„‘Wo soll man die Struktur der Erzählungen suchen? In den Erzählungen vermutlich‘“
(Roland Barthes nach Krützen 2006, 5).
Das Leben eines jeden Menschen folgt einer zeitlichen Struktur. Auf A folgt B und auf B
wiederum C. Es handelt sich um eine kausal-chronologische Ereigniskette, die unser
Zeitempfinden prägt. Wir leben in dieser zeitlichen Linearität und haben gelernt, linear
zu denken und zu kommunizieren. Regelmäßige, kontinuierliche Abfolgen beschreiben
das soziale Zeitmuster. Eine Manipulation dieser Zeitabfolge und ein Bewegen in der Zeit
sind für uns undenkbar. In der Denk- und Kommunikationsstruktur der Erzählung kann
man diese stringente kausale Abfolge jedoch auf unterschiedliche Weise durchbrechen.
Medien machen von der Grundtätigkeit des Menschen – dem Erzählen – Gebrauch. So
sind auch audiovisuelle Medien wie der Kinofilm und die Fernsehserie, die in den
kulturellen Alltag der Gesellschaft eingebettet sind, zeitliche Phänomene, indem sie in
einer Zeitspanne stattfinden und darin eine andere vermitteln. Sie bestehen in der Zeit
und sind in ihrer materiellen Entität der Geradlinigkeit verhaftet. Sie bergen ein großes
zeitästhetisches Potential, das immer mehr in experimenteller Weise genutzt und die
dramaturgische Entwicklung damit vorangetrieben wird. In den letzten Jahrzehnten
wurden vermehrt innovative Erzählstrukturen verwendet, wie z.B. das Echtzeit-
Verfahren der Fernsehserie 24 (USA 2001-heute, Jon Cassar et al.). Eine Besonderheit
der Entwicklung audiovisuellen Erzählens stellt jedoch das Durchbrechen der temporalen
Linearität dar. Seit den 1990er Jahren lässt sich eine neue Tendenz in der temporalen
Gestaltung filmischer Narration und damit eine Zunahme an Erzählstrukturen aufzeigen,
die als nonlinear zu charakterisieren ist. Dieses nicht lineare Erzählen wird in
den unterschiedlichsten Medien angewendet – so auch in Kinofilm und Fernsehserie,
deren Gemeinsamkeit die Audiovisualität ist und die in dieser Arbeit gegenübergestellt
werden.
Die These dieser Arbeit besagt, dass medienspezifische Differenzen Einfluss auf das zu
Vermittelnde nehmen, sodass sich spezielle Erzählformen entwickelt haben, die unterschiedliche
dramaturgische Gestaltungen zulassen. Ziel dieser Arbeit ist es, die medienspezifische
Umsetzung von Nonlinearität sowohl im Film, als auch in der TV-Serie
aufzuzeigen und in einem weiteren Schritt die Bedeutung dieser für die Rezeption
deutlich zu machen, da eine veränderte dramaturgische Gestaltung...
Inhaltsverzeichnis
1 Aufblende
2 Die zeitliche Dimension der Narration
2.1 Audiovisualität als narrative Qualität
2.1.1 Die dramaturgische Zeitstruktur
2.1.1.1 Etablierte Zeitwechsel
2.1.1.2 Nonlinearität
2.2 Kognitive Verstehensprozesse
3 Spielfelder des Nonlinearen
3.1 Filmisches Erzählen
3.2 Serielles Erzählen
4 ETERNAL SUNSHINE OF THE SPOTLESS MIND
4.1 Die Story
4.1.1 Main-Story: Joel und Clementine
4.1.2 Nebenhandlung: Lacuna
4.2 Analyse der Zeitverhältnisse
4.2.1 Nonlinearität durch Fragmentierung und Dramaturgiemix
4.2.2 Multiple Ebenen durch Flashbacks
4.2.3 Nonlinearität im Detail
4.2.4 Innerdiegetische Orientierungspunkte
4.3 Die Rezeption als temporale Odyssee
5 Nonlinearität in Serie: LOST
5.1 Der Story-Komplex
5.2 LOST in Narration
5.2.1 Narrative Komplexität
5.2.2 LOST in Zeit und Raum
5.2.2.1 Zeitverschiebungen durch temporale Rückgriffe
5.2.2.2 Verwendung der zukünftigen Zeitebene
5.2.2.3 ‚Unstuck in time‘
5.2.2.4 Die alternative Zeitlinie
5.2.2.5 Ebene des Unterbewusstseins
5.2.2.6 Cues der Orientierung
5.3 Vom Beobachter zum Analytiker: die LOST-Rezipienten
6 Vergleichende Analyse
7 Abblende
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht, wie sich medienspezifische Unterschiede auf die Erzählformen in Film und TV-Serie auswirken. Das primäre Ziel ist es, die Umsetzung von Nonlinearität in beiden Medien aufzuzeigen und deren Auswirkungen auf die kognitiven Prozesse der Rezeption zu analysieren.
- Die Theorie des filmischen und televisuellen Erzählens.
- Die mediale Umsetzung von Nonlinearität und Zeitmanipulation.
- Die kognitiven Verstehensprozesse bei der Rezeption audiovisueller Medien.
- Vergleichende Analyse von Film (ETERNAL SUNSHINE OF THE SPOTLESS MIND) und TV-Serie (LOST).
Auszug aus dem Buch
2.1.1.2 Nonlinearität
Die konventionellen Formen der Anachronien sind aufgrund ihrer Geläufigkeit und ihrer Einbindung in die Geschichte als Erinnerungen bzw. hellseherische Fähigkeiten nicht das, was hier unter nonlinearer Narration verstanden wird. Vielmehr zeichnen sich nonlineare audiovisuelle Produkte durch die Besonderheit aus, dass sie die etablierte lineare Erzählweise aushebeln und das konventionelle Zeitkonzept in Frage stellen. Dies tun sie, indem sie Plot-Anordnungen konstruieren, die von Story-Chronologien abweichen und nicht mit der innerdiegetischen Zeit spielen, wie es Analepse und Prolepse tun, sondern mit der Darstellung ebendieser. Im narratologischen Sinne kann man von einer Dekonstruktion der Geschichte sprechen. Es handelt sich demnach um Strategien, die sich von dem, was Bordwell unter klassischer Hollywood Narration versteht, grundlegend unterscheiden. Mit Hilfe dieser Strategien wird eine Zeitlichkeit konstruiert, die den Sinnen sonst verborgen bleibt (vgl. Volland 2009, 131). Nicht lineare Verfahren machen durch das Spielen mit Zeitstrukturen „Zeit mit allen dem Medium zur Verfügung stehenden Mitteln sichtbar und spürbar“ (Seeßlen 2004, 102), wodurch auch die Konstruktion ebendieser und dadurch die Materialität des audiovisuellen Gegenstandes deutlich wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Aufblende: Einführung in das Thema der zeitlichen Struktur von Erzählungen und die Tendenz zum nicht linearen Erzählen in Film und Fernsehen.
2 Die zeitliche Dimension der Narration: Grundlagen des Erzählens und der Definition von Zeit, unterteilt in diegetische Narration und kognitive Prozesse.
3 Spielfelder des Nonlinearen: Untersuchung der Unterschiede zwischen filmischem und seriellem Erzählen hinsichtlich ihrer zeitlichen Rahmenbedingungen.
4 ETERNAL SUNSHINE OF THE SPOTLESS MIND: Detailanalyse des Films als Beispiel für innovative Zeitfiguren und fragmentierte Narration.
5 Nonlinearität in Serie: LOST: Analyse der TV-Serie als hochkomplexes Narrativ mit vielfältigen Zeitverschiebungen.
6 Vergleichende Analyse: Synthese der Ergebnisse zur medienspezifischen Umsetzung von Nonlinearität und den Anforderungen an die Zuschauer.
7 Abblende: Reflektion der Untersuchungsergebnisse und Fazit zur Relevanz nicht linearer Erzählweisen.
Schlüsselwörter
Nonlinearität, Narration, Film, Fernsehserie, Zeitstruktur, Plot, Story, Rezeption, Kognition, Zeitverschiebung, Fragmentierung, Multiperspektivität, Flashback, Flashforward, narrative Komplexität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die verschiedenen Erzählformen, die vom klassischen, linearen Zeitverständnis abweichen, und analysiert deren Umsetzung in Film und Fernsehen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die temporale Struktur von Filmen und Serien, die Konstruktion von Plots sowie die kognitiven Anforderungen an die Rezipienten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die medienspezifischen Unterschiede in der Umsetzung von Nonlinearität aufzuzeigen und die Auswirkungen dieser Dramaturgie auf die Bedeutung und Rezeption der Erzählungen zu verdeutlichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt Ansätze der Narratologie, insbesondere der neoformalistischen Filmanalyse nach Bordwell, um Story-Plot-Verhältnisse und Zeitfiguren zu analysieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst theoretische Grundlagen gelegt, gefolgt von einer detaillierten Analyse des Films "ETERNAL SUNSHINE OF THE SPOTLESS MIND" und der TV-Serie "LOST".
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Nonlinearität, narrative Komplexität, Zeitmanipulation und Rezeptionsforschung charakterisieren.
Warum wird LOST als Beispiel für narrative Komplexität angeführt?
LOST wird als Beispiel gewählt, weil die Serie durch die Verschachtelung zahlreicher Zeitebenen, wie Flashbacks, Flashforwards und alternative Zeitlinien, hohe Anforderungen an die Gedächtnisleistung und Analysefähigkeit der Zuschauer stellt.
Inwiefern beeinflusst das Medium die Zeitdarstellung?
Während Filme meist abgeschlossene, überschaubare zeitliche Einheiten bilden, ermöglichen Serien durch ihren größeren Umfang und die episodische Struktur eine komplexere, über lange Zeiträume entfaltete, fragmentierte Erzählweise.
- Citar trabajo
- Sandra Garthaus (Autor), 2011, Nonlineare Erzählweisen in Film und TV-Serie. "Eternal Sunshine of the spotless mind" und "Lost", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/276161