Das Prinzip Coolness

Zum Wandel der Semantik einer kommunikativen Regel


Essay, 2014

12 Seiten


Leseprobe

DAS PRINZIP COOLNESS

Zum Wandel der Semantik einer kommunikativen Regel.

DIE HEGEMONIALE BEDEUTUNG VON COOL

Cool ey. Noch vor 15 Jahren war dieser Ausdruck das definitive Erkennungszeichen des rebellischen Jugendkultursprech, heute wird das Attribut cool für alles verwendet, was Jugendliche innerhalb ihrer teilkulturellen Kommunikation in irgendeiner Weise gut finden, eine Form der Äußerung von Zustimmung, die inflationär gebraucht wird, Alles kann cool sein. Cool ist eine jugendkulturelle Sprachregel, die Zustimmung signalisiert. Als solches ist sie heute ein global verbreitetes Attribut. Das war nicht immer so, zumindest in den frühen 70er Jahren ist das Adjektiv noch an andere,engere Konnotation geknüpft. Und kulturgeschichtlich gesehen sind damit Aspekte und Sachverhalte angesprochen, die bis in die Antike zurückreichen. Aber langsam.

Heute scheint man Allem, Dingen oder Personen, Coolness attestieren zu können, ob Tablets oder Mario Götze, sämtliche Waren, mit denen man sich gerne umgibt und derer man sich im öffentlichen Raum der Märkte und Lebensstile gerne bedient, werden in der digitalen Öffentlichkeit für alle ziemlich besten Freunde sichtbar gemacht. Ein gefundenes Fressen für die Werbeindustrie, die sich dieser Coolness bedient, sie instrumentalisiert, um die Menschen mit den so angesagten Objekten auszustaffieren, das Bastelmaterial und die Accessoirs für die Gestaltung des eigenen Lebensstils, des erwünschten Habitus zu liefern - gemäß der in der Werbung gepflegten Präsentationstechnik: „mein Haus, mein Auto, meine Yacht, meine Frau etc“. Die coolen Gegenstände werden zum Medium der marktvermittelten Selbstinszenierung der Menschen.

Je nach Portemonnaie und sozialer Zugehörigkeit, gekoppelt mit einer bestimmten Geschmackskultur, werden Identitätsentwürfe und Konzepte des eigenen Selbst vermittelt.

DEUTUNGEN DES COOL-PHÄNOMENS

Diese Strategien sind nach der Meinung zahlreicher Soziologen Ausdruck der zunehmenden Individualisierungsbemühungen, die das Bedürfnis, sich von Anderen zu unterscheiden, befriedigen, gleichzeitig, in paradoxer Weise, aber auch das Bedürfnis den Anderen gleich zu sein, forcieren, so dass die gleichzeitige Orientierung an Distinktion und Mimesis miteinander kompatibel wird (vgl. ROSENBERG 2008, BÖHME 2006). „Just be yourself“ lautet die paradoxe Maxime, indem man sich mit Dingen bestückt, die in der eigenen Referenzgruppe als cool gelten. Der besondere Appeal der Waren besteht darin, dass man sie braucht, um als besonders cool zu gelten, für andere sozial erkennbar zu sein. Die soziale Lesbarkeit wird dann in Facebook oder anderen Selbst- und Fremddarstellungsforen radikal multipliziert. Fest eingebunden in den Warenfetischismus des industriellen Systems wird Coolness als Strategie von Selbstdarstellungspraktiken in den digitalen Orkus katapultiert.

Bislang ging es nur um den derzeit hegemonialen Aspekt von cool. Nun enthält das Attribut ja auch die Konnotation von Gefühlskontrolle, des Herunterkochens von Affekten, deren Ausleben als inopportun und unpassend erscheinen kann. Dieser Aspekt der Jugendsprache wird aktuell von der Jugendsprache kaum noch berührt. Man könnte nun argumentieren, dass in einer hochgradig funktional differenzierten Gesellschaft ein hohes Maß an emotionaler Selbstkontrolle gefordert und erwartet wird, die die Coolness entsprechend zu einer zentralen Verhaltensnorm werden lässt, weil in funktional spezifischen und sachlich-rational gestrickten Subsystemen Emotionalität nur stört und als unangemessen exkludiert wird. Im Extremfall engagieren wir Mediatoren und Berater, die sich darum bemühen, die Affektkontrolle durchzusetzen, indem deren Ausleben sozial partialisiert bzw. segregiert, d. h. subsystemspezifisch bearbeitet wird (vgl. LUHMANN 1986).

Neben den individualisierungs- und differenzierungstheoretischen Annahmen war es vor allem die zivilisationstheoretische Theorie von ELIAS (1969), welche eine Zunahme der Regulierung von Affekten und Emotionen aufgrund der Veränderungen menschlicher Beziehungskonstellationen (Konfigurationen) prognostiziert hat. Obschon an dieser Stelle keine erschöpfende Betrachtung dieser konfigurationssoziologischen Analyse unternommen werden kann, sei lediglich angemerkt, dass die bisher unterstellte Unilinerarität der Zunahme von Affektkontrolle aufgrund zahlreicher gegenläufiger Untersuchungsergebnisse und Hypothesen in der Mediensoziologie, der Sexualitätsforschung, oder der Geschlechtersoziologie nicht aufrechterhalten werden kann (vgl. GLEICHMANN 1982). Darüber hinaus müsste die Diskussion und die empirisch Erforschung stärker nach verschiedenen Aspekten, Dimensionen und Indikatoren der Affektkontrolle differenziert werden, (z. B. nach der Affektkontrolle in der Sprache, dem Grad der Verinnerlichung von Affektkontrolle oder dem Ausmaß der Scham- und Peinlichkeitsschwellen). Schließlich wäre es denkbar, dass die Art des Umgangs mit Emotionen, d.h. eine Tendenz zur weiteren Affektkontrolle oder eher einer steigenden Informalisierung von Emotionen, sich in unterschiedlichen gesellschaftlichen Subsystemen gegenläufig entwickelt.

Auch in dem psychoanalytisch inspirierten, konformitätstheoretischen Ansatz von DAVID RIESMAN (1962) wird implizite eine Steigerung der Affektkontrolle nahegelegt, die auf unterschiedliche Formen der Sozialisation zurückgeführt wird. RIESMAN unterscheidet neben der traditionsgeleiteten zwischen der innengeleiteten und der außengeleiteten Sozialisationsform resp. Persönlichkeit. Während innengeleitet bedeutet, dass Menschen das Gewissen und die Schuldgefühle als entscheidende Verhaltenskontrolle benutzen, sind es beim außengeleiteten Menschen die Anderen, die Kontrolle ausüben und zwar vermittels des Gefühlskomplexes der Scham. Die Scham ist das verhaltensmodellierende Gefühl im Fall einer Nichtbeachtung sozialer Erwartungen Mit der Auswahl einer „falschen“ weil unpassenden Verhaltensweise setzt man sich dem Risiko einer Peinlichkeitsempfindung aus und unterlässt aufgrund von Versagensängsten eine ausgeprägte emotionale Reaktionen. Die so antizipierte Scham unterdrückt dadurch die Expression der empfundenen Gefühle.

Resümierend könnte formuliert werden, dass Differenzierung, Individualisierung, Konfigurationen und Formen der extern-sozialen Geleitetheit Sachverhalte darstellen, die Coolness als kommunikative Regel des Zusammenhangs von Affektivität und sozialer Handlung generieren.

HISTORISCHE KONTEXTE DES COOL-SEINS

Da an dieser Stelle auf eine weitere vergleichende Diskussion der angeführten soziologischen Deutungsmuster verzichtet werden muss, ist es im Hinblick auf die Betrachtung des Prinzips der Coolness besonders aufschlussreich, den historischen Kontext einzubringen, innerhalb dessen die Norm der Coolness produziert wurde bzw. diffundierte. Aufgrund der Studien der Amerikanistinnen HASELSTEINER et al. (2012) ist es erwiesen, dass der Begriff „cool“ amerikanischen Ursprungs ist und heute völlig globalisiert ist, d.h. überall auf der Welt von Menschen mit einem Minimum an Englischkenntnissen verstanden und benutzt wird. Welches sind nun solche historische Kontexte, wenn man als Minimaldefinition von Coolness eine Verhaltenstendenz der emotionalen Kontrolle voraussetzt i.S. des Bewahrens eines kühlen Kopfes zur Bewältigung von Handlungsanforderungen.

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Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Das Prinzip Coolness
Untertitel
Zum Wandel der Semantik einer kommunikativen Regel
Veranstaltung
Kultursoziologie, Kulturwissenschaft, Kulturgeschichte, Soziologie
Autor
Jahr
2014
Seiten
12
Katalognummer
V276641
ISBN (eBook)
9783656700647
ISBN (Buch)
9783656701095
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Subkultur, jugendliche Teilkultur, Emotion, Emotionssoziologie, Boheme, Prinzipien der Coolness
Arbeit zitieren
Diplom-Soziologe, Dr. phil. Michael Seifert (Autor), 2014, Das Prinzip Coolness, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/276641

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