Die unfreiwillige Isolation einer Gruppe oder einzelner Protagonisten ist bis heute ein beliebtes Motiv in der Literatur. Die Grundidee der Thematik erscheint in der Weltliteratur zwar schon beispielsweise im "Kudrun" (1220) oder in Wickrams Roman "Von guten und bösen Nachbarn" (1556). Wirklich populär wurde das Motiv allerdings erst durch Daniel Defoes Romas Robinson Crusoe (1719), der als historischer Prototyp die Gattung der Robinsonade initiiert hat. Durch Fernsehserien wie "Lost" (2004-2010), den Film "I am Legend" (2007) oder die Comicbuchreihe "The Walking Dead" (seit 2003) hat das Motiv auch Einzug in die Popkultur gefunden.
Auch wenn viele Autoren in der Nachfolge Defoes den populär gewordenen Stoff bearbeiteten, variierten und ihn mit verschiedenen ideologischen Absichten auflu-den, so blieben gewisse inhaltliche Grundmuster doch immer erhalten.
Auch Arno Schmidts Erzählung Schwarze Spiegel (1951) zeigt eine gewisse Nähe zur Gattung der Robinsonade. Er entwirft in seinem Text ein Endzeitszenario, das sich um einen der wenigen Überlebenden einer Atomkatastrophe am Ende des dritten Weltkrieges dreht. Die Handlung ist in zwei Kapitel untergliedert, die das Erlebte jeweils auf die Jahre 1960 und 1962 datieren. Der Text dreht sich hauptsächlich um die Ansiedlung des Ich, bis der Protagonist im zweiten Teil auf eine weitere Überlebende trifft.
Die Assoziation mit Defoes Roman wirft Schmidt sogar selbst auf: „Ich ging am Waldrand so für mich hin, buchstäblich: ganz ohne Vorsatz. Wie Robinson mit 2 Flinten, und, der Mittagssonne wegen, unter der weißen Schirmkappe“.
Wenn es um eine genaue Einordnung der Erzählung geht, gehen die Meinungen in der Forschung allerdings weit auseinander. Der Text wird in der Wissenschaft nicht nur als Robinsonade, sondern beispielsweise auch als Idylle, (negative) Utopie, Warnutopie, Katastrophenphantasie oder als Zukunftsroman interpretiert.
Diese Arbeit wird sich mit der Frage beschäftigen, ob Arno Schmidts Erzählung Schwarze Spiegel als Robinsonade bezeichnet werden kann und falls ja, wie sich diese Typisierung rechtfertigen lässt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Was ist eine Robinsonade?
2.1 Verschiedene Ansätze
2.2 Fünf thematische Grundmuster der Robinsonade
2.2.1 Isolation
2.2.2 Die physischen und psychischen Überlebensbemühungen
2.2.3 Die Reise ins Innere der Robinsonfigur
2.2.4 Die Gefährten der Robinsonfigur
2.2.5 Die fiktionale Autobiografie
3. Schwarze Spiegel
3.1 Isolation
3.2 Überlebensbemühungen
3.2.1 Physische Überlebensbemühungen
3.2.2 Psychische Überlebensbemühungen
3.3 Fiktionale Autobiographie
3.4 Die Gefährten der Robinsonfigur
3.5 Die Reise ins Innere der Robinsonfigur
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht, ob Arno Schmidts Erzählung "Schwarze Spiegel" als Robinsonade klassifiziert werden kann. Dabei wird analysiert, inwieweit die zentralen Grundmuster der Gattung im Text vorhanden sind, variiert werden oder vom literarischen Prototyp abweichen.
- Analyse der fünf Grundmuster einer Robinsonade (Isolation, Überlebenskampf, Innenwelt, Gefährten, Autobiografie).
- Untersuchung des "Schwarze Spiegel" als postapokalyptische Erzählung.
- Reflexion über die Rolle von Zivilisationsrelikten und Natur in der Isolation.
- Diskussion über Identitätskonstruktion und fiktive Kommunikation.
- Bewertung des Menschenbildes und der Kulturkritik des Protagonisten.
Auszug aus dem Buch
3.1 Isolation
Lichter? (ich hob mich auf den Pedalen) -: - Nirgends. (Also wie immer seit den fünf Jahren). Aber: der lakonische Mond längs der zerbröckelten Straße (von den Rändern her haben Gras und Quecken die Teerdecke aufgebrochen, so daß nur in der Mitte noch zwei Meter Fahrbahn bleiben: das genügt ja für mich!)
So plötzlich setzt die Handlung der Erzählung ein. Der Ich-Erzähler, der auch im weiteren Verlauf der Geschichte namenslos bleibt, durchstreift mit dem Fahrrad eine menschenleere Gegend. Der Protagonist hat schon seit fünf Jahren keinen Menschen mehr gesehen, was auf eine Katastrophe am Ende des dritten Weltkrieges zurückzuführen ist. Neben Atombomben waren an dieser auch Wasserstoffbomben sowie chemische und biologische Waffen beteiligt. Im Zusammenhang mit diesem Arsenal an todbringenden Waffen und dem zu Beginn der Erzählung genannten Datum, dem 1.5.1960, sei an dieser Stelle auf Schmidts Roman Das steinerne Herz (1954) hingewiesen, wo es heißt: „Die Menschheit müßte mal aus Protest gegen Gott beschließen, am 15. November 1955, abends 18 Uhr 10, geschlossen Selbstmord zu begehen (s giebt ja bestimmt schon Mittel, womit das direkt Spaß macht!)“
Die Robinsonfigur wird zwar unfreiwillig von seinen Mitmenschen separiert, auffällig ist hierbei jedoch, dass sich Schmidts Ich-Erzähler mit seinem Schicksal nicht nur abfindet, sondern es anscheinend auch gut heißt: „Bloß gut, daß Alles zu Ende war“, „ach, es war doch gut, daß Alle weg waren“, „Es ist doch gut, daß mit all dem aufgeräumt wurde“. Diese Menschen-Verachtung gipfelt schließlich in der Einbeziehung der eigenen Person: „wenn ich erst weg bin, wird der letzte Schandfleck verschwunden sein: das Experiment Mensch, das stinkige, hat aufgehört!“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Hinführung zum Motiv der Isolation in der Literatur und Vorstellung der zentralen Fragestellung bezüglich Arno Schmidts "Schwarze Spiegel".
2. Was ist eine Robinsonade?: Definition der Gattung und Herleitung der fünf wesentlichen Grundmuster basierend auf der gattungstypologischen Forschung.
3. Schwarze Spiegel: Detaillierte Analyse des Romans anhand der zuvor definierten Kriterien wie Isolation, Überlebensstrategien und innerer Entwicklung.
4. Fazit: Zusammenführende Bewertung der Ergebnisse und Bestätigung der Zuordnung von "Schwarze Spiegel" zur Gattung der Robinsonade.
Schlüsselwörter
Arno Schmidt, Schwarze Spiegel, Robinsonade, Isolation, postapokalyptisch, Literaturwissenschaft, Überlebensbemühungen, fiktionale Autobiografie, Innenwelt, Kulturkritik, Atomkatastrophe, Identitätskonstruktion, innerer Monolog, Zivilisation, Robinson Crusoe.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert Arno Schmidts Erzählung "Schwarze Spiegel" unter dem Aspekt, ob sie als Robinsonade eingestuft werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Isolation des Protagonisten, seine physischen und psychischen Überlebensstrategien sowie die Reflexion über Zivilisation und Identität.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit möchte prüfen, ob und inwiefern die fünf klassischen Robinsonaden-Grundmuster auf Schmidts Text anwendbar sind und die Typisierung rechtfertigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine gattungstypologische Analyse durchgeführt, bei der der Primärtext an den theoretischen Kriterien der Robinsonaden-Forschung gemessen wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung der fünf Gattungsmuster und deren anschließende detaillierte Untersuchung im Kontext von "Schwarze Spiegel".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Neben dem Autor und Titel sind Begriffe wie Isolation, postapokalyptisch, Robinsonade und Kulturkritik für das Verständnis zentral.
Wie unterscheidet sich Schmidts Protagonist von klassischen Robinson-Figuren?
Schmidts Protagonist wählt die Isolation teils bewusst, zeigt Menschenverachtung und ist nicht auf einer Insel, sondern in einer durch Atomkrieg zerstörten Welt gefangen.
Welche Rolle spielt Lisa für den Fortgang der Erzählung?
Lisa durchbricht die totale Isolation, dient aber primär als Projektionsfläche für die Weltsicht und das Menschenbild des namenlosen Ich-Erzählers.
- Quote paper
- Michael Verfürden (Author), 2013, Arno Schmidts „Schwarze Spiegel“. Eine Robinsonade?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/277897