Der Mensch als handelnde Person hinter dem Projekt-, Prozess- und Qualitätsmanagement


Hausarbeit, 2014

61 Seiten, Note: Sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung und Übersicht

2 Zielsetzung und Abgrenzung

3 Psychologische Grundlagen menschlichen Handelns
3.1 Der Mensch und seine Umwelt
3.2 Empfindung
3.3 Wahrnehmung
3.3.1 Bewusstsein, Unbewusstsein und Vorbewusstsein
3.3.2 Andere kognitive Funktionsbereiche
3.3.3 Beschreibung
3.3.4 Erklärung
3.3.5 Bewertung
3.4 Entscheidung
3.5 Motivation
3.6 Menschliches Handeln
3.7 Kommunikation
3.8 Gruppen

4 Theoretische Grundlagen für das Prozess-, Projekt- und Qualitätsmanagement
4.1 Prozesse und Systeme
4.2 Projekte
4.3 Qualität

5 Prozessmanagement
5.1 Prozessarbeit vorbereiten
5.2 Prozesse beschreiben
5.3 Prozesse lenken und ständig verbessern
5.4 Prozesse stabilisieren

6 Projektmanagement

7 Qualitätsmanagement

8 Zusammenhänge zwischen Prozess-, Projekt- und Qualitätsmanagement

9 Projekthafte Einführung des Prozessmanagements

10 Literaturverzeichnis

1 Einführung und Übersicht

Der deutsche Schriftsteller, Drehbuchautor, Verfasser von Kabaretttexten und Moralist Erich Kästner (1899 – 1974) schrieb 1950 in seinem kleinen Aphorismus[1] „Moral“: „Es gibt nichts Gutes außer: Man tut es.“ [2] . Damit betonte Kästner die Wichtigkeit des aktiven Handelns gegenüber den bloß auf der theoretischen Ebene verbleibenden Ideen, Überzeugungen und Diskussionen. Doch bei allem Wohlwollen für den Inhalt dieser Aussage: Kann dies in dieser Absolutheit auch für komplexe und äußerst verantwortungsvoll auszuübende Tätigkeiten gelten, die im Falle grundsätzlich immer möglicher negativer Ergebnisse schwere und schwerste menschliche, soziale und ökonomische Konsequenzen für Leib und Leben der Betroffenen haben können? Menschliches Handeln in emotional sowie sachlich anspruchsvollen, oft besonders belastenden Situationen, das in der Regel mit schwer wiegenden Konsequenzen verbunden ist, darf deshalb nicht ausschließlich dem individuell praktisch erworbenen Erfahrungsschatz und einer möglicherweise schon längere Zeit zurückliegenden theoretischen Ausbildung der Tätigen überlassen bleiben. Doch welche Lösungsoptionen gibt es hier? Die primäre Antwort wird sein: Maximal mögliche Professionalisierung!

Doch was bedeutet das in diesem Zusammenhang? Eine noch intensivere, längere, tiefer gehende und fortlaufende Aus- und Weiterbildung der Akteure? Eine bessere wissenschaftliche Fundierung der einzelnen Tätigkeiten? Verbesserung der organisatorischen Rahmenbedingungen? Oder alles zusammen? Doch wozu eigentlich der ganze Aufwand? Kann es nicht auch ohne all diese Maßnahmen befriedigend funktionieren? Kapitel 3 dieser Arbeit über die „Psychologischen Grundlagen menschlichen Handelns“ gibt uns die Antwort, warum dies in der Regel nicht ausreichen wird. Das führt bereits zum eigentlichen Thema dieser Arbeit. Diese soll einen Beitrag zur erforderlichen Professionalisierung menschlichen Handelns insofern leisten, indem sie auf eine theoretische Zusammenfassung von Prozess-, Projekt- und Qualitätsmanagement, welche im besonderen als Grundlage zu einer eventuell späteren Einführung oder Verbesserung von Prozessen in Anästhesie und Intensivmedizin, abzielt. Die Konkretisierung und praktische Einführung dieser Prozesse selbst ist allerdings nicht Inhalt dieser Arbeit. Deren Zielsetzung und angesichts des weitläufigen Themas notwendige Abgrenzung hinsichtlich Inhalt und Umfang finden sich in Kapitel 2 „Zielsetzung und Abgrenzung“.

Die vorliegende Arbeit versteht sich als radikale Arbeit, also von der Wurzel ausgehend. Das erfordert, die Einführung bzw. Klärung der für die eigentlichen Ausführungen zu Prozess- und Projektmanagement sowie Qualitätsmanagement. Als integrale Bestandteile dieser Managementprozesse sind die Begriffe „Mensch“ als deren Träger bzw. Ressource, „Systeme“ und deren „Veränderungen“ zu beschreiben sowie deren Bezug zu Prozess-, Projekt- und Qualitätsmanagement und „menschliches Handeln“. Somit lässt sich als „roter Faden“ in dieser Arbeit die Begriffskette „Mensch – menschliches Handeln – Sozialbezug – System – Veränderung – Prozess – Projekt – Qualität“ erkennen.

Kapitel 4 „Theoretische Grundlagen für das Prozess-, Projekt- und Qualitätsmanagement“, beschäftigt sich vertiefend mit dem Kontext der Systemtheorie. Aufbauend auf diese grundlegenden Darstellungen werden in Kapitel 5 die wesentlichen Funktionen, deren Inhalte, Rahmenbedingungen, Zusammenhänge und Risikofaktoren des Prozessmanagements erläutert. In ähnlicher Form werden in Kapitel 6 die Elemente des Projektmanagements als spezielle Anwendung des Prozessmanagements und in Kapitel 7 jene des Qualitätsmanagements dargestellt. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit der gegenständlichen Ausführungen werden in den Kapiteln 5-7 Prozess-, Projekt- und Qualitätsmanagement soweit wie irgendwie möglich ohne deren Querbeziehungen vorgestellt, obwohl dies aus Sicht der Praxis realitätsfern wirken muss. Diese Zusammenhänge finden sich anschließend auf bis dann stabil erläuterter Grundlage in Kapitel 8 „Zusammenhänge zwischen Prozess-, Projekt- und Qualitätsmanagement“.

Auch die Reihenfolge der Behandlung von Prozess-, Projekt- und Qualitätsmanagement ist nicht zufällig. Sie entspricht der Charakteristik menschlichen Handelns. Nicht alle derartigen Tätigkeiten sind prozesshaft, sondern erfolgen sogar in der Mehrzahl wenig oder gar nicht geplant bzw. mehr oder weniger spontan sowie intuitiv und haben manchmal sogar unbewussten Ursprung (siehe Ausführungen in Kapitel 3 „Psychologischen Grundlagen menschlichen Handelns“. Elemente des Qualitätsmanagements hingegen sind bei allen menschlichen Tätigkeiten mit professionellem Anspruch möglich, wünschenswert oder sogar erforderlich sowie oftmals in der allgemeinen Lebenswelt hilfreich. Daher ist das Qualitätsmanagement erst im Anschluss an die Darstellungen von Prozess- und Projektmanagement ausgeführt, da jene erst nach diesen einen konkreteren Bezug sowie eine verständnisvollere Diskussion gestatten. Einen ersten Schritt zur praktischen und beispielhaften Umsetzung bietet Kapitel 9 „Projekthafte Einführung des Prozessmanagements“, in dem nur auf den Erkenntnissen der Kapitel 6-8 und ohne weitere Voraussetzungen aufbauend die Entwicklung und Implementierung eines Prozessmanagements in einer Dienstleistungsinstitution ohne nähere Berücksichtigung der Art dieser Dienstleistungen erläutert wird.

2 Zielsetzung und Abgrenzung

Die vorliegende Arbeit hat zum Ziel, Prozess-, Projekt- und Qualitätsmanagement und deren Bezugsobjekte (z.B. Prozesse, usw.) theoretisch fundiert und nach aktuellem Wissensstand vorzustellen. Dies erfolgt in allgemeiner Form, wobei aber die eher abstrakt gehaltenen Definitionen und Aussagen durch verschiedene konkretisierte kleinere Beispiele aus unterschiedlichen Anwendungsgebieten und Dienstleistungsbranchen erläutert werden. In Einzelfällen wird mittlerweile als historisch geltende Literatur zitiert; einerseits um bestimmte Entwicklungsfortschritte darzulegen, andererseits aber auch die zeitliche Konstanz wesentlicher Aussagen aufzuzeigen. Wie in Kapitel 4 näher ausgeführt, sind Prozesse und Projekte, deren Qualitätsanforderungen und –kontrollen, sowie die jeweils zugehörigen Managementaktivitäten sinnvollerweise nicht nur theoretisch isoliert zu betrachten, sondern müssen in einen relevanten Kontext zur realen Welt gestellt werden. Somit muss der Bezug zu Systemen und deren wechselweise Interaktion mit den zugehörigen Prozessen betrachtet werden. Dies erfordert wiederum die Erläuterung der Eigenschaften von hier näher behandelten Systemen und Prozessen sowie die Abgrenzung zu jenen, die hinsichtlich der Zielsetzung der gegenständlichen Arbeit nur theoretischen Wert besitzen und daher nur der Vollständigkeit halber kurz gestreift werden.

Des Weiteren werden in der gegenständlichen Arbeit grundsätzlich nur dynamische Systeme betrachtet. Dynamisch in diesem Sinn heißt, dass Veränderungen eines Systems in Abhängigkeit von zeitlichen Bezugssystemen stattfinden. Innerhalb der Gruppe der dynamischen Systeme werden in der Folge alle jene nur sehr allgemein behandelt, die als natürliche Systeme bezeichnet werden können. Als solche gelten hier jene, in denen Menschen in ihrem biologischen Lebensvollzug tätig werden. Diese natürlichen Systeme werden deshalb durch natürliche Prozesse konstituiert und am Leben gehalten, die wohl aufgrund ihres ihnen innewohnenden Regelwerks („Naturgesetze“) den formellen Begriffsbestimmungen eines Prozesses (siehe Kapitel 4) entsprechen, sich aber einem menschlich bewussten, die Konsequenzen erkannten und akzeptierten, geplanten sowie initiierten und entwickelten Prozessmanagement entziehen. Jene werden daher wohl als Gegenstand der Beziehung „Mensch – Umwelt“, nicht aber als im Focus des Prozess-, Projekt- und Qualitätsmanagements stehend betrachtet.[3]

Projekte werden im Sinne der gegenständlichen Ausführungen vereinfacht als Zusammenfassung von klar definierten, in Struktur und Ablauf weitestgehend standardisierten Prozessen aufgefasst. Diese Prozesse unterliegen speziellen Rahmenbedingungen, genaue Definition von Beginn und Ende der Aktivitäten, definiertes Projektziel, grundsätzliche detaillierte „Einmaligkeit“ der Aktivitäteninhalte und dezidierte Ressourcenzuteilung (Personal, Sachmittel). Die Realisierung von Projekten findet in dieser Form – durchaus unabhängig von ihrem konkreten Inhalt der einzelnen Aktivitäten – auf vielerlei und unterschiedlichen Gebieten (z.B. Produktions-, Handels-, Finanz- und Dienstleistungsbereich) Anwendung (siehe Kapitel 4.2).

Bei allen folgenden Ausführungen zu Prozessen, Projekten und deren Qualitätssicherung steht der Mensch im Vordergrund. Sei es als Gestalter von Prozessen und Projekten oder sei es als persönliche Ressource, die diesen zugeordnet und als solche in diesen handelt. Bereits die griechischen Vorsokratiker versuchten, das Wesen des Menschen hinsichtlich seiner spezifischen Fähigkeiten und Eigenschaften zu erfassen und gegen das Tier einerseits und die Götter andererseits abzugrenzen. Einer der bedeutendsten griechischen Philosophen Aristoteles (384 – 322 vor der Zeitenwende) betont den sozialen Aspekt des Menschen als eines von Natur aus nach Gemeinschaft strebenden Wesens.[4] Im Sinne der vorliegenden Arbeit, insbesondere den Ausführungen im folgenden Kapitel 3 wird die philosophische Basis der relevanten psychologischen Phänomene einer der historisch aktuellsten Disziplinen, der „philosophischen Anthropologie“ entnommen.

3 Psychologische Grundlagen menschlichen Handelns

Alle in dieser Arbeit beschriebenen psychologischen Phänomene und Konstruktionen werden grundsätzlich auf neurobiologischen Grundannahmen behandelt.

Es geht beim menschlichen Handeln immer um die jeweils ausreichende Qualität. Menschliches Handeln ohne diesen Qualitätsanspruch oder zumindest in einer befriedigenden Minimalvariante, egal ob im privaten oder beruflichen Bereich, erzeugt fast immer Probleme mit unter Umständen dramatischen Folgen. In kritischen, komplexen Lebenssituationen, insbesondere im professionellen Umfeld, darf mangelnde Qualität daher nicht akzeptiert werden. Der erforderliche Qualitätsgrad korreliert in der Regel positiv mit dem Risiko der mangelhaften Ausführung der entsprechenden Aktivitäten. Dementsprechend ist auch der Aufwand zu berücksichtigen. Bei allen menschlichen Aktivitäten stellt sich die Frage, ob nicht der „gesunde Menschenverstand“, die jeweilige Lebenserfahrung, die Art der Sozialisation, der Grad des inhaltlichen Wissens bzw. der Ausbildungsstand, die möglichst langjährige Berufserfahrung sowie Interesse und Leistungsbereitschaft des Handelnden alleine ausreichen, damit dieser seine Aufgaben in quantitativ und qualitativ akzeptabler Weise erledigt. In vielen Lebensbereichen wird dies so wohl auch sein, theoretische und strukturelle Überlegungen, Rahmenbedingungen und Vorgaben werden von den Handelnden eher als Ballast empfunden. Der Volksmund (daher ohne eigenen Quellenhinweis) drückt dies z.B. in den Sprichwörtern aus: „Wer etwas kann, tut es; wer etwas nicht kann, lehrt es!“ oder „Es gibt eben die Theoretiker (die nur klug reden können) und die Praktiker (die Aufgaben auch erledigen können)!“ Wenn aber dann etwas schief gehen sollte, versucht man es halt nochmals und vermeidet den begangenen Fehler. Aber je komplexer, kritischer und deshalb riskanter menschliche Handlungen beschaffen sind, desto weniger wird man mögliche Fehlleistungen riskieren wollen. Was aber sind die Ursachen, dass „freie“ (also nicht durch äußeren Zwang erzwungene) menschliche Handlungen trotz bester Voraussetzungen und Rahmenbedingungen gleichsam auf „natürliche“ Weise ein hohes Potenzial des Ausführungsrisikos beinhalten? Dazu wird der Mensch als „Träger“ menschlicher Handlungen auf der Grundlage entsprechender wissenschaftlicher Disziplinen der Philosophie und Psychologie betrachtet, womit der unbedingt erforderliche philosophische und psychologische Unterbau für die Erläuterungen in den Folgekapiteln erarbeitet wird.

3.1 Der Mensch und seine Umwelt

Wie im vorigen Kapitel 2 bereits ausgeführt, liefern in dieser Arbeit die Erkenntnisse (vorwiegend des 20. Jahrhunderts) der philosophischen Disziplin, der „philosophischen Anthropologie“ (gr.: antropos = Mensch, logos = Lehre; Lehre von der Natur des Menschen) die Grundlage zur Erklärung des Phänomens „Mensch“ in seiner aktuellen Existenzform.[5] Demgemäß ist der Mensch darauf angewiesen zu „handeln“, d.h. seine Umwelt durch eigene Tätigkeit so zu verändern, dass er sie für sein Überleben nutzen kann.

Wenn der Mensch handelt, worauf bezieht sich dann sein Handeln? Der Mensch lebt nicht im luftleeren Raum, sondern in der Welt, unter anderem mit anderen Menschen . Das heißt, der Mensch ist von Beginn seiner Existenz an nicht ein von allem anderen isoliertes „Ich“, das sich nur selbst vollzieht und erfährt und sich erst dann aufgrund seines einzelhaftes Selbstverständnisses „verallgemeinern“ müsste. Nur im ganzen einer gemeinsamen menschlichen Welt kommt der einzelne zu sich selbst. Das Gesamtverhalten des Menschen, welches unter anderem die permanent wirksame Einheit von Selbstvollzug und Weltvollzug darstellt, ist durch „Weltoffenheit“ im Gegensatz zur „Umweltgebundenheit“ gekennzeichnet. Allein der Mensch lebt in einer offenen Welt, er ist grundsätzlich nicht auf einen bestimmten begrenzten Lebensraum festgelegt, sei dieser räumlich oder auch geistig erweitert zu verstehen.[6]

Damit wäre der Sinnzusammenhang zu den bereits in den früheren Kapiteln eingeführten und in dieser Arbeit besonders wichtigen Begriffen „Mensch als sozial ausgerichtetes Wesen“, „Veränderung“ und somit „dynamische Systeme“ sowie „menschliches Handeln“ hergestellt. Die Besonderheit des auch im Prozess- und Projektmanagement auftretenden „menschlichen Handelns“ kennzeichnet der Satz: „Die Normen des Handelns, insbesondere die institutionalisierten Normen, werden damit verstehbar als „Entlastungen“ seiner mangelhaft ausgestatteten Natur, die die Existenz der Menschen als einer Gruppe bzw. Gesellschaft oder Kulturgemeinschaft sichern.“[7] Somit wird unter anderem auch die Bedeutung eines ethisch akzeptablen „menschlichen Handelns“ und der für dieses geltenden Normen betont.

Die philosophischen Grundlagen Selbstvollzug und Weltvollzug, Selbsterfahrung und Welterfahrung, Selbstverständnis und Weltverständnis werden psychologisch durch die Phänomene Empfindung, Beschreibung, Erklärung, Bewertung und Entscheidung repräsentiert, wobei im Anschluss unter Berücksichtigung der Motivation das „menschliche Handeln“ steht. Vereinfacht lässt sich sagen, dass Empfindung und das „menschliche Handeln“ einen extrapsychischen Kommunikationsprozess mit der Welt (System bestehend aus Mensch und seiner Umwelt). Beschreibung, Erklärung, Bewertung und Entscheidung hingegen stellen einen intrapsychischen Kommunikationsprozess innerhalb des Menschen (System Mensch) dar.[8]

Unter Prozess soll hier der Einfachheit halber die naive Zusammenfassung von festgelegten, bestimmten Aktivitätsschritten verstanden werden. Die logisch genau begründete und erklärte Definition von Prozessen folgt im anschließenden Kapitel 4.

3.2 Empfindung

Der Wahrnehmung (umfasst Beschreibung, Erklärung und Bewertung) geht die Empfindung voraus, die sich auf die anfängliche Aufnahme der Reize. Die Wahrnehmung hingegen umfasst Kognitionen höherer Ordnung und bezieht sich auf die Interpretation sensorischer Informationen. Der Punkt, an dem die äußere Umwelt (Empfindung) und die innere Welt (Wahrnehmung) miteinander in Kontakt treten, konzentriert sich auf das sensorische System. In diesem Zusammenhang ist für alle Lebensbereiche das Phänomen der Täuschung zu beachten, das die Unterscheidung zwischen Empfindungen und der wahrgenommenen Interpretation dieser Erfahrungen ausmacht. Im Endeffekt ist dies der Unterschied zwischen dem, was unser sensorisches System aufnimmt und der Interpretation des intrapsychischen Mentalen durch die Wahrnehmung. Dies führt zur Frage, warum das Mentale die Realität verzerrt? Die Art und Weise der Aufnahme der primären Informationen aus der Umwelt wird darüber hinaus stark davon beeinflusst, wie das sensorische System und das Gehirn zu Beginn strukturiert sind und den früheren Erfahrungen, die der ursprünglichen Empfindung der Reize eine besonders starke Bedeutung zuordnen.[9] Es sei hier erwähnt, dass in der psychologischen Literatur (besonders in der älteren) der Begriff Wahrnehmung sehr oft als Sinneswahrnehmung verstanden wird und deshalb der hier der dargestellten Empfindung entspricht. Empfindung hingegen wird sehr oft im Zusammenhang mit Emotion und Empathie gebraucht und entspricht daher nicht dem hier verwendeten Begriff.[10]

3.3 Wahrnehmung

Die aktuelle Psychologie kennt zwei Haupttheorien, wie Menschen die Welt wahrnehmen. In der Theorie der „direkten Wahrnehmung“ wird angenommen, dass die Wahrnehmung die unmittelbare Aufnahme von Informationen aus der Umwelt beeinhaltet, die Informationen in den Reizen das eigentlich wichtige Element sind und dass Lernen und Kognition für die Wahrnehmung nicht wirklich erforderlich ist. Die Theorie der „konstruktiven Wahrnehmung“ hingegen geht davon aus, dass die Menschen ihre Wahrnehmungen konstruieren, indem sie aktiv Reize auswählen und indem sie Empfindungen mit Gedächtnisinhalten koppeln. Diese beiden Wahrnehmungstheorien scheinen auf den ersten Blick einander strikt entgegengesetzt und miteinander unvereinbar. Doch genauere Analysen können zum Schluss führen, dass beide Theorien einander ergänzen. Die „direkte Wahrnehmung“ erklärt sehr gut die Phänomene der frühen Wahrnehmung sensorischer Eindrücke, während die „konstruktive Wahrnehmung“ besser verstehen lässt, wie sensorische Eindrücke vom „denkenden“ Gehirn erfasst werden.[11]

Bei der Diskussion „sozialer Systeme“ und der davon ableitbaren Prozesse (wie im Prozess-, Projekt- und Qualitätsmanagement gegeben) leistet daher die Theorie der „konstruktiven Wahrnehmung“ die bessere Unterstützung und wird ausschließlich in der Folge weiter zugrunde gelegt. Die psychologische Theorie der „konstruktiven Wahrnehmung“ beruht auf philosophischen Richtung des Konstruktivismus, der für die erkenntnistheoretischen Grundlagen von biologischen, psychosozialen, sozioökonomischen und kommunikativen Fragen sowie der systemischen Anwendungen der Pädagogik, Beratung und Therapie in den letzten Jahrzehnten an enormer Bedeutung gewonnen hat.[12] Eine kompakte Übersicht über die verschiedenen Denkrichtungen des „Konstruktivismus“, deren Hauptrepräsentanten und Anwendungen findet man in Falko von Ameln’s Werk: Konstruktivismus – Die Grundlagen systemischer Therapie, Beratung und Bildungsarbeit (2004).

Der Prozess der Wahrnehmung nutzt auf der Grundlage neurobiologischer Phänomene, die hier nicht näher dargestellt werden, unbewusst ablaufende Funktionen (zusammengefasst als das „Unbewusste“), bewusst ablaufende Funktionen („Bewusstsein“) und an beiden beteiligte kognitive Funktionsbereiche. Es ist hier wichtig festzuhalten, dass diese Gliederungen Konstruktionen und keine real vorhandenen und abgrenzbaren Teile am Menschen darstellen.[13]

3.3.1 Bewusstsein, Unbewusstsein und Vorbewusstsein

Das Unbewusste wurde zwar bereits in früheren Zeiten auf verschiedene Art und Weise, vorwiegend philosophisch bzw. metaphysisch, angedacht, jedoch erst durch den Begründer der Psychoanalyse der ersten tiefenpsychologischen Richtung, Sigmund Freud (1856 – 1939), wissenschaftlich bearbeitet. In diesem Zusammenhang besonders wichtig ist das Strukturmodell der Persönlichkeit, das den Psychischen Apparat (ES, Über-Ich, Ich), das Bewusstsein, das Unbewusste und das Vorbewusste umfasst.[14]

Das ES ist in der stammesgeschichtlichen Entwicklung die älteste Instanz, in der die ursprünglichen biologischen Triebe in nicht sozialisierter Form wirken. Das Über-Ich umfasst den normativen Bereich der Gebote und Verbote, verkörpert die moralischen und ethischen Wertvorstellungen und übt somit die Gewissensfunktion aus. Das Ich stellt den Ausgleich zwischen den Ansprüchen des ES und des Über-Ich her, verkörpert die zentrale Entscheidungsinstanz und verwaltet das bewusste Handeln in Form der Selbstkontrolle. Das Ich ist auch Träger der Abwehrmechanismen, die in der späteren Weiterentwicklung der Psychoanalyse formuliert wurden und als eine Form der Konfliktbewältigung des in den kindlichen und juvenilen Entwicklungsphasen des Menschen noch unfertigen und unreifen Ich angesehen werden.[15]

Die realitätsangepasste Verbindung zwischen den Anforderungen des ES und des Über-Ich gehört zu den Aufgaben des Bewusstseins, das sich hiezu kognitiver Funktionsbereiche, wie beispielsweise dem Gedächtnis, bedient. Bewusstsein wird in den modernen Kognitionstheorien als biologische Anpassungsleistung an neuartige, herausfordernde und informative Ereignisse in der Umwelt mit damit notwendigerweise verbundenen Funktionen beschrieben.[16]

- Die Funktion der Definition und Kontextsetzung:

Die Informationsaufnahme aus der Umwelt wird zu den damit verbundenen Kontextbedingungen in Beziehung gesetzt. Dadurch wird das dem Bewusstsein zugrunde liegende System mit dem Ziel tätig, einen Reiz zu definieren und die Vieldeutigkeiten bei seiner Wahrnehmung und dem Verständnis zu verringern.[17]

- Die Funktion der Anpassung und des Lernens:

Je höher die Quantität an neuen aufgenommenen Informationsinhalten ist, desto höher ist auch der Grad an bewusster Beteiligung für Lernerfolg und Problemlösung erforderlich.[18]

- Die Funktion der Prioritätensetzung:

Die Funktionen der Aufmerksamkeit üben eine selektive Kontrolle über jene Informationsinhalte aus, die bewusst werden. Einige Ereignisse werden bewusst zu besonders wichtigen Zielen (Zielen höherer Ordnung) in Beziehung gesetzt. So kann deren Priorität beim Zugang dadurch erhöht werden, dass sie häufiger bewusst gemacht und somit die Chance für eine erfolgreiche Anpassung samt Lernerfolg vergrößert werden.[19]

- Mobilisierung und Kontrolle über mentale und körperliche Handlungen:

Bewusste Ziele können Unterziele und motorische Systeme mobilisieren, um willentliche Handlungen zu organisieren, zu initiieren und deren Ablauf zu steuern.[20]

- Funktion des Fällens von Entscheidungen und Exekutivfunktion:

Wenn die intrapsychischen automatisch ablaufenden Systeme nicht an jedem Entscheidungspunkt im Handlungsfluss zu Entscheidungen kommen können, trägt das Bewusstsein dazu bei, an den Entscheidungspunkten weitere Wissensquellen zu aktivieren, die zu einer angemessenen Entscheidung befähigen. Bei einer ausbleibenden Entscheidung kann ein Ziel bewusst gemacht werden, um eine breit gestreute Mobilisierung bewusster und unbewusster Ressourcen zuzulassen, die in Richtung auf oder gegen das Ziel wirken. Diese Funktion des Bewusstseins greift über den Regelkreis „Beschreibung-Erklärung-Bewertung“ hinaus und unterstützt die Sanierung jener Fälle, in denen keine intrapsychische Entscheidung möglich ist.[21]

- Funktion des Aufdeckens und Überwachens von Fehlern:

Unbewusste Regelsysteme überwachen bewusste Ziele und Pläne hinsichtlich Fehler. Werden Fehler entdeckt, greifen diese unbewussten Regelsysteme ein und unterbrechen die Ausführung. Was allerdings einen Fehler zum Fehler macht, ist fast immer ein Teil einer unbewussten Bewertung.[22]

- Funktion der Reflexion und der Selbstüberwachung:

Die bewusste und unbewusste Funktionsweise kann mit Hilfe des bewussten inneren „Sprechens“ und des Vorstellungsvermögens reflektiert und in gewisser Weise gesteuert werden.[23]

- Die Optimierung des Kompromisses zwischen Organisation und Flexibilität:

Der Mensch verfügt über „vorgefertigte“ automatisierte Reaktionen, die aufgrund der jeweiligen Lebensbedingungen seiner Umwelt stark an vorhersagbare Situationen angepasst sind. Dies ist erforderlich, um rasch auf natürliche Bedrohungen reagieren zu können. Damit sind aber nicht die Urinstinkte des Menschen gemeint. Bei Konfrontation mit in hohem Grade unvorhersagbaren Bedingungen ist das Bewusstsein fähig, spezialisierte Wissensquellen zu mobilisieren und neu zu verknüpfen.[24]

Das Unbewusste umfasst primär das gesamte ES mit seinen vitalen Triebansprüchen. Ein Großteil der normativen Gebote und moralischen Wertvorstellungen gehört dem Über-Ich an und ist bewusst. Trotzdem gibt es auch solche Wertvorstellungen und soziale Anforderungen, die schon in frühester Kindheit individuell und in unterschiedlicher Qualität und Quantität von den wesentlichen Bezugspersonen übernommen wurden und nicht bewusst sind. Sie werden sogar verleugnet, obwohl der betreffende Mensch danach handelt.[25]

Als Vorbewusstes werden im gegenständlichen Zusammenhang jene Informationen bezeichnet, die zwar nicht ständig bewusst sind, aber nahezu beliebig reproduziert und erinnert werden können. Diese Informationen wurden nicht verdrängt, sondern sind zurzeit nur gerade aus dem aktuellen Bewusstsein zurückgetreten, um damit die Funktionstüchtigkeit des Organismus, insbesondere die Funktionen der Wahrnehmung, zu erhöhen. Im Gegensatz zum Unbewussten ist der Informationsaustausch zwischen Vorbewusstem und Bewusstsein relativ unkompliziert möglich.[26]

3.3.2 Andere kognitive Funktionsbereiche

Eines der wichtigsten Elemente der kognitiven Funktionsbereiche stellt das Gedächtnis dar, gleichsam der wichtigste Informationsspeicher höher entwickelter Lebewesen und somit auch des Menschen. Die moderne Kognitionspsychologie unterscheidet zwischen dem Kurzzeitgedächtnis und dem Langzeitgedächtnis. Weitere wichtige kognitive Funktionsbereiche betreffen das Problemlösen, die Kreativität und die menschliche Intelligenz.[27]

Problemlösen heißt ein Denken, das auf das Lösen eines bestimmten Problems ausgerichtet ist. Dazu ist sowohl die Bildung von Reaktionen durch eine relativ neuartige Kombination von Erfahrungen oder durch eine durch Überlegung gefundene Synthese als auch eine entsprechende Auswahl aus den vorliegenden Reaktionen daraus erforderlich. Es wird häufig nach Typen von Problemen klassifiziert, wonach zwischen gut definierten (geschlossenen) und schlecht definierten (offenen) Problemen unterschieden wird. Bei gut definierten Problemen sind der Ausgangszustand, die Operationen zur Problemlösung und der Zielzustand klar vorgegeben. Die meisten Probleme in sozialen Systemen und besonders im Alltag sind aber eher schlecht definiert. Ein wichtiger Schritt bei professioneller Problemlösung besteht daher darin, schlecht definierte Probleme durch Verringerung der Komplexität und Heranziehung weiterer Problemlösungsoperationen möglichst in gut definierte Probleme überzuführen.[28]

[...]


[1] Aphorismus: (von aphorizein, griech.; abgrenzen, definieren); kurzer, prägnant formulierter und selbständig verstehbarer Lehrsatz oder Sinnspruch

[2] vgl. Kästner (2004) S.277

[3] vgl. Wilke (1991) S.43

[4] vgl. Mittelstraß (2004) S. 846

[5] Mittelstraß (2004) S.126 ff

[6] Coreth (1976) S.54 f

[7] Mittelstraß (2004) S.127

[8] vgl. Schmidt, Zurstiege (2007) S.40 f

[9] vgl. Solso (2005) S.69

[10] vgl. Solso (2005) S.70 ff

[11] vgl. Solso (2005) S.70ff

[12] vgl. von Ameln (2004) S.3 ff

[13] vgl. Gruner, Garnitschnig (2014)

[14] vgl. Kriz (2001) S.27f

[15] vgl. Kriz (2001) S.34

[16] vgl. Solso (2005) S.149 f

[17] vgl. Solso (2005) S.149

[18] vgl. ebd.

[19] vgl. ebd.

[20] vgl. ebd.

[21] vgl. Solso (2005) S.149

[22] vgl. ebd.

[23] vgl. ebd.

[24] vgl. Solso (2005) S.149

[25] vgl. Kriz (2001) S.27 f

[26] vgl. ebd.

[27] vgl. Solso (2005) S.149 f

[28] vgl. Solso (2005) S.410 ff

Ende der Leseprobe aus 61 Seiten

Details

Titel
Der Mensch als handelnde Person hinter dem Projekt-, Prozess- und Qualitätsmanagement
Hochschule
Donau-Universität Krems - Universität für Weiterbildung
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2014
Seiten
61
Katalognummer
V276779
ISBN (eBook)
9783656707073
ISBN (Buch)
9783656708964
Dateigröße
730 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
mensch, person, projekt-, prozess-, qualitätsmanagement
Arbeit zitieren
Christine Lackinger-Schmutz (Autor), 2014, Der Mensch als handelnde Person hinter dem Projekt-, Prozess- und Qualitätsmanagement, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/276779

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Mensch als handelnde Person hinter dem Projekt-, Prozess- und Qualitätsmanagement



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden