch“ abgesteckt werden. Zudem liegt ein Augemerk auf situativen Rahmenbedingungen und Folgen des Missbrauchs für die Kinder, um die Auswirkungen auf die Entwicklungen des Opfers herauszuheben und die Brisanz des Themas zu verdeutlichen.

Danach erfolgt eine Einführung zur Entwicklung der Kinderzeichnung, wobei die Entwicklung in der mittleren Kindheit und die Rolle der Zeichnung als Spiegel der psychischen Verfassung im Vordergrund stehen.

In einem vierten Abschnitt folgt die Beantwortung der zentralen Forschungsfrage durch Ergebnisse aus der Literaturrecherche. Hier soll die Rolle der Kinderzeichnung als Notsignal und Kommunikationsmedium herausgearbeitet werden, sowie die Fähigkeit des Kindes, unbewusst und nonverbal damit Zugang zu seinem inneren Erleben zu gewähren. Auch soll untersucht werden, ob es spezielle, verlässliche Merkmale gibt, die auf einen Missbrauchsfall hindeuten.

Am Schluss der Arbeit stehen eine Zusammenfassung der gewonnenen Erkenntnisse und deren Bewertung, sowie ein Ausblick auf neue Fragestellungen und damit verbundene neue Forschungsfelder.

2.0 Was ist Sexueller Missbrauch?

2.1 Aktuelle Zahlen und Fakten

Unter der Überschrift des Online-Artikels „Bundeskriminalamt legt Statistik 2011 vor. Gewalt an Kindern - in jedem Fall eine Tragödie“ berichtete die Tagesschau am 29.05.2012 von einem Anstieg sexuellen Missbrauchs um knapp vier Prozent:

„Mehr als 14.000 Kinder seien zum Opfer geworden, sagte Ziercke, was 39 Kinder pro Tag entspreche. Zudem wurden 2011 täglich 17 Fälle im Bereich der Kinderpornografie gezählt. Ziercke machte darauf aufmerksam, dass die Statistik nur angezeigte Taten erfasse, die Dunkelziffer wesentlich größer sei.“ (Tagesschau)

Im Vergleich zum Vorjahr und auch zu Werten aus 2009 ist anhand dieser Daten ein Anstieg nicht von der Hand zu weisen. Im Anhang findet sich zum Vergleich eine visualisierte Statistik aus dem Jahr 2010. Demnach wurden 2010 11.867 Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern polizeilich erfasst, wobei auch hier auf eine wesentlich höhere Dunkelziffer hingewiesen wird. Eine Aufklärungsquote von 83,9% erscheint beachtlich, doch bleiben damit immer noch jedes Jahr rund 16% der Fälle ohne Aufklärung und damit ohne rechtliche Folgen für den Täter. Viele Studien und Erhebungen offenbaren ähnliche Zahlenwerte. In der Fachliteratur ist sogar davon die Rede, dass bis zum vollendeten 14. bzw. 16. Lebensjahr etwa 10-15% der Mädchen und 5-10% der Jungen mindestens einmal in eine Handlung verwickelt waren, die sich als sexuellen Missbrauch definieren lässt (Deegener 2005, S. 48).

Hier stellt sich nun die Frage, ab wann eine Handlung als „sexueller Missbrauch“ zu definieren ist und welche Auswirkungen diese für die Betroffenen hat.

2.2 Begriffsklärung

Nach Bange/Deegener (1996, S. 59) und Unterstaller (2006, S. 6-2) erscheint eine allgemeingültige Definition zu finden als schwierig. Während Bange/Deegener anmerken, dass es gerade für Forschungen und Statistiken ausschlaggebend ist, ob eine „enge“ oder „weite“ Definition des Begriffs „sexueller Missbrauch“ gewählt wird, verweist Unterstaller darauf, dass es auch in der Praxis (sie nennt hier die Jugendhilfe) schwer ist, den Begriff genau zu umreißen. Sie erläutert die gängige Differenzierung zwischen „enger“ und „weiter“ Definition: Die enge Definition umfasst „[…] nur Handlungen, die mit einem direkten, eindeutig als sexuell identifizierbaren Körperkontakt zwischen TäterIn und Opfer verbunden sind […]“ (Unterstaller 2006, S. 6-2), also beispielsweise Hautkontakt mit Brust oder Genitalbereich oder „härteren“ Formen. Dagegen schließt die weitere Definition auch Handlungen ohne Körperkontakt ein, wie z. B. Exhibitionismus und Pornografie, da davon auszugehen ist, dass auch diese sich negativ auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen auswirken (ebd. S. 6-2).

Diesen Mangel an einer allgemeingültigen Definition machen die Autoren Bange/ Deegener für die großen Unterschiede zwischen den Forschungsergebnissen verantwortlich und belegen dies mit der Anführung von empirischen Ergebnissen (ebd. S. 95). Zudem gibt Deegener (2005, S. 38) den Hinweis, dass neben den nicht einheitlich angewandten Definitionskriterien auch nach Häufigkeit, Dauer, Schweregrad und Alter differenziert wird. Für seine Forschungen greift er daher auf folgende Definition zurück, auf welche sich auch meine Forschungsarbeit im Folgenden bezieht:

„Diese Gewaltform umfasst jede sexuelle Handlung, die an oder vor einem Kind entweder gegen den Willen des Kindes vorgenommen wird oder der das Kind auf Grund seiner körperlichen, emotionalen, geistigen oder sprachlichen Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen kann bzw. bei der es deswegen nicht in der Lage ist, sich hinreichend wehren und verweigern zu können. Die MissbraucherInnen nutzen ihre Macht- und Autoritätsposition sowie die Liebe und Abhängigkeit der Kinder aus, um ihre eigenen (sexuellen, emotionalen und sozialen) Bedürfnisse auf Kosten der Kinder zu befriedigen und diese zur Kooperation und Geheimhaltung zu veranlassen.“(Deegener 2005, S. 38)

Unterstaller (2006) betrachtet unter Bezugnahme auf obige Definition den Begriff des sexuellen Missbrauchs aus der strafrechtlichen Perspektive: „Der sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen stellt eine Form der Kindswohlgefährdung […] dar.“, welcher im §1666 BGB als „missbräuchliche Ausübung der elterlichen Sorge“ beschrieben wird (ebd. S. 6-1). Im Gegensatz zur allgemeinen begrifflichen Uneinigkeit umreißt das Strafgesetzbuch mit einer Reihe von Paragraphen genaue Grenzen sexueller Missbrauchsfälle mit dem Ziel des Schutzes der sexuellen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen (ebd. S. 6-3f).

„Sexueller Mißbrauch liegt immer dann vor, wenn ein Erwachsener sich einem Kind in der Absicht nähert, sich sexuell zu erregen oder zu befriedigen […].“ (Steinhage 1992, S. 9, Hervorhebungen im Original)

Bei der Grenzziehung zwischen Missbrauch und Zärtlichkeiten spielt zudem die Absicht des Täters und dessen Intention sexueller Befriedigung eine große Rolle (Unterstaller 2006, S. 6-3). Grade diese Täterabsicht wird in der folgenden Fachliteratur hervorgehoben:

Steinhage erläutert dies, indem sie beschreibt, dass es einen erheblichen Unterschied macht, ob ein Kind den Penis des Vaters aus Neugier berührt, oder vom Vater mit der Intention sexueller Erregung dazu aufgefordert wird. Insgesamt ist der der Begriff des „sexuellen Missbrauchs“ von vielen Faktoren abhängig, nur schwer allgemein definierbar und damit so vielfältig wie seine Folgen für das Opfer.

2.3 Folgen für betroffene Kinder und Familien

Die Folgenforschung ersucht die Auswirkungen sexuellen Missbrauchs auf die Opfer empirisch zu belegen. Diese sollen im Folgenden in Kurzform dargestellt werden, um den Auswirkungen von sexuellem Missbrauch und dem damit verbundenen Einfluss auf die kindliche Entwicklung Ausdruck zu verleihen.

2.3.1 Traumatisierungsfaktoren

Da jedes Kind seine Erlebnisse individuell verarbeitet, leidet ein Kind länger unter den Folgen als ein anderes. In diesem Zusammenhang sprechen Bange/Deegener von Faktoren, welche Einfluss nehmen auf die Intensität der Schädigung, die sog. „Traumatisierungsfaktoren“ (1996, S. 68ff). Dabei wird in primäre Faktoren, welche direkt mit dem Erlebnis zusammenhängen, und sekundären Faktoren, die z. B. Elternreaktionen einbeziehen, unterschieden. Im Bezug auf die primären Faktoren wurde in Studien bewiesen, dass „[…] ein sexueller Mißbrauch um so dramatischer wirke, je enger und vertrauter die Beziehung zwischen Opfer und dem Täter sei […]“ (Bange/Deegener 1996, S. 68f). Je vertrauter das Kind mit dem Täter ist, desto schwieriger macht es dies, mit dem Erlebnis emotional umgehen zu können. Hauptsächlich bestimmend für den Schweregrad der Traumatisierung ist der Faktor Gewalt, jedoch bedeutet im Umkehrschluss ein „Mangel“ an Gewalt kein Ausschlusskriterium für ein Trauma. Ebenso ist die Intensität der Tat ausschlaggebend, was jedoch eine Traumatisierung durch „leichtere“ Fälle nicht ausschließen lässt! Entgegen Expertenannahmen ist nur ein geringer Zusammenhang zwischen Häufigkeit und Dauer feststellbar, auch fehlt ein klares Ergebnis im Bezug auf das Alter der Kinder zum Tatzeitpunkt (ebd. 68ff). Zu den sekundären Faktoren, welche das Ausmaß des Traumas bestimmen, gehört die Frage, ob das Kind von seinen Erlebnissen berichten kann. Allerdings ist hier das Wirkungsgefüge Eigenmotivation und Umwelt zu komplex, um darüber empirische Aussagen treffen zu können (ebd. 71ff). Neben obigen Faktoren werden als sog. „Antezendente Faktoren“ Persönlichkeit und Situation des Kindes betrachtet. Kinder verarbeiten aufgrund vor der Tat vorhandener negativer Vorerfahrungen oder hoher Belastungsfaktoren die Erlebnisse weniger gut, weshalb eine Traumatisierung wahrscheinlicher ist (ebd. S. 74).

2.3.2 Mögliche Folgen des Missbrauchs

Die Folgen einer Missbrauchstat sind so individuell wie die einzelne Tat selbst. In vielen Fällen weisen die Opfer körperliche Verletzungen im Genital- und Analbereich auf. Die alleinige Aussagekraft von Verletzungen ist umstritten (Bange/Deegener 1996, S. 80). „Verschiedene Studien belegen, daß ein Teil der sexuell mißbrauchten Mädchen und Jungen mit psychosomatischen Beschwerden reagiert.“ (ebd. S. 80). Neben Schlafstörungen gelten Schmerzen ohne erkennbare Ursachen, Essstörungen usw. als Ausdruck traumatisierender Erlebnisse (ebd. S. 80). Aufgrund der hohen emotionalen Belastung kommt es oft auch zu psychischen Problemen. Diese äußern sich in niedrigem Selbstwertgefühl, Depressionen, massiver Angst oder regressiven Verhaltensweisen. Auch ist es für diese Gruppe an Kindern wahrscheinlicher, psychotisches Verhalten zu zeigen (ebd. S. 85). Von Extremen gekennzeichnet sind Auffälligkeiten im sozialen Bereich. Überdurchschnittlich häufig leiden missbrauchte Kinder an Konzentrationsstörungen, hyperaktivem Verhalten oder zeigen autoaggressive Tendenzen. Je nach Persönlichkeit des Kindes kann dieses mit übertriebener Leistungsbereitschaft zur Kompensation seiner Situation oder totaler Leistungsverweigerung reagieren. Auch das Begriffspaar Aggression – Depression findet sich in der Fachliteratur wieder (ebd. S. 87ff). Forschungen belegen ebenso ein auffälliges Sexualverhalten, welches nicht altersgemäß ist und sich entweder durch übermäßiges Zeigen sexualisierten Verhaltens oder Angst vor selbigem ausdrückt (ebd. S. 89ff). Zudem wird als Folge des sexuellen Missbrauchs eine posttraumatische Belastungsstörung nach dem DSM genannt. Sie beschreibt spezifische Auffälligkeiten aufgrund belastender Erfahrungen, welche abzugrenzen sind von üblichen Erfahrungen. Diese Erfahrung ruft beim Betroffenen starke Gefühle hervor. Spezifisch hierfür ist das Wiedererleben der Ereignisse, Vermeidungsverhalten etc. Allerdings ist in diesem Zusammenhang fraglich, ob das durch sexuellen Missbrauch ausgelöste Ausmaß an Trauma mit dem Begriff einer posttraumatischen Belastungsstörung adäquat umschrieben wird (ebd. S. 92ff).

2.3.3 Kinder ohne Symptome

Neben den oben erwähnten Symptomen zeigen immer wieder Kinder in empirischen Untersuchungen keine Auffälligkeiten. Eine Erklärung kritisiert die Aussagekraft der Messinstrumente, es besteht aber auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Symptome erst später herausbrechen, was als sog. „Sleeper Effects“ bezeichnet wird. Auch ist es nicht auszuschließen, dass die Kinder selbst die nötige Widerstandskraft in ihrer Persönlichkeit innehaben oder durch Unterstützung von Eltern etc. ihre Auffälligkeiten kompensieren können (Bange/Deegener 1996, S. 75f).

Insgesamt lässt sich feststellen, dass es für einen sexuellen Missbrauch keine charakteristischen Symptome gibt, weshalb diese nicht verlässlich für oder gegen ein Vorliegen eines Missbrauchsfalls sprechen können. Aus den meisten Forschungen hervorgehend kann jedoch bestätigt werden, dass „[…] sexueller Mißbrauch für die meisten Kinder ein erhebliches Trauma darstellt.“ (ebd. S. 94), sodass sich unangemessene sexuelle Handlungen an Kindern als folgenschwer für ihre Persönlichkeit zusammenfassen lassen. Um deshalb frühzeitig zu intervenieren, muss ein anderes Medium der Diagnostik überprüft werden: die Kinderzeichnung.

3.0 Was versteht man unter einer Kinderzeichnung?

3.1 Kurzaufriss der Entwicklung einer Kinderzeichnung

Um sich in einer Kinderzeichnung auf die Suche nach Auffälligkeiten und möglichen Indikatoren für sexuellen Missbrauch zu machen, muss zuerst der „Normfall“, also die altersadäquate Entwicklungsform, genauer betrachtet werden. Richter (1999) spricht von einer „Stufentheorie“ freien Zeichnens (S. 15ff) und unterteilt diese in drei große Phasen: die Kritzelphase (in der frühen Kindheit), die Schemaphase (in der mittleren Kindheit) und die zweite Schemaphase (am Ende der Kindheit). Die Kritzelphase steht unter dem Aspekt des Kritzelns, Schmierens und der Ichfindung. Da sie sich weniger mit der Abbildung von Erlebnissen, sondern mehr mit Bewegungselementen und ersten kreativen Ergebnissen kindlichen Schaffens beschäftigt, soll sie an dieser Stelle nur kurz erwähnt sein. Für die Analyse einer Kinderzeichnung bedeutsamer, weil die Bilder differenzierter und aussagekräftiger sind, werden Zeichnungen in der Schemaphase (in der mittleren Kindheit), welche kurz erläutert werden soll: Die Schemaphase lässt sich unterteilen in die Vorschemaphase und die sog. „Werkreife“ nach K. Bühler (Richter 2000 und 1999):

3.1.1 Die Vorschemaphase

Im vierten Lebensjahr kann man mit Beginn der Vorschemaphase von der „Geburt des Bildes“ (Richter 2000, S. 43) sprechen. Das Kind lernt nun Gegenstände und Figuren auf der Zeichenfläche anzuordnen und zu organisieren und erschafft damit eine stabile bildhafte Welt. Dieser Entwicklungsabschnitt lässt sich durch folgende Merkmale kennzeichnen:

Respektierung der Flächenkoordinaten “ (ebd.): Das Kind richtet sich beim Zeichnen an Relationen wie oben/unten, rechts und links aus. Die Elemente werden angeordnet ohne sich zu überlappen und durch die Ausrichtung zueinander in Beziehung gesetzt. Dabei gelten besonders groß gezeichnete Figuren als wichtig für das Kind. Es sind erste Versuche, die Raumtiefe abzubilden, erkennbar.

Binnendifferenzierungen“ (ebd.): Figuren und Gegenstände werden detailgetreuer dargestellt z. B. wird aus dem Kopffüßler ein Mensch.

„Ausweitung des Repertoires an dargestellten Gegenständen (Motiven)“ (ebd.): Die Elemente werden nicht nur detaillierter dargestellt, sondern es werden mehr Elemente hinzugenommen. Dabei werden prägnantere Elemente bevorzugt, welche vom Kind leichter wiederzugeben sind.

[...]

Ende der Leseprobe aus 51 Seiten

Details

Titel
Die Kinderzeichnung als Indikator für sexuellen Missbrauch
Hochschule
Hochschule München
Veranstaltung
Modul Theorieprojekt
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
51
Katalognummer
V275295
ISBN (eBook)
9783656680123
ISBN (Buch)
9783656680154
Dateigröße
2278 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kinderzeichnung, sexueller Missbrauch, Verhaltensauffälligkeiten
Arbeit zitieren
Jennifer Kubat (Autor), 2012, Die Kinderzeichnung als Indikator für sexuellen Missbrauch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275295

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