Das filmische Schaffen Éric Rohmers bietet einen ausgesprochen nährreichen Boden für verschiedenste Forschungsbereiche, zu denen nicht nur Film- und Medienwissenschaft, sondern auch Kulturwissenschaft und Soziologie zählen. Unabhängig von ihrer thematischen Ausrichtung beschränkt sich die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Werken Rohmers vornehmlich auf seine frühen Filme und Zyklen. Die vorliegende Arbeit soll mit der Auseinandersetzung mit "Conte d'été", dem vorletzten Werk seines letzten Zyklus, einen Beitrag zur neueren Rohmer-Forschung leisten.
Dass Eric Rohmer mit seinem filmischen Werk einen Thesaurus unserer Sprache der Liebe vorgelegt hat, ist keine neue Erkenntnis und eben dieser Thesaurus stellt den Forschungsgegenstand vieler Arbeiten zu Rohmer dar. Allerdings gehen auch diese vor allen Dingen auf die Filme ein, die in den achtziger Jahren oder früher entstanden. In "Figures du désir" widmet Felten "Conte d'été" einen kurzen Abschnitt, der jedoch die Zirkulation des Begehrens, Deleuze und Melville in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen rückt. Bereits zu Anfang stellt sie fest: "In keinem anderen Film von Rohmer wird die Fraktalität der amourösen Codes so deutlich wie in 'Conte d'été'". Amouröse Codes werden nicht nur deutlich, sondern sind entscheidend für den Verlauf der Handlung - ebenso wie andere Aspekte der Kommunikation. Aus diesem Grund stellt "Conte d'été" für das Feld der Interkulturellen Kommunikation einen besonders interessanten Untersuchungsgegenstand dar. In welcher Weise amouröse Codes nach Niklas Luhmann, amouröse Figuren nach Roland Barthes und sonstige Kommunikationsformen im Film zu Tage treten und welche Rolle sie für den Handlungsverlauf und die Rezeption spielen, soll die vorliegende Arbeit aufzeigen, näher erläutern und somit verdeutlichen.
Zu diesem Zweck wird der Forschungsgegenstand, "Conte d'été", zunächst in seinen zyklischen Kontext eingeordnet und seine wichtigsten filmischen Merkmale werden festgehalten. Anschließend werden die Werke Luhmanns und Barthes kurz umrissen, bevor der Film auf die (amouröse) Kommunikation innerhalb der einzelnen Beziehungen des Protagonisten untersucht wird. Anhand der sowohl innerhalb einzelner Beziehungen als auch beziehungsübergreifend vorkommenden Codes, Figuren und Kommunikationsformen soll schließlich festgestellt werden, inwiefern sie die Handlung und deren Ausgang sowie die Rezeption des Films durch den Zuschauer beeinflussen.
Inhaltsverzeichnis
1 Éric Rohmers „Conte d’été“
1.1 Les „Contes des quatres saisons“
1.2 Filmische Merkmale
1.2.1 Mikroebene
1.2.1.1 Bild
1.2.1.2 Ton
1.2.2 Makroebene
1.2.2.1 Struktur
1.2.2.2 Erzähler
1.2.2.3 Zeit
1.2.3 Entstehender Eindruck
1.3 Figurenkonstellation
2 Codierungen der Liebe
2.1 Roland Barthes „Fragments d’un discours amoureux“
2.1.1 Struktur
2.1.2 Inhalt
2.2 Niklas Luhmanns „Liebe als Passion – zur Codierung von Intimität“
2.2.1 Struktur
2.2.2 Inhalt
3 Kommunikationsformen, Codes und Figuren in Gaspards Beziehungen
3.1 Margot
3.1.1 Arten der Kommunikation
3.1.1.1 Tiefsinnige Gespräche
3.1.1.2 Ehrlichkeit
3.1.2 Codes
3.1.2.1 Freundschaft
3.1.2.2 Passion
3.1.3 Figuren
3.1.3.1 Gêne
3.1.3.2 Scène
3.2 Solène
3.2.1 Arten der Kommunikation
3.2.1.1 Musik und Gesang
3.2.1.2 Nonverbale Kommunikation und Schweigen
3.2.2 Codes
3.2.2.1 Verführung
3.2.2.2 Aufschub des Genusses
3.2.3 Figuren
3.2.3.1 Contacts
3.2.3.2 Induction
3.3 Léna
3.3.1 Arten der Kommunikation
3.3.1.1 Streitgespräche
3.3.1.2 Umgang mit Gedankensprüngen
3.3.2 Codes
3.3.2.1 Romantische Liebe und Zufall
3.3.2.2 Abwesenheit
3.3.3 Figuren
3.3.3.1 Absence & Attente
3.3.3.2 Fâcheux & Jalousie
3.4 Wiederkehrende Muster
3.4.1 Conduite
3.4.2 Absichtliches Meiden des Urlaubsflirts
3.4.3 Zynismus
3.4.4 Rechtfertigung
3.4.5 Idee der remplaçante
4 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das filmische Schaffen von Éric Rohmer, insbesondere seinen Film „Conte d’été“, um zu analysieren, wie amouröse Codes und Kommunikationsformen das Handeln, den Verlauf der Beziehungen sowie die Rezeption des Films durch den Zuschauer beeinflussen. Dabei wird der Forschungsgegenstand in den Kontext der Nouvelle Vague eingeordnet und mit den Theorien von Roland Barthes und Niklas Luhmann verknüpft, um die Interaktion der Figuren untereinander zu verstehen.
- Filmische Merkmale und Stilistik von Éric Rohmer
- Theoretische Grundlagen amouröser Codierungen (Barthes & Luhmann)
- Analyse der Kommunikation in Gaspards Beziehungen zu Margot, Solène und Léna
- Untersuchung von Figurenkonstellationen und typischen Mustern
- Reflektion über die Rolle von Zufall und Kommunikation für den Handlungsverlauf
Auszug aus dem Buch
1.2.1 Mikroebene
Sämtliche Bilder des Films wurden on location gedreht und zeichnen sich daher durch natürliche Licht- und Farbverhältnisse aus, die weder zusätzliche Scheinwerfer beim Dreh noch durch entsprechende Änderungen in der Postproduktion verändert wurden.
Trotz der Verwendung einer Handkamera wird nicht mit Kamerabewegungen experimentiert. Es gibt kaum Kamerafahrten, bei Schwenks befindet die Kamera sich oft an einem Punkt und kommt mit minimalen Drehungen um die Querachse und langsamen Drehungen um die Vertikalachse aus, die meist den Bewegungen der Figuren folgen. Schiefenwinkel werden nicht eingesetzt. Abgesehen von den leichten Rotationen um die Querachse wahrt die Kamera ihre Horizontalsicht; in „Conte d’été“ gibt es keinerlei Auf- oder Untersichten.
Eine Partikularität des Films zeigt sich bei näherer Betrachtung der zum Einsatz kommenden Einstellungsgrößen: Rohmer bedient sich während des Hauptteils des Films lediglich eines eingeschränkten Repertoires der ihm Verfügung stehenden Auswahl. Der Film besteht zum größten Teil aus Einstellungsgrößen des Spektrums Amerikanisch-Nah, halbnahe Einstellungen wechseln sich häufig mit den erstgenannten ab. Weit und Total finden sich in der Hauptsache in der ersten sowie den letzten beiden Einstellungen. Groß- und Detailaufnahmen kommen, bis auf eine Ausnahme (Gaspards Blick auf den Wecker [1:40:23]), nicht im Film vor.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Éric Rohmers „Conte d’été“: Einführung in den filmischen Kontext des Werks und Darstellung der wichtigsten filmischen Merkmale sowie der zentralen Figurenkonstellation.
2 Codierungen der Liebe: Theoretische Auseinandersetzung mit den Konzepten von Roland Barthes („Fragments d’un discours amoureux“) und Niklas Luhmann („Liebe als Passion“).
3 Kommunikationsformen, Codes und Figuren in Gaspards Beziehungen: Hauptteil der Arbeit, der anhand der Beziehungen zu Margot, Solène und Léna die theoretischen Ansätze auf den Film anwendet.
4 Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Erkenntnisse über Rohmers filmische Vorgehensweise und die Kommunikation seiner Protagonisten.
Schlüsselwörter
Éric Rohmer, Conte d’été, Nouvelle Vague, Roland Barthes, Niklas Luhmann, Liebeskodierung, Filmtheorie, Kommunikationsanalyse, Figurenkonstellation, amouröse Codes, Gaspard, Beziehungsdynamik, Interkulturelle Kommunikation, Filmmittel, Filmanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das filmische Werk von Éric Rohmer, insbesondere den Film „Conte d’été“, unter dem Aspekt der Kommunikation und der amourösen Codierung zwischen den handelnden Figuren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind die filmischen Stilmittel Rohmers, die theoretische Fundierung durch Barthes und Luhmann sowie die konkrete Analyse der Interaktionen Gaspards mit den drei Frauen seines Lebens.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es soll erläutert werden, in welcher Weise amouröse Codes und Kommunikationsformen bei den Protagonisten auftreten und welche Rolle diese für den Handlungsverlauf und die Rezeption des Films spielen.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Die Arbeit nutzt eine filmwissenschaftliche Analyse der Ästhetik (Kamera, Schnitt) kombiniert mit einer medienwissenschaftlichen und soziologischen Anwendung von Theorien zur amourösen Kommunikation.
Was wird im Hauptteil der Arbeit primär behandelt?
Im Hauptteil (Kapitel 3) werden die Beziehungen des Protagonisten Gaspard zu Margot, Solène und Léna detailliert anhand von Kommunikationsarten, spezifischen Codes und dem Auftreten von Figurenkonstellationen analysiert.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Publikation?
Schlüsselbegriffe sind unter anderem Éric Rohmer, „Conte d’été“, Liebe als Passion, amouröse Codes, Figurenkonstellationen und die Spezifika der Nouvelle Vague.
Warum ist die „Mikroebene“ der filmischen Analyse für das Verständnis des Films relevant?
Die Analyse der Mikroebene (z.B. der Verzicht auf Kamerafahrten oder der Einsatz von natürlichem Licht) verdeutlicht den dokumentarischen, realistischen Stil des Films, der charakteristisch für Rohmers späte Arbeiten ist.
Welche Rolle spielt der „Zufall“ in der Argumentation des Autors?
Der Zufall wird als ein zentrales Element im romantischen Konzept der Liebe identifiziert, wobei Gaspard diesen nutzt, um sich Entscheidungen zu entziehen und seine Situation als „Ersatz“ oder „Flucht“ zu rechtfertigen.
- Quote paper
- Isis Martinsen (Author), 2012, Gaspard, ein kommunikatives Chamäleon, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/276289