In der 25. Aventiure "Wie die Nibelungen zen Hiunen fuoren" machen die Burgunden sich auf, Kriemhilds Einladung zum Hofe Etzels zu folgen. Auf dem Weg dorthin gelangen sie an das Ufer der Donau, die zu diesem Zeitpunkt von Hochwasser betroffen und somit unpassierbar ist. Daraufhin macht Hagen sich auf die Suche nach einem Fährmann, der die sichere Überquerung gewährleisten kann, und stößt dabei auf zwei badende Meerfrauen (wîsiu wîp), denen er heimlich die Kleider stielt. Die beiden Wesen, deren Namen Hadeburg und Sigelind sind, bieten Hagen an, ihm im Austausch für ihre Kleider vorauszusagen, wie die Fahrt an Etzels Hof ausgehen wird.
Diese Stelle im Nibelungenlied lässt nach mehrmaligem Lesen einige scheinbare Unlogiken erkennen, die der Handlung innewohnen, und die im Zuge der nachfolgenden Arbeit geklärt werden sollen: Wieso stiehlt Hagen die Kleider der Meerjungfrauen? Wieso benötigen Meerjungfrauen Kleider? Weshalb antworten sie zunächst mit einer Lüge, um sie hernach zu korrigieren? Wieso glaubt Hagen diese Lüge sofort und zweifelt aber, als ihm etwas Negatives prophezeit wird? Und welche Intention verfolgen die Meerjungfrauen, als sie Hagen den Rat erteilen, sich dem Fährmann Amelrich vorzustellen?
Inhaltsverzeichnis
1. Rahmenhandlung
2. Fragen, die die Textstelle aufwirft
3. Merwîp - Mögliche Einordnungen
3.1. Einordnung als mystisches Wesen
3.2. Einordnung mit religiösem Hintergrund
4. Differenzierung Zukunft/Schicksal
5. Fazit
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Begegnung Hagens mit den zwei Meerfrauen Hadeburg und Sigelind in der 25. Aventiure des Nibelungenliedes, um die unlogisch erscheinenden Handlungen der Charaktere zu analysieren und deren Bedeutung für den weiteren Verlauf der Geschichte einzuordnen.
- Analyse des rätselhaften Verhaltens von Hagen und den Meerfrauen.
- Einordnung der Meerfrauen als mystische Wesen, insbesondere als Schwanjungfrauen.
- Untersuchung religiöser Aspekte und des Eingreifens Gottes im Kontext des Kaplans.
- Abgrenzung der Begriffe Zukunft und Schicksal in Bezug auf die Prophezeiung.
Auszug aus dem Buch
3.1. Einordnung als mystisches Wesen
"Im Nibelungenliede werden zeitgenössische Erfahrungen mit mythischem Geschehen kontrastiert."
Auch die Wasserfrauen gehören zum mystischen Teil des Werkes. Dennoch stellen sie auch eine Art Verbindung zur realen Welt dar, schlicht durch die Tatsache, dass Hadeburg und Sigelind Namen und dadurch eine Idendität haben. Hagens Begegnung mit ihnen entstammt zum einen dem Volksglauben und ist des weiteren literarischen Ursprungs. Aus dem Eintrag "Meergeister" im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens geht hervor, dass die Wesen zwar unterschiedlich, meist jedoch eher negativ konnotiert und mit Schiffbruch und Ertrinken in Verbindung gebracht werden. Im Bezug auf das Nibelungenlied erscheint jedoch eine bestimmte Stelle relevant zu sein: "Auch die Schwanjungfrauengeschichte mit Kleiderwegnehmen, Zurückgeben und Davonfliegen wird vom Seeweibchen erzählt." Zu diesem Begriff gibt es im Reallexikon der germanischen Altertumskunde einen eigenen Eintrag, in dem man nachlesen kann, dass Männer, die den Schwanenjungfrauen während des Badens ihr Hemd entwenden, fortan über sie verfügen können, solange bis sie es zurückerhalten. Zeitlich sowie literarisch würden diese Wesen ins Bild passen: Sie erinnern durch die Gabe der Vorhersage durchaus an die Nornen des Nordens, die in der Edda zu finden sind, mit der das Nibelungenlied an vielen Stellen verknüpft sind. Diese Nornen können als Ursprung des Konzepts von Schicksalsfrauen gesehen werden und bilden zusammen mit der Tatsache, dass die Geschichten der Edda vor dem Nibelungenlied entstanden sind, eine denkbare Vorlage für die Wesen, die in Letzterem vorkommen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Rahmenhandlung: Das Kapitel schildert die Begebenheit an der Donau, bei der Hagen auf die Meerfrauen Hadeburg und Sigelind trifft, von ihnen eine Prophezeiung erhält und den Fährmann tötet.
2. Fragen, die die Textstelle aufwirft: Hier werden die scheinbaren Unlogiken der Textstelle, wie das Kleiderstehlen Hagens und die wechselhaften Aussagen der Meerfrauen, problematisiert.
3. Merwîp - Mögliche Einordnungen: In diesem Hauptteil wird versucht, das Wesen der Meerfrauen zu definieren, wobei zwischen einer mystischen Interpretation und einem religiösen Hintergrund differenziert wird.
3.1. Einordnung als mystisches Wesen: Untersucht die Parallelen zwischen den Meerfrauen und den mythologischen Schwanjungfrauen sowie deren Bedeutung als Schicksalsfrauen.
3.2. Einordnung mit religiösem Hintergrund: Analysiert die Rolle des Kaplans und die Vorstellung des 13. Jahrhunderts von Meerfrauen als teuflische Gegenspielerinnen, die das göttliche Handeln herausfordern.
4. Differenzierung Zukunft/Schicksal: Dieses Kapitel arbeitet die begriffliche Unterscheidung zwischen veränderbarer Zukunft und unabwendbarem Schicksal anhand Hagens Versuchen, die Prophezeiung abzuwenden, heraus.
5. Fazit: Die Arbeit schließt mit dem Ergebnis, dass die Meerfrauen primär als mystische Wesen zu verstehen sind, wobei eine christliche Komponente durch das Eingreifen Gottes bei der Rettung des Kaplans mitschwingt.
Schlüsselwörter
Nibelungenlied, Hagen, Hadeburg, Sigelind, Meerfrauen, Schwanjungfrauen, Prophezeiung, Schicksal, Donau, Kaplan, Mittelalter, Mystik, Religion, Aventiure, Weissagung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert eine zentrale Textstelle des Nibelungenliedes, in der der Protagonist Hagen auf zwei Meerfrauen an der Donau trifft, und untersucht deren mystisches und schicksalhaftes Handeln.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die mythologische Einordnung der Meerfrauen, die Analyse der Motivation der Handelnden, das Zusammenspiel von religiösen und mystischen Elementen sowie die Differenzierung von Zukunft und Schicksal.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, die scheinbar unlogischen Handlungen der Charaktere an der Donau aufzuklären und durch literaturwissenschaftliche Einordnung zu erklären, welche Bedeutung dieser Szene im Gesamtwerk zukommt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine textanalytische Methode, indem er Versstellen direkt zitiert, mit literaturwissenschaftlicher Fachliteratur (wie dem Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens) vergleicht und interpretatorisch auswertet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Meerfrauen als Schwanjungfrauen, ihre Einordnung in ein christliches Weltbild des 13. Jahrhunderts und die Analyse des Verhältnisses von Zukunftsvorhersage und Schicksal.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Nibelungenlied, Hagen, Meerfrauen/Schwanjungfrauen, Prophezeiung, Schicksal und die mythologische Rezeption im Mittelalter.
Warum ist das Stehlen der Kleider durch Hagen für die Interpretation so wichtig?
Das Kleiderstehlen fungiert als Druckmittel, das zeigt, dass Hagen sich der übernatürlichen Kräfte der Wesen bewusst ist und gezielt versucht, ihre Voraussagungskräfte zu nutzen.
Welche Rolle spielt der Kaplan in der religiösen Interpretation?
Der Kaplan fungiert als einziger Überlebender und dient als Beweis für das Eingreifen Gottes, wodurch die Meerfrauen in einem christlichen Kontext als Antagonistinnen oder teuflische Wesen gedeutet werden können.
- Citation du texte
- Paul Hacker (Auteur), 2014, Hagens Treffen mit Hadeburg und Sigelind, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/276704