Die Forschung, wie die Lektürepraxis in der Antike aussah, ist von großer Bedeutung, aber auch komplex, da es nicht so viele originale Quellen gibt, die Hinweise auf die Leseweise der Werke und deren Rezeption geben können. Deswegen wird derjenige, der seinen Blick auf diesen Forschungsaspekt richtet, auf erhaltene Quellen, die jedoch nur in begrenzter Zahl vorhanden sind, und auf die Literatur, die sich mit der antiken Kultur und Bildung sowie dem Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler beschäftigt, zurückgreifen. Das Bild setzt sich letztlich aus der Vielfalt einzelner Elemente zum Mosaik zusammen. Deswegen gibt es keine einheitliche Methodologie der Forschung. Einerseits geht man den Werken auf den Grund, andererseits rekonstruiert man durch Informationen, die man von der historischen Wissenschaft dieser Zeit, der Philosophie und anderen Disziplinen bekommt, das Bild der Lesewelt und -lektüre, die für die Gestaltung der Persönlichkeit und deren Charakterzüge entscheidend war.
Als Mittelpunkt der vorliegenden Untersuchung wählte ich einen der größten Feldherrn und Eroberer, nämlich Alexander den Großen, um ihn als Leser und Deuter von Homers „Ilias“ vorzustellen. Mein Ausgangspunkt dabei war Plutarchs Biografie Alexanders des Großen, in der erwähnt wird, dass Alexander dieses Werk so außerordentlich schätzte, dass er es mit auf seinen Feldzug nach Osten nahm und es wie einen Schatz hütete und sogar unter sein Kopfkissen legte. [...] In der zeitgenössischen historischen Sekundärliteratur schließlich fand ich die Hauptanhaltspunkte darüber, wie Alexander Homers Werk auffasste, und dadurch begann ich zu verstehen, auf welche Weise Alexander dieses Werk las.
Bei meiner Untersuchung schlug ich mehrere Richtungen ein. Zuerst versuchte ich zu verstehen, auf welche Weise Alexander während seiner Ausbildung sich dem Werk Homers näherte. Deshalb widmete ich der Ausbildung in der Antike, die in Alexanders Jugend vorherrschend war, besondere Aufmerksamkeit. [...]
Zweitens war für mich Aristoteles’ Verständnis der Kunst und der Funktion der Literaturwerke wichtig. Ich versuchte in der vorliegenden Arbeit die Lesesituation darzustellen, d.h., wie Aristoteles bestimmte Auszüge aus der „Ilias“ las und wie Alexander sie deutete. Es ist bekannt, dass Aristoteles stilles Lesen praktizierte und es ist möglich, dass er Alexander in diese Technik einführte.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Bildung im antiken Griechenland und in Makedonien
Die Bedeutung von Homers „Ilias“ in der Antike
Alexanders Herkunft als ausschlaggebend für den zukünftigen Einfluss der „Ilias“
Alexanders Ausbildung und Erziehung
Aristoteles’ Erziehung
Aristoteles und Platon
Alexander und Achilles
Andere Lektüren Alexanders
SCHLUSSFOLGERUNG
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis Alexanders des Großen zu Homers „Ilias“, die als sein prägendes Werk und Lebenselixier fungierte. Ziel ist es, Alexanders Rezeptionsweise des Epos, seinen Identifikationsprozess mit der Figur des Achilles sowie den Einfluss seiner Erzieher – insbesondere Aristoteles – auf seine geistige und politische Entwicklung zu analysieren.
- Bildungsideale im antiken Griechenland und Makedonien
- Die Rolle der „Ilias“ als militärisches und ethisches Lehrbuch
- Der Einfluss des Aristoteles auf Alexander den Großen
- Identifikation und Rivalität: Alexander und Achilles
- Alexander als Leser: Rezeption historischer und epischer Werke
Auszug aus dem Buch
Alexander und Achilles
Für Alexander den Großen hatten mythische und historische Vorbilder wie Herakles und Achilles eine große Bedeutung für sein Denken und Handeln. Erwähnenswert ist die Tatsache, dass Alexander seinen unehelichen Sohn Herakles nannte. Er war sein ganzes Leben von der „Ilias“ fasziniert, die das zehnte (letzte) Jahr des Trojanischen Krieges beschreibt (51 Tage) und in deren Mittelpunkt die Helden stehen, deren epische Kraft und große Taten ihnen Macht und Ruhm einbringen. Einer dieser Helden (eigentlich der Hauptheld der „Ilias“) ist Achilles, der archetypische griechische Krieger. Ihm wurde die Wahl zwischen einem langen, aber glanzlosen Leben und einem kurzen, aber ruhmreichen angeboten. Er erkor den frühen Tod und ewigen Ruhm aus. Achilles hatte zweifellos einen Einfluss auf Alexander. Er war sein Vorfahr mütterlicherseits, wie Alexander glaubte. Von jungen Jahren an war Achilles für Alexander eine Art Vorbild dafür, immer der Beste unter den Ersten zu sein. Alexander wollte zwar dessen Eigenschaften annehmen, aber er sah ihn gleichzeitig auch als einen Rivalen an und wollte ihn übertreffen. „Immer der Beste zu sein und die anderen zu übertreffen“42, lautete in der „Ilias“ das Lebensmotto der Helden. Was Achilles konnte, das konnte Alexander, so glaubte er, noch besser. Und so war es auch, Alexander schuf in nur elf Jahren ein mächtiges Weltreich, indem er Kleinasien, Ägypten, Persien und andere Länder eroberte und bis ans Ende der Welt kam, wie man damals glaubte. Achilles hingegen hatte zehn Jahre gebraucht, um nur eine Stadt, nämlich Troja, zu erobern und war dabei sogar gestorben. Im mittelalterlichen „Alexanderroman“ wurde Alexander als der Eroberer aller vier Seiten der Welt dargestellt; ihm wurde auch der Feldzug nach Italien zugeschrieben. Er traf wie Achilles dieselbe Entscheidung und starb ebenfalls sehr jung, im Alter von 33, und gewann auch ewigen Ruhm.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Arbeit beleuchtet die komplexe Quellenlage zur Lektürepraxis der Antike und definiert Alexander den Großen als zentralen Untersuchungsgegenstand seiner Lesegewohnheiten.
Bildung im antiken Griechenland und in Makedonien: Dieses Kapitel zeichnet das Erziehungssystem nach, das Knaben durch Literatur wie die „Ilias“ formte und als Basis für ihre spätere Rolle in der Polis diente.
Die Bedeutung von Homers „Ilias“ in der Antike: Es wird dargelegt, dass das Epos nicht nur ästhetisches Gut war, sondern einen kriegerischen Kodex darstellte, der besonders in der makedonischen Adelskultur tief verwurzelt blieb.
Alexanders Herkunft als ausschlaggebend für den zukünftigen Einfluss der „Ilias“: Das Kapitel untersucht die familiäre Prägung Alexanders durch die Abstammungsmythen von Herakles und Achilles, die seine Rezeption des Werkes beeinflussten.
Alexanders Ausbildung und Erziehung: Die Rolle von Erziehern wie Leonidas und Lysimachos bei der Vermittlung von Disziplin und der Liebe zur homerischen Dichtung wird hier detailliert analysiert.
Aristoteles’ Erziehung: Hier steht die dreijährige Unterweisung Alexanders durch Aristoteles in Mieza sowie dessen pädagogische Methodik im Fokus.
Aristoteles und Platon: Das Kapitel vergleicht die philosophischen Differenzen zwischen Platon und Aristoteles bezüglich der Bewertung von Dichtung und deren Einfluss auf die Erziehung des Herrschernachwuchses.
Alexander und Achilles: Die intensive Identifikation Alexanders mit Achilles als Vorbild, Rivale und mythischer Spiegel für sein eigenes Eroberungsstreben wird hier herausgearbeitet.
Andere Lektüren Alexanders: Neben der „Ilias“ werden historische Werke von Herodot und Xenophon betrachtet, die Alexander als Vorlage für Strategien und Weltanschauungen dienten.
SCHLUSSFOLGERUNG: Die Arbeit resümiert, dass Alexander ein Leser war, der literarische Texte zur Verinnerlichung von Lebensprinzipien nutzte und sein Leben als eine neue Form des Epos gestaltete.
Schlüsselwörter
Alexander der Große, Homer, Ilias, Achilles, Aristoteles, Erziehung, Antike, Lektürepraxis, Makedonien, Platon, Heldenepos, Identifikation, Feldherr, Bildungsideal, Rezeption.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie Alexander der Große als Leser und Deuter des homerischen Epos „Ilias“ agierte und welche Rolle dieses Werk für seine Selbstfindung und sein Handeln als Feldherr spielte.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt der Untersuchung?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die antike Ausbildung, die Bedeutung des aristotelischen Unterrichts, den Einfluss von Herkunftsmythen und die Identifikation des jungen Alexander mit der Heldenfigur des Achilles.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel besteht darin, Alexanders Rezeptionsweise der Literatur zu entschlüsseln und darzulegen, wie ein Text (die „Ilias“) als Vorbild für die Gestaltung einer Herrscherpersönlichkeit diente.
Welche wissenschaftliche Methodik wird verwendet?
Es wird ein interdisziplinärer Ansatz verfolgt, der antike biographische Quellen (Plutarch, Arrian, Curtius Rufus) mit kulturgeschichtlichen und literaturwissenschaftlichen Analysen verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Analysen zur makedonischen Bildungskultur, den Einfluss von Erziehern wie Aristoteles sowie den direkten Vergleich zwischen dem historischen Alexander und seinem literarischen Vorbild Achilles.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie „Identifikation“, „Heldenideal“, „panhellenistische Erziehung“ und „literarische Rezeption“ maßgeblich charakterisiert.
Warum spielt die Person des Aristoteles eine solch zentrale Rolle in dieser Analyse?
Aristoteles war nicht nur Alexanders Mentor, sondern prägte auch seinen literarischen Geschmack und seine Auffassung von politischer und moralischer Führung durch gezielte Unterweisungen in Mieza.
Inwiefern hat Alexander Achilles als Rivale betrachtet?
Obwohl Alexander Achilles als Vorfahr und Vorbild verehrte, betrachtete er ihn gleichzeitig als Herausforderer; sein Bestreben war es, die Taten des mythischen Helden in der Realität zu übertreffen.
Welche Bedeutung hatte das „stille Lesen“ für Alexander?
Das stille Lesen, in das ihn Aristoteles vermutlich einführte, ermöglichte Alexander eine vertrauliche und intime Auseinandersetzung mit der „Ilias“, die den Grundstein für seine spätere Identifikationsarbeit legte.
Wie unterscheidet sich Alexanders Umgang mit den „Barbaren“ von der Lehre des Aristoteles?
Während Aristoteles lehrte, Barbaren wie Sklaven zu behandeln, praktizierte Alexander eine Mischkultur und Integration, was ihn – laut Autorin – über den Status eines reinen Herrschers hinaus zu einem Philosophen der hellenistischen Bewegung machte.
- Arbeit zitieren
- B.A. Tatjana Georgievska (Autor:in), 2014, Alexander der Große als Leser. Lektürepraktika im antiken Griechenland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/278957