Vaterlose Gesellschaft? Fehlen unserer Gesellschaft die Väter? Diese polemischen Fragen aus der Sicht mancher weiblicher Beobachter provozieren eine genauere Betrachtung der tatsächlichen Verhältnisse.
Während einst die Familienarbeit den Müttern allein überlassen war, beginnt sich allmählich ein Rollenwandel zu vollziehen. Empirischen Untersuchungen zufolge möchte ein immer größer werdender Teil der Väter aktiv Verantwortung für seine Kinder übernehmen und an deren Erziehung und Entwicklung teilhaben. Sie wollen nicht nur Zahl- bzw. Wochenendväter sein.
Nicht zuletzt infolge zunehmender Scheidungszahlen ist, neben einer sich mit den verändernden gesellschaftlichen Bedingungen und Einstellungen ergebenden Vielfalt von Familienformen, auch die Existenz diverser Vatertypen festzustellen: neue Väter, Stiefväter, Adoptivväter, Pflegeväter
und nicht zuletzt alleinerziehende Väter u. a. So gibt es immer mehr Väter, die nach Trennung und Scheidung mehr oder weniger aktiv die Familienform der Vaterfamilie suchen. Mit ihrer statistischen Anzahl von 386.000 im Jahr 2004 sind sie in Deutschland keine Ausnahmeerscheinung mehr, sondern eine beachtliche Größe – gar die schnellstwachsende Familienform. Dennoch sind die alleinerziehenden Väter mit ihrem überaus hohen Engagement, ihren Bewältigungsstrategien, aber auch mit ihren alltäglichen Belastungserfahrungen eine bislang in der Wissenschaft und Praxis weitgehend unentdeckte Gruppe, was es mir zum Anlass machte, mich näher mit dieser Thematik auseinanderzusetzen.
Alleinerziehende Väter kämpfen mit teilweise ähnlichen Problemen wie alleinerziehende Mütter: Sie müssen Erwerbstätigkeit, Kindererziehung und Haushalt vereinbaren. Die Verunsicherung durch den Verlust der Partnerin sowie andauernde Konflikte im Rahmen der Trennung/Scheidung belasten. Hinzu kommen finanzielle Einbußen und Engpässe sowie Zeitnöte. Aber nicht zu vergessen ist die neue, geschlechtsfremde Rolle und die Übernahme fremder, bislang weitgehend der Partnerin überlassener Aufgaben – eine
Herausforderung, die für alleinerziehende Mütter häufig nicht so gravierend ist. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Die Ein-Eltern-Familie als alternative Lebensform
1.1 Die Familie im Wandel
1.2 Begriffsbestimmung
2. Die Ein-Eltern-Familie im Spiegel der amtlichen Statistik
2.1 Ein-Eltern-Familien – eine Lebensform mit quantitativer Bedeutung
2.2 Ein-Eltern-Familien – eine Frauendomäne
2.3 Ein-Eltern-Familien – die Folge zunehmender Scheidungszahlen
2.4 Ein-Eltern-Familien – mehrheitlich Ein-Kind-Familien
2.5 Die wirtschaftliche Lage Alleinerziehender (Väter)
2.5.1 Erwerbsbeteiligung
2.5.2 Überwiegender Lebensunterhalt
3. Rechte und Pflichten alleinerziehender Väter – die Kindschaftsrechtsreform
3.1 Die Regelung der elterlichen Sorge
3.2 Das Mitentscheidungsrecht der Mutter
3.3 Das Umgangsrecht der Mutter
3.4 Die Auskunftspflicht des Vaters
3.5 Unterhaltsansprüche
3.5.1 Kindesunterhalt
3.5.2 Der Anspruch des Vaters auf Unterhalt wegen Betreuung eines Kindes
3.5.3 Der Anspruch des Vaters auf Unterhaltsvorschussleistungen
4. Forschungsstand und Problemhintergrund
4.1 Ein Überblick über die Forschungssituation
4.2 Die ‚neuen’ Väter
4.3 Die Lebenssituation alleinerziehender Väter
5. Methodik
5.1 Wahl der Methode
5.2 Das Forschungsinteresse
5.3 Konstruktion des Interviewleitfadens
5.4 Auswahl der Stichprobe
5.5 Zugang zum Feld
5.6 Vorbereitung des Interviews
5.7 Durchführung der Datenerhebung
5.8 Schwierigkeiten bei der Datenerhebung
5.9 Resümee des Forschungsverlaufs
5.10 Die Stichprobe
5.10.1 Beschreibung der Stichprobe – Einzelvorstellung
5.10.2 Statistische Auswertung
5.11 Auswertungsverfahren
5.12 Schwierigkeiten bei der Auswertung
6. Schlüsselkonzept 1: Der Familienalltag nach der Geburt des Kindes/der Kinder vor der Trennung und/oder Scheidung der Partner
6.1 Das Arrangement des Alltags
6.1.1 Die Berufstätigkeit
6.1.2 Die familiäre Aufgabenteilung
6.1.3 Erziehung durch den Vater
6.2 Die Vater-Kind-Beziehung
6.3 Die Bedeutung des Vaterseins
6.4 Zusammenfassung
7. Schlüsselkonzept 2: Die Zeit der Trennung und der Entscheidungsprozess zur Übernahme der Rolle des alleinerziehenden Vaters. Die Übergangsphase
7.1 Die Zeit der Trennung
7.1.1 Initiative zur Trennung
7.1.2 Gedanken über die Nachtrennungs- bzw. Nachscheidungssituation
7.1.3 Die Entscheidung zum Alleinerziehen – Motive und entstandene Konflikte
7.2 Der Übergang zum Alleinerziehen
7.2.1 Herausforderungen und Veränderungen beim Übergang zur Ein-Elternschaft
7.2.2 Reaktionen des sozialen Umfelds
7.2.3 Hilfen beim Übergang zur Ein-Elternschaft
7.3 Zusammenfassung
8. Schlüsselkonzept 3: Die Neuorganisation der Familie und damit verbundene Belastungen
8.1 Die Ebene der eigenen Person
8.1.1 Gesundheit – physisches und psychisches Wohlbefinden
8.1.2 Vereinbarung von Beruf und Familie
8.1.3 Finanzielle Belastungen
8.1.4 Die Wohnsituation alleinerziehender Väter
8.1.5 Soziales Eingebundensein und Freizeitaktivitäten
8.1.6 Veränderung der Belastungen
8.2 Konfliktebene Vater – Mutter
8.2.1 Die Beziehung zur ehemaligen Partnerin
8.2.2 Auswirkungen der elterlichen Beziehungsqualität auf die Kinder
8.3 Die Ebene der Vater-Kind-Beziehung
8.3.1 Belastungen innerhalb der Vater-Kind-Beziehung
8.3.2 Beziehung zum bei der ehemaligen Partnerin verbliebenen Kind
8.3.3 Der väterliche Erziehungsstil
8.3.4 Überforderungssituationen bei der Erfüllung kindlicher Belange
8.4 Sonstige Belastungen
8.5 Zusammenfassung
9. Schlüsselkonzept 4: Eigene Stärken und Bewältigungshilfen im Alltag
9.1 Personale Ressourcen
9.2 Soziale Ressourcen
9.2.1 Private (informale) Unterstützung
9.2.1.1 Unterstützung durch die ehemalige Partnerin
9.2.1.2 Unterstützung durch die eigenen Kinder
9.2.1.3 Unterstützung durch das Familiensystem
9.2.1.4 Unterstützung durch Freunde
9.2.1.5 Unterstützung durch Nachbarn
9.2.1.6 Unterstützung am Arbeitsplatz
9.2.2 Institutionelle (formale) Unterstützung
9.2.2.1 Inanspruchnahme
9.2.2.2 Positive Erfahrungen besonders mit freien Trägern
9.2.2.3 Negative Erfahrungen mit kommunalen bzw. staatlichen Trägern
9.2.2.4 Wünsche und Anforderungen
9.2.3 Neue Unterstützungssysteme
9.2.4 Bewusste Nichtinanspruchnahme von Hilfe
9.3 Zusammenfassung
10. Schlüsselkonzept 5: Kritische Bilanz der Lebenssituation und Ausblick in die Zukunft
10.1 Bilanz
10.1.1 Mit der Lebenssituation einhergehende Verluste und Gewinne
10.1.2 Veränderte Ansichten bezüglich des Erziehungsverhaltens
10.1.3 Veränderung der Vater-Kind-Beziehung
10.1.4 Positive Veränderungen der eigenen Person
10.1.5 Rückschauend betrachtet: Ablehnung von Verhaltensalternativen
10.2 Zukunft
10.2.1 Fortbestehende, erwartete Belastungen – zukünftige Aufgaben
10.2.2 Wünsche für die Zukunft
10.3 Rat an gleichbetroffene Väter
10.4 Zusammenfassung
11. Handlungsanregungen für die sozialpädagogische Praxis
12. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die Diplomarbeit untersucht die Lebenssituation alleinerziehender Väter in Deutschland mit einem Fokus auf deren individuelle Belastungserfahrungen sowie die Ressourcen, die sie zur Bewältigung des Alltags einsetzen. Ziel ist es, ein differenziertes Bild dieser bislang wissenschaftlich unterrepräsentierten Gruppe zu zeichnen, um daraus sozialpädagogische Handlungsanregungen abzuleiten und die Wissensbasis zu erweitern.
- Gesellschaftlicher Wandel von Familienformen
- Rechtliche Rahmenbedingungen (Kindschaftsrechtsreform)
- Empirische Untersuchung der Alltagsbewältigung (Qualitative Interviews)
- Analyse von Belastungsfaktoren und Bewältigungsressourcen
- Bedeutung von Unterstützungssystemen (privat vs. institutionell)
Auszug aus dem Buch
Einleitung
Vaterlose Gesellschaft? Fehlen unserer Gesellschaft die Väter? Diese polemischen Fragen aus der Sicht mancher weiblicher Beobachter provozieren eine genauere Betrachtung der tatsächlichen Verhältnisse. Während einst die Familienarbeit den Müttern allein überlassen war, beginnt sich allmählich ein Rollenwandel zu vollziehen. Empirischen Untersuchungen zufolge möchte ein immer größer werdender Teil der Väter aktiv Verantwortung für seine Kinder übernehmen und an deren Erziehung und Entwicklung teilhaben. Sie wollen nicht nur Zahl- bzw. Wochenendväter sein. Nicht zuletzt infolge zunehmender Scheidungszahlen ist, neben einer sich mit den verändernden gesellschaftlichen Bedingungen und Einstellungen ergebenden Vielfalt von Familienformen, auch die Existenz diverser Vatertypen festzustellen: neue Väter, Stiefväter, Adoptivväter, Pflegeväter und nicht zuletzt alleinerziehende Väter u. a. So gibt es immer mehr Väter, die nach Trennung und Scheidung mehr oder weniger aktiv die Familienform der Vaterfamilie suchen. Mit ihrer statistischen Anzahl von 386.000 im Jahr 2004 sind sie in Deutschland keine Ausnahmeerscheinung mehr, sondern eine beachtliche Größe – gar die schnellstwachsende Familienform. Dennoch sind die alleinerziehenden Väter mit ihrem überaus hohen Engagement, ihren Bewältigungsstrategien, aber auch mit ihren alltäglichen Belastungserfahrungen eine bislang in der Wissenschaft und Praxis weitgehend unentdeckte Gruppe, was es mir zum Anlass machte, mich näher mit dieser Thematik auseinanderzusetzen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Ein-Eltern-Familie als alternative Lebensform: Erläutert den gesellschaftlichen Wandel und die Pluralität von Familienformen sowie die begriffliche Einordnung von Ein-Eltern-Familien.
2. Die Ein-Eltern-Familie im Spiegel der amtlichen Statistik: Bietet einen statistischen Überblick über die Verbreitung, Altersstruktur und sozioökonomische Lage von Alleinerziehenden in Deutschland.
3. Rechte und Pflichten alleinerziehender Väter – die Kindschaftsrechtsreform: Analysiert die rechtlichen Rahmenbedingungen, insbesondere das Sorgerecht und Unterhaltsansprüche nach der Kindschaftsrechtsreform.
4. Forschungsstand und Problemhintergrund: Fasst den aktuellen wissenschaftlichen Diskurs sowie Forschungslücken bezüglich der Lebenssituation alleinerziehender Väter zusammen.
5. Methodik: Beschreibt das qualitative Forschungsdesign der Untersuchung, basierend auf leitfragenorientierten Interviews mit acht alleinerziehenden Vätern.
6. Schlüsselkonzept 1: Der Familienalltag nach der Geburt des Kindes/der Kinder vor der Trennung und/oder Scheidung der Partner: Untersucht die Rollenverteilung und Erziehungsverantwortung innerhalb der Paarfamilie vor der Trennung.
7. Schlüsselkonzept 2: Die Zeit der Trennung und der Entscheidungsprozess zur Übernahme der Rolle des alleinerziehenden Vaters. Die Übergangsphase: Beleuchtet Trennungsmotive, den Entscheidungsprozess und die ersten Veränderungen im Übergang zur Ein-Elternschaft.
8. Schlüsselkonzept 3: Die Neuorganisation der Familie und damit verbundene Belastungen: Analysiert physische und psychische Belastungen, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie die Wohnsituation und soziale Isolation.
9. Schlüsselkonzept 4: Eigene Stärken und Bewältigungshilfen im Alltag: Identifiziert personale und soziale Ressourcen sowie das Inanspruchnahmeverhalten professioneller Unterstützung.
10. Schlüsselkonzept 5: Kritische Bilanz der Lebenssituation und Ausblick in die Zukunft: Bietet eine Bilanz der Lebensveränderungen sowie eine Einschätzung zukünftiger Anforderungen.
11. Handlungsanregungen für die sozialpädagogische Praxis: Formuliert konkrete Empfehlungen zur Verbesserung der Unterstützung für alleinerziehende Väter.
12. Schlussbemerkung: Zusammenfassende Reflexion über die Rolle und Lebensrealität alleinerziehender Väter in der heutigen Gesellschaft.
Schlüsselwörter
Alleinerziehende Väter, Ein-Eltern-Familie, Vaterschaft, Kindschaftsrechtsreform, Alleinerziehung, empirische Untersuchung, Bewältigungsstrategien, Belastungserfahrungen, soziale Unterstützung, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Vater-Kind-Beziehung, Soziale Arbeit, qualitative Sozialforschung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Lebenswelt und dem Alltag alleinerziehender Väter. Sie untersucht, wie Väter nach einer Trennung oder Scheidung die alleinige Verantwortung für die tägliche Versorgung und Erziehung ihrer Kinder bewältigen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zu den zentralen Themen gehören die rechtlichen Rahmenbedingungen, die ökonomische Situation, der Prozess der Trennung, die Neuorganisation des Familienalltags sowie die Ressourcen zur Bewältigung alltäglicher Belastungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die in der Wissenschaft und Praxis bisher wenig beachtete Gruppe der alleinerziehenden Väter sichtbar zu machen, deren spezifische Belastungsfaktoren und Bewältigungsressourcen empirisch zu erheben und daraus Handlungsansätze für die Soziale Arbeit abzuleiten.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin verwendet einen qualitativen Forschungsansatz. Es wurden leitfragenorientierte biographische Interviews mit acht alleinerziehenden Vätern geführt, um deren subjektive Sichtweisen und Erfahrungen detailliert zu erfassen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Abschnitt zu den rechtlichen und gesellschaftlichen Grundlagen und einen empirischen Teil, in dem die Forschungsergebnisse in fünf Schlüsselkonzepten dargestellt werden – von der Zeit vor der Trennung bis hin zur kritischen Bilanz der aktuellen Lebenssituation.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Zentrale Begriffe sind Alleinerziehende Väter, Ein-Eltern-Familie, Bewältigungsstrategien, Belastungserfahrungen, Soziale Unterstützung und Vater-Kind-Beziehung.
Wie bewerten die untersuchten Väter die Rolle des Jugendamtes?
Die Erfahrungen sind heterogen. Während organisatorische Hilfe bei der Suche nach Kinderbetreuungsplätzen teilweise als hilfreich empfunden wurde, äußern einige Väter deutliche Kritik an der fachlichen Inkompetenz und der kontrollierenden Haltung der Behörden.
Was ist das Fazit der Arbeit bezüglich der Vater-Kind-Beziehung?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass sich die Beziehung zwischen den Vätern und ihren Kindern durch die neue Lebensform meist intensiviert hat. Alle interviewten Väter beschreiben eine positive, von Vertrauen geprägte Bindung, was gängige Vorurteile widerlegt.
- Citar trabajo
- Melanie Mattausch (Autor), 2006, Der Familienalltag alleinerziehender Väter, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/280657