In dieser Arbeit werden ebenso wie bei Raimund Vedder und Beatrix Zumbült die Bild-Schrifttext-Beziehungen im Reynke aus semantischer Sicht betrachtet und kategorisiert; jedoch stehen hierbei die Interaktion zwischen Schrift und Bild innerhalb des Rezeptionsprozesses stärker im Fokus. Aus dieser Perspektive soll eine Typologie der Schrifttext-Bild-Beziehungen im "Reynke" entwickelt werden. Die These dieser Arbeit ist, dass im Tierepos drei unterschiedliche Beziehungen zwischen Schrifttext und Bild vorliegen: eine gegenseitige Abhängigkeit des Schrifttextes vom Bild (Typ 1), eine Abhängigkeit des Bildes vom Schrifttext (Typ 2) und eine ‚relative‘ Unabhängigkeit des Bildes vom Schrifttext (Typ 3). Der eigentlichen Entwicklung und Prüfung dieser Typologie ist ein Abschnitt mit theoretischen Grundlagen vorgeschaltet, der die Basis für die Klassifizierung der Bild-Schrifttext-Beziehungen bildet. Er enthält einen kurzen Überblick zur Interaktion von Schrifttext und Bild vor dem Hintergrund des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit sowie Erläuterungen zu drei ausgewählten Typen von Schrifttext-Bild-Beziehungen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretische Grundlagen
2.1 Schrifttext-Bild-Beziehungen im Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit
2.2 Formen der Schrifttext-Bild-Beziehungen
2.2.1 Komplementarität
2.2.2 Textdominanz und Illustrationen
2.2.3 Bilddominanz und Polyphasen-Einzelbilder
2.3 Zwischenfazit
3. Schrifttext-Bild-Beziehungen in Reynke de Vos
3.1. Komplementarität (Typ 1)
3.2 Textdominanz (Typ 2)
3.3 ‚Relative‘ Unabhängigkeit des Polyphasen-Einzelbildes vom Schrifttext (Typ 3)
4. Zusammenfassung und Ausblick
5. Bibliographie
5.1 Primärliteratur Reynke de Vos. Lübeck 1498. Hamburg: Kötz 1976 [Nachdruck der 1498 in der Lübecker Mohnkopfdruckerei erschienenen Ausgabe].
5.2 Sekundärliteratur
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Wechselspiel zwischen Schrift und Bild im niederdeutschen Tierepos Reynke de Vos (1498). Ziel ist es, eine Typologie der Schrifttext-Bild-Beziehungen zu entwickeln, die über rein semantische Vergleiche hinausgeht und die Interaktion der Medien innerhalb des Rezeptionsprozesses fokussiert, um die konstitutionelle Funktion dieser Kombinationen für das Verständnis des Werkes zu ergründen.
- Analyse der historischen Rezeptionsintention von Schrifttext-Bild-Gefügen.
- Entwicklung einer Typologie mit drei Kategorien: Komplementarität, Textdominanz und ‚relative‘ Unabhängigkeit.
- Untersuchung der narrativen Funktion von Bildstrukturen (Monophasen- vs. Polyphasen-Einzelbilder).
- Beleuchtung der diegetischen Ebenen und deren Markierung durch visuelle Elemente.
- Einfluss der zeitgenössischen Lesegewohnheiten auf das Verständnis der Illustrationen.
Auszug aus dem Buch
3.3 ‚Relative‘ Unabhängigkeit des Polyphasen-Einzelbildes vom Schrifttext (Typ 3)
Insgesamt 17 Abbildungen im Reynke, von denen 10 wiederholt auftreten, können als Polyphasen-Einzelbilder bezeichnet werden. Im Gegensatz zu den Monophasen-Einzelbildern sind diese „geschichtendarstellende, genuin narrativ verwendbare Medien“. Dies wird in dem Holzschnitt deutlich, welcher Reynke und den Bären Brun in zwei verschiedenen Szenen zeigt (31v). Auch wie alle anderen Polyphasen-Einzelbilder im Versepos vermittelt dieses Bild eine zeitliche Abfolge und verfügt somit über ein wichtiges Narrem bzw. ein Kennzeichen des Narrativen. Unter Befolgung der Leserichtung der „europäischen Schriften von links nach rechts“ lässt sich der folgende Ablauf von Handlungsausschnitten wahrnehmen: Ein Tier, welches als Bär identifiziert werden kann, und ein deutlich als solcher erkennbarer Fuchs stehen vor einer kargen Landschaft nebst bäuerlichem Haus um eine längliche Form, die möglicherweise einen Baumstamm darstellt. In der nächsten, unteren Szene steht der Fuchs hinter einem dem aus der ersten Szene ähnlichen Tier, welches zum Teil in einer Öffnung des bereits beschriebenen Gegenstandes steckt. Die Zustandsveränderung von der einen Szene zur anderen wird zum einen „über die erkennbare Rekurrenz der“ Figuren deutlich. Zum anderen kann auch die Raumgestaltung als ‚Lesehilfe‘ gesehen werden, die den Wechsel verdeutlicht: Da der Raum in beiden Szenen durch dieselben vereinzelt auftretenden dicht beieinanderstehenden Linien gekennzeichnet ist, wird er in der zweiten Szene als der gleiche wiedererkannt und stiftet somit Kohärenz zwischen beiden Bildphasen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Forschungsfrage ein und erläutert die Bedeutung der Bild-Text-Interaktion im Reynke de Vos unter Berücksichtigung der Rezeptionsgeschichte.
2. Theoretische Grundlagen: Das Kapitel bietet einen Überblick über bestehende Typologien und Theorien zur Schrifttext-Bild-Beziehung im Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit.
3. Schrifttext-Bild-Beziehungen in Reynke de Vos: Hier erfolgt die praktische Analyse der drei identifizierten Typen der Bild-Text-Interaktion anhand ausgewählter Holzschnitte aus dem Epos.
4. Zusammenfassung und Ausblick: Die Untersuchungsergebnisse werden synthetisiert und mögliche zukünftige Forschungswege, etwa die komparative Analyse anderer Drucke der Lübecker Mohnkopfdruckerei, aufgezeigt.
5. Bibliographie: Dieses Verzeichnis listet sämtliche verwendete Primär- und Sekundärliteratur auf.
Schlüsselwörter
Reynke de Vos, Tierepos, Schrifttext-Bild-Beziehung, Holzschnitte, Komplementarität, Textdominanz, Polyphasen-Einzelbild, Rezeption, Narrativität, Spätmittelalter, Frühe Neuzeit, Textlinguistik, Bild-Text-Interaktion, diegetische Ebenen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von Text und Bild in dem niederdeutschen Tierepos Reynke de Vos aus dem Jahr 1498 und analysiert, wie diese beiden Medien interagieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Kategorisierung von Schrifttext-Bild-Beziehungen, die Bedeutung der Rezeption für das Verständnis des Werkes sowie die narrative Funktion der im Epos enthaltenen Illustrationen.
Was ist das primäre Ziel der Studie?
Das primäre Ziel ist die Entwicklung einer Typologie der Bild-Schrifttext-Beziehungen, die aufzeigt, wie Illustrationen zur Sinnkonstitution beitragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer interdisziplinären Analyse, die textlinguistische Theorien sowie ikonographische Ansätze verbindet, um das Zusammenspiel von visuellen und schriftlichen Elementen zu entschlüsseln.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung der drei Typen (Komplementarität, Textdominanz, ‚relative‘ Unabhängigkeit) und deren detaillierte Analyse anhand von konkreten Beispielen aus dem Reynke de Vos.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Schrifttext-Bild-Beziehung, Komplementarität, Narrativität, Polyphasen-Einzelbild und Rezeptionsprozess.
Welche Funktion hat das Bild des Schreibers am Anfang des Epos?
Das Bild des Schreibers fungiert als Konvention, die in den Text einführt, als Autorfigur dient und eine Brücke zwischen der Welt des Rezipienten und der fiktiven Welt des Epos schlägt.
Warum wird der Begriff der ‚relativen‘ Unabhängigkeit für den dritten Typus verwendet?
Dieser Begriff wird gewählt, da Polyphasen-Einzelbilder zwar basale Handlungsabläufe allein darstellen können, jedoch weiterhin in den Kontext des Schrifttextes eingebettet sind, um ihre vollständige Bedeutung zu entfalten.
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- Franz Kröber (Author), 2014, Komplementarität, Textdominanz und 'relative' Unabhängigkeit. Die Beziehung von Bild und Schrift in "Reynke de Vos", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/281130