Die englische Übersetzung von Simone de Beauvoirs "Le Deuxième Sexe". Diskursive Auswirkungen im anglo- und frankophonen Raum


Diplomarbeit, 2010
308 Seiten, Note: 2,1

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Kurzbeschreibung

1. Einleitung: Theorie in der Übersetzung

2. Methodologisches Vorgehen
2.1. Polysystemtheorie/ Descriptive Translation Studies/ Manipulation School
2.2 Deskriptives Modell (Lambert/van Gorp)
2.3 Paratexte nach Genette

3. Analyse der Übersetzung
3.1 Diskursive und systemische Einbindung
3.1.1 Beauvoir als Philosophin
3.1.1.1 Beauvoirs Positionierungsstrategie auf dem intellektuellen Markt
3.1.2. Existentialistische Phänomenologie: Merleau-Ponty/ Husserl/ Sartre
3.1.2.1 Der Körper als Situation
3.1.2.2 Ambiguität als Grundstruktur menschlicher Existenz
3.1.2.3 Exp é rience v é cue - Das Konzept der gelebten Erfahrung als phänomenologisches Analysewerkzeug
3.1.3 Le Deuxième Sexe als kontroverse „Bibel des Feminismus“
3.1.3.1 „ On ne na î t pas femme : on le devient. “ Beauvoir im poststrukturalistischen Diskurs
3.1.3.2 Rezeption des Werks in Frankreich und den USA: Diskursive Wechsel-wirkungen im anglo- und frankophonen Raum
3.1.3.2.1 „French Feminism“ Made in America
3.1.3.2.2 Beauvoir als Reimport in Frankreich
3.2 Die Übersetzung und ihr normativer Kontext
3.2.1 Kritiken der englischen Übersetzung
3.2.1.1 Margaret A. Simons: „The Silencing of Simone de Beauvoir. Guess What's Missing From The Second Sex “ (1983)
3.2.1.2 Luise von Flotow: „Translation Effects: How Beauvoir Talks Sex in English“ (2000)
3.2.1.3 Toril Moi: „While We Wait: The English Translation of The Second Sex “ (2002)
3.2.1.4 Elizabeth Fallaize: „Le destin de la femme au foyer : traduire 'la femmeau foyer'“ (2002)
3.2.2 Die Genese der Übersetzung: Zur Rolle der Verlagsindustrie
3.2.3 Die Rolle des Übersetzers Howard M. Parshley
3.3 Mikro- und Makroanalyse der Übersetzung
3.3.1 Geschlechterdifferenz bei Beauvoir: Wider die „eclipse of gender“ in der Phänomenologie
3.3.1.1 Der weibliche Körper als Situation: Schwangerschaft, Mutterschaft und Menstruation
3.3.1.1.1 Beauvoirs rhetorische Strategie: Ambiguität als é criture beauvoirienne
3.3.1.1.2 Schwangerschaft und Mutterschaft als Situation: Beauvoir im Kontext ihrer monde f é minin
3.3.1.1.3 Der „Horror“ vor dem schwangeren Körper: Beauvoirs diskursive Entfremdungsstrategie
3.3.1.2 Die Frau als Andere des Mannes
3.3.1.2.1 Sexualität und Intersubjektivität: Beauvoir im Dialog mit Sartre und Hegel
3.3.1.2.2 Die Genese der Geschlechterordnung: Eine Genealogie der Unter-drückung der Frau
3.3.1.2.3 Der weibliche Körper als Projektionsfläche für Immanenz
3.3.2 Geschlechterdifferenz, Körperlichkeit und weibliche Alterität in der Übersetzung
3.3.2.1 Struktur des Werkes und phänomenologische Bezüge
3.3.2.2 Das Biologiekapitel oder die biologischen „Fakten“
3.3.2.3 Immanenz und Transzendenz, Mitsein und Dasein: Ontologische Grundlagen der Bestimmung der Geschlechterbeziehungen und weiblicher Alterität
3.3.2.4 Se poser, sujet und corps v é cu: Situierte Körperlichkeit und Intersubjektivität als Rahmenbedingungen zur Konstruktion geschlechtlicher Differenz
3.3.2.5 Mutterschaft
3.3.3 Bilanz des Übersetzungsvergleichs: Zum Verhältnis von Übersetzung und Rezeption

4. Ausblick: Der Leser als rewriter

LITERATURVERZEICHNIS

Kurzbeschreibung: Auch über 60 Jahre nach dessen Veröffentlichung sind Le deuxième sexe und seine Autorin Simone de Beauvoir Gegenstand zahlreicher Debatten und widersprüchlicher Zuschreibungen im feministischen Diskurs: Von den Einen als „Bibel des Feminismus“ und theoretische Basis eines hochaktuellen Denkens von Geschlechterdifferenz lobgepriesen, wird das Werk von Anderen als veraltet und essentialistisch verhaftet, sowie seine Autorin als misogyne, männlich dominierte Verfechterin fragwürdiger Theorien zu Weiblichkeit und insbesondere weiblicher Körperlichkeit aus dem Blickfeld feministischen Interesses ausgegrenzt. Auch wird Beauvoirs 1949 publizierte phänomenologisch-existential- istische Analyse des weiblichen Subjektstatus' im Patriarchat erst seit Mitte der 1980er Jahre als philosophisches Werk diskutiert, und dies wiederum ausschließlich von Seiten feministi- scher Forscherinnen. Diese widersprüchliche Rezeptionssituation, verbunden mit dem Profil des Übersetzers H.M. Parshley als emeritiertem amerikanischen Professor der Zoologie, sowie der Beobachtung, dass der Diskurs um Beauvoir und Le deuxième sexe hauptsächlich im anglophonen Sprachraum verwurzelt ist, rufen die Frage nach einem diskursverändernden Einfluss der englischen Übersetzung wach. Die Qualität von Parshleys The Second Sex wurde zudem von einigen Forscherinnen als mangelhaft insbesondere in Bezug auf die philoso- phische Dimension des Werks kritisiert, sodass die Übersetzung in der Beauvoirforschung zunehmend als intellektuell beschädigte Ware gehandelt wird. Auf Grundlage des theore- tischen Hintergrunds von Polysystemtheorie und Descriptive Translation Studies möchte ich The Second Sex in einem vielschichtigen normativen Wirkungsgefüge verorten, wobei nicht nur die Rolle des Übersetzers und des Verlags bei der Übersetzungsproduktion besprochen werden soll, auch der Diskurs um Beauvoir als Feministin und Philosophin wird als gleich- sam durch das Werk konstituierter und das Werk konstituierender Paratext betrachtet. Die Analyse der Übersetzung, welche sich auf die besonders kontrovers diskutierten diskursiven Schnittstellen Geschlechterdifferenz und -beziehungen, weiblicher Körper und Mutterschaft fokussieren wird, soll deshalb in eine Untersuchung von Beauvoirs Status als Philosophin, sowie der wechselhaften Rezeptionsgeschichte des Werks eingebunden werden. In diesem Kontext möchte ich auch für einen diskursiven Einfluss von The Second Sex weit über die Sprachgrenzen des anglophonen Raums hinausgehend, und paradoxerweise gerade auch eine Beeinflussung des französischsprachigen Diskurses, argumentieren. Die Frage nach den diskursiven Wechselwirkungen zwischen Übersetzung und Rezeption stehen somit im Mittelpunkt meiner Besprechung dieses Klassikers der Frauen- und Geschlechterstudien.

1. Einleitung: Theorie in der Übersetzung

Philosophy has long engaged in the creation of concepts by interpreting domestic versions of foreign texts, but for the most part, these versions have been taken as transparent, and the concepts unmediated by

the domestic language and culture that is their medium. [1]

„Although the phrase 'theories of translation' is everywhere, translation of theories is a rare sight“ stellt Şebnem Susam-Sarajeva (2006: 9) fest. Insbesondere in den Literatur- und Kulturwissenschaften hat sich seit Anfang der 1990er Jahre ein Diskurs des Postmoder- nen etabliert, welcher Übersetzung als rhetorische Figur für die zunehmende Internatio- nalisierung kultureller Produktion sieht, aber auch für die Zerrissenheit derjenigen, die sich beispielsweise durch Migration zwischen zwei Sprachen und Welten und damit Diskursen befinden, oftmals auch außerhalb des „Wahren“ des dominanten Diskurses, jenseits des Willens zur Macht, um mit Foucault zu sprechen (vgl. Simon 1996: 134; Susam-Sarajeva 2006: 8). Der postmoderne Diskurs insbesondere im anglo-amerikanischen Sprachraum zeichnet sich allerdings durch ein fehlendes Bewusstsein für die ideologisch motivierten Transformationsprozesse aus, welche notwendigerweise bei jedweder Übersetzung stattfinden;[2] so auch bei der Übersetzung jener Theorien, derer sich die Literatur- und Kulturwissenschaften bedienen:

The highly metaphorical language used to describe translation hides an insensitivity to the realities of languages in today's world. Anglo-American gender and cultural studies have been abundantly nourished through translations, and yet they rarely look critically at the translation practices through which they have come into being. Confidently conducted mainly in English, these studies give little attention to the specific languages of intellectual and cultural commerce in the world today (Simons 1996: 135).

Wie Susam-Sarajeva (2006: 9) bemerkt, werden Theorien von dessen Rezipienten oftmals ein universeller Gültigkeitsanspruch zugesprochen und Reflexionen über den übersetzten Status derselben werden ausgeblendet, würden diese doch die angenommene Universalität der Theorien in Frage stellen: „Consequently, it is much more convenient to ignore the influx of ideas through translation so that this illusion of 'universality' will be sustained“ (ebd.). Das Voraussetzen einer solchen Universalität jenseits sprachlicher und kultureller Mediationsprozesse gilt insbesondere auch für die Philosophie - und hier wiederum besonders innerhalb des anglo-amerikanischen Sprachraums:[3]

Philosophy does not escape the embarrassment that faces contemporary academic disciplines when confronted with the problem of translation. In philosophical research widespread dependence on translated texts coincides with neglect of their translated status, a general failure to take into account the differences introduced by the fact of translation (Venuti 1998: 106).

Mit Simone de Beauvoirs Le deuxième sexe habe ich ein philosophisches Werk gewählt, das die Herausbildung eines Bewusstseins für Geschlechterdifferenz und dessen ideologischen Implikationen im patriarchalen Diskurs auf den Weg gebracht und vor allem die Kulturwissenschaften und Gender Studies nachhaltig geprägt hat, wo der Text bis dato zum Kanon grundlegender Literatur gehört. In der Philosophie allerdings wird Beauvoirs philosophische Abhandlung zur Konstruktion weiblicher Alterität im Patriarchat wenig als solche rezipiert.[4] Hier gilt es nachzuforschen, woher die Vernachlässigung dieses - wie noch zu zeigen sein wird - theoretisch höchst anspruchsvollen Textes außerhalb des femi- nistischen Diskurses rührt. Innerhalb Letzterem steht Beauvoirs differenzierte und kritische Analyse des Subjektstatus' der Frau als Anderer des Mannes am Anfang des Überdenkens der Geschlechterkategorien. Hierbei bedient sie sich der existentialistischen Phäno- menologie im Sinne eines feministischen Analysewerkzeugs und bringt damit nicht nur eine innovative phänomenologische Studie zur Geschlechterdifferenz hervor, sondern gestaltet dabei das Werkzeug selbst um.[5] Aber auch im feministischen Diskurs genießt das Buch und deren Autorin einen äußerst umstrittenen Status. So wird Beauvoir wahlweise als anti- essentialistische Feministin der ersten Stunde lobgepriesen, welche die soziale Konstruiert- heit von Geschlechterkategorien theoretisch fundierte, oder aber als essentialistische, männlich dominierte Frauenhasserin mit problematischer Beziehung zu ihrem eigenen Körper diffamiert.

Diese widersprüchliche Rezeptionssituation in Verbindung mit dem Umstand, dass diese Diskurse vornehmlich im angloamerikanischen Sprachraum verwurzelt sind, rufen die Frage nach der 1953 publizierten englischen Übersetzung des Buchs als The Second Sex wach, welche 60 Jahre lang den Diskurs um Beauvoir bestimmt hat, und erst dieser Tage durch eine Neuübersetzung abgelöst wird. Die Übersetzung rückt umso mehr in den Mittelpunkt einer kritischen Betrachtung der Rezeptionssituation des Textes, wenn man bedenkt, dass das „klassische Manifest der befreiten Frau“[6] von Howard M. Parshley, einem emeritierten Professor der Biologie mit Forschungsschwerpunkt Reproduktionswissenschaften übersetzt wurde. Allerdings wurde in Anbetracht des großen Rezeptionszeitraums und der Vielzahl an kritischen Auseinandersetzungen mit diesem Klassiker des Feminismus verhältnismäßig wenig über die Qualität der Übersetzung bemerkt.[7] Eine Problematik, die einerseits auf das fehlende Bewusstsein für den übersetzten Status von Texten verweist, welche zumeist so gelesen werden, als würde es sich hierbei um den originalsprachlichen Text handeln, sowie andererseits auf die marginalisierte Bedeutung von Übersetzungen - beispielsweise im Vergleich zu literarischen (Original-)Texten - und der wissenschaftlichen Beschäftigung mit diesen:

Translation is rarely considered a form of literary scholarship, it does not currently constitute a qualification for an academic appointment in a particular field or area of literary study, and, compared to original compositions, translated texts are infrequently made the object of literary research. The fact of translation tends to be ignored even by the most sophisticated scholars who must rely on translated texts in their research and teaching (Venuti 1998: 32).

So ist innerhalb der akademischen Rezeption des Werks eine Ersetzung von Le deuxième sexe durch dessen englische Übersetzung The Second Sex festzustellen, wird sich doch auf den Text vorwiegend in dieser Version bezogen.[8]

Auch innerhalb der Übersetzungswissenschaften ist jedoch eine Tendenz zur Vernachlässigung der kritischen Beschäftigung mit der Übersetzung von theoretischen Texten im geisteswissenschaftlichen Bereich zu Gunsten der Besprechung von literarischen Übersetzungen festzustellen.[9] Dennoch kann gerade die Übersetzungswissenschaft einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Umformungsprozesse leisten, die durch die Rekontextualisierung theoretischer Texte in anderen Sprach- und Kulturräumen stattfinden:

Theory does not travel by itself. It travels through people: not only writers who came to "embody" them, but also the proponents, mediators - including the translators and editors - critics and opponents. These people form what is called "the receiving system". Moreover, as long as the relationship between travelling theory and language(s) is ignored, there will be no more than "sightseeing" features (cf. Cronin 2000: 2, 82), there to be admired by all, but not to be comprehended in their full significance (Susam-Sarajeva 2002: 206).

Meine Arbeit soll einen Beitrag zur wissenschaftlichen Diskussion theoretischer Texte in der Übersetzung leisten und gleichzeitig die Notwendigkeit kritischer Betrachtung übersetzter Texte gerade in den Geisteswissenschaften herausstellen. Hierzu bedarf es der Kontextualisierung sowohl der Übersetzung als auch der Rezeption unter vielfältigen Gesichtspunkten, wofür die Ansätze der Polysystemtheorie, der Descriptive Translation Studies, sowie der Manipulation School einen flexiblen und umfassenden theoretischen Rahmen bieten. Als Analysewerkzeug möchte ich mich auf das von José Lambert und Hendrik Van Gorp vorgeschlagene vierstufige Modell zur Beschreibung von Übersetzungen stützen. In Verbindung mit André Lefeveres Konzept des rewritings gerät nicht nur die Übersetzung selbst in den Blickpunkt der kritischen Betrachtung, sondern auch andere Formen des ideologisch aufgeladenen Neu- und Umschreibens wie Zitate, kritische Besprechungen und Rezensionen, Anthologien oder Lektorate, welche in unmittelbarer Nähe zur Übersetzung stehen und deren Rezeption in nicht zu vernachlässigendem Umfang beeinflussen (vgl. a.a.O.: 15). Lefeveres Ansatz soll durch Gérard Genettes Ausführungen zu Paratexten für eine kritische Diskursanalyse systematischer und detaillierter nutzbar gemacht werden.

Wie Venuti feststellt, ist die vermeintliche Unbefangenheit des Forschers außerhalb des Normengefüges seines eigenen kulturellen und individuellen Hintergrunds - auch jene des kritischen, systemtheoretisch arbeitenden - illusorisch, sodass sich eine kritische Analyse der Übersetzung nicht im normfreien Raum bewegen kann.[10] Deshalb möchte ich an dieser Stelle klar darauf hinweisen, dass ich die Übersetzung vor dem normativen Hintergrund meiner Interpretation des Textes bezüglich dessen existentialistisch-phänomenologischen

Gehalts und seines Erkenntnispotentials im Rahmen eines feministischen Diskurses evaluieren werde. Hiermit sind vor allem Beauvoirs Erkenntnisse hinsichtlich Geschlechterdifferenz und dessen Auswirkungen auf die Konstituierung des Subjektstatus' der Frau gemeint. In mehreren, thematisch gegliederten Unterkapiteln zu den philosophischen Grundlagen des Werks werde ich fundiert auf diese alternative Lesart des Textes eingehen, um den Maßstab meiner Übersetzungskritik rechtfertigen zu können.

2. Methodologisches Vorgehen

Im Folgenden möchte ich den soeben umrissenen theoretischen Rahmen meiner Analyse vorstellen, sowie dessen Implikationen für Fokus und Strukturierung der Arbeit erläutern.

2.1. Polysystemtheorie/Descriptive Translation Studies/Manipulation School

All translation implies a degree of manipulation of the source text for a certain purpose. [11]

Die Polysystemtheorie hat Anfang der 1990er Jahre die Bedeutung von Übersetzungen für das literarische Polysystem herausgestellt und in der Folge den cultural turn in der Übersetzungswissenschaft eingeleitet.[12] Dies ist damit zu begründen, dass Even- Zohar (1990) übersetzte Texte als Teile des literarischen Systems auffasst, genauer gesagt als Verkörperungen von Beziehungen innerhalb dieses Systems,[13] welche wiederum Rück- schlüsse auf die Verfasstheit des (literarischen und kulturellen) Systemgefüges in der konkreten historischen Situation zulassen, in die Übersetzungen eintreten.[14] Dieser Rück-

schluss ist möglich, da Literatur als eines der Teilsysteme des übergeordneten komplexen Systemgefüges Kultur beschrieben wird.[15] Folglich werden Übersetzungen nicht hinsichtlich eines wie auch immer gearteten Äquivalenzmaßstabs untersucht und bewertet, sondern als Manifestationen von personellen und textuellen Beziehungen im Polysystem betrachtet: „Translation can no longer be analysed in isolation, but [...] it should be studied as part of a whole system of texts and the people who produce, support, propagate, oppose, censor them“ (Lefevere 1985: 237). Die Stärke dieses Ansatzes zeigt sich darin, dass „its use allows one constantly to keep in mind the multilayered complexity of the contexts in which cultural forms are produced and received“ (Harvey 2000: 140). Viele Merkmale von Übersetzungen lassen sich nämlich nicht allein aus den sprachlichen Strukturen ableiten, sondern sind erst über ihre Verortung in einem multidimensionalen Raum normativer Strukturierung erklär- bar: „Texts and repertoire are only partial manifestations of literature, manifestations whose behavior cannot be explained by their own structure. It is on the level of the literary (poly)system that their behavior is explicable“ (Even-Zohar 1990: 18, zit. in Gibbels 2004: 24).

Insbesondere die Arbeiten von Gideon Toury betonen die Bedeutung des zielsprachlichen Kultursystems und dessen Normengefüge für die Produktion von Über- setzungen.[16] Äquivalenz zwischen Originaltext und Übersetzung wird hierbei von einem präskriptiven Bewertungskriterium zu einer Blackbox transformiert, deren Analyse Auf- schluss über die Normen gibt, welche den Übersetzungsentscheidungen zu Grunde lagen:

Gideon Toury introduced the idea of translation as a norm-governed activity in an attempt to redefine the vexed notion of equivalence. Instead of taking equivalence as the central criterion for judging translations, he argued that the relation between a translation and its source was determined by the choices which the translator had made along the way. These choices were governed by norms as "performance instructions".As a result, "norms [...] determine the (type and extent of) equivalence manifested by actual translations" (Toury 1995: 60 zit. in Hermans 1999: 96).

Nachdem diese Vorstellung von Äquivalenz lediglich attestiert, dass sich ein Text zu einem anderen Text als Übersetzung verhält ohne dabei vorschreiben zu wollen, wie genau eine Äquivalenzrelation auszusehen hat, damit ein Text als Übersetzung eines anderen Textes angesehen werden kann,[17] liegt das Hauptinteresse der Descriptive Translation Studies darin herauszufinden, wie genau sich die Äquivalenz in dem zu untersuchenden Fall ausnimmt, und wieso sie auf diese Art und Weise hergestellt wurde, d.h. welche Normen den Übersetzer bei der Gestaltung des Zieltextes beeinflusst haben.[18] Normen liegen also nicht als solche, sondern in Form von Übersetzungsentscheidungen in den Text eingeschrieben vor und können durch eine kontextualisierte Analyse des Textes erschlossen werden: „What is available for observation is not so much the norms themselves, but rather norm-governed instances of behaviour“ (Toury 1995: 65). Hierbei spielt die Frage nach der Funktion der Übersetzung in der Zielkultur eine entscheidende Rolle, gibt diese doch Aufschluss über Verlags- und Vermarktungsstrategie, die wiederum Schlüsse bezüglich der angewandten Übersetzungsstrategie zulassen:

Looking for possible answers to the question why translations turn out as they do means inquiring into their function, or their intended function. As a rule, this also means starting the investigation at the receiving end, the target pole. [...] In countering an ideology which views translation exclusively as replication, this approach contextualizes the translator's activity in functional terms. Respecting the complexity of translation in its cultural, social and historical context, it urges attention to the whole constellation of functions, intentions and conditioning factors (Hermans 1999: 39).

Die Manipulation School um André Lefevere stellt die ideologisch-manipulative Komponente von Übersetzungen und anderen Formen des rewritings durch diverse Umformungen textueller Strukturen, die Verortung von Texten in anderen Kontexten und die Kommentierung und diskursive Glossierung dieser heraus:

Whether they produce translations, literary histories or their more compact spin-offs, reference works, anthologies, criticism, or editions, rewriters adapt, manipulate the originals they work with to some extent, usually to make them fit in with the dominant, or one of the dominant ideological and poetological currents of their time (Lefevere 1992b: 8).

Rewritings von Texten sind somit in einem Kontinuum von Ideologie, Macht und Hegemonie zu verorten, welche das Polysystems als Ort des ständigen Diskurskampfes[19] und der Repositionierung von Texten an einer günstigeren, prestigeträchtigeren Stellung innerhalb des Systems - vorzugsweise im literarischen Kanon - auszeichnet.[20] Von den vielfältigen Formen des rewritings hält Lefevere Übersetzungen für den einflussreichsten manipulativ wirkenden Typus, da er den Originaltext und dessen Autor unmittelbar in die Zielkultur verpflanzt:

[T]ranslation is the most obviously recognizable type of rewriting, and […] it is potentially the most influential because it is able to project the image of an author and/ or a (series of) work(s) in another culture, lifting that author and/or those works beyond the boundaries of their culture of origin (a.a.O.: 9).

Lefevere unterscheidet zwei Kontrollfaktoren, die das literarische Polysystem regu- lieren und mit dem Normengefüge des übergeordneten Polysystems Kultur und der anderen Subsysteme synchronisieren. Den ersten Kontrollfaktor stellen die Experten dar, die inner- halb des literarischen Systems agieren und einen entscheidenden Einfluss auf die Rezeption der Texte ausüben - Kritiker, Rezensenten, Lehrer und Dozenten, sowie Übersetzer:

They will occasionally repress certain works of literature that are too blatantly opposed to the dominant concept of what literature should (be allowed to) be - its poetics - and what society (should be allowed to) be - ideology. But they will much more frequently rewrite works of literature until they are deemed acceptable to the poetics and the ideology of a certain time and place (a.a.O.: 14).

Der zweite Kontrollfaktor wird von Lefevere als patronage bezeichnet, dessen Agenzien sich hauptsächlich außerhalb des literarischen Systems befinden. Diese kontrollieren die Experten ideologisch-inhaltlich und verleihen ihnen Handlungsautorität - darunter fallen einzelne Personen, aber auch Personengruppen und Institutionen wie religiöse Organe,

politische Parteien, Verlage und die Medien. Gemeinsam ist ihnen das Bestreben zur Förderung oder Verhinderung von Rezeption, Produktion und rewriting von Literatur:

Patrons try to regulate the relationship between the literary system and the other systems, which, together, make up a society, a culture. As a rule they operate by means of institutions set up to regulate, if not the writing of literature, at least its distribution: academies, censorship bureaus, critical journals, and, by far the most important, the educational establishment (a.a.O.: 15).

Eine kritische, kontextualisierte Analyse der Übersetzung findet ihren Ausgangs- punkt deshalb in der Frage „who rewrites, why, under what circumstances, for which audience“ (a.a.O.: 7). Allerdings sollte eine solche Kontextualisierung nicht allein auf die Übersetzung und dessen Experten, den Übersetzer sowie dessen Patron, den Verleger bzw. das Verlagshaus, beschränkt bleiben. Um Einblick in die Mechanismen zu gewinnen, welche an der Konstitution des Diskurses um Le deuxième sexe und Beauvoir beteiligt waren, dürfen auch andere Patrone und Experten, die ebenfalls die Rezeption des Werks lenken, sowie rezeptionssteuernde benachbarte Diskurse nicht ausgeblendet werden.[21] Im Falle von Beauvoir betrifft dies den Philosophiediskurs, sowie den vor allem anglo- und frankophonen Feminismusdiskurs und dessen patronage -System, Universitäten, welche wiederum Ort der nachfolgenden Kanonisierung von Le deuxième sexe als Klassiker der Women's Studies und Gender Studies sind.

Interessant erscheint mir in diesem Kontext auch die Frage nach der diskursiven Rückwirkung der Übersetzungsrezeption in Nordamerika - und dort vorwiegend in den USA - auf die Rezeption des Originals in Frankreich. Diesen Fragen möchte ich im ersten Teil meiner Analyse nachgehen, um im zweiten Teil die Entstehungsgeschichte der Übersetzung im Spannungsfeld der Kontrollfaktoren des literarischen Polysystems - in diesem Fall vor allem Übersetzer und Verlag - nachzuvollziehen. Erst nachdem die Übersetzung diskursiv und systemisch eingebunden und in einem normativen Rahmen gestellt wurde, werde ich mich der Untersuchung der Übersetzung widmen um zu zeigen, inwiefern sich die ideologischen Restriktionen, unter denen die Übersetzung angefertigt wurde, auf die Rezeption von Beauvoir und Le deuxième sexe im akademischen feministischen Diskurs der Frauen- und Geschlechterstudien ausgewirkt haben. Um es noch einmal zu betonen: „Translation needs to be studied in connection with power and patronage, ideology and poetics, with emphasis on the various attempts to shore up or undermine an existing ideology or an existing poetics“ (Lefevere 1992b: 10).

2.2 Deskriptives Modell (Lambert/van Gorp)

Das von José Lambert und Hendrik van Gorps in „On describing translations“ (1985, The Manipulation of Literature) vorgeschlagene Modell zur Beschreibung von Übersetzungen geht von einer Textanalyse aus, die in einem systemischen und kontextorientierten Rahmen eingebunden ist.[22] Hierbei werden vielfältige Aspekte der Relation zwischen Original und Translat in einem umfassenden und komplexen Beziehungsnetzwerk herausgestellt, ohne dabei jedoch unübersichtlich oder unsystematisch zu werden (vgl. Gibbels 2004: 35):

Briefly, [Lambert and van Gorp] suggested that all functionally relevant aspects of translation activity in its historical context needed to be carefully observed. Thus, the author, text, reader, and literary norms in one literary system were to be juxtaposed to an author, text, reader and literary norms in another literary system (Gentzler 2001: 132).

Die Beziehung zwischen den beiden Seiten wird somit einer systematischen Untersuchung unterzogen, deren Ziel das Herausstellen der Normen ist, nach denen sich der Übersetzer gerichtet hat, und die dann in den Kontext der dominanten Normen des zielsprachlichen Systems[23] gestellt werden sollen (vgl. Lambert und van Gorp 1985: 38).[24] Diese bestimmen darüber, wie die Beziehungen zwischen den einzelnen Teilgliedern der Systeme gestaltet sind, d.h. zwischen dem Autor des ausgangssprachlichen Systems und dem bzw. denen des zielsprachlichen Systems, etc. Diese Aspekte stellen allerdings nur einen Teil des Blickpunkts der Analyse dar, welche um weitere Faktoren des literarischen und nichtliterarischen Systems und deren Beziehungen untereinander erweitert werden:

[The scheme] comprises all functionally relevant aspects of a given translational activity in its historical context, including the process of translation, its textual features, its reception, even sociological aspects like distribution and translation criticism (a.a.O.: 40).[25]

Van Gorp und Lambert gestehen dabei selbst ein, dass es sich bei diesem komplexen Beziehungsnetzwerk mehr um eine utopische Ausgangsbasis für eine Analyse handelt,

dessen Fokus der Forscher selbst determinieren muss, indem er entsprechende Prioritäten setzt (vgl. a.a.O.: 41; Gentzler 2001: 132). Wie bereits erwähnt, möchte ich im Rahmen meiner Analyse Ausgangs- und Zieltext auf ihre Aussagen in Bezug auf einige kontrovers diskutierte Themenkomplexe innerhalb des akademischen feministischen Diskurses untersuchen. Um die hierbei erlangten Ergebnisse zu erklären, spielen sowohl die Absichten der Autorin Simone de Beauvoir als auch des Übersetzers Howard M. Parshley bzw. des Verlegers Alfred Knopf ein Rolle. Auch das Selbstverständnis Beauvoirs als Philosophin und der philosophische Anspruch des Werks im Kontext des phänomenologischen Existen- tialismus in Verbindung mit ihrem vielschichtigen Image als Philosophin, Literatin und Gefährtin Sartres sollen Gegenstand der Untersuchung sein. Des Weiteren soll die Rezeption sowohl des Originals als auch der Übersetzung nachvollzogen werden, wobei die Schwerpunktsetzung auf der Vermarktungsstrategie der Übersetzung, sowie dem ge- staffelten und von rewritings verschiedener Art gekennzeichnetem Eingang der Übersetzung in den englischsprachigen akademischen feministischen Diskurs liegen soll. Schließlich sollen auch die diskursiven Wechselwirkungen in der Rezeption der englischen Übersetzung und des französischen Ausgangstexts im anglophonen und frankophonen Diskurs um Beauvoir untersucht werden.

Das Modell an sich besteht aus vier Ebenen - Preliminary data, macro-level, micro-level und systemic context - und einem dementsprechend strukturierten Fragenkatalog.[26] Preliminary data meint dabei die äußere Erscheinung des Buches und hier beispielsweise das Titelblatt und dessen Konnotationen, Metatexte wie Vorworte und editorische Fußnoten oder die Nennung des Übersetzernamens. Auch die Frage, ob es sich um eine vollständige oder partielle Übersetzung handelt, gehört hierher. Diese Aspekte möchte ich vorwiegend im Kontext der Besprechung der Genese der Übersetzung im normativen Kontext der Verlagsstrategie und der Rolle des Übersetzers in Kapitel 3.2.2 und 3.2.3 beleuchten.

Auf der Makroebene interessiert der Text in seiner Gesamtheit: Wurde die Struktur des Werkes erhalten oder fehlen Teile, wie wurden die Kapitelüberschriften wiedergegeben, wie wurde mit Zitaten verfahren, wie mit Anmerkungen des Autors (z.B. Fußnoten). Diesen Fragen werde ich in Kapitel 3.3.2.1 nachgehen.

Auf der Mikroebene werden aussagekräftige Passagen des Textes in Bezug auf Stil, rhetorische Strategie und sprachliche Mittel untersucht, wobei Modalität, Erzählper- spektiven oder das Bedienen spezifischer Register bzw. über spezifisches Vokabular gelenkte Diskurse im Mittelpunkt des Interesses stehen. Die Kapitel 3.3.2.2.-3.3.2.5 sollen sich hiermit beschäftigen.

Die Betrachtung des systemischen Kontexts lenkt das Augenmerk auf die Einordnung des Textes in das Literatur- bzw. Diskurssystem und auf Bezüge zu anderen Texten - hier ist insbesondere die Rolle von Le deuxième sexe in der Herausbildung des feministischen Diskurses relevant. Des Weiteren interessieren etwaige Brüche im Übersetzungsmuster, beispielsweise in Form von Konflikten zwischen Mikro- und Makroebene oder Übersetzervorwort und angewandter Übersetzungsstrategie. Diese Aspekte werden im Kapitel 3.1 zur diskursiven und systemischen Einbindung sowie in Kapitel 3.2 zum normativen Kontext der Übersetzung untersucht und nach Abschluss des Übersetzungsvergleichs auf Makro- und Mikroebene in Kapitel 3.3.3 erneut aufgegriffen und rekapituliert.

Lambert und van Gorps Analysemodell soll durch Genettes Konzept der Paratexte in Bezug auf die Rezeption des Textes noch um einige Analysepunkte erweitert werden.

2.3 Paratexte nach Genette

Genette sagt über das Verhältnis zwischen einem Text und seinen Paratexten,

sie umgeben und verlängern ihn […], um ihn im üblichen, aber auch im vollsten Sinn des Wortes zu pr ä sentieren: ihn pr ä sent zu machen, und damit seine "Rezeption" und seinen Konsum in, zumindest heutzutage, der Gestalt eines Buches zu ermöglichen (Genette 2001: 9).

Es handelt sich hierbei also um „jenes Beiwerk, durch das ein Text zum Buch wird und als solches vor die Leser und, allgemeiner, vor die Öffentlichkeit tritt“ (a.a.O.:10). Paratexte erweisen sich somit als „Teil des diskursiven Wirkungsmechanismus, dem jeder Text unter- liegt“ (Gibbels 2004: 37). Obwohl es keinen Text ohne die ihn präsentierenden Paratexte geben kann, werden diese in der Text- bzw. Diskursanalyse zumeist ausgeblendet, und auch bei Lambert und van Gorp werden sie nur unvollständig und nicht in Bezug auf ihre rezeptionssteuernde Funktion bedacht (vgl. a.a.O.: 36). Eine Ergänzung des deskriptiven Modells durch Genettes Paratexte erscheint demnach sinnvoll, suggeriert doch bereits die Metapher der „Schwelle“, die „jedem die Möglichkeit zum Eintreten oder Umkehren bietet“ (Genette 2001: 19),[27] dass die Paratexte den Akt des Lesens nicht nur lenken, sondern auch darüber bestimmen, ob ein potentieller Leser sich überhaupt erst der Lektüre des Textes widmet oder aber vor der Schwelle kehrt macht. Dies lässt sich leicht verdeutlichen, wenn man sich vor Augen hält, dass ein interessant gestaltetes Buchcover zuweilen den Anstoß zur Lektüre des Buchs geben kann, während solche, die von einer Lesergruppe als moralisch verwerflich eingeschätzt werden, die Rezeption der Texte in diesen Fällen oftmals verhindern. Im Rahmen dieser Arbeit ist dieser Aspekt besonders in

Anbetracht von Einschätzungen wie der Folgenden relevant: „The Second Sex suffered for many years from the fate of being at one and the same time 'one of the most criticised and one of the least read works in feminism'“ (Fallaize 1998: 11 mit einem Zitat aus Vintges 1996: 20f.).

Paratexte gliedern sich in Epitexte und Peritexte. Über Peritexte sagt Genette, sie befinden sich „im Umfeld des Textes, innerhalb ein und desselben Bandes, wie der Titel und das Vorwort, mitunter in den Zwischenräumen des Textes, wie die Kapitelüberschriften oder manche Anmerkungen“ (Genette 2001: 12). Im Kontext dieser Arbeit interessiert besonders der „verlegerische Peritext“:

Als verlegerischen Peritext bezeichne ich die gesamte Zone des Peritextes, für die direkt und hauptsächlich (aber nicht ausschließlich) der Verleger, oder vielleicht abstrakter, der Verlag verantwortlich ist - d.h. die Tatsache, daß ein Buch verlegt, eventuell neuaufgelegt und in mehreren mehr oder weniger unterschiedlichen Aufmachungen der Öffentlichkeit vorgelegt wird (a.a.O.: 22).[28]

Epitexte hingegen befinden sich „[i]mmer noch im Umfeld des Textes, aber in respektvoller (oder vorsichtiger) Entfernung“ zu diesem (a.a.O.: 12) und unterscheiden sich von Peritexten „durch ein im Prinzip rein räumliches Kriterium“ (a.a.O.: 328):

Ein Epitext ist jedes paratextuelle Element, das nicht materiell in ein und demselben Band als Anhang zum Text steht, sondern gewissermaßen im freien Raum zirkuliert, in einem virtuell unbegrenzten physikalischen oder sozialen Raum. Der Ort des Epitextes ist also anywhere out of the book, irgendwo außerhalb des Buches (a.a.O.: 328).

Hierunter fallen z.B. Interviews und Gespräche oder Auszüge privater Kommunikation wie Briefwechsel und Tagebücher. Zu betonen ist hierbei, dass Epitexte das Bild eines Textes bzw. dessen Autorin in der Öffentlichkeit formen, ohne dass das Werk an sich rezipiert werden muss, bzw. wird dieses gerade aufgrund von und vor dem Hintergrund gewisser Epitexte rezipiert - oder aber wegen eben dieser gerade nicht:

Der Adressat ist hier dadurch charakterisiert, daß er niemals der bloße Leser (des Textes) ist, sondern irgendeine Form von Publikum, das eventuell keine Leserschaft zu sein braucht: das Publikum einer Zeitung oder eines Mediums, die Zuhörerschaft eines Vortrags, die Teilnehmer eines Kolloquiums, der (individuelle oder kollektive) Adressat eines Briefs oder einer vertraulichen mündlichen Mitteilung, ja sogar - im Fall des Tagesbuchs - der Autor selbst (a.a.O.: 329).

In Hinblick auf die Autobiographien Beauvoirs und den nach ihrem Tod veröffentlichten Briefwechsel mit Sartre wird offensichtlich, inwiefern neben dem Peritext auch der Epitext diskursbildend wirkt,[29] denn dieser besteht im Gegensatz zur ziemlich gleichbleibenden Funktionsweise des Peritextes, die konstitutiv und ausschließlich mit ihrer paratextuellen Funktion der Präsentation und der Textkommentierung zusammenhängt, aus einer Menge von Diskursen, deren Funktion in ihrem Wesen nicht immer paratextuell sind: Viele Gespräche beziehen sich weniger auf das Werk des Autors als auf sein Leben, seine Herkunft, seine Ge- wohnheiten, seine Begegnungen und seinen Umgang (zum Beispiel mit anderen Autoren), ja sogar über jedes äußere Thema, das ausdrücklich in das Gespräch eingebracht wird (a.a.O.: 329f.).

In die Rezeption von Le deuxième sexe fließen deshalb auch die Diskurse um Beauvoir als Philosophin und Schriftstellerin ein, sowie in diesem Zusammenhang auch ihre skandalträchtige Beziehung zu Sartre, welche sich direkt auf letztgenannte Diskurse und auf die Rezeption ihrer Werke auswirkt. Diese Diskurse sollen inhaltlich in Kapitel 3.1.1 nachvollzogen werden, während ihre Auswirkungen in Bezug auf die Rezeption von Le deuxième sexe in den Kapiteln 3.1.3 und 3.1.4 aufgezeigt werden.

Wie hieran ersichtlich wird, muss es sich bei Paratexten nicht nur um schriftlich fixierte Mitteilungen und Inhalte handeln, weshalb Genette einen stofflichen von einem faktischen Paratext unterscheidet:

Als faktisch bezeichne ich einen Paratext, der nicht aus einer ausdrücklichen (verbalen oder nichtverbalen) Mitteilung besteht, sondern aus einem Faktum, dessen bloße Existenz, wenn diese der Öffentlichkeit bekannt ist, dem Text irgendeinen Kommentar hinzufügt oder auf seiner Rezeption lastet (a.a.O.: 14).

Zum faktischen Paratext gehören insbesondere auch biographische Fakten über den Autor wie Alter, Geschlecht, sexuelle Orientierung, ethnische oder religiöse Herkunft, etc. (ebd.). Darüber hinaus hat der „verlegerische Epitext“ „werbende oder 'verkaufsfördernde' Funktion“ (a.a.O.: 331); hierunter fällt demnach alles, was dem Marketing des Buchs durch den Verlag außerhalb des Textes dient. Der verlegerische Epitext gibt wiederum Aufschluss über intendierte Zielgruppe, angenommenen Gegenstand des Buches und Übersetzungs-strategie.

Nach diesen theoretischen Ausführungen zur verwendeten Methodik möchte ich nun zum Hauptteil dieser Arbeit kommen, der Analyse der diskursiven Wirkungsmechanismen innerhalb des Polysystems in Bezug auf die Rezeption von Le deuxième sexe und die Rolle der englischen Übersetzung hierbei.

3. Analyse der Übersetzung

[C]ultural theories travel through various forms of "rewriting" such as quotations, literary histories, anthologies, criticism, editing, and translation. [30]

Im Analyseteil dieser Arbeit möchte ich zunächst im Kapitel 3.1 auf die diskursive und systemische Einbindung von Le deuxième sexe zu sprechen kommen, wobei der philosophische Diskurs um Beauvoir, ihr philosophisches Schaffen und die philosophischen Grundlagen von Le deuxième sexe beleuchtet werden. Vor diesem Hintergrund soll dann der kontroverse Status des Werks innerhalb des feministischen akademischen Diskurses in Frankreich und Amerika herausgestellt und mögliche Gründe hierfür angeführt werden - so neben anderen Formen des rewritings auch, aber nicht ausschließlich, die Qualität der englischen Übersetzung.

Kapitel 3.2 soll die Übersetzung in ihren normativen Kontext stellen, weshalb zunächst bereits vorliegende Studien zur englischen Übersetzung angesprochen werden, um die im Zuge dessen aufgeworfenen Fragen nach der Übersetzungsstrategie und deren Rückverweis auf das Normengefüge des literarischen Polysystems zu beleuchten. Dabei möchte ich die Rolle der hierbei relevanten Agenzien in Zusammenhang mit einer kritischen Betrachtung sowohl der Rolle des Übersetzers als auch jener des Verlegers (patronage) und der Verlagsstrategie besprechen.

In Kapitel 3.3.1 möchte ich zunächst einige im Rahmen des Buchs besonders umstrittene Thematiken zur Geschlechterdifferenz diskutieren, um diese dann in Kapitel

3.3.2 auf diskursiv relevante Veränderungen in der englischen Übersetzung hin zu überprüfen. Im abschließenden Kapitel 3.3.3 soll die Bilanz des Übersetzungsvergleichs in den Kontext der Rolle der Rezeption gestellt werden.

3.1 Diskursive und systemische Einbindung

Ouvrage fameux, l'essai de Beauvoir sur la femme ne serait pas aussi bien lu qu'il le devrait et, de fait, est bien mal compris. [31]

Ce n'est qu'aujourd'hui, cinquante ans après la parution du Deuxième sexe, que l'extraordinaire complexité et originalité de la pensée philosophique de Simone de Beauvoir se trouvent mises en lumière comme domaine majeur ouvert à la recherche. [...] Alors que l'impact du texte de Beauvoir en tant que classique de la pensée féministe et en tant que moteur de l'évolution de cette pensée, a été et continue à être reconnu comme étant de la plus grande importance, on commence seulement maintenant à comprendre que de profondes questions philosophiques générales se trouvent impliquées dans l'analyse du genre par Beauvoir. L'une de ces conséquences de ce faitest que la philosophie féministe émigre et quitte la périphérie du débat philosophique pour gagner son centre ; une autre conséquence est de conférer au Deuxième sexe un statut encore plus décisif en le consacrant comme l'un des grands textes philosophiques du 20e siècle (Fullbrook 2002: 19).

Mit diesen Worten beginnt die Einleitung zum ersten, La philosophie du Deuxième sexe betitelten Teil der Aufsatzsammlung des internationalen Kolloquiums zum 50. Jahrestag von Le deuxième sexe, welches 1999 in Paris stattfand, und einen guten Einblick in die Vielfalt des akademischen Diskurses gewährt, der sich seit den 1990er Jahren zu Beauvoirs Gesamtwerk und insbesondere Le deuxième sexe herausgebildet hat. Die Frage, die diese Aussagen aufwirft, ist natürlich, weshalb dieser Klassiker des Feminismus seine Eigenschaft als einer der bedeutendsten philosophischen Texte des 20. Jahrhunderts erst 50 Jahre nach dessen Erscheinen preisgibt. Herausstellen möchte ich in diesem Kapitel die Bedeutung des Diskurses um Le deuxième sexe und seine Autorin bei der Rezeption des Werkes in Form von Epitexten zuweilen auch rein faktischer Natur; oder anders ausgedrückt, die Wirkungs- mechanismen eines gewissen Bildes, welches dem Leser noch vor der eigentlichen Lektüre sowohl des Originals wie auch seiner Übersetzungen - so es denn überhaupt dazu kommt - vorschwebt:

In the past, as in the present, rewriters created images of a writer, a work, a period, a genre, sometimes even a whole literature. These images existed side by side with the realities they competed with, but the images always tended to reach more people than the corresponding realities did, and they most certainly do so now. Yet the creation of these images and the impact they made has not often been studied in the past, and still is not the object of detailed study. This is all the more strange since the power wielded by these images, and therefore by their makers, is enormous. It becomes much less strange, though, if we take a moment to reflect that rewritings are produced in the service, or under the constraints, of certain ideological and/or poetological currents, and that such currents do not deem it to their advantage to draw attention to themselves merely as "one current among others" (Lefevere 1992b: 5).

Die Frage nach der Rezeption Beauvoirs, verbunden mit einem Einblick in ihr philosophisches Schaffen und der Bedeutung der Beziehung zu Sartre diesbezüglich, soll Gegenstand des ersten Unterkapitels sein. In Kapitel 3.1.2 möchte ich konkret auf den philosophischen Rahmen eingehen, in welchem ich Le deuxième sexe verorte, der existentia- listischen Phänomenologie. Der methodologische Ansatz des Werks, so möchte ich weiter herausstellen, ist wiederum stark von Beauvoirs Einstellung in Bezug auf philosophische Erkenntnis geprägt. Hierbei ergeben sich vielfältige Bezüge zu zeitgenössischen Philoso- phen, insbesondere der phänomenologischen Schule, allen voran Merleau-Ponty, aber na- türlich auch Husserl und Sartre, ferner Heidegger, Kierkegaard, Levi-Strauss, Hegel, Marx und Nietzsche, um nur einige zu nennen. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit werden Bezüge diesen und anderen Philosophen - oftmals auch in kritischer Auseinandersetzung mit diesen

- aufgezeigt und die theoretischen Ausführungen der Kapitel 3.1.1 und 3.1.2 veranschau-

licht. Dabei soll insbesondere die Relevanz des Konzepts des Leibes bzw. lebendigen Körpers für Beauvoirs Analyse der Situation der Frau herausgestellt werden. Kapitel 3.1.3 soll dann die Rezeption von Le deuxième sexe als umstrittene „Bibel des Feminismus“ skiz- zieren und, nachdem die philosophischen Grundlagen der existentialistischen Phänomeno- logie erläutert worden sind, besonders markante Schnittpunkte kontroverser Diskussion auf- zeigen. Die Bedeutung des poststrukturalistischen feministischen Diskurses soll in einem Unterkapitel eigenständig behandelt werden. Im letzten Kapitel dieses Teils zur diskursiven und systemischen Einbindung möchte ich auf Unterschiede in der Rezeption im anglo- phonen Raum - insbesondere den USA - und im frankophonen Raum - hier vor allem Frankreich - eingehen und weitere relevante Fragestellungen diesbezüglich aufzeigen, die dann in Kapitel 3.4 wieder aufgenommen werden sollen.

3.1.1 Beauvoir als Philosophin

Rien de plus ennuyeux que les livres retra ç ant des vies de femmes illustres - ce sont de bien p â les figures à c ô t é de celles des grands hommes ; et la plupart baignent dans l'ombre de quelques h é ros

masculin. [32]

It is an interesting but puzzling fact that, by and large, feminist writings have taken Simone de Beauvoir's statements […] of her almost a priori intellectual subservience to Jean-Paul Sartre at face value, asking why this was so, rather than whether it really typified the relationship or might have been instead a public and calculatedly stereotypical caricature behind which de Beauvoir and Sartre lived and worked, masked from the outside world. Puzzling because de Beauvoir was so obviously a powerful, proud and dominating - indeed at times a forbidding - intellectual presence, both in her published writings and to the people who met her; and interesting because many insightful feminist commentators have, paradoxically, ignored the sheer power of the woman and instead resolutely seen only "subservient de Beauvoir" as portrayed through the lens of her autobiographical writing and the interviews surrounding this. The result is that a massive contradiction - powerful woman/subservient woman - remains hidden or is elided (Stanley 1996: 424).

Wie Eingangs festgestellt, begegnet die akademische Welt Beauvoirs philosophischem Werk angesichts der Komplexität und Originalität ihrer Gedanken mit einem auffälligen Maß an Ignoranz. Viel eher wird sie als Literatin gesehen und philosophisches Gedankengut

- so dieses denn überhaupt als solches identifiziert wird - wird zumeist der Einflussnahme Sartres zugeschrieben. Heinämaa (2002: 48) fasst diese immer noch weit verbreitete Haltung[33] gegenüber Beauvoir wie folgt zusammen:

Simone de Beauvoir n'est généralement pas considérée comme philosophe et l'on n'étudie guère ses œuvres, y compris Pour une morale de l'ambigu ï t é (1947) et Le deuxième sexe (1949) en tant qu'œuvres de philosophie. On lit Beauvoir comme romancière et comme essayiste, et ceux de ses écrits qui n'entrent pas dans la fiction sont considérés comme des études socio-historiques. Lorsque les lectrices et les lecteurs rencontrent dans les textes de Beauvoir des notions ou des arguments philosophiques, ils les imaginent la plupart du temps empruntés aux travaux de Sartre.

Dieser Lesart setzt Heinämaa nun Folgendes entgegen: „I argue that Beauvoir's discussion on femininity and sexual difference is phenomenological in its aims and its methods. Her basic starting points are in the Husserlian idea of the living body that she found developed in Merleau-Ponty's Ph é nom é nologie de la perception (1945)“ (Heinämaa 2003a: xii). Merleau- Pontys Werk stellte für Beauvoir eine vielversprechende Alternative zu Sartres phänomeno- logischer Ontologie dar, wie er sie in L'Etre et le n é ant (dt.: Das Sein und das Nichts) heraus- gearbeitet hatte, und brachte sie intensiver mit Husserls Gedankengut in Kontakt.[34] Dabei nutzte sie den phänomenologischen Rahmen, der sich ihr dort bot, um ihre eigenen Gedan- ken bezüglich Struktur und Bedeutung geschlechtlicher Differenz herauszubilden:

Into the methodological framework of phenomenology Beauvoir inserted a radical new understanding of the relation between men and women. She did not take the man/ woman division as just one aspect of human experience but saw it as the dominant distinction structuring our bodily sensations and feelings and also our highest spiritual achievements, philosophy included (a.a.O.: xiii).

Damit entwickelte Beauvoir einen eigenständigen phänomenologischen Ansatz,[35] wobei sie sich als Feministin von den die Neutralität des philosophischen Kanons in Frage stellenden Werken von Christine de Pisan, François Poulain de la Barre, Mary Wollstonecraft, John Stuart Mill, Virginia Woolf und Colette[36] und zum anderen von den Paradoxa in den Schriften von Nietzsche und Kierkegaard beeinflussen ließ (vgl. ebd.):

2003a: xii). Heinämaa merkt allerdings an, dass die konstatierte Distanzierung Beauvoirs von Sartre meist mit einer Distanzierung von Sartres phänomenologischem Gedankengut und darüber mit einer Verwerfung phänomenologischen Gedankenguts per se gleichgesetzt wird: „Le Dœuff makes this assumption explicitly. She identifies phenomenology with Sartre's modification of it and concludes that the criticism Beauvoir launches against Sartrean subjectivism applies equally to all phenomenology“ (ebd.).

Beauvoir's project which is not to define woman, but to eloquently, even exhaustively refuse to offer such a definition, while demonstrating the inadequacy and misguidedness of earlier attempts to provide such a definition. The Second Sex, one of the greatest landmark works of the twentieth century, might best be seen as a considered refusal of definitions, categories, genres. And this refusal moves the text onto very interesting intellectual terrain indeed (Fullbrook und Fullbrook 2008: 223; Hervorhebung im Original).

Wie kommt es nun, dass die Originalität und Relevanz ihres Ansatzes insbesondere in der Philosophie so schmählich ignoriert wurde[37] und dass Le deuxième sexe ganz im Gegenteil auch heute noch einer Vielzahl von Anfechtungen gerade von feministischer Seite ausgesetzt ist, die oftmals auf einer oberflächlichen oder vorurteilsbehafteten Lesart beruhen?

Heinämaa führt hierfür zwei Gründe an. Zum einen - und dies ist im Rahmen dieser Arbeit besonders relevant - nennt sie fehlerhafte und unvollständige Übersetzungen als Ursache für die Beschädigung des philosophischen Gehalts des Werkes:

We may wonder why the philosophical dimension of Beauvoir's work has been neglected for such a long time. One reason for the neglect lies in partial and inaccurate translations. Readers in English, Dutch, Japanese, and the Scandinavian languages have not had access to the philosophical arguments of Le deuxième sexe because translations have erased the references that Beauvoir made to the scholarly context in which she operated. The English translation substitutes scientific and everyday idioms for the phenomenological terms that Beauvoir used when she defined her topic and posed her critical questions. The Second Sex has been used as a model for other translations, and so the mistakes and omissions have spread (a.a.O.: 1)

Auf diesen Aspekt werde ich in der Mikro- und Makroanalyse der Übersetzung eingehen.

Der zweite Aspekt, um den es in diesem Kapitel vorrangig gehen soll, ist in der vor- urteilsbehafteten Haltung zu suchen, mit der den Errungenschaften von Frauen - im wissenschaftlichen wie auch im künstlerischen Bereich - begegnet wird. Diese werden psychologisiert, d.h. vorrangig im Kontext der Persönlichkeit und des Lebens der Autorin rezipiert - geradeso, als ob der Umstand allein, dass Frauen zu eigenständigem wissen- schaftlichen und künstlerischen Ausdruck fähig sind, eine solche Absonderlichkeit darstellt, dass die Frage, wie es dazu kommen konnte, das Werk an sich als Untersuchungsgegenstand verdrängt:

Women's artistic and scientific achievements have traditionally been studied in the context of their personal lives. Their writings have not been related to the intellectual

environment in which they were published nor to the tradition from which they emerged. Instead, they have been seen merely as reflections of women's emotional attachments and social relations. Beauvoir's commentaries are full of such reductions. An additional problem is that most studies restrict Beauvoir's personal life to her rela- tionship with Sartre. This makes psychologizing readings particularly narrow in her case. The common comparison still is between "Beauvoir - the novelist," and "Sartre - the philosopher" (a.a.O.: 2).[38]

Nicht genug damit, dass sich der Interpretationsrahmen für die Rezeption ihrer literarischen und philosophischen Werke zumindest bis in die 1980er Jahre auf die nach damaligen Kriterien für eine Frau höchst ungewöhnliche, um nicht zu sagen skandalöse Lebensführung Beauvoirs beschränkte; ihre Liaison mit Sartre lies sie vollständig in dessen Schatten treten, sodass jegliche philosophischen Anklänge nicht nur Sartre zugeschrieben, sondern auch vollständig über dessen philosophische Konzeptionen interpretiert wurden. Sartres Œuvre ist wiederum - im Gegensatz zu Beauvoirs eigenen philosophischen Werken - Gegenstand zahlreicher Diskussionen.[39] Diese Sichtweise beschränkt sich nicht nur auf einige besonders ignorante und unbelehrbare männliche Zeitgenossen Beauvoirs, sondern bildet auch - oder aufgrund der Ablehnung gegenüber dem (durch die offensichtliche Verbindung zu Sartre) angeblich patriarchal dominierten Diskurs Beauvoirs über die Frau - gerade in feministischen Kreisen die vorherrschende Meinung zu Beauvoir, welche bis in die heutige Zeit hinein mehr oder weniger subtil überdauern konnte. So stellt die Feministin und Philosophin Sarah Kofman ganz unumwunden fest:

[I]l est bien évident que pour toute ma génération, Simone de Beauvoir a été assimilée à Sartre ; ils formaient le "couple" inséparable, mais c'était lui quand même qui écrivait

les livres de philosophie. En gros, tout le monde croyait qu'ils pensaient la même chose (Rodgers 1998: 174).[40]

Sylvie Chaperon (2004: 117) spricht im Hinblick auf das „genre des intellectuels“ von einer „apparente évidence de l'absence des femmes“ und macht in diesem Kontext eine Tradition von Intellektuellenpaaren aus, bei denen der weibliche Part nur im Schatten ihres männlichen Gefährten wahrgenommen wird, wobei sich Beauvoir unfreiwillig in diese Traditionslinie einreiht:

Beauvoir n'échappe pas à la règle. Toujours dans le sillage de son compagnon, "NotreDame de Sartre" ou "La Grande Sartreuse" ne semble guère intéressante pour ellemême ; on lui attribue les mêmes opinions, les mêmes choix, elle est une sorte de double, en petit, de l'illustre intellectuel (a.a.O.: 118).[41]

Verantwortlich hierfür befindet Chaperon einen komplexen Prozess der diskursiven Unsicht- barmachung oder Ausblendung von Frauen[42] in diesem und anderen Bereichen kultureller Produktion, welcher auch über die Internalisierung patriarchaler Bewertungsmaßstäbe ab- läuft:

Tous les travaux sur le genre ont montré que leur faible présence résultait d'un processus complexe d'"invisibilation". Celui-ci commence du vivant même des actrices, par l'exclusion des filières d'excellence, la marginalisation professionnelle mais aussi le discrédit de leur personnage, la dépréciation de leur production, critères qui sont le plus souvent intériorisés par les intéressées (a.a.O.: 119).

Diesen beiden Punkten möchte ich noch einen dritten, hiermit in enger Verbindung

stehenden Punkt hinzufügen: Speziell in Beauvoirs Fall ist eine scheinbare Selbstunter- schätzung zu beobachten, welche sie zu verschiedenen Anlässen beinahe schon ein wenig zu offen zur Schau trägt. Hiermit scheint sie die These von der Frau innerhalb einer Männer- gesellschaft zu bestätigen, die die Entwertung weiblicher intellektueller Produktion verinner- licht hat und sich somit eigenständig dem geistigen Primat des Mannes unterwirft. Eine solche Einstellung nimmt sich selbstredend wenig feministisch aus und bedarf der genaueren Untersuchung.

Wie Heinämaa (a.a.O.: 2) erläutert, wird die Unterordnung Beauvoirs gegenüber Sartre und ihre Marginalisierung im philosophischen Diskurs insbesondere mit Verweis auf ein Interview gerechtfertigt, das 1979 in Feminist Studies gedruckt wurde, und in dem sie folgende Aussage traf:

"Sartre was a philosopher, and me, I am not" […]. Based on this sentence, numerous commentators declare that Beauvoir abandoned philosophy to Sartre. Both feminist and antifeminist readers agree that she had substantial philosophical skills and aspirations that she did not realize in action. The prevailing conclusion is that Beauvoir did not consider herself as a philosopher and that her works can be interpreted and evaluated without philosophical considerations (Simons und Benjamin 1979: 9, zit. in Heinämaa 2003a: 2).

Die Folge dieses Verständnisses von Beauvoirs philosophischem Schaffen war die erwähnte Zuschreibung jeglicher philosophischer „Anwandlungen“ ihrerseits - und insbesondere auch der philosophischen Dimension von Le Deuxième Sexe - an Sartre. Diesbezüglich stellt Simons (2001: 17) fest:

Despite textual evidence to the contrary, critics have long described Simone de Beauvoir as the philosophical follower of Jean-Paul Sartre and her feminist master- piece, Le deuxième sexe, as an application of Sartre's philosophy in L' ê tre et le n é ant to the situation of women. The problem of differentiating the philosophies of Beauvoir and Sartre and tracing their mutual philosophical influence is a difficult one, with a tradition of sexist criticism compounded by Beauvoir herself, who, beginning in the mid-50s, portrayed herself as a literary writer and Sartre as the philosopher.[43]

Simons widmet sich in ihrem Essay „The Beginnings of Beauvoir's Existential Philo- sophy“ der Sichtbarmachung von Beauvoirs philosophischer Eigenständigkeit und stellt die These auf, dass es entgegen der landläufigen Sichtweise eine von Beauvoir ausgehende Be- einflussung des Sartrischen Gedankenguts gegeben hat und nicht (nur) umgekehrt. Hierbei

stützt sie sich auf Beauvoirs Tagebuch des Jahres 1927, welches noch aus ihren Studen- tinnentagen stammt, erst 1990 durch Beauvoirs Adoptivtochter Sylvie LeBon entdeckt wur- de. Dieses ermöglicht einen aufschlussreichen Einblick in die Gedankenwelt Beauvoirs vor ihrer Bekanntschaft mit Sartre (vgl. a.a.O.: 18, 20f.), wobei Simons konkrete Parallelen zwischen den dort formulierten Gedanken und Sartres Konzeptionen in L'Etre et le n é ant aufzeigt. Interessanterweise erklärt Beauvoir 1927 nicht nur das Philosophieren - besonders in Verbindung mit der Schilderung konkreter gelebter Erfahrung - zum Sinn ihres Lebens (a.a.O.: 20f.), sondern nennt die Problematik des Selbst und des Anderen als Brennpunkt ihres philosophischen Interesses - zwei Jahre bevor sie auf Sartre traf (a.a.O.: 24). In einem späteren Interview mit Simons und Benjamin (1979) sollte Beauvoir erneut bestätigen, dass „this problem…of the other's consciousness, it was my problem“ (a.a.O.: 339).[44] Zudem beschreibt sie sich in ihren frühen Werken durchaus als Existentialistin. Zu ihrem Verhältnis zum Existentialismus schreibt Heinämaa (2003a: 59):

Beauvoir ([1947] 1979[a], 344; [1948b] 1963, 13) also refers to Sartre's works in her early essays on existentialism. In these texts, she introduces herself as an "existentialist" and says that her philosophy is existentialist. However, to decide merely on this basis that Beauvoir's philosophy is Sartrean is to succumb to anachronistic thinking. Existentialism is, in Beauvoir's understanding, a much wider and more complex concept. […] For her, existentialism consists of an ensemble of ideas shared by several thinkers who take their starting point in Descartes's radicalism and Kierkegaard's criticism of Hegel.[45]

Wie bereits erwähnt, ist es entgegen der landläufigen Annahme, Beauvoir habe grundlegende philosophische Konzepte unkritisch von Sartre übernommen, vielmehr so, dass sie die Ausführungen ihres Freundes und Kommilitonen Merleau-Ponty weitaus mehr ansprachen und - hierauf werde ich noch verweisen - sie nicht nur eigenständige philo-

sophische Theorien entwickelte, sondern dass es Grund zur Annahme gibt, dass ihre bereits während ihres Studiums herausgebildenten Überlegungen auch Grundlage für die Entwicklung von Sartres Theorien waren.[46] Die philosophische Beziehung zwischen Beauvoir und Sartre fasst Heinämaa (2003a: 61) wie folgt zusammen:

Beauvoir's writings do not justify the interpretation according to which her notion of the self is identical with that of Sartre. There is substantial textual evidence of other influences and sources. On the whole, Beauvoir's writings on Sartre's philosophy seem to be, to use her own terms, "well-documented critical studies" [vgl. Beauvoir 1995: 254]. She is clearly sympathetic to Sartre's views and formulations, but she does not, as the thinker, commit herself to his philosophical doctrine. When we turn to compare Beauvoir's descriptions of the living body to those of Sartre and Merleau-Ponty, we can more clearly see how her reflections depart from Sartre's ontology. Her philosophy of sexual difference is not based on his concepts but on her own analyses of the lived experience of corporeality.

Auf die Unterschiede in den Konzeptionen von Beauvoir und Sartre zum einen und der Nähe von Beauvoirs Ausführungen zu jenen Merleau-Pontys werde ich an späterer Stelle eingehen. In diesem Kapitel möchte ich vor allem Beauvoirs Positionierungsstrategie im philosophischen Diskurs beleuchten. Diesbezüglich ist die folgende Selbsteinschätzung im zweiten Band ihrer Autobiographie La force de l' â ge besonders interessant, in welcher Beauvoir ihre eigene Herangehensweise gegen-über philosophischen Ideen mit jener Sartres kontrastiert, scheint diese doch zunächst die Einschätzung Heinämaas zu bestätigen (Beauvoir 1995: 253f., zit. in Heinämaa 2003a: 3):

Sartre had said that I comprehended philosophical doctrines, including that of Husserl, quicker and more precisely than he did. In fact, he tended to interpret them according to his own schemas; it was difficult for him to forget himself and to adopt without hesitation a viewpoint of someone else. I had no such resistance to break; my thinking modeled itself immediately to the thought that I attempted to understand. I did not, however, receive it passively: to the same extent that I adhered to someone's thinking, I also perceived gaps and incoherence in it, and studied possible developments. If a theory convinced me, it did not remain external to me, it changed my relation to the

world, and colored my experience. In short, I had a solid faculty of assimilation and a well-developed critical sense; and philosophy was for me a living reality.[47]

Wie nun sind diese scheinbar widersprüchlichen Aussagen zu verstehen? Heinämaa begründet diese Ambivalenzen mit Beauvoirs unorthodoxem Verständnis von Philosophie bzw. des Verhältnisses von Philosophie und Literatur, welche die Ursache für Beauvoirs Ablehnung der in ihren Augen zu einseitig besetzten Bezeichnung „Philosophin“ für ihr Schaffen ist, und erneut die Abgrenzung zu Sartre bestätigt. Ich möchte diesem Argument wie schon angekündigt noch ein weiteres zur Seite stellen: Jenes der strategischen diskursiven Positionierung als Frau innerhalb eines patriarchalen intellektuellen Marktes. Zunächst jedoch zu Beauvoirs alternativem Verständnis von Philosophie.

Heinämaa geht in ihrer Argumentation von der Beobachtung aus, dass das Bild des männlichen Philosophen gegenüber der weiblichen Schriftstellerin eine bestimmte, vor- urteilsbehaftete Konzeption des Philosophierens verrät. Philosophie wird hiernach als Kons- truktion von Systemen verstanden, wobei der Philosoph als „original inventor“ unabhängig von der intellektuellen Tradition oder gerade gegen diese agiert. Während Sartre einer sol- chen Definition entspricht, kann man dies von Beauvoir nicht behaupten; sie widmete sich weder der Entwicklung eines philosophischen Systems noch einer metaphysischen Theorie. Allerdings ist es ein Fehlschluss, hierin den Beweis dafür sehen zu wollen, dass Beauvoir das Philosophieren lieber Sartre überließ. Vielmehr fußt ihre philosophische Praxis auf einem anderen Verständnis von Philosophie:

I argue that she rejected this notion [of philosophy as a system, KG] both in her prac- tice and thinking and in explicit statements. Her writings introduce us into an alter- native understanding of philosophizing. In Beauvoir's texts, philosophical work is seen primarily as search for truth and evidence and as questioning and communication with others (a.a.O.: 4).[48]

Dieses alternative Verständnis des Philosophierens bildet einen Kontrapunkt zur Konstruktion eines Universalsystems, weshalb sich Beauvoir trotz der in ihren Augen beeindruckenden strukturellen Differenziertheit des Hegel'schen Systems nicht dessen Methodik verschrieben hat und dieses aufgrund seiner Abgetrenntheit von der konkreten Erfahrung letztlich als rein spekulativ verwirft. Insbesondere Kierkegaards radikale Zurückweisung des hegelianischen Modus' systematischer Theoriebildung als Zugang zu Erkenntnis beeinflusste Beauvoir stark. Sie erklärt in La force de l' â ge:

Je continuai à lire Hegel que je commençais à mieux comprendre ; dans le détail, sa richesse m'éblouissait ; l'ensemble du système me donnait le vertige […]. Mais le moindre mouvement de mon cœur démentait ces spéculations : l'espoir, la colère, l'attente, l'angoisse s'affirmaient contre tous les dépassements ; la fuite dans l'universel n'était en fait qu'un épisode de mon aventure personnelle. Je revenais à Kierkegaard que je m'étais mise à lire avec passion : la vérité qu'il revendiquait défiait le doute aussi victorieusement que l'évidence cartésienne ; le Système, l'Histoire ne pouvait pas plus que le Main Génie faire échec à la certitude vécue : "Je suis, j'existe, en ce moment, à cet endroit, moi" (Beauvoir 1995: 482f.).[49]

Die Hervorhebung der Rolle gelebter Erfahrung und die Ablehnung der Konstruktion eines theoretischen Systems - beides Kennzeichen von Beauvoirs alternativem Verständnis des Philosophierens - spielen bei Descartes bereits eine Rolle,[50] und finden bei Kierkegaard und in der Phänomenologie ihre Fortsetzung (vgl. a.a.O.: 5f.).

[...]


[1] Venuti 1998: 106.

[2] Vgl. J. Hillis Millers Ausführungen in Susam-Sarajeva (2006: 9): „[W]hen theory travels it is 'disfigured, deformed, translated' (Miller 1996: 220). In the receiving system 'a theory is made use of in ways the theory never intended or allowed for' (Miller 1996: 219): 'At the new site, giving an impetus to a new start, the theory will be radically transformed, even though the same form of words may still be used, translated as accurately as possible into the new language. If the theory is transformed by translation, it also to some degree transforms the culture or discipline it enters. The vitality of theory is to be open to such unforeseeable transformations and to bring them about as it crosses borders and is carried into new idioms' (Miller 1996: 223).“

[3] Vgl. Venuti (1998: 106): „The problem is perhaps most glaring in Anglo-American cultures, where native philosophical traditions from empiricism to logical semantics have privileged language as communication and therefore imagined the transparency of the translated text. But even in Continental traditions like existentialist phenomenology and poststructuralism, where language is viewed as constitutive of thought and translating can more readily be seen as determining the domestic significance of the foreign text - even here philosophical argument and speculation give only passing acknowledgement to their reliance on translations.“

[4] Anna Alexander spricht in diesem Kontext von einer Ausblendung der Geschlechterkategorie („eclipse of gender“) im philosophischen Diskurs, welcher mit einer Ausblendung von Beauvoir einhergeht (vgl. Alexander 1997: 117).

[5] Vgl. Alexander 1997: 117ff.

[6] So wurde The Second Sex bei Erscheinen des Buchs von dessen amerikanischem Verlagshaus Knopf angepriesen (vgl. Dietz 1992: 74).

[7] Ferner verweist dieser Umstand auf eine weitere Problematik, welche in der generellen Vernachlässigung einer kritischen Auseinandersetzung mit den Umständen der Publikation von Beauvoirs Werken und den darin involvierten normativen Regulationsmechanismen zu sehen ist. Vgl. Murray (2000: 145) „[M]uch attention has been paid by feminists to both the incubation and the impact of Beauvoir's thought - to, on one hand, the conditions of Beauvoir's life which made possible her escape from the confines of haute-bourgeois propriety and, on the other, to the reception of her ideas in various currents of the international women's movement. But the crucial intervening event - the introduction of this author to a reading public through the publication of her ideas - has, curiously, remained for critics largely an analytical blind spot.“ Dies sollte sich erst mit Anbruch der 2000er Jahre spürbar ändern (vgl. Flotow 2009: 36f.).

[8] Hier kommt die Macht, die Übersetzer bzw. Übersetzungen durch die im Rahmen von domestizierenden Übersetzungsstrategien zumeist unsichtbare Neugestaltung des Textes zukommt, besonders deutlich zum Vorschein. Dazu Theo Hermans (1999: 96): „Translators never 'just translate'. [...] André Lefevere (1992) has argued that [translations] create an 'image' of their source, and the image is always slanted, manipulated. The power of translation, as of the other forms of 'rewriting' with which Lefevere constantly links translation, is that it routinely replaces its originals. For most of us, the children's version of Robinson Crusoe becomes Robinson Crusoe, the TV serial of Pride and Prejudice becomes Pride and Prejudice, the English Penguin Dostoevsky is Dostoevsky.“

[9] Vgl. Susam-Sarajeva 2006: 9: „One would […] expect travelling theory to be an attractive research topic for translation scholars. Research on translation today covers a wide range of issues; nevertheless, remarkably little work appears to have been done within translation studies on the vast field of translating conceptually dense texts, such as philosophical or theoretical writings.“

[10] Vgl. Venuti 1998: 28, der mit Verweis auf Gideon Tourys Prämisse, nach welcher der Übersetzungs- wissenschaftler der Descriptive Translation Studies (im Gegensatz zu präskriptiven Ansätzen) Übersetzungen jenseits eines Normengefüges völlig wertungsfrei beschreibt, einwirft: „What's missing is a recognition that judgements can't be avoided in this or any other cultural theory. Even at the level of devising and executing a research project, a scholarly interpretation will be laden with the values of its cultural situation.“

[11] Hermans 1985: 11.

[12] Vgl. (Hermans 99: 110): „Polysystems theory has benefited translation research by placing translations squarely in a field of cultural activity. Even though the theory prefers to operate at the abstract level of repertoires and textual models rather than that of actual texts, writers or translators, it draws attention to the practical and intellectual needs which translations might be trying to fill. It thus provides a way of connecting translations with an array of other factors in addition to source texts. In other words, it integrates translation into broader sociocultural practices and processes, making it a more exciting object of study and facilitating what was subsequently hailed as the 'cultural turn' in translation studies.“

[13] Vgl. (Hermans 1999: 106f.): „The central idea of polysystem theory, as of all system theories, is relational. Not only are elements constantly viewed in relation to other elements, but they derive their value from their position in a network. The relations which an element entertains with other elements are what constitutes its function or value. In that sense such theories are functionalist. They are also constructivist: they recognize that the network, and the relations within it, are a matter of the researcher perceiving a network in the first place.“ Hier wird wiederum deutlich, inwiefern eine Übersetzungsanalyse auch im Paradigma der Polysystemtheorie nicht wertfrei, d.h. außerhalb des Normensystems der Kultur des Übersetzungswissenschaftlers, stattfinden kann.

[14] Vgl. Hermans 1999: 95: „[T]he normative apparatus which governs the selection, production and reception of translation, together with the way translation is conceptualized at certain moments, provides us with an index of cultural self-definition.“

[15] Der Begriff „Polysystem“ wird sowohl für Literatur als Systemgefüge als auch für das übergeordnete Systemgefüge Kultur verwendet. Vgl. Gentzler 2001: 114: „[Even-Zohar] coined the term 'polysystem' to refer to the entire network of correlated systems - literary and extraliterary - within society, and developed an approach called polysystems theory to attempt to explain the function of all kinds of writing within a given culture - from the central canonical texts to the most marginal non-canonical texts.“ „The term 'polysystem' is […] a global term covering all literary systems, both major and minor, existing in a given culture“ (a.a.O.: 115).

[16] Every translation, [Toury] claimed, aimed 'to serve as a message in the target cultural-linguistic context, and in it alone', and translated texts were 'facts of one language and one textual tradition only: the target's'“ (Hermans 1999: 40 zitiert Toury 1980: 16, 83). Die Radikalität dieser These hat Toury 1995 allerdings abgeschwächt (vgl. Hermans 1999: 41). Fragwürdig erscheint sie vor allem in Hinblick auf vielfältige Interdependenzen von Ausgangs- und Zielkultur durch Übersetzungen etwa in postkolonialen Kontexten, aber auch - wie sich noch zeigen soll - im frankophonen und anglophonen akademischen Diskurs zu Beauvoir und Le deuxième sexe. Die Zielsetzung meiner Arbeit, auch die diskursiven Wechselwirkungen der englischen Übersetzungen zwischen Ausgangs- und Zielkultur in das Blickfeld des Interesses zu rücken, ist jedoch keineswegs inkompatibel mit dem polysystemtheoretischen Ansatz; vgl. Hermans 1999: 110: „Even-Zohar concurs with other researchers in the Manipulation paradigm in viewing translations as typically initiated at and by the receptor pole. This does not exclude other possibilities. Just as Toury remarks that the target end is where, as a rule, research can be most profitably begin without having to be restricted to it (1995: 36), Even- Zohar realizes that translations may be exported as well as imported, and that colonial domination, for instance, may mean the imposition of translations on a population that never asked for them (1990: 68-69).“

[17] Vgl. Tourys Definition von Übersetzung als „all utterances which are presented or regarded as such within the target culture, on no matter what grounds“ (Toury 1995: 32). Vgl. Hermans 1999:53: „Equivalence is merely the name given to the 'translational relation' that is posited as existing between two texts from the moment one of them is accepted as a translation of the other. The move is rather more radical than it might seem. It divests the idea of equivalence of any substantial meaning, and demotes it from its central position as simultaneously the goal and prerequisite of translation. [...] In this line of thought the label 'equivalence' is merely the consequence of translation instead of its precondition; or more exactly: it is the consequence of the decision to recognize a text as a translation.“

[18] Vgl. Hermans 1999: 54: „Because this equivalence is the result of choices made by the translator, and because the choices were governed by norms, the role of norms is crucial in shaping the text and colouring in the equivalence relation. In this way the downgrading of equivalence is accompanied by an upgrading of the notion of norms. The reversal provides the study of translation with a new focus. The evaluative assessment of equivalence makes room for a comparative analysis intent on seeking out the norms governing the translator's choices.“

[19] Lefeveres Konzept von Macht und Machtkämpfen geht auf Foucault zurück und ist nicht allein als repressive, sondern auch als konstruktiv wirkende Kraft zu verstehen, welche Macht, Wissen und Diskurse konstituiert (vgl. a.a.O.: 15). Vgl. in diesem Kontext auch Lefeveres Ideologiebegriff als „a set of discourses which wrestle over interests which are in some way relevant to the maintenance or interrogation of power structures central to a whole form of social and historical life“ (Lefevere 1988-9: 59, zit. in Gentzler 2001: 136).

[20] Vgl. Hermans 1999: 42: „Polysystem theory viewed literary and cultural life as the scene of a perpetual struggle for power between various interest groups. This focus on interaction and conflict gave the model its dynamic character. It also added a teleological dimension to translation by suggesting that translators' behaviour was guided by ulterior motives. Translation, that is, could now be seen as one of the instruments which individuals and collectives could make use of to consolidate or undermine positions in a given hierarchy. In thus broadening the scope, drawing attention to the impact of translation as a historical force and providing an explanatory frame of reference, polysystem theory gave the descriptive paradigm depth and relevance as well as legitimacy.“

[21] Vgl. Toury 1995: 63: „Real-life situations tend to be complex; and this complexity had rather better be noted rather than ignored, if one is to draw any justifiable conclusions. […] [T]he only viable way out seems to be to contextualize every phenomenon, every item, every text, every act, on the way to allotting the different norms themselves their appropriate position and valance.“

[22] Vgl. Gentzler 2004: 166: „Lambert and van Gorp's method asks that scholars look at extra-linguistic factors influencing translations such as editorial policies and social norms governing translations as well as linguistic factors such as words, sentences, paragraphs and metaphors.“

[23] Lambert und van Gorp bemerken, dass sich die hierbei relevante Vorstellung von System nicht allein auf das literarische System beschränken muss, da dieses grundsätzlich mit anderen Teilsystemen des Makrosystems Kultur interagiert: „The target system need not to be restricted to the literary system of the target culture, since translations of literary works may also function outside literature, within a translational system. In most cases, however, the target system will be (part of) the literary system of the target culture, or at least overlap it“ (ebd.).

[24] Vgl. a.a.O.: 40: „Since translation is essentially the result of selection strategies from and within communications systems, our main task will be to study the priorities - the dominant norms and models - which determine these strategies.“

[25] Vgl. Gentzler 2001: 132: „Lambert and van Gorp called for not only a study of the relations between authors, texts, readers, and norms in the two differing systems, but also for relations between the authors' and the translators' intentions, between pragmatics and reception in source and target systems, between the differing literary systems, and even between differing sociological aspects including publishing and distribution.“

[26] Vgl. Lambert und van Gorp 1985: 46f.; Gibbels 2004: 35f. 15

[27] Genette spezifiziert weiter, es handle sich „um eine 'unbestimmte Zone' zwischen innen und außen, die selbst wieder keine feste Grenze nach innen (zum Text) und nach außen (dem Diskurs der Welt über den Text) aufweist, oder wie Philippe Lejeune gesagt hat, um 'Anhängsel, die in Wirklichkeit jede Lektüre steuern'“ (ebd. mit einem Zitat von Lejeune 1975: 45).

[28] Hierunter fallen beispielsweise Format, Reihe, „Umschlag und Zubehör“. Mit Letzterem sind der Name des Autors, Gattungsangabe, Widmung, Motti, Emblem der Reihe, Verlagsadresse, Verkaufspreis, die ersten Umschlagseiten, Schutzumschlag evtl. mit Illustrationen, Titelseite und Zubehör (Vorsatzblätter, Schmutztitel…) , Satz des Buches und Auflagen sowie Anhang gemeint.

[29] Vgl. a.a.O.: 330 zu den direkten Auswirkungen des Epitexts auf den Paratext: „Alles, was ein Schriftsteller über sein Leben, seine Umwelt, oder das Werk der anderen sagt oder schreibt, kann paratextuelle Relevanz besitzen […].“

[30] Susam-Sarajeva 2002: 15.

[31] Daigle 2008: 170.

[32] DSII: 41. Im Folgenden wird Le deuxième sexe als DSI und DSII (Beauvoir 1986) und The Second Sex als SS (Beauvoir 1997b) abgekürzt.

[33] „The traditional reading is still widely accepted, even though several scholars have pointed out, starting in the early 1980s, that Beauvoir's inquiry is philosophical. Michèle Le Dœuff's work L'etude et le rouet (Hipparchia's Choice: An Essay Concerning Women, Philosophy, Etc.,1989 1991) was pioneering in this field“ (Heinämaa

[34]Ph é nom é nologie de la perception convinced Beauvoir of Husserl's claims that phenomenology is not an epistemological theory nor a solipsistic system, but fundamentally a philosophy of corporeality and intersubjectivity. When she undertook to write about sexuality, she was not Sartre's pupil but a reader of several Husserl scholars, Merleau-Ponty and Heidegger, but also Fink and Lévinas“ (a.a.O.: xii). Allerdings argumentiert Simons, dass Beauvoir wahrscheinlich schon früher oder zumindest zeitlich parallel zu ihrem Austausch mit ihrem Freund und Kommilitonen Merleau-Ponty - nämlich bereits 1927 durch Jean Baruzi - mit Husserl in Kontakt gekommen war. Vgl. Fußnote 72 auf S. 42 dieser Arbeit.

[35] Vgl. hierzu O'Brien 2001: 6.

[36] Vgl. eines der beiden Motti des ersten Bandes von Le deuxième sexe, welches von Poulain de la Barre stammt: „Tout ce qui a été écrit par les hommes sur les femmes doit être suspect, car ils sont à la fois juge et partie“ (DSI: 7). Das andere Motto stammt von Pythagoras und ist quasi als besonders eindrückliches Beispiel zur Verdeutlichung dieser These zu betrachten. Es lautet: „Il y a un principe bon qui a créé l'ordre, la lumière et l'homme et un principe mauvais qui a créé le chaos, les ténèbres et la femme“ (ebd.).

[37] Außerhalb feministischer Kreise werden die phänomenologisch-existentialistischen Prämissen von Beauvoirs Schaffen bis auf wenige Ausnahmen überhaupt nicht berücksichtigt, da Beauvoir innerhalb des philosophischen Diskurses nicht als eigenständige Philosophin gesehen wird, die außerhalb feministischer Themenkomplexe - und hier wiederum auch nur mit einigen Abstrichen in puncto Modernität - irgendetwas zu aktuellen philosophischen Fragestellungen beizutragen hätte: „At present, studies of the book come primarily from feminists, particularly philosophers who identify themselves as feminists, and from biographers and other critics and writers in the literary tradition. With very few exceptions, other philosophers in the philosophic tradition out of which Simone de Beauvoir wrote, existential phenomenology, have not studied [ The Second Sex ]“ (Pilardi 1995: 30).

[38] Dass dies ein die Zeiten mit sturer Hartnäckigkeit überdauernder Umstand ist, zeigt ein Blick auf den Eintrag zu Simone de Beauvoir in einem aktuellen rewriting, der jüngsten Ausgabe der Encyclopaedia Britannica. Dort heißt es zu Beauvoir: „French writer and feminist, a member of the intellectual fellowship of philosopherwriters who have given a literary transcription to the themes of Existentialism. She is known primarily for her treatise Le Deuxième Sexe, 2 vol. (1949; The Second Sex), a scholarly and passionate plea for the abolition of what she called the myth of the 'eternal feminine.' This seminal work became a classic of feminist literature.“ Vgl. "Simone de Beauvoir." (2009) in Encyclopædia Britannica Online.

[39] In Bezug auf das auch heute noch zu konstatierende Ungleichgewicht in der akademischen Forschung und die angenommene Einseitigkeit der Einflussnahme zwischen Beauvoir und Sartre machen Fullbrook und Fullbrook (2008: 143f.) folgende exemplarische Beobachtung: „One of the admirable qualities of Sartrean scholarship is its tradition of placing Sartre's philosophy in the context of his antecedent and contemporary philosophers. […] This fine and honest tradition […] is especially well-served by The Cambridge Companion to Sartre, edited by Christina Howells. This work, which runs to 400 pages, is particularly strong in tracing the interrelationships between Sartre's thought and that of thinkers with whom Sartre's life was roughly contemporary. […] However, for all its wide range and overt generosity, the Cambridge Companion to Sartre also displays another vivid case of absence, one which, unfortunately, characterizes Sartre studies generally. In fact, the absent individual does receive one mention in the book in question, but - and again this is characteristic - in the role of the great man's biographer. In terms of historical, factual and ethical importance, this absence, compared to the presence of the 37 male writers rightly linked with Sartre, far outweighs the previously noted absence of Sartre in the Companion to the Philosophy of Mind. In the Companion to Sartre only one deeply significant figure is excluded from the reckoning, and that person is both the most important person in the relevant intellectual history, and a woman. The excluded one, so eloquent in her absence, is, of course, Simone de Beauvoir.“

[40] Dieser Eindruck wird auch durch Epitexte wie Beauvoirs Biographien noch genährt: „[N]one of the three biographies published so far (by Claude Francis and Fernande Gonthier, Deirdre Bair, and Margaret Crosland) takes her writing seriously: dutifully pausing in their narrative of love affairs for a quick glance at individual works, her biographers fail to grasp the power and complexity of her greatest texts. Reading their work, one may be forgiven for concluding that the significance of Simone de Beauvoir derives largely from her relatively unorthodox relationship with Sartre and other lovers“ (Moi 1994: 5).

[41] Vgl. Daigle 2006: 61: „L'histoire de la réception de l'œuvre de Simone de Beauvoir est celle de son occultation du milieu philosophique. On l'a trop souvent présentée en tant que simple disciple de Sartre. La 'grande Sartreuse' ne ferait que reprendre, illustrer et exalter la pensée sartrienne dans ses propres travaux.“

[42] Diese Unsichtbarmachung beschreiben Fullbrook und Fullbrook (2008: 160) besonders gegenständlich anhand eines Besuchs in einem Londoner Buchladen, in welchem sie zwar auf eine überdurchschnittlich gut sortierte „Beauvoir, die Schriftstellerin, Essayistin und Feministin“ treffen, wohingegen jedoch „Beauvoir, die Philosophin“ nicht zu existieren scheint: „Most interesting for our purposes, however, was where Beauvoir was not. As on all our sporadic visits to the same bookshop over the past 25 years the Philosophy section offered nothing whatsoever on Beauvoir: in this category she had, and, it seems, continues to have, no existence whatsoever. This is not simply a case of the passing of the intense interest in mid-century French existentialism: Merleau-Ponty still figured on the shelves. There were, in addition, roughly 15 titles either by or about Sartre (including, ironically, our own study of the Beauvoir-Sartre partnership, Simone de Beauvoir and Jean-Paul Sartre: The Remaking of a Twentieth-Century Legend, which, despite Beauvoir's being the lead name in the title and the book's major concern to question the reception of Beauvoir as a philosopher, still wound up captive in the shelving territory of her much-beloved lifelong companion, while the space which could have, indeed, should have, been hers remains, as usual, empty).“ Ein weiteres, wenngleich weniger markantes, Indiz für die diskursive Marginalisierung von Beauvoir ist der Umstand, dass Sartre zum Datenbestand der Rechtschreibprüfung meines Schreibprogramms gehört, wohingegen ich Beauvoir manuell hinzufügen musste. Ironischerweise war diesem allerdings auch der Begriff „Marginalisierung“ unbekannt.

[43] Interessanterweise ist die vielzitierte Szene in den Jardins du Luxembourg, in welcher Beauvoir ihre philosophische Eigenständigkeit gegenüber Sartre behauptet, indem sie die Grundlagen ihres Konzepts des situierten Subjekts gegenüber Sartres Vorstellung der radikalen Freiheit des Subjekts verteidigt, einer sexistischen Übersetzung zum Opfer gefallen. Statt die Geschlechterhierarchie, welche in dieser Szene in Frage gestellt wird, wie im Original zu unterminieren, bestätigt die Übersetzung diese vielmehr: „In the standard American translation of the Luxembourg gardens, when Sartre is attempting to annex her, she did not 'struggle' [ se d é battre ] with Sartre but 'discussed things' [ d é battre ] with him… It is no doubt prettier, nicer this way (all you need for a woman to capitulate is one little discussion), but a kernel of truth disappears, concerning a moment of extreme violence that she had the courage to relate“ (Le Dœuff 2006: 14f.).

[44] In diesem äußerst interessanten Interview konstatiert Beauvoir außerdem einen wechselseitigen Einfluss zwischen Sartre und ihr selbst und beschreibt, wie Sartre auf ihr Geheiß hin seine Werke entsprechend umschreiben würde (a.a.O.: 337), und dass das Vorurteil des einseitig von Sartre ausgehenden Einflusses ihrer Meinung nach wie folgt begründet sei: „This is because in France it is always assumed that it is the man who influences the woman; it is never the other way around“ (a.a.O.: 338). Vgl. hierzu auch Eva Gothlins Essay „Beauvoir et Sartre: deux philosophies en dialogue“ (2002), sowie Barbara Andrews Essay „Beauvoir's place in philosophical thought“ (2003). In Letzterem stellt Andrews die ganz offensichtliche Reziprozität der philosophischen Beziehung zwischen Beauvoir und Sartre heraus, welche Beauvoir selbst in besagtem Interview als selbstverständlich hinstellt (a.a.O.: 33f.): „[T]here is also no question that Beauvoir and Sartre shared many philosophical beliefs and that their mutual influence is enormous. They read each other's work and commented on it before publication. They were continually discussing philosophy and presented themselves as philosophical pair throughout the years. Regardless of the failures of reciprocity found by contemporary scholars and biographers, Beauvoir's and Sartre's own understanding were one of mutual influence and regard.“ Simons geht in ihrem Essay auch der Frage nach den philosophischen Ursprüngen von Beauvoirs existentialistischer Phänomenologie jenseits von Sartre nach und trifft in ihrem Tagebuch neben dem offensichtlichen Namen Merleau-Ponty auf eine Vielzahl philosophischer und literarischer Einflüsse, so Schopenhauer, Lagneau, Aragon, Valéry, Nietzsche, Leibnitz, Pascal und Bergson, um nur einige zu nennen (vgl. Simons 2001.: 28f.). Insbesondere der Einfluss von Bergson ist ein neuerlicher Gedanke in der Beauvoirforschung, der jedoch in der Affinität des Konzepts der Gegebenheit (donn é e) zu Beauvoirs Ausführungen gerade im umstrittenen Kapitel Les donn é es de la biologie offensichtlich wird (a.a.O.: 29-32). Hierzu an entsprechender Stelle mehr.

[45] Vgl. Beauvoir 1948a: 35-39; 1947: 15, 146-160, 186f.; 1995: 537, 626ff.

[46] Vgl. Heinämaa 2003a: 60f.: „[H]er review of Merleau-Ponty's Ph é nom é nologie de la perception shows that she found Sartre's concepts problematic and was highly impressed by the nondualistic alternative that Merleau- Ponty's work offered. […] Merleau-Ponty's descriptions and analyses attracted Beauvoir because they were faithful to experience. Such fidelity answered her philosophical aspirations. In La force de l' â ge, she accounts for her interests and explains how they differed from Sartre's. He saw his task in grasping the sense of things and 'fixing them in sentences.' She eschewed systems and undertook to confront the ambiguity and multiplicity of lived reality without reducing them to categories of language [vgl. Beauvoir 1995: 167; 21]. The guiding principle of her works was to describe experience faithfully and to study its variations: 'The dimension of human enterprise is neither finite nor infinite but indefinite: this word cannot be enclosed within any fixed limits, the best way of approaching it is to follow its possible variations'“ (Beauvoir 1997a: 97f.). Von dieser Einstellung zeugt auch die Struktur von Le deuxième sexe, dessen zweiten Band sie der Beschreibung und Analyse der exp é rience v é cu, der gelebten Erfahrung der Frau in ihren verschiedenartigen Variationen widmet. Dazu an späterer Stelle mehr. Natürlich übernimmt sie auch Merleau-Pontys Konzepte nicht einfach, ohne diese zu hinterfragen. Für einen Einblick in die kritische Auseinandersetzung Beauvoirs mit ihrem Kommilitonen Merleau-Ponty, siehe z.B. Simons 2001: 36ff.

[47] Vgl. auch das Zitat aus Simons 1985: 93 auf S. 152 dieser Arbeit.

[48] Diese idiosynkratische Definition von Philosophie wird in der unmittelbaren Fortsetzung ihrer Aussage zur Ablehnung der Bezeichnung „Philosophin“ aus dem Interview 1979 deutlich. In seinen Kontext gestellt, lautet diese wie folgt: Nachdem sie konstatiert hat, dass es einen wechselseitigen Einfluss zwischen Sartre und ihr gegeben hat und dass dies nicht vermutet würde, weil immer nur dem Mann die Einflussnahme auf die Frau zugeschrieben wird und nicht umgekehrt, sagt Beauvoir: „'Anyhow, Sartre is a philosopher, and I am not, and I have never really wanted to be a philosopher. I like philosophy very much, but I have not created philosophical work. My field is literature. I am interested in novels, memoirs, essays, such as The Second Sex. However, none of these is philosophy.' Margaret Simons: 'But Ethics of Ambiguity, surely that's philosophy.' SB: 'For me it is not philosophy; it is an essay. For me, a philosopher is someone like Spinoza, Hegel, or Sartre; someone who has built a great system, and not simply someone who likes philosophy, who can teach it, understand it, and who can make use of it in essays. A philosopher is someone who truly built a philosophical system. And that, I did not want to do. When I was young, I decided that it was not what I wanted to do'“ (Simons und Benjamin 1979: 338; meine Hervorhebung). Hierzu kommentieren Fullbrook und Fullbrook (2008: 163): „After this clarification, we think one can safely say that, using Beauvoir's terms, the bookshop Philosophy shelves would have to be stripped almost bare. With Beauvoir, we are dealing with a very special and strikingly limited definition of philosophy.“ Man könnte fast meinen, Beauvoir fasst ihre Definition des Terminus Philosoph_in absichtlich eng, um unter keinen Umständen darunter zu fallen. Wie ich herausstellen möchte, will sie tatsächlich genau dies verhindern.

[49] Vgl. auch Heinämaa 2003a: 10: „For Beauvoir, the main problem of Hegelianism is that its method allows subjectivity only as an abstract principle independent of the concretion of perception, emotion, and sensation. The Hegelian system reduces the singularity of experience - the 'truth of the here and the now' - to a mere moment in universal space and time. It may be able to preserve many aspects of experiences, but it cannot preserve the sense of absoluteness essential to them (Beauvoir 1947: 20).“.

[50] Beauvoir übernimmt von Descartes dessen radikale Infragestellung jeglicher etablierter Erkenntnis, wel- che die Grauzonen des Denkens nicht mit dem gleißenden Licht der Weisheit letzten Schlusses eines univer-- salistischen Systems über- und damit ausblendet, sondern gerade diese Unklarheiten als Ausgangspunkt für weiteres Hinterfragen annimmt. So verstanden kann Philosophieren niemals abgeschlossen sein und somit auch nicht zu einem philosophischen System erstarren: „Dans la mouvance phénoménologico-existentielle, l'idée car- tésienne du radicalisme philosophique est intensifiée au point de devenir le réquisit d'une permanente autocritique. L'œuvre du philosophe n'est jamais achevée ; il lui faut sans cesse quitter le centre clair et distinct de sa réflexion pour faire retour à ses marges ambiguës et sombres. C'est ce cartésianisme radical qui est au cœur de la con- ception qu'entretient Beauvoir de l'activité et de la pratique philosophiques“ (Moi 1999: 55). Allerdings lässt sich aus der Nähe Beauvoirs zu Descartes in diesem Punkt wiederum keine Übereinstimmung ihres Gedankenguts mit dessen Ideen und Zielstellungen in allen Punkten ableiten, wie dies Judith Butler in Das Unbehagen der Geschlechter (1991) annimmt. Auf Butlers fehlgeleitete Interpretation Beauvoirs diesbezüglich werde ich in Kapitel 3.1.3.1 im Rahmen der Problematik der sex-gender -Unterscheidung als Interpretationsparadigma von Le deuxième sexe noch ausführlich eingehen. Wie sich zeigen wird, kommt hier bereits eines der Leitmotive der Rezeption Beauvoirs zum Tragen: Sobald sie in ihren Werken einen Denker bzw. eine philosophische Tradition explizit erwähnt oder implizit Bezug darauf nimmt, wird sie sofort unter dessen Autorität subsumiert, da an- genommen wird, sie stimme mit dem Gedankengut des jeweiligen (männlichen) Philosophen ausnahmslos über- ein und übernähme dieses in ihren eigenen Ausführungen unkritisch und unverändert. Neben Descartes ist dies natürlich auch im Fall von Sartre und Hegel zu konstatieren, wobei dies lediglich die offensichtlichsten Fälle sind. Offenbar wird Beauvoir nicht zugetraut, sich einer männlichen intellektuellen Übermacht entgegen-stellen zu können. Damit kommt Beauvoirs Ausspruch „Je suis une femme“, welcher u.a. darauf verweisen soll, dass ihre geschlechtliche Identität bei der Rezeption und Interpretation ihrer Schriften einen dominanten Faktor darstellt, eine besonders verhängnisvolle prophetische Dimension zu - besonders im Hinblick darauf, dass derartige Interpretationen gerade von Seiten feministischer Kritikerinnen unternommen werden.

Ende der Leseprobe aus 308 Seiten

Details

Titel
Die englische Übersetzung von Simone de Beauvoirs "Le Deuxième Sexe". Diskursive Auswirkungen im anglo- und frankophonen Raum
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Romanistik)
Note
2,1
Autor
Jahr
2010
Seiten
308
Katalognummer
V275397
ISBN (eBook)
9783656679356
ISBN (Buch)
9783656679349
Dateigröße
1762 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
übersetzung, simone, beauvoirs, deuxième, sexe, diskursive, auswirkungen, raum
Arbeit zitieren
Kristin Goldberg (Autor), 2010, Die englische Übersetzung von Simone de Beauvoirs "Le Deuxième Sexe". Diskursive Auswirkungen im anglo- und frankophonen Raum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275397

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