Das Ideal der "triuwe" im Mittelalter. Ein Vergleich der Liebeskonzeptionen in Konrad von Würzburgs „Herzmaere“ und in der „Frauentreue“


Hausarbeit, 2009
17 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Liebeskonzeptionen in Konrad von Würzburgs „Herzmaere“ und in der „Frauentreue“
2.1. Prologe: Die Intentionen der Autoren
2.2. Verhältnis von „vrouwe“ und “ritter“
2.3. Motivik und Symbolik
2.4. Epiloge: Die Moral der Geschichte

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das mittelhochdeutsche Wort „minne“ bezeichnet die sich seit dem 12./13. Jahrhundert mit der ritterlichen Kultur entwickelnde höfische Auffassung der Liebe. Die „frouwe“ wird typischerweise als höfische, unerreichbare Frau dargestellt, für die der Ritter Heldentaten vollbringt und sich bemüht besser und vollkommener zu werden. Dabei leitet ihn die Hoffnung auf die Gunst der Dame; auf sexuelle Vereinigung mit derselben. Die Minne wird so zum gesellschaftlichen Spiel mit eigenen Regeln und Gesetzen, zur hohen Minne.[1]

Die höfische Liebeskonzeption zielt laut Rüdiger Schnell vor allem auf innere Werte, auf die „Innennormen“[2] der Liebenden: Aufrichtigkeit, Beständigkeit, Selbstlosigkeit, Freiwilligkeit, Gegenseitigkeit und Treue bilden die Eck- und Zielpunkte der Liebesvorstellung. Immer wiederkehrende Motive und Gedanken bestimmen dieses „offene System“[3].

Die vorliegende Seminararbeit hat den Vergleich zweier Minnekonzeptionen zum Thema. Zum einen soll das „Herzmaere“ von Konrad von Würzburg auf seine Liebesvorstellung hin untersucht werden, zum anderen wird die höfische Märendichtung „Frauentreue“ einer Analyse unterzogen. Den Schwerpunkt der Untersuchung bildet das Ideal der „triuwe“, dessen Bedeutung für das jeweilige Märe gegenüberstellend herausgearbeitet wird.

Zunächst werden die Prologe der beiden Texte miteinander verglichen, um die Intention des jeweiligen Autors herauszuarbeiten. Im Folgenden soll das Verhältnis von „vrouwe“ und „ritter“ in den beiden Erzählungen aufgezeigt und auf die jeweils verwendeten Motive und Symbole eingegangen werden. Das Motiv des Minnetodes wird an dieser Stelle besondere Beachtung finden.

2. Die Liebeskonzeptionen in Konrads von Würzburg „Herzmaere“ und in der „Frauentreue“

2.1. Prologe: Die Intentionen der Autoren

Der Prolog des „Herzmaere“ beginnt mit einer Klage Konrads von Würzburg: die „lûterlîchiu minne“[4], also die reine, wahre Minne, sei bedeutungslos geworden. Um diesen Zustand zu verändern, fordert der Autor die Leser seiner Geschichte dazu auf, sich diese zum Vorbild zu nehmen, da das Märe von „ganzer liebe“ (HM[5] V. 7) handle. Dabei beruft er sich auf Gottfried von Straßburg, der mit „Tristan“ ebenfalls eine beispielhafte Liebesgeschichte verfasst hat. Der Beispielcharakter, den Konrad von Würzburg seiner Geschichte beimisst, kommt in den folgenden Versen zum Ausdruck:

„dar umbe will ich diz schoene maere

mit rede alsô bewaere

daz man der ane kiesen müge

ein bilde daz der minne tüge,

diu lûter unde reine

sol sîn vor allem meine.“ (HM V. 22-28)

Mit dem Verb „schouwen“ (HM V. 6) wird dem lehrhaften Zug der Erzählung Ausdruck verliehen. Durch die Bezeichnung seiner Geschichte als „schoenes maere“ (HM V. 22) unterstreicht Konrad von Würzburg außerdem, dass dieses Exempel in seiner Wirkung nicht abschreckend sein, sondern vielmehr zur Nachahmung anregen soll.

Der Autor von „Die Frauentreue“ formuliert im Epilog seinen Wunsch nach „ganzer minne“[6]. Diese solle wie in vergangenen Zeiten die Welt zusammenhalten (FT[7] V.1-5). Es folgt eine Zusammenfassung der Geschichte, in welcher der Autor die tiefere Bedeutung seiner Erzählung hervorhebt: Es geht um eine edle Dame, die einem Ritter, der Minnedienst für sie geleistet hat, die Treue erweist:

„alsô daz si im mit triuwen galt,

der ir zu dienst het gezahlt

lîp, herze, sinne unde muot.“ (FT V. 11ff.)

Der Autor hebt also schon hier das Motiv der „triuwe“ als wichtiges Element von wahrer Minne hervor. In den folgenden Versen wird die starke Liebe des Ritters geschildert, der „enzundet was von ir minne gluot“ (FT V. 14) bis zu seinem Tod. Daraufhin habe die Dame es ihm durch ihren eigenen Tod gelohnt (FT V. 14-20). Mit den Wörtern „dienst“ (FT V. 12) und „lônte“ (FT V. 17) wird deutlich, dass es sich um ein Dienst-lôn-Verhältnis zwischen „ritter“ und „vrouwe“ handelt.

Vergleicht man beide Prologe, so ist festzuhalten, dass beide Parallelen aufweisen. Sowohl das „Herzmare“, als auch „Die Frauentreue“ haben „liebe“ und „ganze minne“ zum Thema. Es wird in beiden Fällen die Bedeutungslosigkeit der Minne beklagt und eine Veränderung des Zustandes angestrebt, die durch das Lesen des jeweiligen Textes bewirkt werden soll. Beide Autoren heben den vorbildhaft-exemplarischen Charakter ihrer Erzählungen hervor. So soll „Die Frauentreue“ als Vorlage für das „Wertbewusstsein der Gesellschaft“[8] dienen („der werlde sinne“ (FT V. 4). Im Gegensatz zur „Frauentreue“ ist im „Herzmare“ jedoch noch keinen Hinweis auf den Inhalt der Erzählung im Prolog vorhanden. Konrad von Würzburg erläutert in diesem Teil des Textes noch nicht, was er unter wahrer Minne versteht. Der Übergang zur eigentlichen Verserzählung ist deshalb fließend.

2.2. Verhältnis von „vrouwe“ und “ritter“

Im „Herzmaere“ bleiben „vrouwe“ und „ritter“, genau wie in der „Frauentreue“ namenlos. Daran wird noch einmal die exemplarische Ausrichtung der Geschichten deutlich. Die beiden Figuren werden von Konrad von Würzburg als Einheit eingeführt:

„Ein ritter und ein frouwe guot

diu haeten leben unde muot

in einander sô verweben,daz beide ir muot unde ir leben

ein dinc was worden alsô gar:“ (HM V. 29-33)

Die Minne hat solche Macht über die Liebenden gewonnen, dass die beiden an „herzesmerzen“ (HM V. 41) leiden. An dieser Stelle scheint das Motiv der Koppelung von Liebe und Leid, die untrennbar miteinander verbunden sind, durch. Ihre tiefe Zuneigung füreinander, die von beiden Seiten in gleicher Intensität besteht, kommt in den Formulierungen „minneclicher trûtschaft“ (HM V. 47) und „lûterlichen andâht“ (HM V. 50) zum Ausdruck. Ihre Liebe ist so stark, dass sie durch keine Worte wirklich ausgedrückt werden kann (HM V. 48f.) und ihre Treue so groß, dass sie in der Welt einzigartig ist:

„nie ganzer triuwe wart getragen

von manne noch von wîbe,

danne ouch in ir lîbe

si zwei zesamne truogen.“ (HM V. 52-55)

„triuwe“ wird hier als vollkommen und rein dargestellt und als ein Wert, der von „ritter“ und „vrouwe“ gleichermaßen verkörpert wird.

Ihre Zusammenkunft wird jedoch dadurch verhindert, dass die Dame mit einem angesehenen Mann verheiratet ist und sie deswegen „behuot“ (HM V. 63) wird. Daraus wird deutlich, dass es sich um eine klassische Minnesituation handelt, weil die Minne einer adeligen Dame dargebracht wird. Die Intensität der Minne wird noch einmal besonders in den metaphorischen Versen

„daz si diu süeze minne gar

het in ir stric verworren,

daz si muosten dorren

nâch einander beide.“ (HM V. 84-87)

betont, ebenso wie die Gegenseitigkeit der Liebe.

Von einem Dienst-lôn-Verhältnis kann bei den beiden nicht die Rede sein. Nur ein einziges Mal wird diese für die höfische Minne charakteristische Relation angedeutet: Als der Ehemann Verdacht schöpft und mit seiner Frau ins Heilige Land fahren will um jede weitere Beziehung zwischen seiner Frau und dem Nebenbuhler zu unterbinden, bittet die Dame den Ritter ihrem Gatten zuvorzukommen und an ihrer Stelle nach Jerusalem zu reisen um dem Misstrauen des Gemahls ein Ende zu bereiten. Daraufhin antwortet der Ritter:

„gerne frouwe“ […]

„swaz ich daran gewinne,

ich tuon mit willen swaz ir went.

ich hân sô gar an iuch versent

herze, muot und ouch den sin,

daz ich iu von rehte bin

eigenlichen undertân.“ (HM V. 194-201)

Hier nimmt der Ritter die Haltung des Dienenden ein, indem er widerspruchslos den Willen der Dame erfüllt. Dieses Verhalten bleibt jedoch die Ausnahme; „vrouwe“ und „ritter“ werden ansonsten so dargestellt, dass sie auf der gleichen Ebene stehen.[9]

Gleichzeitig drückt der Ritter jedoch auch seine Furcht vor der bevorstehenden Trennung aus:

„daz ich des michel angest habe,

man trage tôten mich ze grabe,

ê daz diu saelde mir geschehe

daz ich iuch iemer mê gesehe.“ (HM V. 209-212)

In diesen Versen wird das Ende des Märe schon vorausdeutend vorweggenommen. Außerdem wird damit ausgesagt, dass eine Trennung mit der Minne unvereinbar ist.[10]

In „Die Frauentreue“ wird zuerst die Figur des Ritters eingeführt. Dieser wird als „ein werder degen“ (FT V. 23), also als ein angesehener Held eingeführt, der mutig und unerschrocken um der Gunst der „vrouwen“ wirbt (FT V. 24-27). Es handelt sich um einen Ritter, der sich im Frauendienst einen Namen gemacht hat:

„er waere in vrouwen dienste balt

mit ritterschefte manicvalt:

mit sper und mit dem schilde,

mit tugenden und mit milde.

dâ von er wîten wart bekant.“ (FT V. 31-35)

In diesen Zeilen werden außerdem die ritterlichen Tugenden hervorgehoben, zu denen Großzügigkeit und die Bereitschaft für die Frau zu kämpfen, zählen. Diese Minnevorstellung ist charakteristisch für die höfische Liebe (Vgl. S.1). Jene wird aber in den darauffolgenden Versen zum Scheitern verurteilt:

„zu jungest er sîn doch engalt,

wan ez in verleitet unde valt.“ (FT V. 41f)

[...]


[1] Vgl. [Art.] Minne. In: Der neue Brockhaus. Lexikon und Wörterbuch in fünf Bänden und einem Atlas. Dritter Band. 6. Aufl. Wiesbaden: F.A. Brockhaus 1979. S. 580.

[2] Schnell, Rüdiger: Causa amoris : Liebeskonzeption und Liebesdarstellung in der mittelalterlichen Literatur. Bern [u.a.]: Francke 1985 (= Bibliotheca Germanica 27). S. 184.

[3] Ebd.

[4] Konrad von Würzburg: Heinrich von Kempten, der Welt Lohn, Das Herzmaere, mhd. Text nach der Ausg. V. Edward Schröder, übers., mit Anm. vers. V. Heinz Rölleke. Stuttgart: Reclam 2008 (RUB 2855). V. 2.

[5] Anm.: „HM“ wird als Abkürzung für „Herzmaere“ verwendet.

[6] Die Frauentreue. In: Novellistik des Mittelalters: Märendichtung, hg., übers. und komm.von Klaus Grubmüller. Frankfurt/Main: Dt. Klassiker-Verl.1996 (= Bibliothek des Mittelalters 23). V. 3.

[7] Anm.: „FT“ wird als Abkürzung für „Frauentreue“ verwendet.

[8] Ortmann, Christa/ Ragotzky, Hedda: Zur Funktion exemplarischer triuwe-Beweise in Minne-Mären: Die treue Gattin Herrands von Wildonie, Das Herzmaere Konrads von Würzburg und die Frauentreue. In: Kleinere Erza ̈ hlformen im Mittelalter: Paderborner Colloquium 1987. Hrsg. von Klaus Grubmüller, Peter L. Johnson, Hans-Hugo Steinhoff. Paderborn [u.a.]: Schöningh 1988. S. 100.

[9] Vgl. Schulze, Ursula: Konrads von Würzburg novellistische Gestaltungskunst im „Herzmaere“. In: Mediaevalia litteraria: Festschrift für Helmut de Boor zum 80. Geburtstag. Hrsg. von von Ursula Hennig und Herbert Kolb. München: Beck 1971. S. 466.

[10] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Das Ideal der "triuwe" im Mittelalter. Ein Vergleich der Liebeskonzeptionen in Konrad von Würzburgs „Herzmaere“ und in der „Frauentreue“
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Veranstaltung
Höfisch-galante Mären
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
17
Katalognummer
V277913
ISBN (eBook)
9783656708858
ISBN (Buch)
9783656710707
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Minne, Würzburg, Minnesang, Frauentreue, Herzmaere, Mittelhochdeutsch, Mittelalter, Liebe, Dichtung, Liebeskonzeption, Ritter, vrouwe, ÄDL
Arbeit zitieren
Corinna Gronau (Autor), 2009, Das Ideal der "triuwe" im Mittelalter. Ein Vergleich der Liebeskonzeptionen in Konrad von Würzburgs „Herzmaere“ und in der „Frauentreue“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/277913

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