Die Seelenruhe im Epikureismus und der Stoa


Hausarbeit, 2011

31 Seiten, Note: 13


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Stoa - allgemeiner Hintergrund
1.1 Die philosophischen Grundlagen der Stoa
1.2 Emotionen und Affekte in der Stoa
1.3 Seelenruhe - die Begriffe ataraxia und apatheia in der Stoa und die Glückseligkeit

2. Epikureismus - allgemeiner Hintergrund
2.1 Die philosophischen Grundlagen im Epikureismus
2.2 Emotionen und Begierden im Epikureismus
2.3. Die Seelenruhe im Epikureismus- Lust als Glück

3. Ein Vergleich der Seelenruhe in der Stoa und im Epikureismus

4. Fazit

Einleitung

Im Mittelpunkt meiner Hausarbeit sollen zwei philosophische Schulen des Hellenismus stehen: Die Stoa und der Epikureismus. Den Ausgangspunkt meiner Überlegungen bildete die Fragestellung, ob der Idealzustand der Seelenruhe in der Stoa und im Epikureismus gleichgesetzt werden kann? Also ob er dasselbe bezeichnet.

Beim Erarbeiten der Literatur, bemerkte ich schnell, dass man die Seelenruhe nicht verstehen kann, wenn man den Hintergrund der Epoche und die Philosophie dieser beiden philosophi- schen Schulen nicht kennt. Aus Zeit und Platzgründen, musste leider auf eine ausführliche Be- schreibung des Hellenismus verzichtet werden. Es werden daher lediglich im Textverlauf einige wesentliche Fakten bemerkt. Allgemein wird deshalb nur zu den beiden philosophischen Schu- len etwas bemerkt. Danach folgt jeweils die Darlegung ihres Weltverständnisses oder ihrer Phi- losophie. Wobei die Logik hierbei ausgenommen ist, da sie nicht relevant für das Verständnis der Seelenruhe ist. In den Punkten „Die philosophischen Grundlagen der Stoa“ oder „Die phi- losophischen Grundlagen im Epikureismus“ geht es daher wesentlich um erkenntnistheoreti- sche, ontologische oder kosmologische Gedanken. Daraus erhoffe ich mir Kenntnisse über ihr Weltbild und über ihre Ethik ableiten zu können.

Um einen Vergleich zu gewährleisten, beschreibe ich jede philosophische Richtung in ihrem Gesamtkonzept zuerst einzeln, um dann später den Idealzustand der Seelenruhe vergleichen zu können. Des Weiteren werden die Emotionstheorien erläutert. Dies erscheint sinnvoll, weil es erstens erheblich zum Verständnis der Seelenruhe beiträgt und zweitens somit ein Bezug zum Seminarthema erfolgt. Nachdem das Verständnis der Seelenruhe jeweils erläutert ist, folgt im letzten Punkt ein Vergleich der beiden Seelenruhen. Im Fazit erscheint keine Zusammenfassung der Theorien, weil dies schon durch den Vergleich gewährleistet ist. Lediglich ein paar eigene Gedanken werden hier geäußert.

1. Die Stoa - allgemeiner Hintergrund

Die Schule der Stoa entstand wie die der Epikureer und des Skeptizismus in einer Zeit der politischen Unruhen. Das Reich Alexanders des Großen zerfiel nach seinem Tod und es folgten daraufhin militärische Auseinandersetzungen um die Alleinherrschaft. Um ca. 280 v. Chr. etab- lierten sich schließlich drei neue Königreiche: Das Reich der Ptolemäer in Ägypten, das Seleu- kidenreich und die makedonische Herrschaft der Antigoniden. Somit verlor sich das etablierte Prinzip der Polis und die philosophischen Schulen entstanden in einer Zeit der Krise und Ori- entierungslosigkeit. Diese Gründe waren wahrscheinlich auch der Anlass eine praktische Phi- losophie als Orientierungshilfe zu bieten, was von allen Schulen bevorzugt wurde. (Vgl. Wein- kauf (HG),2006,9) Der Name Stoa geht zurück auf das Wortpaar stoa poikil é, was eine bunte Säulenhalle bezeichnete, die im alten Athen ein Treffpunkt für Philosophen war. Man unter- scheidet generell 3 Phasen der Stoa: Erstens die alte Stoa, welche von ca. 300 - 150 v. Chr. bestand und durch Zenon von Kition (300-218) gegründet wurde und zu deren Vertretern unter anderem Kleanthes und Chrysipp gehören. Die mittlere Stoa bestand vom 1. Jh v. Chr. - 1. Jh. n. Chr.. Zu ihren Vertretern gehörten unter anderem Panaitios und Poseidonius. Und schließlich die späte Stoa, die sich um 50-180 n. Chr. etablierte und zu der populäre Vertreter wie Seneca, Marc Aurel oder Epiktet zählen. (Vgl. Ruffing,2007,65)1

Von den philosophischen Richtungen im Hellenismus blieb die Stoa die wirkungsmächtigste. Ihre Vorstellungen und Prinzipien haben das Christentum und allgemein die abendländische Kultur in ihren Denkweisen geprägt. Leider sind keine ausreichenden Primärquellen über die ältere und mittlere Stoa vorhanden. So gut wie alle Informationen über sie, konnte man aus verschriftlichen Gesprächen über ihre Vertreter entnehmen. Erst in der jüngeren Stoa finden wir Werke von Epiktet, Mac Aurel oder Seneca. (Vgl. Weinkauf (HG),2006,17)

Für die Stoa ist ein Leben im Einklang mit sich selbst und den Gesetzen der Natur erstrebens- wert. Unabhängigkeit von leiblichen Begierden, ein tugendhaftes Leben und Leidenschaftslo- sigkeit sind die Ideale eines guten Lebens im stoischen Sinne. Ähnlich wie bei Epikur, werden auch in der Stoa alle Menschen als gleichberechtigt angesehen, da sie alle Teilhaber am logos sind.

Des Weiteren vertraten die Stoiker die Ansicht, dass der Mensch Pflichten gegenüber der Gemeinschaft hat und sich deshalb in öffentlichen Dingen engagieren und am politischen Geschehen teilhaben soll. (Vgl. Ruffing,200,67)

1.1 Die philosophischen Grundlagen der Stoa

Da der Begriff der Seele und die Lehre von den Affekten, Emotionen oder Leidenschaften sowie die daraus abgeleiteten Handlungsprinzipien bei der Stoa nicht ohne ihren Naturbegriff und ihre Philosophie zu verstehen sind, ist es lohnenswert sich diesen zu vergegenwärtigen. Seneca definiert in seinen Briefen an Lucilius Philosophie als Liebe zur Weisheit. Nur wenige könnten in den Besitz dieser Weisheit kommen, andere werden in Torheit oder Unvernunft (aphrosyne) verharren. Wer weise ist, wird im Einklang mit den Gesetzen des logos leben. Die Philosophie ist daher das Geleit für ein Leben in Tugend. Die Philosophie ist bei Seneca also hauptsächlich auf den Bereich der Ethik beschränkt, sein Begriff davon sollte daher nicht auf die gesamte Stoa übertragen werden. Denn die Stoiker kannten auch Logik, Physik und Onto- logie. (Vgl. Weinkauf (HG),2006,55)

Ein Vorsokratiker namens Heraklit aus Epesos (geboren um 540) fand ein für ihn allumfassen- des Weltgesetz, das alles schafft, ordnet und vorherbestimmt und welches er als „Logos“ be- zeichnete. Dieser Begriff wurde später von den Stoikern übernommen. (Vgl. Ruffing,2007,65) Der Begriff des logos, hat eine längere Tradition in der antiken Philosophie und wird teilweise vielschichtig verwendet. Wörtlich bedeutet logos so etwas wie Wort, Gedanke, Begriff, Rede oder Vernunft. Allgemein wird der Begriff mit Ordnung oder einem ordnenden Weltgesetz ver- bunden und war vor allem in der antiken Philosophie ein zentrales Konzept. Der Begriff des logos, wird oft im doppeldeutigen Sinne verwendet. Einmal bezeichnet er auf erkenntnistheo- retischer Ebene das Vermögen des Menschen und als ontologisches Prinzip, die Welt als Aus- druck einer stimmigen und vernünftigen Ordnung. Nach Auffassung der Stoa, ist alles durch das Prinzip des logos geregelt, wobei logos im Bezug auf den Menschen als ein Prinzip der Vernunft verstanden wird. (Pluder/Span,2006,209) Anders als bei Platon oder Aristoteles ent- wirft die Stoa ein geschlossenes Gesamtsystem der Welt. Dieses System ergibt sich aus der Einheit von Gott und Natur. Alles was existiert, besteht aus zwei Prinzipien, dem Stoff (hyle) und dem Geist (logos). Der Stoff bildet dabei das passive Prinzip, mit dem etwas geschehen kann, oder das was etwas erleiden kann. Der logos hingegen ist das Tätige, das gestaltende Prinzip des Stoffes und realisiert sich durch die Welt. Die Wortbedeutungen des logos bleiben auch in der Stoa vielfältig. Je nach dem wird er als „ [...] Wort, Sprache, Vernunft, Geist, Seele oder Gottheit gedeutet.“ (Weinkauf (HG),2006,105) Beide Prinzipien sind untrennbar mitei- nander verbunden. Durch ihre Synthese wird die Welt und ihre Gesetze gestaltet. Trotz eines Geistes, der den Stoff und die Welt beseelt, muss vermerkt werden, dass die Stoiker Materialis- ten sind. Den greifbaren Gegenständen kommt daher der Status des Seienden zu. Immaterielle Dinge wie die Zeit, der Raum oder die Bedeutung können weder etwas erleiden noch bewirken.

Das Göttliche, welches überall wirkt, darf nicht als etwas verstanden werden, was sich außer- halb vom Kosmos befindet. Der Kosmos selbst ist wie ein lebender Organismus, beseelt vom logos. Damit der logos wirken kann, ist er durch das Feuer materialisiert. Das Feuer ist ein Urstoff, der das Weltall formt und einen Zyklus von Untergang und Entstehung bestimmt. Wenn das Feuer sich mit der Luft verbindet, dann wird daraus ein warmer Hauch, welcher als pneuma bezeichnet wird. Die Idee des pneuma geht schon auf Aristoteles zurück, welcher pneuma le- diglich als warme Luft, also als eine physische Substanz ansah. Die Stoiker entwickelten diesen Begriff des pneuma weiter und verwendeten ihn um dadurch alle Funktionen eines lebenden Organismus zu erklären. Durch dieses pneuma, entsteht eine Verbindung aller Dinge miteinan- der und somit auch die Fähigkeit zur Kommunikation und zum Mitleid für andere. Alles ist somit miteinander verbunden und eigentlich nur ein Teil eines großen Ganzen. (Vgl. Annas 1992,19f.) Marc Aurel schreibt in seinen Selbstbetrachtungen: „ Aus allen zusammengesetzt, entsteht eine Welt, ein Gott, eine Materie, ein Gesetz, eine Vernunft, die allen vernünftigen We- sen gemeinsam ist, und eine Wahrheit, wie es auch eine Vollkommenheit für alle gibt, die ja miteinander verwandt sind und an derselben Vernunft teilhaben. “ (zitiert nach: Reclam, 2006, 107)2 und Cicero schreibt in Ü ber das Wesen der G ö tter: „ Alles was lebt, ob Tier oder Gew ä chs der Erde, lebt durch die in ihm eingeschlossene W ä rme. Daraus l ä sst sich schlie ß en, dass die Natur der W ä rme eine Lebenskraft enth ä lt, die die ganze Welt durchdringt. [ … ] Es gibt also einen Urstoff, der die ganze Welt zusammenh ä lt und ihr Bestehen sichert. Er hat Bewusstsein und Vernunft. Denn jedes Wesen, das nicht nur aus einen Stoff besteht und für sich allein exis- tiert, sondern mit anderen verbunden und verknüpft ist, muss notwendigerweise in sich eine herrschende Kraft haben. “ (Weinkauf (HG), 2006, 117f.)3

Immer dann, wenn der Mensch, entgegengesetzt dieser Vernunft handelt, handelt er wider der Natur und gegen sich selbst. Das pneuma ist allen Dingen gemeinsam, doch im Menschen ver- dichtet es sich. Die Stoiker nahmen eine scala naturae an, nach der sich die differenzierten Dinge in der Welt durch ihren unterschiedlichen Zusammenhalt oder durch ihre unterschiedli- che „ pneuma-Klasse “ auszeichnen. Steine sind beispielsweise nur durch den Zusammenhalt ihrer Form gekennzeichnet, sie besitzen so zusagen das einfache pneuma. Bei Tieren erfolgt der Zusammenhalt durch ihre Seele (psuchÿƝ). Der Mensch hingegen ist durch seine Rationalität und durch seine Sprache gekennzeichnet. Im Menschen verdichtet sich das pneuma zum logos. Durch den logos vollzieht sich die Grenze zwischen dem Animalischen und dem Menschlichen. Der logos steht somit vor allem auch für das menschliche Erkenntnisvermögen und die Vernunft.

(Vgl. Annas,1992,50f.) Er kann deshalb als ein handlungsleitendes Prinzip verstanden werden, denn der Mensch kann sich wider der Natur, d.h. entgegengesetzt zum logos oder sich entsprechend dem logos verhalten, da er ein vernunftbegabtes Wesen ist. Er fordert den Menschen auf gemäß seiner Vernunft und seiner Pflicht zu leben. (Vgl. Ruffing, 2007,67) Weil nach Auffassung der Stoa alles durch dieses Prinzip geordnet ist, kann es auch keine Zufälle geben. Alles in der Natur hat einen Sinn und ist auf das gute Ganze hin ausgerichtet. Deshalb gilt die Natur für die Stoa als Vorbild.

Aus diesen Prämissen entwickelt die Stoa allerdings einen determinierenden Schicksalsbegriff. Durch die Einheit von Gott und Welt und durch das Wirken des logos ist alles in einen kausalen, vorherbestimmten Zusammenhang eingebettet. Selbstbestimmtes Handeln wird also nicht zu- gelassen. Aber trotz dass die Stoiker geregelte, feststehende Gesetze in der Welt annehmen, scheint der Mensch ihnen doch nicht vollkommen ausgeliefert zu sein. Der Mensch hat zum Schluss immer noch die Freiheit zu erkennen, dass es ein Schicksal gibt und kann sich dazu entscheiden, dieses Schicksal anzunehmen und sich nicht unnötig gegen es auflehnen. Der sto- ische Grundsatz nach den Prinzipien der Natur zu leben, bedeutet daher, die Natur so anzuer- kennen wie sie ist. Eine wichtige erkenntnistheoretische Prämisse der Stoa, besteht also darin, dass der Mensch grundsätzlich fähig ist, die Welt zuerkennen.(Vgl. Ruffing,2007,66f.) Weigert sich der Mensch aber aufgrund von falschen Vorstellungen, das vom Weltgesetz vorgegebene zu tun, dann erfüllt er nicht den Zweck seines Lebens. Ein wichtiges Lebensziel des Menschen muss deshalb darin bestehen, sein Schicksal anzuerkennen und zu bejahen. Darin liegt letztend- lich die Freiheit des Menschen. Um diesen harten, deterministischen Schicksal entgegen zu wirken, nahmen die Stoiker eine vorhersehende und den Menschen wohlgesonnene Gottheit an. Des Theodizee-Problems waren sich die Stoiker aber trotzdem bewusst. Das Leid wird bei- spielsweise bei Seneca durch eine einheitliche Sichtweise erklärt. Das was der Mensch als Un- glück erfährt, ist demnach nur eine Herausforderung im Sinne seiner Entwicklung. Innere Frei- heit kann daher vor allem durch die Überwindung tiefer Schicksalsschläge erreicht werden. Auch Marc Aurel sieht das Unvollkommene in der Welt als einen Teil des großen Ganzen. Jeder Mensch erfüllt mit der Annahme seines Schicksals, die ihm zugewiesene Rolle und trägt somit, zum Gelingen und Erhalten des großen Ganzen bei. (Vgl. Weinkauf (HG),2006,109f.)

1.2 Emotionen und Affekte in der Stoa

Im Folgenden soll geklärt werden welche Rolle die Affekte oder Leidenschaften in der Stoa spielen, wie sie sich zum logos verhalten und wie sie sich schließlich auf die Seelenruhe aus- wirken.

Die Rolle der Leidenschaften ist, wie in vielen philosophischen Schulen, keine besonders glanz- volle. Auch in der Stoa stehen Leidenschaft entgegen der Vernunft, und da wir vorhin bemerkt haben, das der logos Teil der Natur und das Vernunftprinzip des Menschen ist, stehen die Lei- denschaften auch im Gegensatz zur Natur und sind damit nicht gerade tugendhaft. Doch was bedeutet überhaupt Affekt? Das Wort Affekt leitet sich von dem lateinischen Wort „ afficere “ ab, was so viel bedeutet wie „ einwirken “ oder „ in eine Stimmung versetzen. “ (Vgl. Conradi et al.,2009,12 ) Im griechischen allerdings ist das Wort „ pathe “ oder auch „ pa- thos “ gängiger, was als Leidenschaft übersetzt werden kann. Deshalb kann man die Wörter Affekt und Leidenschaft als synonym in der Stoa betrachten, jedoch nicht mit dem Begriff „Ge- fühl“ gleichsetzen, da Gefühle in der Stoa als „ eupatheia “, also als gute Gefühle bezeichnet werden. Zu den guten Gefühlen zählen beispielsweise: Freude, Vorsicht und wünschen, wobei letzteres entgegen zu unserem heutigen Verständnis von Gefühlen steht. Diese 3 Gefühle kön- nen Unteraffekte haben, so gehört zum Wünschen Wohlwollen, Freundlichkeit, Herzlichkeit und Liebe. Unter die Vorsicht fallen Respekt und Reinlichkeit und zur Freude gehören Ergöt- zung, Umgänglichkeit und Frohsinn. (Vgl. Long/Sedlley, 2000; 492)

Der Begriff des Affektes ist auch in der Stoa nicht einheitlich bestimmt. Oft ist der Affekt eine Störung des inneren Gleichgewichts, welche das vernünftige Denken beeinflusst. (Vgl. Wein- kauf (HG),2006,195) Da die Leidenschaft eine Störung dieses Gleichgewichtes darstellt, wird sie auch als eine Bewegung der Seele bezeichnet, die wider die Vernunft oder der Natur ist. Wider die Vernunft meint „ » ungehorsam gegen die Vernunft « [ … ] [denn ] jede Leidenschaft ist etwasüberw ä ltigendes, [ … ]. “ (Long/Sedlley, 2000; 490)4 Die Leidenschaft an sich ist der Natur entgegengesetzt, da jeder der sich im Zustande der Leidenschaft befindet, sich im Ge- gensatz zur richtigen, naturgemäßen Vernunft (logos) befindet. Leidenschaften beeinflussen also das vernünftige Denken. Durch die Erregung ist der Mensch gefährdet seiner Vernunft nicht mehr folgen zu können: „ Wer dagegen im Zustand der Leidenschaft ist, der gibt selbst dann, wenn er sich [bewusst] wird oder lernt, [dass] er nicht traurig sein braucht oder sich nicht fürchten [muss] oder [dass] seine Seele sichüberhaupt nicht in einem Zustand der Lei- denschaft befinden sollte, die Leidenschaft trotzdem nicht auf. “ (Long/Sedlley: 2000; 490)5 Ge- fühle werden hier also auch als überwältigende Impulse beschrieben, die handlungsleitend sind. Die Affekte sind irgendwie „ungehorsam“ gegen die eigentlichen rationalen Gründe und weisen diese zurück. Der Mensch handelt deshalb, wenn er im Zustande der Leidenschaft handelt, aus den falschen Gründen, aber nicht unbedingt irrational. Denn Emotionen ergeben sich als Zu- stimmung zu einer falschen sinnlichen Wahrnehmung und der daraus resultierenden Einstellung. Oftmals werden Affekte daher als falsche Vorstellung, als Urteile oder Überzeugungen bezeich- net. Andererseits werden sie auch als Krankheiten angesehen, was daher rührt, dass wenn sich die Seele in einer allgemein schwachen Verfassung befindet, schneller von den Leidenschaften überwältigt werden kann. Dies ist vergleichbar mit einem schwachen Immunsystem des Kör- pers, welches dann auch schneller Krankheiten erliegt. (Vgl. Annas,1992,103f.)6

Die Stoiker waren sich nicht immer einig darüber, zu welchem Teil der Seele, der Affekt zuge- hörig ist. So betrachtet Chrysipp, den Affekt ganz klar als Teil des logos und behauptet, das sich der vernünftige Teil nicht von dem affektiven Teil der Seele unterscheidet. Während Poseido- nius einen begehrenden Seelenteil, der in einer Beziehung zur Lust steht, einen wetteifernden Seelenteil, in Beziehung zu Sieg und Erfolg und einen vernünftigen Seelenteil in Bezug auf die Rechtschaffenheit annimmt. Allgemein gesagt gibt es bei Poseidonius einen animalischen oder affektiven Seelenteil, der keines Falls gleichgesetzt mit dem vernünftigen Seelenteil sein kann. (Vgl. Long/Sedlley,2000, 493f.) Seneca wiederum macht darauf aufmerksam, das wenn uns etwas zufällig passiert wie: z.B. körperliche Anzeichen wie Erblassen, fallende Tränen, sexuelle Erregung, schweres Atmen, oder ähnliches, darf dies nicht als Teil einer Leidenschaft verstan- den werden. Denn zu einer Leidenschaft wird etwas erst, wenn der Geist dieser zufälligen Er- regung zustimmt und ihr folgt. (Vgl. Long/Sedlley,2000,500) Es stellt sich hier die Frage, ob nicht alles, was für Emotionen spezifisch ist, wie zum Beispiel, das spontane Reagieren auf externe Reize, durch diese Bestimmung herausfällt. Emotionen scheinen in der Stoa sehr kog- nitivistisch geprägt zu sein. Sie sind falsche Vorstellungen und Urteile und spontane Reaktionen zählen nicht zu den Affekten. Erst die Haltung des Geistes bestimmt schließlich den Charakter der Leidenschaft. Somit ist es auch nicht verwunderlich, das die Stoiker eine Beherrschung der Affekte annehmen können, da sie ja erst durch kognitivistische Prozesse entstehen. (Vgl. Harbs- meier/Möckel,2009,85)

[...]


1 Zur näheren Beschreibung der einzelnen Vertreter siehe: Reiner Ruffing; Einführung in die Geschichte der Philosophie; S. 67-71 und Reclam; Die Philosophie der Stoa S. 17-34

2 Marc Aurel, Selbstbetrachtungen, 7,9

3 Cicero, Über das Wesen der Götter 2,23-39

4 Stobaeus 2.88,8-90,6

5 Ebd.

6 Siehe dazu auch: Harbsmeier/Möckel, Pathos-Affekt-Emotion, 2009, Stoische Apathie: Das Ideal der Seelenruhe, S. 83)

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Die Seelenruhe im Epikureismus und der Stoa
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Zentrum für Philosophie)
Veranstaltung
Emotionstheorien
Note
13
Autor
Jahr
2011
Seiten
31
Katalognummer
V279171
ISBN (eBook)
9783656720119
ISBN (Buch)
9783656720126
Dateigröße
577 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stoa;, Epikureismus, Hellenismus, Seelenruhe, ataraxia, Antike
Arbeit zitieren
Gina Stöcklein (Autor), 2011, Die Seelenruhe im Epikureismus und der Stoa, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/279171

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