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Die englische Übersetzung von Simone de Beauvoirs "Le Deuxième Sexe". Diskursive Auswirkungen im anglo- und frankophonen Raum

Título: Die englische Übersetzung von Simone de Beauvoirs "Le Deuxième Sexe". Diskursive Auswirkungen im anglo- und frankophonen Raum

Tesis , 2010 , 308 Páginas , Calificación: 2,1

Autor:in: Kristin Goldberg (Autor)

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Auch über 60 Jahre nach dessen Veröffentlichung sind Le deuxième sexe und seine Autorin Simone de Beauvoir Gegenstand zahlreicher Debatten und widersprüchlicher Zuschreibungen im feministischen Diskurs: Von den einen als „Bibel des Feminismus“ und theoretische Basis eines hochaktuellen Denkens von Geschlechterdifferenz lobgepriesen, wird das Werk von anderen als veraltet und essentialistisch verhaftet, sowie seine Autorin als misogyne, männlich dominierte Verfechterin fragwürdiger Theorien zu Weiblichkeit und insbesondere weiblicher Körperlichkeit aus dem Blickfeld feministischen Interesses ausgegrenzt. Auch wird Beauvoirs 1949 publizierte phänomenologisch-existentialistische Analyse des weiblichen Subjektstatus im Patriarchat erst seit Mitte der 1980er Jahre als philosophisches Werk diskutiert, und dies wiederum ausschließlich von Seiten feministischer Forscherinnen. Diese widersprüchliche Rezeptionssituation, verbunden mit dem Profil des Übersetzers H.M. Parshley als emeritiertem Professor der Zoologie, sowie der Beobachtung, dass der Diskurs um Beauvoir und Le deuxième sexe hauptsächlich im anglophonen Sprachraum verwurzelt ist, rufen die Frage nach einem diskursverändernden Einfluss der englischen Übersetzung wach. Auf Grundlage des theoretischen Hintergrunds von Polysystemtheorie und Descriptive Translation Studies möchte ich The Second Sex in einem vielschichtigen normativen Wirkungsgefüge verorten, wobei nicht nur die Rolle des Übersetzers und des Verlags bei der Übersetzungsproduktion besprochen werden soll, auch der Diskurs um Beauvoir als Feministin und Philosophin wird als gleichsam durch das Werk konstituierter und das Werk konstituierender Paratext betrachtet. Die Analyse der Übersetzung, welche sich auf die besonders kontrovers diskutierten diskursiven Schnittstellen Geschlechterdifferenz und -beziehungen, weiblicher Körper und Mutterschaft fokussieren wird, soll deshalb in eine Untersuchung von Beauvoirs Status als Philosophin, sowie der wechselhaften Rezeptionsgeschichte des Werks eingebunden werden. In diesem Kontext möchte ich auch für einen diskursiven Einfluss von The Second Sex weit über die Sprachgrenzen des anglophonen Raums hinausgehend, und paradoxerweise gerade auch eine Beeinflussung des französischsprachigen Diskurses, argumentieren. Die Frage nach den diskursiven Wechselwirkungen zwischen Übersetzung und Rezeption stehen somit im Mittelpunkt meiner Besprechung dieses Klassikers der Frauen- und Geschlechterstudien.

Extracto


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Theorie in der Übersetzung

2. Methodologisches Vorgehen

2.1. Polysystemtheorie/ Descriptive Translation Studies/ Manipulation School

2.2 Deskriptives Modell (Lambert/van Gorp)

2.3 Paratexte nach Genette

3. Analyse der Übersetzung

3.1 Diskursive und systemische Einbindung

3.1.1 Beauvoir als Philosophin

3.1.1.1 Beauvoirs Positionierungsstrategie auf dem intellektuellen Markt

3.1.2. Existentialistische Phänomenologie: Merleau-Ponty/ Husserl/ Sartre

3.1.2.1 Der Körper als Situation

3.1.2.2 Ambiguität als Grundstruktur menschlicher Existenz

3.1.2.3 Expérience vécue – Das Konzept der gelebten Erfahrung als phänomenologisches Analysewerkzeug

3.1.3 Le Deuxième Sexe als kontroverse „Bibel des Feminismus“

3.1.3.1 „On ne naît pas femme : on le devient.“ Beauvoir im poststrukturalistischen Diskurs

3.1.3.2 Rezeption des Werks in Frankreich und den USA: Diskursive Wechselwirkungen im anglo- und frankophonen Raum

3.1.3.2.1 „French Feminism“ Made in America

3.1.3.2.2 Beauvoir als Reimport in Frankreich

3.2 Die Übersetzung und ihr normativer Kontext

3.2.1 Kritiken der englischen Übersetzung

3.2.1.1 Margaret A. Simons: „The Silencing of Simone de Beauvoir. Guess What's Missing From The Second Sex“ (1983)

3.2.1.2 Luise von Flotow: „Translation Effects: How Beauvoir Talks Sex in English“ (2000)

3.2.1.3 Toril Moi: „While We Wait: The English Translation of The Second Sex“ (2002)

3.2.1.4 Elizabeth Fallaize: „Le destin de la femme au foyer : traduire 'la femme au foyer'“ (2002)

3.2.2 Die Genese der Übersetzung: Zur Rolle der Verlagsindustrie

3.2.3 Die Rolle des Übersetzers Howard M. Parshley

3.3 Mikro- und Makroanalyse der Übersetzung

3.3.1 Geschlechterdifferenz bei Beauvoir: Wider die „eclipse of gender“ in der Phänomenologie

3.3.1.1 Der weibliche Körper als Situation: Schwangerschaft, Mutterschaft und Menstruation

3.3.1.1.1 Beauvoirs rhetorische Strategie: Ambiguität als écriture beauvoirienne

3.3.1.1.2 Schwangerschaft und Mutterschaft als Situation: Beauvoir im Kontext ihrer monde féminin

3.3.1.1.3 Der „Horror“ vor dem schwangeren Körper: Beauvoirs diskursive Entfremdungsstrategie

3.3.1.2 Die Frau als Andere des Mannes

3.3.1.2.1 Sexualität und Intersubjektivität: Beauvoir im Dialog mit Sartre und Hegel

3.3.1.2.2 Die Genese der Geschlechterordnung: Eine Genealogie der Unterdrückung der Frau

3.3.1.2.3 Der weibliche Körper als Projektionsfläche für Immanenz

3.3.2 Geschlechterdifferenz, Körperlichkeit und weibliche Alterität in der Übersetzung

3.3.2.1 Struktur des Werkes und phänomenologische Bezüge

3.3.2.2 Das Biologiekapitel oder die biologischen „Fakten“

3.3.2.3 Immanenz und Transzendenz, Mitsein und Dasein: Ontologische Grundlagen der Bestimmung der Geschlechterbeziehungen und weiblicher Alterität

3.3.2.4 Se poser, sujet und corps vécu: Situierte Körperlichkeit und Intersubjektivität als Rahmenbedingungen zur Konstruktion geschlechtlicher Differenz

3.3.2.5 Mutterschaft

3.3.3 Bilanz des Übersetzungsvergleichs: Zum Verhältnis von Übersetzung und Rezeption

4. Ausblick: Der Leser als rewriter

Zielsetzung & Themen

Die Arbeit untersucht die diskursiven Auswirkungen der englischen Übersetzung von Simone de Beauvoirs „Le Deuxième Sexe“ („The Second Sex“), indem sie die Rolle der Übersetzung als ein „Rewriting“-Prozess innerhalb des literarischen und gesellschaftlichen Polysystems analysiert. Das primäre Ziel ist es, aufzuzeigen, wie durch die englische Übersetzung das philosophische Gehalt des Werks verzerrt wurde und welche Auswirkungen dies auf die Rezeption, insbesondere im akademischen feministischen Diskurs der USA und Frankreichs, hatte.

  • Theoretische Fundierung durch Polysystemtheorie, Descriptive Translation Studies und das Konzept des „Rewriting“ nach André Lefevere.
  • Analyse des Einflusses des Verlags (Patronage) und des Übersetzers Howard M. Parshley auf die englische Textfassung.
  • Untersuchung der philosophischen Implikationen, insbesondere in Bezug auf Existentialismus, Phänomenologie und das Konzept des Körpers als Situation.
  • Kritische Diskursanalyse der Auswirkungen dieser Übersetzung auf die internationale Rezeptionsgeschichte von Beauvoirs Denken.
  • Untersuchung der Wechselwirkungen zwischen anglophoner und frankophoner Rezeption des Klassikers der Frauen- und Geschlechterforschung.

Auszug aus dem Buch

3.1.1.1 Beauvoirs Positionierungsstrategie auf dem intellektuellen Markt

Im Folgenden möchte ich argumentieren, dass die Übernahme patriarchaler Zuschreibungen vor dem Hintergrund von Beauvoirs Positionierungsstrategie auf dem intellektuellen Markt zu sehen ist. Ohne den Einbezug dieses Faktors ist die Fortsetzung der vordem recht selbstbewusst anmutenden Einschätzung ihrer eigenen intellektuellen Fähigkeiten im Vergleich mit Sartres kaum zu erklären.

Die Folge dieses Verständnisses von Beauvoirs philosophischem Schaffen war die erwähnte Zuschreibung jeglicher philosophischer „Anwandlungen“ ihrerseits – und insbesondere auch der philosophischen Dimension von Le Deuxième Sexe – an Sartre.

Simons widmet sich in ihrem Essay „The Beginnings of Beauvoir's Existential Philosophy“ der Sichtbarmachung von Beauvoirs philosophischer Eigenständigkeit und stellt die These auf, dass es entgegen der landläufigen Sichtweise eine von Beauvoir ausgehende Beeinflussung des Sartrischen Gedankenguts gegeben hat und nicht (nur) umgekehrt.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Theorie in der Übersetzung: Zusammenfassung der Problematik, dass philosophische Texte durch Übersetzung oft ihre philosophische Dimension verlieren und als domestizierte Ware rezipiert werden.

2. Methodologisches Vorgehen: Vorstellung des theoretischen Rahmens der Polysystemtheorie und des deskriptiven Modells von Lambert/van Gorp zur Analyse von Übersetzungen.

3. Analyse der Übersetzung: Detaillierte Untersuchung der diskursiven Einbindung, der normativen Kontexte der Übersetzung sowie der mikro- und makroanalytischen Auswirkungen auf Beauvoirs philosophische Thesen.

4. Ausblick: Der Leser als rewriter: Reflexion über die Rolle des Lesers bei der Aktualisierung von Texten und die notwendige kritische Distanz gegenüber Übersetzungen als ideologisch geprägte Produkte.

Schlüsselwörter

Simone de Beauvoir, Le Deuxième Sexe, The Second Sex, Übersetzungswissenschaft, Polysystemtheorie, Howard M. Parshley, existentialistische Phänomenologie, Gender Studies, Rewriting, feministischer Diskurs, Körper als Situation, Intersubjektivität, Geschlechterdifferenz, Mutterschaft, kulturelle Rezeption.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert die diskursiven Auswirkungen und die ideologische Manipulation durch die englische Übersetzung von Simone de Beauvoirs philosophischem Hauptwerk.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Die Themenfelder umfassen die Übersetzungswissenschaft, die Beauvoir-Forschung, feministische Philosophie und die soziokulturelle Rezeption theoretischer Texte.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass die englische Übersetzung von „The Second Sex“ durch Kürzungen und inhaltliche Verzerrungen den philosophischen Gehalt des Originals systematisch entstellt und damit die Rezeption des Werks in der englischsprachigen Welt nachhaltig negativ beeinflusst hat.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit stützt sich auf die Descriptive Translation Studies, die Polysystemtheorie, André Lefeveres Konzept des „Rewriting“ und Gérard Genettes Theorie der Paratexte.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil befasst sich mit der diskursiven Einbindung Beauvoirs, dem normativen Kontext der Übersetzungsproduktion, der Rolle des Verlags und des Übersetzers sowie einer detaillierten Analyse der veränderten philosophischen Argumentation im Zieltext.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Polysystemtheorie, Rewriting, existentialistische Phänomenologie, Geschlechterdifferenz, kulturelle Rezeption.

Inwiefern beeinflusste das Verlagswesen die Übersetzung?

Die Arbeit belegt, dass der Verlag Alfred A. Knopf primär an einer Vermarktung des Werks als „Sexbuch“ interessiert war, um den US-Markt zu bedienen, was zu massiven Kürzungen von philosophischen und literarischen Passagen führte.

War Beauvoir an der Übersetzung beteiligt?

Die Arbeit verdeutlicht, dass Beauvoir die Übersetzung zwar aus pragmatischen Gründen (und nach gespanntem Austausch mit dem Verlag) hinnahm, sich aber mehrfach kritisch über die inhaltlichen Verstümmelungen äußerte und sich explizit für eine Neuübersetzung aussprach.

Final del extracto de 308 páginas  - subir

Detalles

Título
Die englische Übersetzung von Simone de Beauvoirs "Le Deuxième Sexe". Diskursive Auswirkungen im anglo- und frankophonen Raum
Universidad
Humboldt-University of Berlin  (Institut für Romanistik)
Calificación
2,1
Autor
Kristin Goldberg (Autor)
Año de publicación
2010
Páginas
308
No. de catálogo
V275397
ISBN (Ebook)
9783656679356
ISBN (Libro)
9783656679349
Idioma
Alemán
Etiqueta
übersetzung simone beauvoirs deuxième sexe diskursive auswirkungen raum
Seguridad del producto
GRIN Publishing Ltd.
Citar trabajo
Kristin Goldberg (Autor), 2010, Die englische Übersetzung von Simone de Beauvoirs "Le Deuxième Sexe". Diskursive Auswirkungen im anglo- und frankophonen Raum, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275397
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