Die mir vorliegenden Texte von Eberhard Schockenhoff und Heinrich Kreß erörtern beide die Frage nach dem Beginn der Schutzwürdigkeit eines Menschenlebens. Dabei vertreten beide Autoren sowohl vereinbare als auch unterschiedliche Positionen. Dies zeigt sich in Bereichen der Moralität, der Art der Schutzwürdigkeit und der Abwägbarkeit. Im Folgenden werden beide Argumentationen mit Bezug auf die genannten Bereiche miteinander verglichen. Besondere Beachtung soll dabei der Einschätzung der Autoren hinsichtlich der prinzipiellen Abwägbarkeit in der Frage des Embryonenschutzes geschenkt werden. Die Arbeit bezieht sich ausschließlich auf Eberhard Schockenhoffs Text „Lebensbeginn und Menschenwürde – Eine Begründung für die lehramtliche Position der katholischen Kirche“ und Hartmut Kreß‘ Text „Reproduktionsmedizin im Licht theologischer Ethik“.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Vergleich
3. Problemlösung?!
4. Persönliche Stellungnahme
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Arbeit vergleicht die ethischen Positionen von Eberhard Schockenhoff und Hartmut Kreß zur Frage der Schutzwürdigkeit und des Lebensbeginns menschlicher Embryonen, um die Diskrepanz zwischen kategorischem Schutzanspruch und der Möglichkeit einer Güterabwägung in theologisch-ethischen Kontexten zu untersuchen.
- Vergleich der Konzepte von Menschenwürde und embryonalem Lebensschutz.
- Analyse des Potenzialitätsarguments und des Kontinuitätsprinzips in der Bioethik.
- Diskussion über die Zulässigkeit von Güterabwägungen in der Reproduktionsmedizin.
- Kritische Auseinandersetzung mit Vorsichtsregeln gegenüber individuellen Fallentscheidungen.
- Reflektion der praktischen Lebensrealität im Kontext medizinethischer Grenzfragen.
Auszug aus dem Buch
2. Vergleich
Zunächst wäre die Frage zu klären, ob der Embryo im logischen Sinne einen moralischen Status innehat. Beide Autoren beantworten diese Frage deutlich mit Ja. Eberhard Schockenhoff schreibt dem menschlichen Embryo, von dem Moment der Verschmelzung der Samen- mit der Eizelle an, die gleiche Achtung zu, die er auch jedem anderen Menschen in jeder Lebenslage zuschreiben würde. Schockenhoff verweist dabei auf die Äußerungen von Immanuel Kant in seiner „Metaphysik der Sitten“, welcher „die Rechte der Menschheit“ bereits 1797 auch auf Embryonen ausdehnte. So kann die Würde des Menschen nur dann das Zusammenleben der Bürger bestimmen, wenn sie jedem menschlichen Individuum von Anfang an zugesprochen wird. Den Begriff der Menschenwürde definiert Schockenhoff als Minimalbegriff, welcher die Würde des Menschen nicht mit normativen Prinzipien zur Autonomie und Lebensgestaltung füllt, sondern mit einem Anspruch auf Achtung um des Menschen selbst willen. Dabei spricht er sich deutlich für ein Instrumentalisierungsverbot aus. Ein jeder Mensch ist ein Individuum und darf seinen Lebensentwurf frei leben, wenn er das Leben anderer dabei nicht gefährdet. Die Artspezifität des Menschen schließt seine Unvergleichbarkeit und Unvertretbarkeit nicht aus, sondern begründet vielmehr seine moralische Schutzwürdigkeit. Die kleinste menschliche Entwicklungsstufe hat demnach sofortigen moralischen Wert, weil der Mensch nur durch und in seinem Leib gegeben ist und nicht von der Ausprägung von Selbstbewusstsein, Rationalität usw. abhängig gemacht werden darf, sondern sein gesamtes Ausdrucksfeld in Betracht gezogen werden muss.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die ethische Fragestellung nach dem Beginn der Schutzwürdigkeit menschlichen Lebens ein und stellt die gewählten Autoren Eberhard Schockenhoff und Hartmut Kreß vor.
2. Vergleich: Dieser Abschnitt analysiert die übereinstimmenden und differierenden Ansichten der Autoren bezüglich des moralischen Status des Embryos und der Anwendbarkeit des Schutzprinzips.
3. Problemlösung?!: Hier werden die unterschiedlichen methodischen Lösungsansätze – die Vorsichtsregel bei Schockenhoff und die Güterabwägung bei Kreß – einander gegenübergestellt.
4. Persönliche Stellungnahme: Die Autorin reflektiert die theoretischen Positionen kritisch vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Lebensrealitäten und Extremsituationen.
Schlüsselwörter
Medizinethik, Reproduktionsmedizin, Embryonenschutz, Menschenwürde, Schockenhoff, Kreß, Potenzialitätsargument, Kontinuitätsprinzip, Instrumentalisierungsverbot, Güterabwägung, Lebensbeginn, Schutzwürdigkeit, christliche Ethik, Embryo, Bioethik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit medizinethischen Grundsatzfragen zur Reproduktionsmedizin, speziell mit der Frage nach dem Beginn der moralischen Schutzwürdigkeit eines menschlichen Embryos.
Welche Autoren werden thematisiert?
Im Zentrum stehen die ethischen Positionen von Eberhard Schockenhoff und Hartmut Kreß.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist der Vergleich der Argumentationen beider Theologen hinsichtlich der Abwägbarkeit des embryonalen Lebensschutzes.
Welche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine systematische Textanalyse und einen komparativen Vergleich zweier theologisch-ethischer Fachpublikationen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung des embryonalen Lebensstatus, die Diskussion von Lösungsmodellen für ethische Pattsituationen und die Analyse der Güterabwägung.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich der Text charakterisieren?
Wichtige Begriffe sind Embryonenschutz, Menschenwürde, Reproduktionsmedizin, Güterabwägung und theologische Ethik.
Wie unterscheidet sich die Haltung von Schockenhoff bei der "Pattsituation"?
Schockenhoff plädiert für eine Vorsichtsregel, bei der im Zweifel die Entscheidung getroffen werden muss, die nicht reversibel ist (nämlich den Embryo zu schützen).
Welchen Ansatz verfolgt Hartmut Kreß im Vergleich dazu?
Kreß argumentiert mit einer Vorzugsregel und einer differenzierten Güterabwägung, die in eng begrenzten Ausnahmefällen den Schutz des Embryos abwägbar macht.
Warum spielt die Lebensrealität von Frauen eine Rolle für die Autorin?
Die Autorin betont, dass ethische Theorie die Komplexität und die Notlagen in der heutigen gesellschaftlichen Wirklichkeit nicht ausblenden darf.
- Quote paper
- Anika Kehl (Author), 2012, Reproduktionsmedizin. Lebensschutz von frühen menschlichen Entwicklungsstadien bei E. Schockenhoff und H. Kreß, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/279037