Lange Zeit sah man die Notwendigkeit geistig behinderte Menschen in Anstalten zu sperren, um sie von der Gesellschaft fernzuhalten. Heute wird dies nicht mehr als gesellschaftlich akzeptable Lösung für all die Probleme der geistigen Behinderung gesehen. Es haben sich weltweit differenzierte Denkweisen etabliert. Die Normalität ist in der Diskursgeschichte der Behindertenpädagogik eine Variable, die nicht wegzudenken ist. Normalisierung bedeutet, den geistig Behinderten ein so normales Leben wie möglich zu gewähren. Normalisierung ist ein Wunsch vieler geistig behinderter Menschen, denn diese fühlen sich als „normal“ und wollen folglich auch so behandelt werden. In der Praxis aber zeigt sich leider oftmals, dass Entscheidungen über den Kopf der geistig behinderten Menschen hinweg getroffen werden, zu denen sie durchaus selbst in der Lage wären. Damit wird ignoriert, dass geistig behinderte Menschen die gleichen Rechte wie Nicht-Behinderte haben. Ihnen wird also das Recht, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, vorenthalten.
Mit den Themen Selbstbestimmung und Inklusion sind neue gesellschaftliche Zielsetzungen in die Diskussion gebracht worden. Grundsätzlich gilt, dass Menschen mit einer geistigen Behinderung genauso ein Recht auf eine selbstbestimmte Gestaltung des eigenen Lebens haben, wie nicht behinderte Menschen. Jedoch ist für geistig behinderte Menschen ein selbstbestimmtes Leben in vielerlei Hinsicht mit Schwierigkeiten verbunden. Die Gründe hierfür können an der Behinderung selbst liegen, aber auch an dem sozialen Umfeld und den Strukturen, in denen sie leben. Menschen mit geistiger Behinderung wollen nicht überbehütet, sondern mit Respekt behandelt werden. Wenn sie aber auf ihrem Weg zu einem selbstbestimmten, normalen Leben nicht unterstützt werden, ist es abzusehen, dass eine Überforderung eintritt und gesteckten Ziele nicht erreicht werden können.
Wie sieht nun allerdings für diese theoretische Vorgehensweise die Umsetzung in der Praxis aus? Welche pädagogische Einflussnahme ist wünschenswert, damit geistig behinderte Menschen zu einem selbstbestimmten Leben finden?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Geistige Behinderung
2.1. Was ist „geistige Behinderung“?
2.2. Etikettierung und Stigmatisierung
2.3. Wandel im Denken und Handeln
3. Normalität und geistige Behinderung
3.1. Was ist normal?
3.2. Das Normalisierungsprinzip
4. Aspekte der Selbstbestimmung von Menschen mit geistiger Behinderung
4.1. Die Bedeutung von Selbstbestimmung
4.2. Selbstbestimmung vs. soziale Abhängigkeit
4.3. Das Empowerment-Konzept
4.4. Pädagogische Handlungsansätze um Menschen mit geistiger Behinderung zur Selbstbestimmung zu begleiten
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie Menschen mit geistiger Behinderung durch gezieltes pädagogisches Handeln ein möglichst selbstbestimmtes Leben führen können, indem sie die Spannung zwischen notwendiger Unterstützung und individueller Freiheit beleuchtet.
- Grundlagen und Definitionen geistiger Behinderung
- Normalisierung als gesellschaftliches und pädagogisches Prinzip
- Die Bedeutung von Selbstbestimmung im Alltag
- Soziale Abhängigkeit und deren Reduzierung durch Empowerment
- Pädagogische Handlungsstrategien zur Begleitung
Auszug aus dem Buch
2.2. Etikettierung und Stigmatisierung:
Einen Menschen in dessen Gegenwart als „geistig behindert“ zu bezeichnen, wäre taktlos. In der Öffentlichkeit und in fachlichen Kontexten wird der Begriff jedoch verwendet, wenn Menschen sich über Dritte unterhalten. Dies macht deutlich, dass Behinderung eine Eigenschaft ist, deren Anwendung auf sich selbst der Behinderte nicht akzeptiert. (vgl. Wüllenweber 2004, S.288)
In den entsprechenden Einrichtungen für Behinderte arbeiten und leben Menschen mit sehr unterschiedlichen Beeinträchtigungen: Körperbehinderung, Lernbehinderung, psychische Störungen, Mehrfachbehinderung, Hirnschädigungen etc. Dort sind Menschen vorzufinden, an denen uns schwere Verhaltensauffälligkeiten auffallen, und andere, bei denen es nicht sichtbar ist, warum sie in solch einer Einrichtung leben. Es handelt sich hierbei also nicht um eine homogene Personengruppe, sondern um ganz verschiedene Menschen, die unterschiedliche Beeinträchtigungen haben. Die einzige Gemeinsamkeit, die diese Menschen verbindet, ist eigentlich nur, dass sie als “geistig behindert“ bezeichnet werden. Und genau diese sozialen Beeinträchtigungen, die ein Mensch mit geistiger Behinderung ertragen muss, haben meist viel schwerwiegendere Auswirkungen als die ursprüngliche Schädigung. Denn sobald einem Menschen „geistige Behinderung“ bescheinigt wird, bestimmt diese Zuschreibung die Art und Weise wie andere Menschen mit ihm umgehen. Wer einmal diese Bescheinigung bekommen hat, kann ihr kaum mehr entkommen und wird im Verlauf seines Lebens immer mehr zum behinderten Menschen. (vgl. Pörtner 2003, S.18) Dietmut Niedecken (1998) beschreibt „geistige Behinderung“ als „behindert werden“. Auch Hennicke und Rotthaus (1993) definieren Behinderung als eine „mögliche Daseinsform des Menschen, die erst im Kontext von Gesellschaft zur eigentlichen Behinderung wird“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung thematisiert den Wandel in der Behindertenpädagogik von der Verwahrung hin zur Forderung nach einem selbstbestimmten Leben und Inklusion.
2. Geistige Behinderung: Dieses Kapitel definiert den Begriff der geistigen Behinderung, beleuchtet Etikettierungsprozesse und den historischen Wandel im gesellschaftlichen Denken.
3. Normalität und geistige Behinderung: Hier wird der Normalitätsbegriff hinterfragt und das Normalisierungsprinzip als Leitlinie für die Gestaltung von Lebensbedingungen vorgestellt.
4. Aspekte der Selbstbestimmung von Menschen mit geistiger Behinderung: Dieses Hauptkapitel analysiert das Paradigma der Selbstbestimmung, das Empowerment-Konzept und praktische Ansätze zur pädagogischen Begleitung.
5. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst zusammen, dass ein Gleichgewicht zwischen notwendiger pädagogischer Assistenz und der Förderung von Selbstbestimmung für die Lebensqualität entscheidend ist.
Schlüsselwörter
Geistige Behinderung, Selbstbestimmung, Normalisierung, Inklusion, Empowerment, Stigmatisierung, Pädagogik, soziale Abhängigkeit, Behindertenhilfe, Lebensqualität, Autonomie, Teilhabe, Begleitung, Entpädagogisierung, Förderung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den Möglichkeiten und Herausforderungen, Menschen mit geistiger Behinderung ein Leben jenseits von Fremdbestimmung zu ermöglichen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die theoretische Fundierung geistiger Behinderung, das Konzept der Normalisierung sowie die praktische Umsetzung von Selbstbestimmung und Empowerment.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, pädagogische Wege aufzuzeigen, wie Betroffene zur Selbstbestimmung begleitet werden können, ohne sie durch Überfürsorge zu bevormunden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Literaturanalyse bestehender behindertenpädagogischer Theorien und Konzepte.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil erörtert den Normalisierungsbegriff, Aspekte der Selbstbestimmung, das Empowerment-Konzept sowie konkrete pädagogische Handlungsstrategien im Alltag.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Selbstbestimmung, Empowerment, Normalisierung, Inklusion und der Wandel vom Betreuer zum Begleiter.
Wie unterscheidet sich Empowerment von der reinen Betreuung?
Empowerment zielt darauf ab, die eigene Kraft und Autonomie der Betroffenen zu stärken, anstatt sie als unselbstständige Objekte einer Versorgung zu behandeln.
Warum ist die Rolle des Betreuers so entscheidend?
Der Betreuer fungiert als Assistent, der Macht abgeben und die Spannung zwischen notwendiger Unterstützung und der Freiheit des behinderten Menschen aushalten muss.
Welche Rolle spielt die soziale Abhängigkeit?
Soziale Abhängigkeit ist oft gegeben, sollte jedoch nicht dazu führen, den Menschen in seiner Entwicklung zu entmündigen; Ziel ist ein angemessener Umgang mit dieser Asymmetrie.
Was bedeutet Normalisierung konkret im pädagogischen Handeln?
Normalisierung bedeutet, Bedingungen zu schaffen, die den gewohnten Lebensmustern und dem altersentsprechenden Rhythmus der Gesellschaft entsprechen.
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- Melanie Schewtschenko (Author), 2013, Geistige Behinderung. Wege zur Normalität und Selbstbestimmung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/279671