1914-2014. Hundert Jahre Krieg und Trauma im englischsprachigen Roman


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2014
76 Seiten

Leseprobe

Gliederung

Vorwort

1. Vorbemerkung

2. Der gegenwärtige englische Roman

3. Englische und amerikanische Kriegsliteratur im 20. Jahrhundert

4. Vorwort Rebecca West

5. Trauma und Krieg in The Return of the Soldier (1918)

6. Die Darstellung von Trauma in The Return of the Soldier

7. Schlussbemerkung in The Return of the Soldier

8. Vorwort Slaughterhouse 5

9. Trauma und Krieg in Slaughterhouse 5 (1969)

10. Schlussbemerkung Slaughterhouse 5

11. Vorbemerkung Guantanamo Boy (2009)

12. Das Gefangenenlager Guantanamo Bay

13. Identität in Guantanamo Boy

14. Das traumatische Scheitern islamischer Hybridität

15. Guantanamo Boy – eine moderne Variante der Robinsonade?

16. Schlussbemerkung Guantanamo Boy

17. Ausblick

18. Literatur

Vorwort

Die Auswirkungen des 1. Weltkrieges lassen sich historisch und literarisch nicht nur an den nachfolgenden Generationen festmachen, sondern sie brachten auch viele militärische Veränderungen mit sich. Der erste Weltkrieg gilt als erster technisierter und industrialisierter Krieg, da er neue Arten der Kriegsführung wie Materialschlachten oder den Stellungskrieg einführte, sowie neue Formen von Sterben und Tod mit sich brachte. Diese neue Kriegsführung und das Leiden an der Front bedeuteten nicht nur eine radikale Veränderung des Krieges, sondern sie hatten einen massiven Einfluss auf das (literarische) Bild des Soldaten. Konnte man vorher von einer Art ritterlicher Darstellung des Soldaten sprechen in der das soldatische Leben als ehrenvoll beschrieben wurde, so wurden durch die horrenden Verluste, das Kämpfen und Sterben an der Front sowie die neuen Formen von körperlichen und seelischen Verletzungen eine radikal neue Form der literarische Darstellung initiiert die auf dem Trauma Hundertausender aufgebaut war. Gasangriffe, Dauerfeuer, Verschüttet werden im Graben und der tägliche Anblick von Toten und Verletzten traumatisierte eine ganze Generation.

Medizin und Psychologie konnten diesen traumatisierten Menschen in der Regel nicht helfen und diagnostizierte sie oft als Simulanten. Neue Begriffe wie Kriegszitterer oder Geuele-Cassée (zerrissene Fresse) zeigten die Grausamkeit der neuen Zeit. Verdun wurde, so wie später Stalingrad, Sinnbild dieser Tragödie. Diese radikalen Neuerungen forderte jedoch eine literarische Reaktion heraus, die sich vor allem in Gedichten und Kurzgeschichten und weniger im Roman zeigte.

Die Namensliste der englischsprachigen Schriftsteller ist lang und reicht von Kipling, Somerset Maugham, Sherwood Anderson, D.H. Lawrence über Gertrude Stein, Virginia Woolf und Katherine Mansfield zu Thomas Wolfe sowie William Faulkner und Ernest Hemingway und sie zeigt dadurch den tiefgreifenden Einfluss den Krieg und das Schreiben über ihn mit sich brachten. Dazu gehört auch die thematische Verbindung zwischen Trauma und Krieg, die hier Gegenstand einer literarischen Reflexion sind. Ziel ist es deshalb, eine Art Überblick über die Entwicklung dieser Thematik im englischsprachigen Roman des 20. und 21. Jahrhunderts zu geben.

1. Vorbemerkung

Die Literatur und die Literaturgeschichte aller Nationen wurden von Anfang an vom Thema Krieg begleitet, alleine deshalb, weil dieser Teil menschlicher und nationaler Existenz war und deshalb literarisch bearbeitet werden musste.

Diese jahrtausendlange literarische Tradition fand ihren Ursprung in ägyptischen, assyrischen, babylonischen, biblischen, griechischen oder römischen Quellen, sowie in einer Vielzahl asiatischer Schriften und südamerikanischer Erzählungen. Sie war eine solche treibende literarische Kraft, dass sie sich bis heute mühelos bei allen Völkern und Nationen gehalten hat und deren Umsetzung in nationaler Literatur zum festen Bestandteil wurde. So gilt z.B. der ägyptische Bericht der Schlacht von Kadesch als erste Beschreibung einer militärischen Auseinandersetzung, die von den alttestamentlichen Berichten sowie von Homers Ilias (730 v.Chr.), den Tragödien des Aischylos, oder dem Bellum Gallicum des Tacitus ihre antiken Höhepunkte fanden. Kurzum Krieg, kriegerische Auseinandersetzungen, Zerstörung und Tod wurden relativ schnell zum Gegenstand nationaler Literatur, da sie nicht nur ein ideales literarisches Parameter darstellten um Handlung und Charakteranalyse zu untermauern, sondern weil sie sich auch politisch, ideologisch und religiös instrumentalisieren ließen und so über einen manipulativen Charakter verfügten.

Dieses Grundmuster kann auch auf die englischsprachige Literatur übertragen werden und so findet sich die Thematik Krieg durchgängig in allen Literaturepochen.

Dennoch kann man heute davon ausgehen, dass die Ereignisse des 1. Weltkrieges und seine literarische Aufarbeitung eine Neuakzentuierung der literarischen Verarbeitung des Themas Krieg bedeutete. Die Gründe hierfür sind vielfaltig und reichen von neuen literarischen Entwicklungen wie Existentialismus, Modernismus bis zum (neuen) Zusammenspiel zwischen Literatur und Psychologie zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Diese neue Verbindung wurde zusätzlich dadurch dramatisch akzentuiert, weil es sich bei diesem ersten global geführten Krieg um den ersten technisierten Krieg der Moderne handelte und um nichts anderes als die Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts, indem Gemetzel, Verwundung von Körper (und Seele), Sterben und Tod nicht mehr als heroische Handlung, sondern als unbedeutend und alltäglich beschrieben wurde.

Hierfür spricht auch die Übernahme alltäglicher, ja banaler Begriffe für Tod und Sterben, die allmählich das Glorifizieren und Heroische aus der Literatur verdrängten. Verdun z.B. wurde als Knochenmühle bezeichnet, eine bildhafte Umschreibung für Tod oder körperliche oder mentaler Verstümmelung Hundertausender Franzosen und Deutscher. Verständlich wurde diese neue sprachliche Hinwendung auch durch neue Waffentechnologien wie Gaseinsatz, Flammenwerfer oder Panzereinsatz die sprachlich an Krieg und Trauma geknüpft wurden, um menschliches Schicksal, Leid, Sterben oder Tod verstehen und beschreiben zu können etwas was Williams (2009) zurecht als "post-Christian version of Dante" (ibid.) beschreibt.

Die dramatischen Verluste während des Ersten Weltkrieges sowie die enorm hohe Zahl von 9 Millionen toten Soldaten startete insgesamt eine literarische Aufarbeitung, die ihren Einfluss und Aktualität bis heute gehalten hat, auch weil sie durch den zweiten Weltkrieg sowie die danach folgenden Kriege und militärischen Auseinandersetzungen wie den Korea oder Vietnam Krieg immer wieder aktualisiert wurden. In diesem Zusammenhang kann man davon ausgehen, dass der Erste Weltkrieg als epochal anzusehen ist, da der darauffolgende Zweite Weltkrieg durch die Errichtung von Konzentrationslagern und der apokalyptischen Atombombe endete.[1]

Grundlegend kann man festhalten, dass das allmähliche Verschwinden der heroischen und glorifizierenden Beschreibung von Krieg durch die Aufnahme der Beschreibung traumatischer Erlebnisse forciert wurde, auch um eine (kritische) literarische Präsentation zu untermauern. Dieser Grundansatz lässt sich auch an den hier vorgestellten drei Romanen festmachen. Neu ist aber der Versuch, Trauma und Krieg von drei verschiedenen Perspektiven und unter dem Hintergrund dreier verschiedener Kriege aufzuzeigen.

Rebecca Wests Roman The Return of the Soldier (1918) akzentuiert die Perspektive von Zivilisten. Dies ist insofern neu, weil Krieg vorher meist von der (soldatisch) männlichen Seite her analysiert wurde. Neu ist auch die literarische Verlagerung auf die weibliche Seite. Diese Kombination, einerseits Frau, andererseits Zivilistin ist erstes Indiz dafür, dass die Autorin Trauma und Krieg gleichsam domestiziert, d.h. in die Heimat verlagert. Kurt Vonneguts Werk S laughterhouse 5 (1969) verbindet die soldatische wie zivilisatorische Ebene und erreicht auch durch die Verwendung postmodernistischer Erzählelemente eine Fokussierung auf die (männliche) soldatisch wie zivilisatorische Ebene. Anna Pereras Roman Guantanamo Boy (2009) schließlich ergänzt diesen dreifachen Zugang zu Krieg und Trauma durch ihren Zugang seitens eines Jugendlichen[2]. Sie komplettiert dadurch nicht nur den gewünschten dreifachen Zugang, sondern verweist darauf, dass die Konstellation Trauma, Krieg und Kinder bisher literarisch vernachlässigt wurden, was sich z.B. am Begriff der verlorenen Generation festmacht, eine Terminologie, die generell für Kinder und Jugendliche benutzt wird und im Bürgerkrieg in Syrien ihre aktuellste negative Realisierung gefunden hat. Die Auswahl der Romane sowie der dreifach ermöglichte Zugang zu Trauma und Krieg verweist somit nicht nur auf die Totalität von kriegerischen Auseinandersetzungen im 20. und 21. Jahrhundert sondern ermöglicht auch eine Art chronologische Präsentation dieser Thematik anhand dreier zentraler Kriege, dem 1. und 2. Weltkrieg, sowie dem aktuell geführten Krieg gegen Terror und Islam[3]. Interessant ist in diesem Zusammenhang der Ansatz von Clark (2013), der Parallelen zwischen dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Jahr 1914 und 9/11 zieht, wobei er indirekt auf die Aktualität der Thematik Krieg und Trauma hinweist (ibid.: 95).

2. Der gegenwärtige englische Roman

„Der Roman ist das einzige im Werden begriffene und noch nicht fertige Genre“ (Michail M. Bakhtin, 1989)

Der englische Roman des 20. Jahrhunderts kann in vielen Bereichen als Fortsetzung des 19. Jahrhunderts gelten, da wichtige Elemente wie Struktur und Themenvielfalt übernommen und integriert wurden.

Dabei kristallisierten sich Realismus und Naturalismus als seine beiden Hauptströmungen heraus (Bradbury, 1973: 175).[4]

Dennoch setzen parallel zu dieser Eingliederung bekannter Elemente stilistische und themenmäßige Neuerungen ein, die völlig neue Facetten und Strömungen in den Roman als literarischem Genre implantieren.[5]

So begann etwa mit den Werken von Joseph Conrad eine bisher unbekannte Illusionskritik, die durch die Überlagerung der erzählten Geschichte durch Erzählvorgang und Interpretationsverhalten dem Roman völlig neue Wege eröffnete (Seeber, 1999: 317).

Psychologie und Existentialismus verschafften sich ebenfalls zunehmend einen literarischen Zugang und fanden ihre wohl intellektuellste Verwendung bei Virginia Wolf und James Joyce. So gelten Mrs. Dalloway (1925) oder Ulysses (1922) als klassische Beispiele für den experimentellen Roman. Die Verwendung von neuen Stilformen wie der ' stream-of-consciousness-technique ' oder der Epiphanie-Technik symbolisierten gleichsam den Bruch mit dem klassischen Realismus und verdeutlichten den Spagat zwischen Tradition und Moderne in der Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg.

Weltwirtschaftskrise und die politische Radikalisierung der Literatur als ihre logische Konsequenz auf gesellschaftliche Entwicklungen boten für viele Autoren, die im Schatten des Ersten Weltkrieges aufgewachsen waren, eine politische Plattform, die in Orwells satirischer Tierfabel Animal Farm (1945) und der Antiutopie Nineteen Eighty-Four (1949) die literarische Ära nach dem Zweiten Weltkrieg einleitete.[6]

Die Auswirkungen dieser globalen Auseinandersetzungen brachten nicht nur gesellschaftliche Veränderungen mit massiver Tragweite wie etwa die Aufteilung der Welt in Hemisphären mit sich, sondern boten dem Religiösen die Chance aus seinem literarischen Nischendasein herauszukommen. So vermischten etwa Graham Greene mit The Heart of the Matter (1948), William Golding mit Lord of the Flies (1954) oder selbst Joyce Cary in seinen beiden Trilogien rein religiöse Themen mit philosophischen oder politischen Elementen.

Diese Renaissance von Philosophie und Religion bedeutete eine Rückkehr zu den Wurzeln des Romans selbst. Watt (1976) drückt dies wie folgt aus: „In the novel, more than perhaps in any other literary genre the qualities of life can atone for defects of art“ (ebd., S. 343).

Das Spezifische der britischen Nachkriegsjahre war jedoch ein massiver gesellschafts-politischer Wandel, der in vielen Bereichen neue Möglichkeiten eröffnete. Die sukzessive Auflösung des ehemaligen Empire verdeutliche Ende der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts die Reduzierung der ehemaligen Weltmacht auf einen europäischen Nationalstaat. Jahrhundertelang etablierte Klassengegensätze und die sich daraus ergebenden wirtschaftlichen Ungleichheiten gepaart mit der Hinwendung zu einer Massen- und Konsumgesellschaft ebneten den Weg für literarische Freiräume, die zunehmend auch durch Autorinnen und Autoren mit Migrationshintergrund abgedeckt wurden, die eine völlig neue künstlerische und inhaltliche Kreativität mit sich brachten, die „new and engaging“ und „experimental“ war sowie ein „new subject matter“ beinhaltete (Mc Leod, 1961, S. 10)[7].

Die angesprochene gesellschaftliche Veränderung in der 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts bot – wie bereits erwähnt – für Autoren die Möglichkeit, eigene, neue Wege zu gehen oder Altes und Neues zu verbinden – ein Ansatz, der sich bis heute gehalten hat.[8]

Eine wirkliche, gerade von intellektuellen Kreisen immer wieder geforderte literarische Neuerung setzte aber erst durch die Bewegung der ' Angry Young Men ' ein. Autoren wie John Wain, Kingsley Amis oder später John Braine platzierten ihre Hauptpersonen als Anti-Helden zum Establishment, wenn auch nicht im politisch-radikalen Sinne (Blamires, 1979: 473).[9]

Die Vertreter dieser Richtung vermischten dabei Aufbau und Technik des pikaresken Romans mit dem realistischen Erzählstil viktorianischer Erzähler. Neben dieser neuen Strömung kann man die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg auch als Neubeginn von Ethik und Ästhetik ansehen. Autoren wie William Golding, Doris Lessing, Iris Murdoch und Muriel Spark rückten moralische Anliegen in den Mittelpunkt des Geschehens. Sie knüpften so an eine an religiösen und philosophischen Denksystemen orientierte Weltordnung an. Konflikte zwischen Gut und Böse (Golding), die Bedeutung des Schicksals (Murdoch), das Spiel mit Fiktion und Realität (Spark) oder die Aufspaltung der Wirklichkeit durch ein aufgeteiltes Unterbewusstsein (Lessing) führten neue Schwerpunkte in den modernen Roman ein.[10]

Bode (2005) spricht im Zusammenhang mit der Entwicklung des modernen Romans von drei statt bisher zwei Sinnorientierungen als Zentren des Romans selbst. So nennt er zunächst die subjektive Ebene (das Subjekt ist semantischer Integrationspunkt der narrativen Darstellung), dann die objektive (ein in der dargestellten Wirklichkeit objektiv vorhandener Sinn wird nachvollzogen oder aufgedeckt). Diese beiden Ansätze erweitert er mit dem Begriff „Autoreferentialität“, die eine Art Sinnorientierung beschreibt, die sich aus der Thematisierung der Möglichkeiten narrativer Sinnstiftung (vgl. die Romane von Joyce und Beckett) ergibt (ebd., S. 314-319).[11]

Die ethnische Minderheitenliteratur, deren Wurzeln durch die Immigrationsschübe bereits in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts festzustellen sind, festigte sich besonders in den 70er und 80er Jahren in Form einer eigenständigen und selbstbewussten Gruppierung.[12]

Der Unterbau der ethnischen Minderheitenliteratur kann und muss aber in einem literarischen Gesamt-Zusammenhang gesehen werden.

Der englische Roman entwickelte in den 70er und 80er Jahren vielfältige Strömungen wie zum Beispiel Gesellschaftskritik (Carter), eine neue ' comic social novel ' (Sharpe) und er verzeichnete eine Rückkehr zum Postmodernismus, was ihn insgesamt sehr vielfältig machte (Childs, 2005, S. 14; 17). Die „visible minorities“ (Seeber, 1999, S. 460) integrierten das Fremde in den modernen englischen Roman und beschrieben den Westen aus der Perspektive des Fremden.

Die Forschung subsumierte diese Autoren unter anderem unter dem Schlagwort „The New Literature in English“ (Wagner, 2003, S. 230), unterscheidet aber zwei Gruppierungen von Autoren. Einmal jene, die aus Ländern des ehemaligen Empire kommen, und solche, die mittels ihres Migrationshintergrundes Erfahrung von mehreren Kulturen aufweisen.

Auf die mit einer politischen Konzeption verbundenen Interpretation des Begriffs „postkolonial“ hat besonders Thieme (1996) hingewiesen. Für ihn bezieht sich dieser Begriff nur teilweise auf „all the culture affected by the imperial process from the moment of colonization to the present day“ (ebd., S. 1). Thieme schlägt stattdessen einen umfassenderen Begriff vor. Er spricht sich für eine Mischung beider kulturellen Ebenen in Form einer hybridization [13] aus, wie sie etwa bei Salman Rushdie zu sehen ist. Rushdie selbst favorisiert den Zugang zu einer ethnischen Vielfalt, über die Head (2002) feststellt: „That is situated between a glib multiculturalism and a flat assimilation. He is defining the space of the hybridized culture of the postcolonial migrant, of crucial significance to all inhabitants of the new emerging culture“ (ebd., S. 161). Ziel ist für Thieme und Head eine Art transkulturelle Literatur, die davon ausgeht, dass Migrationsliteratur nicht in nationale oder regionale Literatur gesteckt werden darf, da sie sich in einem permanenten Dialog mit beiden Seiten befindet (Thieme, 1996, S. 4). Im Zuge dieses Dialoges ist es selbstverständlich, dass Migrationsliteratur letztlich auch die kulturelle Abhängigkeit, die auf den politischen und wirtschaftlichen Verbindungen mit den alten Kolonialmächten oder den neuen Industrieländern beruht, auflöst. Weitaus schwieriger gestaltet sich dagegen eine einheitliche Terminologie im Bereich internationaler Literaturwissenschaft für neue Nationalliteraturen. Schon Kosok/Prießnitz (1977) haben auf diese Problematik hingewiesen. So werden für ihn diese im englischsprachigen Raum zum Beispiel unter den Begriffen ´englische Kolonialliteraturen`, ´Commonwealth-Literature` oder ´World Literature Written in English` subsumiert, anstatt einen bewusst offenen Begriff wie ´Literaturen in englischer Sprache` zu wählen.[14]

Eine andere Konzeption dieses in der postkolonialen Theorie zu einer Art Zentralbegriff erklärten Begriffs einer ´hybridity` bietet Bhabha (1994). Er ergänzt ´hybridity` mit den beiden Termini ´mimicry` (exclusion through inclusion) und der aus der Psychologie entlehnten Vorstellung einer ´ambivalence` (coexistence of two classes of instincts; immigrants and British people). Bhabha (1994) sieht – und damit bringt er eine Kritik an diesem Zentralbegriff an – ´hybridity` innerhalb der kolonialen Expansion Großbritanniens als gescheitert an. Er macht dies unter anderem am Einsatz der Bibel fest, die mit ihrem universellen Anspruch von den jeweils lokalen, kulturellen und religiösen Bedingungen herausgefordert wurde und Mischformen nicht zuließ (Childs/Williams, 1997, S. 135/136).

Hybridität für Bhabha basiert auf einer Mischung von verschiedenen Kulturen, Ideologien oder Religionen (Wachinger, 2003, S. 144f.). Für ihn entsteht in dieser Vermischung von Unterschieden die Möglichkeit (Bhabha nennt dies ‚dritter Ort‘ oder ‚dritter Raum‘), neue Regeln und Umgangsformen zu lernen. Bhabha definiert diese neue Konzeption von Raum in seinem Hauptwerk „The Location of Culture“(1994) als eine Art Zwischenraum, einen 'space in-between', in dem sich unterschiedliche Entwürfe und Ausdrucksformen von Realität bzw. Kultur und Religion in einem permanent offenen Prozess befinden und dabei etwas Neues, etwas Drittes schaffen.

Er favorisiert quasi eine Art Dialogform, in der alle Seiten lernen müssen, mit dem Besten und Schlechtesten des anderen umzugehen, um so neue Umgangsformen und Verhaltensmuster zu lernen. Dies bedeutet, dass Menschen erfahren und erleben, dass sie als Teil einer gemeinsamen, miteinander neu erschaffenen Gesellschaft existieren.[15]

Kritisch anzumerken bleibt, dass dieser Entwurf insgesamt sehr theoretisch und idealistisch wirkt und die Balance zwischen aufnehmender Gesellschaft und sich einfordernden Migranten zu sehr romantisiert. Psychologisch betrachtet wird hier auch die Angst vor dem Fremden, die oft in Fremdenfeindlichkeit mündet und von der Politik funktionalisiert wird, nur am Rande thematisiert.

Prinzipiell muss festgehalten werden, dass Bhabhas Ansatz auch als Gegenpol zum hegemonial-imperialistischen Machtdiskurs der ehemaligen europäischen Kolonialisation gesehen werden muss. Somit verfügt dieser Begriff über eine politische Dimension, die in der kolonialen, postkolonialen und in der Migrationsliteratur ihren Niederschlag fand. Diese politische Seite zeigt sich unter anderem darin, dass hybride Kulturen hierbei als Gegenbegriff eines kulturellen Essentialismus verstanden werden (Hein, 2006, S. 57).

Diesen Mangel sieht schon Ha (2005). So sieht er das Hybride nicht nur als negative Mischform (ebd., S. 23-37), sondern er bindet wie Hein (2006) diese negative Konzeption an den Kolonialbegriff, indem er ihn an das Überlegenheitsgefühl der weißen Rasse bindet, die „Identitätsverlust“ und „eine Verschmutzung der europäischen Mutterkultur“ befürchtet (Ha, 2005, S. 27). Ha (2005) geht sogar weiter und sagt: „Statt der Bewahrung von Kontinuität und Reinheit ist vielfach die positive Anerkennung von Differenz und Vermischung zur Leitmaschine des Zeitgeistes aufgestiegen“ (ebd., S. 57). Kritisch anzumerken bleibt für ihn, ob es sich hierbei nur um eine Modeerscheinung oder um Teil eines gesellschaftlichen Transformationsprozesses handelt. Er knüpft hier an Nash (2000) an, die eine ´all-in-one-solution` im Hybriden ebenfalls nicht sieht, wenn sie konstatiert: "Global culture is often seen as postmodern: fast changing, fragmented, pluralist, hybrid and syncretic“(ebd., S. 71).[16] Letztlich kann man literaturhistorisch von einer Umkehrung des Handlungsortes im klassischen englischen Roman sprechen. Diese Neuplatzierung des Erzählortes steht natürlich im unmittelbaren Zusammenhang mit den politischen und sozialen Veränderungen nach dem Zweiten Weltkrieg.[17] Diese hatten ihrerseits einen grundlegenden Einfluss auf die Entwicklung des modernen Romans, da Autoren mit Migrationshintergrund zunehmend an Einfluss gewannen und Handlungsort und Charakterstudie eine grundlegende Neueinstellung erfuhren. Bock und Wertheim (1986) bestätigen dies, wenn sie feststellen: „Returning from studies or exile abroad is a recurrent theme in post-colonial fiction as is the reaction of characters from colonial and post-colonial areas to live outside their country“ (ebd., S. 5).[18] Gilt diese Aussage für viele Autoren, die in den ehemaligen Kolonien lebten oder dorthin zurückkehrten, so kann man im Zuge der letzten zwanzig bis dreißig Jahre von einer Erweiterung dieses Ansatzes sprechen. Fast alle erfolgreichen Autorinnen und Autoren mit Migrationshintergrund kennen beide Welten. Sie sind vereint durch ähnliche Erfahrungen ihrer nationalen Geschichte, ihres politischen Anliegens, ihrer literarischen Themen und ihrer Religion. Was sie in ihrer Arbeit vereint, ist letztlich ein politisches, ein kulturelles und ein religiöses Selbstbewusstsein. Dieses neue Selbstbewusstsein wird literarisch durch die bekannten realistischen Erzählweisen des viktorianischen Romans gepflegt. Beide Romantypen ermöglichen ein Verarbeiten ihres früheren Lebens und das Sich-Einleben in England erfährt eine soziologische und psychologische Detailliertheit. Die mitgebrachten kulturellen Mythen und religiösen Motive werden bewusst oder unbewusst gegen die westliche Logik und Selbstsicherheit eingesetzt. Somit wird eine Erweiterung der rationalen und kontrollierten Erzählung erreicht, da durch das Anders- und Fremdsein nicht nur die Mehrdeutigkeit des Lebens, sondern auch eine literarische Kontrastierung von Kultur und Religion erreicht wird. Diese Synthese aus ´Tradition` und ´Innovation`, wie sie Nünning (2000) für den englischen Roman der 1980er und 1990er Jahre vorschlug, setzt sich so auch im 21. Jahrhundert fort.

Die hierin integrierte imperiale Vergangenheit und die postkoloniale Gegenwart lieferten etwa für Autoren wie Kureishi, Rushdie oder Ali eine literarische Nische, in der sie die traditionelle britische Identität mit den eigenen Migrationserfahrungen mischten, um so diesen neuen englischen und ethnischen Mix und seine Konsequenzen beschreiben zu können (Childs, 2005, S. 21).

Der literarische Rahmen, den sie dafür benutzten, war die Biografie oder die Autobiografie, da sie hier ihre eigenen Erfahrungen unter dem Fokus von Migration und Immigration bestens verarbeiten konnten.[19]

Somit entspricht eine Vielzahl von Migrationsautorinnen und -autoren dem Mainstream des modernen englischen Romans, da besonders die Biografie die Identitätsproblematik bestens implantieren kann. Das Ergebnis ist in diesem Migrationsrahmen eine Art utopische Qualität des modernen englischen Romans, die deutlich macht, dass die multikulturelle Uhr nicht mehr zurückgedreht werden kann.

Head (2003) verallgemeinert dies in Anlehnung an Zadie Smiths Roman White Teeth (2000) passend mit folgender Aussage:

„Smith has found a way of harnessing the novel`s capacity to embrace heterogeneity, and has used it to give convincing shape to her presentation of an evolving, and genuinely multicultural Britain ... [Yet] White Teeth does not avoid the fact of ethnic tension but, in its self-conscious mode of end-of-millenium tour de force, it presents the social problems of ethnicity as the shared problems of a diverse citizenship with a common home” (ebd., S. 107-108).

Schon King (1980) wies auf diese Entwicklung hin und er überträgt die literarische Verantwortung auf eine neue geistige Elite, die in dieser Spannung steht. Er sagt über sie: „There is a close relationship between economic conditions, society, politics and new literatures. Culture requires an elite of producers and consumers“ (ebd., S. 48).

3. Englische und amerikanische Kriegsliteratur im 20. Jahrhundert

Die englische Literatur wurde – wie alle nationalen Literaturen – von Anfang an von der Thematik Krieg begleitet. Die ersten literarischen Höhepunkte stellen hier Christopher Marlowes Tamburlaine the Great (1588) oder William Shakespeare mit Dramen wie Macbeth (1606), Julius Caesar (1599) oder Richard II. (1595) dar, zumal Shakespeare schon psychologische Ansätze (wie Traumata) in einige seiner Werke integrierte.

Interessant ist Thomas Nashes Werk The Unfortunate Traveller (1594), das als Entwicklungs-
roman an Grimmelshausens Simplicius Simplicissimus (1668) erinnert, den wichtigsten barocken Roman, der auch die kindliche und jugendliche Ebene an das Thema Krieg bindet und der in theoretischen Überlegungen über Krieg und Trauma in der englischsprachigen Sekundärliteratur immer wieder genannt wird.

Im Laufe der Zeit – und das gilt besonders für den Roman des 18. und 19. Jahrhundert – wurde Krieg meist flankierend an den plot gebunden. William Thackeray etwa kann hier als Beispiel mit Vanity Fair (1847) genannt werden, wenn er den Tod eines Protagonisten in Waterloo lapidar mit dem Satz kommentiert: „And then he fell on the fields of Flanders.“ Diese Banalität von Tod und Sterben erlangte im Ersten Weltkrieg eine dramatische Veränderung durch die War Poets sowie Autoren von Übersee. Krieg, Tod und Sterben wurden auch Gegenstand der australischen, neuseeländischen oder kanadischen Literatur.[20] Diese setzte sich seit 1914 in der englischsprachigen Literatur fest und wurde über Hemingway, Orwell oder Huxley bis in die Neuzeit transportiert, wo sie durch Autorinnen und Autoren mit islamischem Hintergrund seit dem 11. September neu akzentuiert wurden. Neu ist durch diese Gruppe eine literarische Rückverlagerung in ihre alte Heimat, sprich in die ehemaligen Kolonien.[21] Dies kann zur Zeit als Indiz dafür genommen werden, dass Krieg und damit Trauma als globale Themen angesehen werden, was durch die aktuellen politischen Entwicklungen verstärkt wird. Dennoch darf die literarische Verarbeitung von Krieg und Trauma im 20. Jahrhundert nicht isoliert betrachtet werden, sondern sie steht für eine Neuerung in der englischen Literatur, die Krieg (und dann Trauma) bisher zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges ganz anders verarbeitete. Für diese andere Darstellungsweise von Krieg waren Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts verschiedene Autoren verantwortlich, von denen Kipling als einer der zentralen Vertreter angesehen werden muss. Wie kein anderer war er ein radikaler Verfechter des Empires und verschrieb sich einer Art ,,military romanticism“ (Hoglund 1997: 83), der die britische Präsenz in den Kolonien und die dort geführten Kriege glorifizierte, auch indem er sie als „little wars“ (ebd.: 84) bezeichnete. Krieg war für Kipling, Haggard, Hamilton-Browne, A.E.W. Mason oder selbst Joyce Cary entweder eine logische Konsequenz der imperialen Macht Großbritanniens oder einfach nur eine Fortsetzung von Spielen wie Kricket oder Rugby, verbunden mit dem Anstrich des ritterlichen Heldens.[22] Man kann prinzipiell davon ausgehen, dass diese und andere Autoren dafür verantwortlich waren, dass sich viele Freiwillige des Ersten Weltkrieges diesem idealisierten Bild von Soldatentum und Krieg hingaben. Diese Grundtendenz bestätigt auch Richards (1989), wenn er über die Rolle und Verantwortung dieser Autorengruppe feststellt, „it was a saturation in the literature and imagery of militarism over several decades that helped prepare the youth of England for enthusiastic participation in World War I.“ (ebd.: 81).

Um 1880 konnte man deshalb konstatieren, dass das (literarische) Bild des englischen Soldaten (der jetzt schon umgangssprachlich als „Tommy“ bezeichnet wurde) einen festen Platz in der englischen Literatur und damit in der Gesellschaft hatte und er genau diesem idealisierten Bild des Krieges entsprach, das erst durch den Verlauf des Ersten Weltkrieges „entzaubert“ und damit radikal verändert wurde (vgl. hierzu auch Reader 1988).

Von zentraler literarischer Bedeutung für das Thema Krieg und Trauma ist für die Jahre 1914 bis 1918 die Gruppierung der britischen War Poets um Autoren wie Siegfried Sassoon, Robert Graves, Ivor Gurney und besonders Wilfried Owen und Isaac Rosenberg.

Neben dieser britischen Richtung findet sich War Poetry auch bei anderen englischsprachigen Autoren, die aufgrund ihrer kolonialen Vergangenheit und der damit einhergehenden militärischen Nähe für Großbritannien in den großen europäischen Krieg zogen. Zu nennen sind hierbei vor allem Alan Seeger (USA), Loon Gellert (Australien) oder Robert W. Service und John McCrae (Kanada). Das prinzipielle Verdienst der War Poets war nicht nur der individuelle Protest, sondern die persönliche Erfahrung von Schrecken, Leid und Tod und der Versuch, diese (traumatischen) Erfahrungen ins Zivilleben zu integrieren Neu waren die radikale sprachliche Offenheit über diese Themen, der Wegfall einer Romantisierung und Idealisierung des Krieges und eine eigene Art von sprachlichem Protest und Provokation und die Einführung neuer literarischer Strömungen wie Modernismus, dessen Einfluss hier zurecht als „impressive“ (Haslam 2013: 47; vgl. auch 47ff.) beschrieben wird. Zwar gab es mit Kipling oder Hardy noch Autoren, die den Krieg glorifizierten, aber der englischen Gesellschaft wurde schnell klar, dass die War Poets die klarere und ehrlichere Sprache sprachen, weil sie authentisch und nicht aufgesetzt war (vgl. Höglund 1997; Williams 2009). Es waren auf einmal nicht mehr künstlich geschaffene Helden, die für den Erhalt von Empire und Kolonien idealisiert wurden, sondern die Männer in den trenches, die die Spannung zwischen Protest und Patriotismus, Propaganda, Erinnerung, Pathos, Horror und Trauma aushielten, sprachlich artikulierten und die Literatur so nachhaltig veränderten. Ein genauerer Blick auf die hier analysierten Begriffe Trauma und Krieg macht deutlich, dass ihre literarische Aufnahme und Verarbeitung erst während und nach dem Ersten Weltkrieg erfolgte. Erstaunlich ist zunächst, dass die von Freud beeinflusste Psychologie traumatische Kriegserlebnisse zunächst negierte und relativ spät verarbeitete. Das lag einerseits am Schock, den dieser Krieg unter vielen Intellektuellen verursachte, sowie an anderen politischen Schwerpunkten (Weltwirtschaftskrise etc.) Anfang des 20. Jahrhunderts. Anders gelagert ist die Problematik im Zusammenhang mit dem Schlagwort Krieg. Hier hat eine Vielzahl von modernen und postmodernen Theorien in die Literatur Einzug gehalten. Das Ergebnis ist ein kompliziertes Bild von Krieg und Zivilgesellschaft, das schon von Hobbes im Leviathan (1651) oder später auch von Kant in seinen Werken beschrieben wurde. Neben Freud sind es vor allem Bataille, Deleuze, Guattari, Derrida, Hardt/Negri und Foucault, die enormen Einfluss auf diese Thematik hatten. Wie bereits erwähnt, war der Erste Weltkrieg für Freud und andere Wissenschaftler ein kultureller wie intellektueller Schock, der die Idee eines toleranten Kosmopolitismus und eines zivilisierten Europa zerstörte und klar machte, dass die westliche zivilisatorische Gewalt nur unterdrückt und nicht (wie gedacht) beseitigt worden war, was Freud neben Krieg auf generelle Gewalt und sexuelle Exzesse ausdehnte.

Was die literarische Bearbeitung der Themen Krieg und Trauma angeht, so muss Kurt Vonneguts Meisterwerk Slaughterhouse 5 (1969) sicherlich als herausragendes Werk angesehen wird. Vonneguts Erfolg basiert sicherlich auf dem Zeitgeist, in dem das Buch geschrieben wurde (Kalter Krieg, Protest vieler Intellektueller und Jugendlicher gegen den Vietnamkrieg etc.), aber prinzipiell gilt, dass dieser Roman in einem Gesamtzusammenhang gesehen werden muss und dass er in einer literarischen Tradition steht. Krieg war immer Thema nationaler Literatur. Auch die Verbindung von Krieg, Trauma und dem Erzählmittel der Zeitreise war nicht völlig neu, neu war aber die Intensität der Thematik Krieg insgesamt.[23]

Vonneguts Roman behandelt zwar den Zweiten Weltkrieg und hat einen stark autobiografischen Charakter, geht aber über diesen Hintergrund hinaus. Dies zeigt sich schon in der Auswahl des Titels, der im Grunde drei Titel umfasst. So lautet der volle Titel Slaughterhouse 5 or The Children’s Crusade. A Duty Dance with Death und spiegelt damit eine Vielzahl von Zugängen wider.

Ordnet man Vonneguts Werk literarisch ein, so handelt es sich zunächst um einen Roman über den Zweiten Weltkrieg. Die Reaktion auf über 60 Millionen Tote und der Umstand, dass zum ersten Mal mehr Zivilisten als Soldaten in einem Krieg starben, war eine Neuerung, die in den USA vielfach aufgearbeitet wurde.[24]

Die (literarische) Reflexion der beiden Weltkriege, aber hier besonders des Ersten Weltkrieges, muss in diesem Zusammenhang als zentral angesehen werden, da sie gerade in den letzten 30 Jahren die Art und Weise revolutioniert hat, wie gegenwärtige Literatur von Kritikern, Studenten und Hochschullehrern angegangen wird. Daneben fand sie Eingang in das, was Piette/Rawlinson (2013) als „key research areas such as modernism and postmodernism“ (ebd.: 1) bezeichnen. Auffallend ist, dass Literatur hierbei historische Entwicklungen begleitet und kriegerische Auseinandersetzungen prägt.

Generell gilt in diesem Zusammenhang, dass das 20. Jahrhundert ein Jahrhundert der Kriege war, die Technik, Geopolitik und politische Entwicklungen entscheidend geprägt haben. Diese Entwicklung betrifft auch das 21. Jahrhundert und seine zentrale Kraft, die Globalisierung, die sowohl als Ursache als auch als Reaktion auf die vielen Kriege angesehen werden kann, auch weil sie von einem Marktfundamentalismus geprägt ist, dessen Ziel Profitmaximierung ist – ein Themenbereich, der sich gerade bei islamischen Autoren immer wieder findet.[25]

Prinzipiell gilt bei dieser engen Beziehung zwischen Krieg und Literatur, dass jeder Krieg zwar anders beschrieben und damit literarisch unterschiedlich bearbeitet wird, auch wenn das verbindende Element ein ethisches Anliegen zu sein scheint. So kann man für den Ersten Weltkrieg eine Tendenz in Richtung Industrialisierung des Todes feststellen, während für die Jahre 1939 bis 1945 Tod als ideologisches, wirtschaftliches und organisiertes Thema behandelt wird.

Seit dem 11 September 2001 ist Tod eine globalisierte militärische Thematik geworden Anliegen; er scheint totaler zu sein, auch weil er medial radikaler visualisiert und begleitet werden kann, als das für die beiden Weltkriege galt.

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[1] Leslie Coulson. Born in 1889. A well-known Fleet Street journalist before the war, he joined the 2nd Royal Fusiliers in September, 1914. He left England in December, 1914, never to return. He went first to Gallipoli where he was wounded; recovered in hospital in Egypt. He was then sent to France, where he was killed in action at the Battle of the Somme, Octobre 7, 1916, aged 27. He was a platoon sergeant at the time of his death. From an Outpost and Other Poems (Erskine Maedonald, 1917) sold 10,000 copies in less than twelve months.

[2] Die Romane werden nachstehend wie folgt abgekürzt: The Return of the Soldier - TRS; Slaughterhouse 5 - S5; Guantanamo Boy - GB.

[3] Interessant ist in diesem Zusammenhang der Ansatz von Clark (2013), der Parallelen zwischen dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Jahr 1914 und 9/11 zieht, wobei er indirekt auf die Aktualität der Thematik Krieg und Trauma hinweist (ibid.: 95).

[4] Neben Realismus und Naturalismus als literarische Strömungen verweist die Forschung immer wieder auf die Strömung des Postmodernismus als wichtigem Ansatz. So spricht Lodge (1992) im Zusammenhang mit der Entwicklung des modernen englischen Romans zwischen Dokumentation, Realismus und Postmodernismus von einem „supermarket of styles“ (ebd., S. 209). Broich (1993) konstatierte für Großbritannien einen ´gedämpften Postmodernismus`, da der englische Roman – von der langen Tradition des realistischen Erzählens herkommend – nur sporadisch modernistische Einflüsse zulässt. Daraus entwickelt sich für Zerweck (2007) ein heterogener Ansatz, den er auch als Sammelbegriff für gegensätzliche kulturelle Phänomene aus verschiedenen Kontexten ansieht.

[5] Zur Kontinuität der Romanentwicklung zwischen 19. und 20. Jahrhundert vgl. bes. Schirmer/Esch, (1973, S. 345). Seeber (1999) spricht bezüglich des Verhaftetsein im 19. Jahrhundert von einem „außerordentlichen Beharrungsvermögen“ des Romans des 19. Jahrhunderts, der oft nur „moderne Themen“ wie Sexualität, Entfremdung oder eine gestörte zwischenmenschliche Kommunikation integrierte (ebd., S. 309). Einen historisch-politisch geprägten Ansatz verfolgt Firdous (1993). Für ihn ist der Roman ein „carrier of bourgeois ideology“ (ebd., S. 26), weil für ihn die Entwicklung des Romans besonders im 19. Jahrhundert an den europäischen Kolonialismus gekoppelt ist und er für ihn „imperial messages enthält“ (ebd., S. 30/32). Vgl. hierzu auch Moon (1963).

[6] Fraser (1970) sieht eine gesellschaftliche Hilflosigkeit der Autoren während und nach dem Zweiten Weltkrieg und spricht ihnen pauschal eine klare gesellschaftliche Konzeption ab (ebd., S. 160). Bradbury (1973) betont in diesem Zusammenhang ebenfalls die Bedeutung des Zweiten Weltkrieges und der nachfolgenden Jahre. Für ihn waren Modernisten wie Conrad, Proust, Mann, Wolf oder Faulkner bereits verstorben oder unbedeutend geworden. Die Zeit nach 1945 war für ihn insofern wichtig, da sich die Welt (und damit auch England) gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisch massiv veränderte. Die parallel einsetzende Vereinsamung des modernen Menschen förderte literarisch eine neue Mischung von Realismus und Experiment. Das Ergebnis ab den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts war eine Öffnung des zwischen Realismus und Moderne stehenden Romans zu einer neuen Mischung. Als Beispiele dieser neuen Form nennt er Autoren wie Beckett mit seiner Trilogie Molloy, Malone Dies, The Unnameable (1951-1953), Durells Alexandria Quartet (1957-1960) oder Storeys Roman Redcliffe (1966). Hier findet sich unter anderem ein neues Stilmittel im Roman, die Mischung zwischen mythischen, symbolischen und grotesken Stilmitteln (ebd., S. 169; 176; 177).

[7] Zum Begriff des ´Thatcher effects` vgl. besonders Sked/Cook (1993, S. 516-517). Zu ihren Auswirkungen auf die Literatur vgl. bes. Bradford (2007, S. 29-47).

[8] Als ein Beispiel dieser Symbiose kann etwa die Verbindung des neuen Campusromans mit dem alten, viktorianisch geprägten Industrieroman aufgeführt werden. David Lodge gelang 1988 mit ´ Nice Work ` eine Integration von Elizabeth Gaskells Roman ´ North and South ` 1854/55, in dem sein Roman ohne Detailwissen von ´ North and South ` nur unzureichend interpretiert werden kann. Lodge wird von Nünning (2001) hier als Vorreiter für Gattungsmischungen im Sinne eines „novelist at the crossroads“ (ebd., S. 180) bezeichnet. Dazu zählt auch die Rückkehr zur Social Novel, wie sie sich etwa in Rowlings Roman The Casual Vacancy (2012) zeigt.

[9] Zur Kritik an den ' Angry Young Men' vergleiche besonders Seeber (1999). Seeber reduziert diese Gruppierung literaturhistorisch auf ein soziologisches Phänomen und spricht ihnen ästhetisches Interesse ab (vgl. ebd., S. 384).

[10] Für Amerika kann an dieser Stelle Vonneguts Roman ' Slaughterhouse-Five ' (1969) genannt werden.

[11] Firdous (1993) betont hier einen mehr historisch-philosophischen Ansatz, indem er den Einbau des subjektiven Elementes in den realistischen Roman auf Didèrot, Hobbes, Hume und Locke zurückführt (ebd., S. 16/17) und das Subjekt und sein Wachsen mit dem Objektiven für ihn im modernen Roman die Elemente sind, die ihn zusammenhalten (ebd., S. 21/22). Diese subjektive Ebene fand ihrerseits einen neuen Impuls in der Wiederkehr des Religiösen innerhalb der neueren Migrationsliteratur. Autorinnen und Autoren mit Migrationshintergrund mussten sich in Großbritannien in einem objektiven Rahmen bewegen, der mitunter ausländerfeindlich oder zumindest ausländerkritisch war.

[12] Sie kristallisierte sich aus vorangegangenen Strömungen heraus, die zunächst die koloniale und postkoloniale Literatur als Erfahrungswert hatten, dann aber über die Immigrations- und Migrationsliteratur in die neuere englische Literatur mündeten.

[13] Eine genauere etymologische Analyse des Begriffs Hybrid umreißt die Bedeutung dieses Begriffs für die zu behandelnden Autorengruppe zutreffend. Hybrid hat einen griechisch-lateinischen Ursprung (lat. Hybrida, ae) und bedeutet soviel wie Gebündeltes, Gekreuztes, Gemischtes. Diese Mischform von Lebenskulturen und Religionen umreißt die Spannung, in der diese Autoren und Autorinnen stehen, und lässt schon erahnen, dass Islam und islamistischer Fundamentalismus dieser hybridity diametral entgegenstehen.Der Begriff fand zunächst eine Verwendung im biologisch-botanischen Sprachgebrauch und wurde dann in linguistische und kulturelle Ausdrucksformen übertragen, um schließlich einen geisteswissenschaftlichen Zugang zu bekommen. Ha hat 2005 Folgendes konstatiert: „Kaum ein Begriff hat in jüngster Zeit in der intellektuell-akademischen Öffentlichkeit wie in der Tagespresse für so viel Furore gesorgt und hat dabei so viel Unklarheit hinterlassen. Besonders in der Form des scheinbar universell ´andockbaren` Adjektives ´hybrid` referiert er auf diversen Themenfeldern auf sehr unterschiedliche Formen der Hybridisierung, Vermischung und (Re-) Kombinierung“ (ebd., S. 12).

[14] Diese offene Terminologie erscheint sinnvoll, da begriffliche Festlegungen zu pauschal erscheinen. So beinhaltet zum Beispiel das Schlagwort der ethnischen Minderheitenliteratur eine Heterogenität von soziologischen, politischen und thematischen Bezeichnungen, die eine Pluralität von Ansätzen mit sich bringt. So spricht Egerer (1997) von ´fictions of (in)betweenness` (1997), Göbel (1998) von ´immigrant fiction`, Korte/Müller (1998) von ´black British literature`, Novak (1998) von ´trans-culture literature`, Kreutzer (1999) von ´ethnischer Minderheitenliteratur` und Engler Schulze (2005) von ´cultural nationalism`, ´Third Worldism`, ´writing back paradigm` ´und ´´hybridity`. Auf die Möglichkeit dieser Entwicklungsvielfalt hat bereits Modood/Werbner (1997b) hingewiesen, wenn er in dieser neuen literarischen Entwicklung nicht nur eine Art Nonkonformismus feststellt, sondern sich auch für eine offene Terminierung ausspricht (ebd., S. 158). Das Schlagwort der ´fiction of migration`, das vor allem mit Sommer (2001) in Zusammenhang gebracht wird,wird als Fortsetzung im Sinne einer Präzisierung der alten Konzepte wie ' writing back ' oder ' hybridity ' verstanden (ebenda, S. 17). Dennoch war all diesen neuen Strömungen eigen, dass das Schreiben im Fremdsein als privilegierter Ort literarischer Innovation angesehen werden konnte (vgl. hierzu besonders Deleuze/Guattari 1976).

[15] Zur Herkunft der Terminologie des ´dritten Ortes` bei Bhabha vergleiche Turner (1992). Ikas/Wagner (2009) benutzen im Zusammenhang mit Bhabhas Konzeption des dritten Ortes die Begriffe „locations“ und „negotiations“ (ebd., S. 6). Sie markieren damit die Spannung, in der Migranten stehen, wenn sie an einem fremden Ort leben (location) und dort ihr Leben bestreiten müssen (negotiation). Lane et al. (2003) betonen nicht nur die Bedeutung dieses Freiraumes, sondern sagen in Anlehnung an den Hybriditätsbegriff in der Literatur Folgendes: „The theme of cultural hybridity features strongly in contemporary British fiction, not just as subject matter but as par t of the creative act of writing itself […]. Hybridity is not simply an issue of migration but of plural culture identies” (ebd., S. 143).

[16] Zur Kritik an Bhabha vergleiche Young (1990); Chow (1994); Thomas (1994); Ahmad (1995, S. 12-13); Childs/Williams, (1997, S. 143); Loomba (1998); San Juan Jr. (1998, S. 26, 27-29); Spivak (1999); Amin (2004); Lewis/Neal (2005). Die ' Postkolonial Studies ' neueren Datums stellen neben ´hybridity` den Begriff ´difference` (Loomba, 2005, S.216). Im Zusammenhang mit der in dieser Untersuchung akzentuierten Nähe zwischen Migration, Globalisierung und Religion muss die Konzeption von Hybridität besonders in Verbindung mit der Globalisierungsdebatte gesehen werden, da Globalisierungsprozesse massive Einflüsse auf Kultur und Religion ausüben, die sich in mehreren ineinandergreifenden Auswirkungen zeigen (Edwards, 2008, S. 139ff.). Schreiter (2011) betont in diesem Zusammenhang vier Prozesse. Diese sind: 1. Homogenisierung (globale Prozesse löschen lokale Sprachen, Formen oder Gebräuche aus oder schaffen energischen Widerstand). 2. Hyperdifferenzierung (als eine Form des Widerstandes) steht für eine extreme Form von Andersartigkeit und Besonderheit (Menschen bewegen sich nur in Räumen mit Gleichgesinnten, ein kritischer Austausch oder Reflexion unterbleiben). 3. Deterrorialisierung (Menschen werden aus ihrer angestammten Heimat vertrieben und ihrer Orientierung, Kultur und Religion beraubt). 4. Hybridisierung (Mischformen) Sie muss ebenfalls als logische Konsequenz der Globalisierung gesehen werden, da sie positive wie negative Facetten beinhaltet. Menschen, Kulturen und Religionen können hier nicht nur einen Austausch vornehmen, der die zwischenmenschliche Kommunikation verbessert und Veränderungen erleichtert. Daneben bringt Hybridität aber auch einen Verlust von Reinheit mit sich, der mit Angst und Unsicherheit einhergeht (ebd., S. 24).

[17] Die Handlung in die Ferne, die Fremde, zu legen hat eine lange und vielfältige Tradition und spiegelt die Sichtweise der englischen Autoren in einem fremden und oft fiktiven Umfeld in vielerlei Hinsicht wider und sie verdeutlicht, dass der Orient immer eine beachtliche Faszination auf englischsprachige Romanautoren ausübte (Wagner, 2003, S. 229).Thomas Mores Utopia (1516) als politischer Entwurf eines demokratischen Staates, Thomas Nashes pikareskes Werk The Unfortunate Traveller (1594) oder selbst Shakespeares letztes Werk The Tempest (1611) benutzten ebenso wie Vertreter des realistischen Romans wie Defoes Robinson Crusoe (1719) fremde Handlungsorte. Dies wurde im modernen Roman fortgesetzt durch Autoren wie Robert Louis Stevenson Treasure Island (1883) oder Joseph Conrad, der in Lord Jim (1900) und Nostromo (1904) seine Hauptpersonen ebenso in die britischen Kolonien entließ wie Somerset Maugham in The Painted Veil (1925) oder ein Joyce Cary in seinen Afrikaromanen, besonders in Mr. Johnson (1939). Kurzum: Das komplette Empire konnte und wurde als Handlungsort benutzt. Mit der Verlagerung des Handlungsortes nach England, teilweise oder komplett, wurde eine neue literarische Maxime deutlich, die Salman Rushdie 1982 zutreffend in der Times unter dem Titel ´The Empire Writes Back with a Vengenance` subsumierte (Seeber, 1999, S. 463; Wagner, 2003, S. 230).Dieser modifizierte Ansatz des (zornigen) Zurückschreibens basiert auf einem zu eng verstandenen Konzept von Zentrum (Großbritannien) und Peripherie ( Kolonien) und ist Ausdruck der militärischen, politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und religiösen Bevormundung des Westens (Novak, 1998, S. 76; Sommer, 2001, S. 9; vgl. auch Bennetts Ansatz eines 'colonizing in reverse‘ (1962). Zur Thematik der Beziehung von Kulturen aus philosophischer und literaturwissenschaftlicher Sicht vgl. Sommer, 2001, S.20-25.

[18] Bradbury (1977) spricht im Zusammenhang mit dem Zustand des modernen englischen Romans von einer Erosion und Demoralisierung, die die moderne Gesellschaft in die Literatur gebracht hat. Wenn er in diesem Zusammenhang unter anderem auch von einer Rückkehr religiöser und philosophischer Ideen und Werte spricht und einen ideologischen Pluralismus einfordert, so wird deutlich, wie geballt und provokativ dies durch Autoren mit islamischem Migrationshintergrund geschah, weil sie in einer zunehmend irrationalen Gesellschaft deren klassenorientiertes Wertsystem offen gelegt haben (ebd., S. 243-247). Auf die Bedeutung des Romans als literarischem Genre hat auch Rorty (2003) hingewiesen. Für ihn sind die Romane die spannendste Form gegenwärtiger Kultur, weil sie ein soziales und menschliches Panorama zeigen, in dem der Leser mit den verschiedensten Mentalitäten, Kulturen und Weltansichten konfrontiert wird (ebd., S. 57). Zadie Smith (2001) betont die sich daraus ergebende Verantwortung von Roman- autoren, wenn sie sagt: „The novel is ... a historically specific phenomenon that came and will go unless there are writers who have the heart, the brain and crucially, the cojones to keep it alive“ (Smith 13.10.2001).

[19] Sie entsprachen hier interessanterweise den beiden Elementen, die den englischen Roman des 21. Jahrhunderts mit ihrer Renaissance belebt haben. Dieses wiedererwachte Interesse an Theorie und Praxis der Biografie hat bis heute Hochkonjunktur (vgl. Eppstein (1991); Batchelor (1995); Klein (2002)). Die Popularität von Biografischem und Autobiografischem zeigt sich neben dem Genre Roman (vgl. Maack 1993) auch im Drama (vgl. Kramer (2000)), in Publikationen zur fiktionalen Biografie (Schabert (1990); Middeke/Huber (1999)) sowie in der Metabiografie (Nadj (2006)).

[20] Dies betrifft auch die Literatur über den Ersten Weltkrieg, die aus den ehemaligen Kolonien kam. Eine besondere Rolle nehmen hier kanadische Autoren ein, eine Gruppe, die bis heute über dieses einschneidende Ereignis schreibt. Als stellvertretend können hier u.a. Timothy Findleys Roman The Wars (1977), Robert MacNeils Werk Burden of Desire (1962) oder Joseph Boydens Three Day Road (2005) genannt werden (vgl. hierzu besonders Kuester 1995: 203–215).

[21] Vgl. besonders die gegenwärtige Rolle Afghanistans bei Migrationsautorinnen/-autoren mit islamischem Hintergrund, wie z.B. Nadeem Aslams Roman The Wasted Vigil (2009) oder Khalid Hosseinis Werke The Kite Runner (2003), A Thousand Spendid Suns (2007) oder And the Mountains Echoed (2013).

[22] Die Forschung selbst unterscheidet hier gerne zwischen zwei Arten des Romans, der colonial novel und der invasion novel. Beide basieren im Grunde auf der Idee des Sozialdarwinismus und propagieren die Überlegenheit der europäischen „Rasse“, Kultur und Religion. Es war deshalb kein Wunder, dass die Kritik an der colonial novel erst mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Zerfall des Empires einherging. Namhafte Autoren für diese kritische Haltung waren mit ihren Werken Conrad (1902), Fanon (1979), Said (1979; 1994) oder Achebe (1989).

Zur invasion novel vgl. Rodd (1900), Doyle (1902), Clarke (1966), Eby (1987), Brittenham (1994). Meisel (1990), Massie (1992). Eine besondere Funktion in dieser Gruppierung nimmt sicherlich William Le Queux ein, der als Hardliner dieser Gruppe galt und mit dafür verantwortlich war, dass besonders die Deutschen immer negativer beschrieben wurden.

[23] Als berühmter Vorläufer dieser Verbindung kann u.a. Tolkien angesehen werden, der mit Werken wie Hobbit (1937) aus der Lord of the Rings Trilogy (1954/55) diese Verbindung populär machte. Besonders auffallend für die amerikanische Literatur war in diesem Zusammenhang die Kritik seitens amerikanischer Autorinnen/Autoren mit lateinamerikanischen oder karibischen Wurzeln. Diese brachten in die literarische Bearbeitung der Thematik Krieg neue Aspekte, wie die Diasporasituation, die hybride Identität, die kollektive Erinnerung oder das Unterwegssein des Menschen durch die Zeit, ein und akzentuierten die literarische Diskussion neu (s. Werke von Francisco Goldman, Junot Díaz, Nelly Rosario, Claribe Alegría, Julía Alvarez oder Martín Espada)

[24] Als Beispiele können hier Norman Mailers The Naked and the Dead (1948), Joseph Hellers Catch 22 (1961) oder Thomas Pychons Gravity’s Rainbow (1973) genannt werden. Gemeinsam ist diesen und anderen Werken die Schilderung des Krieges aus der Perspektive des Soldaten mit der Einbindung von Themen, wie dem Verlust von Zeit als Dimension von Leben, dem Gefangensein zwischen Kindheit und Erwachsensein, der Einbindung zwischen Unschuld und Tod, menschlichen Identitätskrisen und dem Hinweis, dass der Mensch von der Kriegsmaschinerie produziert wird und er diese nicht gefährden kann. Einen anderen Ansatz innerhalb der amerikanischen Literatur kann für die Gruppierung um Hemingway, Dos Passos oder James Jones festgestellt werden, da sie alle drei (aber vor allem Jones) Krieg über den Modernismus angingen. Das gilt besonders für seine Romane From Here to Eternity (1951) und The Thin Red Line (1962). Ausgehend von der zentralen Konstellation zwischen Mensch und Krieg, beschäftigten sie sich vor allem mit dem Aspekt, dass ein Krieg gegen die menschliche Individualität nicht mit der Niederlage des äußeren Feindes endet, sondern ein permanentes ethisches oder gar religiöses Anliegen ist, eine Idee, die sich durchaus im Islam in der Form des kleinen und großen Jihad wiederfindet.

[25] Vgl. die Werke von Leila Abdouleila, Tahmima Anam, Nadeem Aslam, Fadia Faqir, Khaled Hosseini u.a. Auffallend ist in diesem Zusammenhang nicht nur Nähe zwischen Globalisierung, Krieg und Islam, sondern auch die Reflexion dieser Thematik in Amerika oder England sowie in den Heimatländern wie Afghanistan, Pakistan, Bangladesh oder Sudan.

Ende der Leseprobe aus 76 Seiten

Details

Titel
1914-2014. Hundert Jahre Krieg und Trauma im englischsprachigen Roman
Autor
Jahr
2014
Seiten
76
Katalognummer
V278313
ISBN (eBook)
9783656711216
ISBN (Buch)
9783656712381
Dateigröße
859 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
hundert, jahre, krieg, trauma, roman
Arbeit zitieren
Matthias Dickert (Autor), 2014, 1914-2014. Hundert Jahre Krieg und Trauma im englischsprachigen Roman, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/278313

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