Kalokagathie bei Friedrich Schiller? Untersuchung der Schriften "Über Anmut und Würde" und "Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen"


Bachelorarbeit, 2013

39 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Kalokagathie

3. Schillers Rezeption der Antike

4. Über Anmut und Würde
4.1 Kalokagathie in Über Anmut und Würde?

5. Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen
5.1 Kalokagathie in Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen?

6. Fazit

7. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung:

Wir propagieren kein Schönheitsideal. Jeder Mensch ist schön auf seine Art.

Heidi Klum[1]

Worauf die Jurorin der ästhetisch fragwürdigen TV-Sendung „Germany´s next Topmodel“ hier hinweist, bezieht sich auf den seelischen Wert des Menschen, durch den jeder auf eine bestimmte Weise „schön“ werden kann. Mit dieser philosophischen Betrachtungsweise des Menschen umschreibt Heidi Klum das antike Kalokagathie-Ideal, wenn auch nicht in seinem ganzen Facettenreichtum, so doch näherungsweise.

Die vorliegende Arbeit wird zunächst den Begriff „Kalokagathie“ beleuchten. Dabei werden sein Ursprung und seine Genese im Lauf der Geschichte betrachtet, bevor die verschiedenen Gebrauchsweisen des Menschheitsideals in klassischer Zeit skizziert werden. Hier wird auffallen, dass das Kalokagathie-Ideal mit verschiedenen Bedeutungsinhalten in Verbindung gebracht werden kann. So ist synchron zum sprachlichen, gesellschaftlichen und politischen Wandel der Zeit auch der Bedeutungsinhalt immer wieder in modifizierter Form aufgetreten, was gerade für die Untersuchung moderner Texte auf ein solches Ideal berücksichtigt werden muss. Mit der Analyse der Begriffsgeschichte geht auch die Betrachtung der Wiederbelebung des antiken Menschheitsideals in der Renaissance und durch klassizistische Autoren einher. Hier wird insbesondere auf den dritten Earl of Shaftesbury hingewiesen. Neben kurzen Abrissen über die moderne Kalokagathie-Forschung wird auch auf den Begriff der negativen Kalokagathie eingegangen.

Im Folgenden wird versucht eine Brücke zwischen der Antike und Friedrich Schiller zu errichten. Um ein Grundverständnis der Schriften Schillers Über Anmut und Würde sowie Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen herstellen und sein Werk in den Geist seiner Zeit einordnen zu können, folgt dem Abschnitt über die Kalokagathie zunächst die Skizzierung Schillers Rezeption der Antike. Neben dieser soll auch eine kurze Einweisung mit analytischen Elementen in seine Schriften für ein zielführendes Verständnis des Zusammenhangs zwischen diesen und dem Ideal der Kalokagathie sorgen. Hier dienten mir die Werkausgaben von Perfahl[2] und Janz[3] als Textvorlagen.[4]

Im Bedeutungszentrum der Arbeit steht der Versuch des Nachweises des Kalokagathie-Ideals in den titelgebenden Werken, wobei auch auf Unterschiede zwischen dem antiken und dem Schillerschen Menschheitsideal hingewiesen wird. In diesem Zusammenhang wird das Phänomen der „schönen Seele“ in Beziehung zum Kalokagathie-Ideal gesetzt. Erstere wurde häufig als der moderne Nachfolger des Selbigen verstanden.

Im Fazit werden die wichtigsten Ergebnisse gebündelt vorgestellt und ein kurzer Ausblick auf mögliche Forschungsfelder gegeben. Ich orientiere mich im Laufe der Arbeit, in der Regel an einer möglichst aktuellen Literatur, ohne dabei einige ältere, aber wichtige Werke auszusparen. So nehmen Veröffentlichungen von Wankel (1961), Hamburger (1966), Walter (1967) und Disselbeck (1987) ebenso wichtige Positionen ein, wie Horn (2005), Schilling (2005), Zelle (2005) und Ehlers (2011).

Meine Motivation bezüglich der Themenwahl schöpfte ich aus den Beschäftigungen mit den antiken Olympischen Spielen und seinen philosophischen Komponenten. Die Kalokagathie als Menschheitsideal faszinierte mich auf Anhieb. Im Rahmen meines Germanistik-Studiums fiel mir zudem die Hinwendung Friedrich Schillers zur Antike auf. Folglich kristallisierte sich das Bestreben heraus, den Philosophen Friedrich Schiller genauer zu untersuchen.

2. Die Kalokagathie

Ausgehend von den wichtigsten Merkmalen der antiken griechischen Kultur wird nun das im Zentrum der Untersuchung stehende Ideal der Kalokagathie beleuchtet. Hierzu sei der Artikel aus dem Online Wörterbuch Philosophie als kurzer Themeneinstieg vorangestellt.

Von griech. kalos, ›schön‹ und agathos, ›gut‹: Zunächst gehören beide Begriffe im Rahmen der Bestimmung dessen, was Tugend sei, eng zusammen. Das Gute, das sittlich lobenswerte Handeln, ist zugleich immer auch schön, weil es sich öffentlich sehen lassen kann. Das Unschöne verbirgt sich hingegen, ist ›hässlich wie die Nacht‹, in der es nicht gesehen werden kann. Ineins meint die Kalokagathie damit die bürgerliche und sittliche Vollkommenheit. Der Kalokagathos (der zur Kalokagathie erzogene Bürger) ist aufgefordert, sich der Gemeinschaft zur Verfügung zu stellen, das heißt Verantwortung in seinem Gemeinwesen zu übernehmen. Im weiteren Sinne meint Kalokagathie den Inbegriff der guten körperlichen und geistigen Bildung, der umfassenden Entfaltung der im Menschen angelegten Fähigkeiten.[5]

Das griechische Substantiv Καλοκάγαϑία ist eine Substantivierung des Hendiadyoin καλός καί άγαϑός,[6] welches übersetzt schön und gut bedeutet. Um die Entstehung des Begriffs klar vor Augen zu führen, ist es nötig, seine Begriffsgeschichte zu skizzieren.

Wie Klinger (2011) zeigt, hat der Begriff seinen Ursprung in dem ritterlichen Mannesideal der „arete“. Es bezeichnet „[d]as natürliche Leitmotiv der griechischen Bildungsgeschichte, (...)[das] bis in die ältesten Zeiten zurückführt“[7] und ist vornehmlich als ein Ideal der Oberschicht zu bewerten, das die aristokratische Elite von der Unterschicht abgrenzen sollte. Jeder aufwachsende, adlige Jugendliche sollte „[...] sich durch wahrhaft adlige Zucht und Haltung von der Masse [...]“[8] unterscheiden. Eine Abgrenzung gegenüber der Unterschicht war für die Elite ab dem 7. Jh. v. Chr. deshalb nötig, weil durch politischen und sozialen Wandel, wie den Fortschritt der Demokratie und die Emanzipation der kaufmännischen Schicht, Reichtum nicht mehr als Distinktionsmerkmal ausreichte. Zudem veränderte die Taktik der Hoplitenphalanx die Art und Weise der Kriegsführung, was den adligen Einzelkämpfer überflüssig machte und dessen gesellschaftliche Stellung zusätzlich schwächte.[9] Vor dieser Phase der Vereinnahmung durch eine Standesschicht[10] war der Begriff arete sehr viel weiter gefasst und meinte allgemein eine positive Kraft, die den Menschen auszeichnete. So gab es die arete des Körpers, also Kraft und Gesundheit, und die arete des Geistes, also Klugheit und Einsicht. Mit der Verschiebung der Begriffsbedeutung hin zu einem ständischen Adelsideal wurde die Schönheit des Körpers Ausdruck seiner allgemeinen, auch ethischen Vorzüglichkeit. Diese Vorzüglichkeit im Ganzen ging in der klassischen Zeit in den Begriff Καλοκάγαϑία über und brachte eine Verfeinerung und Vertiefung des Arete-Begriffs mit sich.[11]

Horn (2005) unterscheidet sechs Stationen der Begriffsgeschichte von Kalokagathia. Aus der Zeit vor dem 5. Jh. v. Chr. stammt eine unterminologische Gebrauchsweise, die ein heroisches Ideal bezeichnet. Der Begriff „kalos“ hat zu dieser Zeit drei Hauptbedeutungen für „schön“ in der altgriechischen Sprache. Zum einen eine moralische im Sinne von gut an sich oder intrinsisch gut, zudem eine ästhetische, also äußerlich schön und wohlgeraten, und drittens eine hedonistisch-utilitäre Bedeutung, die den Gegenstand als angenehm und nützlich charakterisierte.[12] Demgegenüber bedeutet der Begriff „agathos“ gut hauptsächlich im prudentiellen Sinn, also gut für etwas oder jemanden, sowie zweitens im essentiellen Sinn. Also gut gemessen daran, was es heißt, ein bestimmter Gegenstand oder eine Person zu sein.[13] Etwas, das für einen Bettler gut ist, gilt nicht unbedingt in gleichem Maße auch für einen Adligen als gut.

Bei diesen Bedeutungen ist im ersten Moment nicht an ein ausschließlich auf Personen eingeengtes semantisches Feld zu denken. Tatsächlich sind die Begriffe καλός καί άγαϑός auch für die Bezeichnung von Gegenständen, also nicht für die Markierung eines sittlichen Wertes, verwendet worden. So genießen der Reichtum und die strategische Nützlichkeit der Insel Naxos laut Herodot ebenfalls jenes Prädikat.[14]

Auf den Menschen bezogen bedeutet die Kombination beider Elemente vor dem 5. Jh. zunächst „irgendeine Form der Normerfüllung: sei es eine Kombination moralisch-praktischer oder ethisch-praktischer Art.“[15] In diesem Zusammenhang führt Horns Argumentation zu der Annahme, dass der Begriff, wenn er für Personen verwandt worden ist, für „bemerkenswerte, außerordentliche Erscheinungen“ stand, „etwa im Rahmen eines archaischen Heldenideals oder adliger Standesnormen.“[16]

Jaeger (1989) sieht das Voranschreiten der Bildung von moralisch-ethischen Kategorien in der antiken Gesellschaft, so wie in allen anderen Gesellschaften, immer von einer „Adelskultur, die sich aus den breiten Voksschichten emporhebt“[17], angetrieben. Es liegt also nahe, dass das Denkgebäude der Kalokagathie ebenfalls aus der Sphäre des „nach Herkunft und Erziehung adligen Menschen“[18] stammt. Zwangsläufig ergeben sich Konnotationen mit den siegreichen Helden des trojanischen Krieges der „Ilias“. Später ist auch Aristoteles (384-322 v. Chr.) der Meinung, Kalokagathie sei eine „nur für eine soziale Elite erreichbare Form moralisch-bürgerlicher Tugend“.[19]

Diese Ansicht ergibt sich auch aus der angenommenen Entwicklung aus dem Arete-Begriff. Allerdings ist die genaue Verwendung des Substantivs Καλοκάγαϑία vor dem 5. Jh. v. Chr. nicht belegt,[20] sondern nur äquivalente Bedeutungen, wie die Kombination der beiden zunächst unabhängig voneinander zu betrachtenden Adjektive καλός und άγαϑός als eine Zuschreibung praktischer Überlegenheit eines schönen Körpers gegenüber eines hässlichen. Angesichts der oben bereits erwähnten verschiedenen Verständnisweisen von καλός ist in diesem Zusammenhang eher die Nützlichkeit eines schönen Körpers im Kampf oder im Agon gemeint. So bestand die „Schönheit“ des Körpers in seiner Eignung für das schnelle Laufen oder das Ringen. Auf der anderen Seite war aber auch bekannt, dass ein hässlicher Mensch schnell laufen und ein schöner Soldat schwach im Kampf sein konnte.[21]

Die zweite Station der Begriffsgeschichte ist die terminologische Gebrauchsweise, die seit dem 5. Jh. v. Chr. als politischer Begriff gebraucht wird. Hier ist der Begriff Καλοκάγαϑία auch zum ersten Mal belegt. Der Politiker und Schriftsteller Xenophon verwendet den Ausdruck als einen politischen Wertebegriff für bestimmte Akteure, vornehmlich der Adelspartei, in Abgrenzung zur Volkspartei und als ein Schlagwort in der politischen Auseinandersetzung des Peloponnesischen Krieges.[22] Dabei bedeutet Schönheit „die sittliche Stimmigkeit einer Handlung“[23] und nicht etwa nur Körperschönheit. Xenophon macht zudem klar, dass die „Herrschaft der Seele über die Begierde des Körpers als notwendige Vorbedingung der Kalokagathie“[24] gilt.

Bourriot (1995) zeigt jedoch auf, dass die Bezeichnung nicht ausschließlich auf die Adelspartei einzugrenzen, sondern eher für jedes moralisch-praktische und ausgezeichnete Individuum anwendbar war.[25]

Bei dem Geschichtsschreiber Herodot (490/480 - um 424 v. Chr.) wird die Wortverbindung καλός κάγαϑός als Übersetzung aus dem ägyptischen Wort für „Mensch, Mann“ nachgewiesen.[26] Offenbar handelt es sich dabei um einen Übersetzungsfehler Herodots, der ägyptische Statueninschriften missdeutete, indem er die Titulierung „Mensch“ oder „Mann“ als lobendes Prädikat missverstand und mit einem, für ihn passenden, griechischen Werteprädikat verband. Dabei ist jedoch bei dem ersten Bestandteil καλός nicht an eine Entsprechung mit dem heutigen Wortinhalt von „schön“ zu denken. Vielmehr war die Wortverbindung für Herodot eine den bezeichneten Menschen allgemein auszeichnende Einheit.[27]

Als dritte Gebrauchsweise ist die sophistische Verwendung im Sinne eines bildungstheoretischen Erziehungsideals zu nennen. Die Sophisten propagierten im 5. Jh. v. Chr. eine grundsätzliche Indifferenz zwischen den Ständen. Sie nutzten den Begriff somit nicht zur Abgrenzung einer Elite vom Bürgertum, sondern forcierten die allumfassende Bildung des Menschen und somit die Kombination aus ethischer Tadellosigkeit und körperlicher Unversehrtheit.[28] Die im Land umherreisenden Sophisten entlehnten die Wortverbindung καλός κάγαϑός einer spartanischen Bezeichnung für einen tapferen Krieger. Gegen hohe Bezahlung versprachen die Sophisten, aus ihren Schülern καλόί κάγαθόί allseitig vollkommene Charaktere, die sich vor allem als Redner vor der Volksversammlung oder vor Gericht behaupten sollten, zu machen.[29]

Zudem ist in der klassischen Zeit eine philosophische Gebrauchsweise festzustellen, die auf die klassischen Philosophen Platon und Aristoteles zurückgeht. Platon weicht nicht weit vom sophistischen Gebrauch ab und bezeichnet kalos kagathos als intellektuelle und moralische Bestheit.[30] Für Aristoteles ist die Kalokagathie der Inbegriff der Tugenden, der alle Tugenden umfasst, ohne sie aber als Einheit zu thematisieren.[31] Dem Tugendbesitzer dienen alle äußeren Güter, wie Gesundheit und Reichtum, wenn sie im Sinne der Tugend gebraucht werden. Der Wortbedeutung nach ist die Kalokagathie hier eine Verbindung aus tugendhaftem „kala“ und äußeren Gütern „agatha“.[32]

Auch Sokrates sucht nach dem „Guten und Schönen“. Er kommt zu der Erkenntnis, dass beide Eigenschaften im seelischen Bereich des Menschen zu finden seien,[33] also keine Kausalverkettung von äußerer Schönheit und Verstand oder geistiger Überlegenheit möglich ist. Schon in der Zeit der Pythagoreer ist ein Rückgang der Bedeutung des Körpers hinter die der Seele zu beobachten.[34] Es ist also ein deutlicher Unterschied zwischen volkstümlichen und philosophischen Gebrauchsweisen festzustellen. Schönheit wurde zum einen auf den Körperbau und seine Nützlichkeit und im philosophischen Diskurs auch auf sittliche Zustände und Handlungen bezogen.

Bei der Behandlung der spätantiken Verwendungsweise wird auf die Übernahme des Ideals durch die Römer verwiesen.[35] Cicero übersetzt das Begriffspaar kalon und agathon mit bonum und honestum. Somit „bewahrt sich die Kalokagathia […] ihr Ansehen über den Hellenismus hinaus und findet auch Eingang in das römische Wertesystem“.[36]

Die sechste Gebrauchsweise bildet den, für die vorliegende Arbeit, bedeutendsten Aspekt: Die nachantike Begriffsgeschichte. Zunächst trat der Begriff im Mittelalter zurück, da das Lebenskonzept des sich durchsetzenden Christentums mit seiner Hinwendung zu Armut, Einfachheit und Körperferne andere Ideale fokussierte.[37] Erst in der Renaissance und zur Zeit des Humanismus taucht das Ideal im „uomo universale“ wieder auf. Dieser ist der Inbegriff für eine „allseitig begabte und umfassend gebildete Persönlichkeit“[38]

Als Begriff wird die Kalokagathie allerdings erst bei Antony Ashley Cooper, Third Earl of Shaftesbury, wieder aufgegriffen. In seiner Schrift Characteristics of Men, Manners, Opinion, Times etc. (1711) orientiert sich Shaftesbury an den Schriften der „Cambridge Platonists“ um Henry More und stellt die ästhetische Komponente gegenüber der ethischen in den Vordergrund. „Schönheit, ausgedrückt in Prinzipien wie Harmonie, Symmetrie und Proportion, ist nicht nur Attribut der dinglichen Welt, sondern auch Gestaltungsnorm für menschliches Zusammenleben und zugleich für die Bildung des Individuums.“[39] Ferner sind „Schönheit und Gut […] immer eins und eben dasselbe.“[40] Die große Popularität der Schriften Shaftesburys lässt vermuten, dass später generierte Begriffe wie „schöne Seele“ und „sittliche Schönheit“ aus der Beschäftigung mit seinem Werk hervorgingen. Allerdings ist auch deutlich die Handschrift des antiken philosophischen Diskurses über das Schöne und Gute sichtbar.

Vor allem von Shaftesburys virtuoso-Begriff, der in der Menschengestalt umfassende psychisch-moralische Bildung und körperliche Harmonie, Symmetrie, Proportion und Vollkommenheit in sich vereint, zeigen sich im 18. Jh. die deutschen Autoren der Klassik fasziniert.[41] Lessing hält kalos kagathos für das, „was wir einen hübschen guten Mann heißen“[42]. Wieland orientiert sich am griechischen Kalokagathie-Ideal für seinen Plan einer „Akademie zur Bildung des Verstandes und Herzens junger Leute“[43] und Friedrich Schiller propagiert „die schöne Seele“, welche weiter unten noch in das Licht genauer Betrachtung rückt. Herder hingegen stellt sich gegen Shaftesbury und Wieland und macht auf die politische Herkunft und Gebrauchsweise des Kalokagathie-Begriffs aufmerksam.[44]

Nur kurz anzumerken ist die Nähe des coubertinschen Bildungsideals im Zusammenhang mit der Olympischen Idee zu der ganzheitlichen, also körperliche und geistige Bildung proklamierenden, virtuose-Figur. Somit kann in weiteren Studien auch eine Verbindung von Kalokagathie-Ideal und Olympismus hergestellt werden.

In dem Artikel three interpretations of Kalokagathia unterteilt Irena Martìnkovà den Begriff der Kalokagathie in drei Verständnisweisen. Neben einem eher sophistisch anmutenden Ansatz, der den Begriff als Gegenstand von Erziehung im Sinne einer ausgewogenen und gleichberechtigten Bildung von Körper und Geist definiert, geht Martinkova indirekt auf das virtuoso-Menschenbild Shaftesburys, das Denkgebäude eines „beautiful and good human being“[45] ein. Allerdings scheitert sie bei der Beantwortung der Frage „What is a beautiful and good human being?“[46] und erklärt: „[…] we can no longer speak of kalokagathia in this context.“[47]

Als dritte Verständnisweise des Kalokagathie-Begriffs gibt sie „the understanding of the good and the beautiful“[48] an. Hier stellt sie die Fragen „What is the good?“ und „What is the beautiful?“. Dies soll die Unklarheit verdeutlichen, die bei der inhaltlichen Definition des Kalokagathie-Begriffs aus heutiger und vor allem aus sportwissenschaftlicher Sicht herrscht.

Verunsicherung und Zurückhaltung bei der Beschäftigung mit dem Ideal der Kalokagathie ist aus moderner Sicht vor allem deshalb nachvollziehbar, weil der Zusammenhang zwischen rassisch-völkischem Denken des 19. und 20. Jahrhunderts und antikem griechischem Helden- und Adelsideal in einem direkten Zusammenhang steht. So orientiert sich der Philosoph und Göttinger Professor Christoph Meiners (1747-1810) in seiner Rassenlehre und Untersuchung der physiognomischen Merkmale des Menschen am antiken Kalokagathie-Gedanken.[49] Meiners hält die Verknüpfung von Innerem und Äußerem des Menschen für eine gesicherte Tatsache.[50] Seinen Höhepunkt erreicht diese Sichtweise auf den Zusammenhang von körperlichen und geistigen Merkmalen in der menschenfeindlichen und ganz und gar amoralischen Rassenideologie des NS-Regimes. Gerade im historischen Beispiel der Olympischen Spiele von 1936 in Berlin wird die Orientierung der „weißen Rasse“ am griechischen Schönheitsideal deutlich.[51] Zudem weisen die Anfänge einer pseudowissenschaftlichen Physiognomik in die Antike. Nestle (1942) erkennt „die ersten Spuren der Physiognomik, d.h. des Nachdenkens über das Verhältnis der äußeren Erscheinung des Menschen und seines inneren Wertes“[52] bereits im homerischen Epos. Die Physiognomonica, von der heute nicht klar ist, ob sie tatsächlich von Aristoteles stammt, stellt die These auf: „Der Geist hängt vom Körper ab und besteht nicht für sich allein […]“ und argumentiert: „Es hat noch nie ein Lebewesen von der Art gegeben, dass es die äußere Gestalt des einen, aber den Geist des anderen Lebewesens hätte; [...] so dass zwangsläufig ein bestimmter Geist von einem bestimmten Körper abhängt.“[53]

[...]


[1] http://www.zitate.de/autor/Klum,+Heidi/ (Zugriff am 10. Juli 2013).

[2] Schiller (1795/1975): Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen. In. Perfahl, J. (Hrsg.). Sämtliche Werke. Philosophische Schriften. Band 5. Nach der Ausgabe erster Hand unter Hinzuziehung der Erstdrucke und Handschriften. München: Winkler.

[3] Schiller, F. (1793/1992). Über Anmut und Würde. In: Friedrich Schiller. Werke und Briefe. Band 8. In: Janz, R. P. (Hrsg.). Friedrich Schiller. Theoretische Schriften. Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag.

[4] Auf diese werde ich mich im Folgenden auch beziehen. Für Janz (1992) verwende ich die Abkürzung Schiller (1), für Perfahl (1975) verwende ich die Abkürzung Schiller (2).

[5] Preussner, A. UTB Online Wörterbuch Philosophie. Artikel von (Stand: 06.06.2013).

[6] Grosse, W. (1976). Kalokagathia. In: Ritter, J. (Hrsg.) Historisches Wörterbuch der Philosophie. Völlig neu bearbeitete Ausgabe. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. S. 681-683.

[7] Jaeger, W. (1989). Paideia. Die Formung des griechischen Menschen. 2. ungekürzter Nachdruck. Berlin/New York: de Gruyter.: S. 25.

[8] Jaeger (1989): S. 264.

[9] Klinger, M. (2011). Pädagogischer Eros. Erotik in Lehr-/Lernbeziehungen aus kontextanalytischer und ideengeschichtlicher Perspektive. Freiburg: Pädagogische Hochschule Freiburg.: S. 21.

[10] Einer der Hauptvertreter dessen war der im 6. Jh. v. Chr. lebende Theognis von Megra, der durch volksfeindliche Dichtung eine ererbte Erziehungsweisheit des adligen Standes propagiert. Vgl. Jaeger (1989): S. 256.

[11] Popplow, U. (1967). Leibesübungen und Leibeserziehung in der griechischen Antike. 4. Auflage. Schorndorf: Hofmann.: S. 103.

[12] Horn, C. (2005). Kalokagathie. Begriff, Ideen und Wirkungsgeschichte. In: Depenheuer, O. (Hrsg.), Staat und Schönheit. Möglichkeiten und Perspektiven einer Staatskalokagathie. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften.: S. 25.

[13] Horn (2005): S. 25.

[14] Wankel, H. (1961). kalos kai agathos. Würzburg: Julius-Maximilians-Universität zu Würzburg, Philosophische Fakultät.: S. 33.

[15] Horn (2005): S. 25.

[16] Horn (2005): S. 25.

[17] Jaeger (1989): S. 265.

[18] Wankel (1961): S. 13.

[19] Weiler, I. (2010). Das Kalokagathia-Ideal und der ´hässliche´ Athletenkörper. In: Mauritsch, P. (Hrsg.). Körper im Kopf. Antike Diskurse zum Körper. Graz: Leykam: S. 101.

[20] Horn (2005): S. 26.

[21] Weiler (2010): S. 102 f. (und Fußnote).

[22] Horn (2005): S. 26.

[23] Wils, J.-P. (1990). Ästhetische Güte. Philosophisch-theologische Studien zu Mythos und Leiblichkeit im Verhältnis von Ethik und Ästhetik. München: Wilhelm Fink.: S. 169.

[24] Wils (1990): S. 169.

[25] Bourriot, F. (1995): Kalos kagathos – Kalokagathia. D`un terme de propagande des Sophistes à une notion sociale et philosophique. Etude d`histoire athénienne. 2 Bände. Hildesheim/Zürich/New York: Olms.

[26] Wankel (1961): S. 31.

[27] Wankel (1961): S. 32.

[28] Horn (2005): S. 26 f.

[29] Patt, W. (2002). Grundzüge der Staatsphilosophie im klassischen Griechentum. Würzburg: Königshausen & Neumann.: S. 98.

[30] Horn (2005): S. 27.

[31] Grupe, O. & Mieth, D. (1998). Lexikon der Ethik im Sport. S. 279-283. Schorndorf: Hofmann.: S. 132

[32] Gruppe/Mieth (1998): S. 132.

[33] Walter, J. (1967). Die Geschichte der Ästhetik im Altertum. Hildesheim: Georg Olms Verlagsbuchhandlung.: S. 124.

[34] Walter (1967): S. 124.

[35] Horn (2005): S. 27 f.

[36] Grupe/Mieth (1998): S. 132.

[37] Horn (2005): S. 28.

[38] Horn (2005): S. 28 .

[39] Grupe & Mieth (1998).

[40] Cooper, A. A. (1779/2008). Des Grafen von Shaftesbury philosophische Werke. Aus dem englischen übersetzt u.a. von Hölty L. C. H. (Hrsg.) . Leipzig. Weygandsche Buchhandlung.

[41] Horn (2005): S. 29.

[42] Lessing, G. E. (1766/1979). Laokoon und antiquarische Briefe. In: Bornmüller, F. (Hrsg.). Lessings Werke. Kritisch durchgesehene und erläuterte Ausgabe; 3. Band. Leipzig: Bibliographisches Institut.: S. 8, 22.

[43] Grosse, W. (1976). Kalokagathia. In: Ritter, J. (Hrsg.) Historisches Wörterbuch der Philosophie. Völlig neu bearbeitete Ausgabe. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.: S. 682.

[44] Horn (2005) S. 29.

[45] Martinkova, I. (2010). Three Interpretations of Kalokagathia. In: Mauritsch, P. (Hrsg.). Körper im Kopf. Antike Diskurse zum Körper. Graz: Leykam.: S. 23.

[46] Martinkova (2010): S. 23.

[47] Martinkova (2010): S. 23.

[48] Martinkova (2010): S. 25.

[49] Weiler (2010): S. 96 ff.

[50] Weiler (2010): S. 98.

[51] Mangan, J. A. (Hrsg.) (1999). Shaping the Superman. Fascist Body as Political Icon – Aryan Fascism. London: Frank Cass.: S. 131.

[52] Nestle, W. (1942). Vom Mythos zum Logos. Die Selbstentfaltung des griechischen Denkens von Homer bis auf die Sophistik und Sokrates. 2. Auflage. Stuttgart: Kröner.: S. 40.

[53] Vogt, S. (1999). Aristoteles, Physiognomonica. Übersetzt und kommentiert. Berlin: Akademischer Verlag.

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Details

Titel
Kalokagathie bei Friedrich Schiller? Untersuchung der Schriften "Über Anmut und Würde" und "Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen"
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Sportwissenschaften)
Veranstaltung
Sporthistorisches Kolloquium
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
39
Katalognummer
V275670
ISBN (eBook)
9783656689959
ISBN (Buch)
9783656689997
Dateigröße
656 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schiller, Kalokagathie, Ästhetik
Arbeit zitieren
Fabian Gorris (Autor), 2013, Kalokagathie bei Friedrich Schiller? Untersuchung der Schriften "Über Anmut und Würde" und "Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/275670

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