Tradition, Moral, Weltanschauung. Die Anwendung von Rawls' "Theorie der Gerechtigkeit" in einer multikulturellen Gesellschaft


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

14 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Inhaltsangabe

Einleitung

Die Grundsätze der Gerechtigkeit

Gerechte Institutionen

Der Urzustand

Der Freie und Gleiche Bürger

Fazit

Schlussbemerkung und Ausblick

Quellen

Einleitung

In der heutigen Gesellschaft werden wir mit vielen Problemstellungen konfrontiert, die sich mit der Frage beschäftigen, wie man jeden Bürger gleich und fair behandeln kann. Die deutsche Verfassung soll uns diese Gleichheit und Freiheit garantieren und diverse Institutionen so gestalten, dass schon dort die Voraussetzungen für eine faire Gemeinschaft geschaffen werden. Eine gerechte und freie Gesellschaft ist eine Idee, deren Umsetzung zahlreiche Herausforderungen mit sich bringt. Eine Frage die sich stellt ist, wie eine Gemeinschaft, basieren auf diesen Idealen, erschaffen werden kann?

John Rawls hat in seinem Hauptwerk "Eine Theorie der Gerechtigkeit" gerade jene Grundgedanken mit ihren Zusammenhängen erläutert. Dieses Buch wurde 1971 veröffentlicht, als er bereits Professor an der Harvard University in Cambridge, Massachusetts war. Geboren 1921 in Baltimore, Maryland, lernte und lehrte er an mehreren international bedeutenden Universitäten, wie Princeton, Cornell und Oxford University. Auch nach seinem Tod im Jahr 2002 zählt er zu den bedeutendsten Denkern unserer Zeit und als zentraler Theoretiker der liberalen politischen Philosophie.

Noch vor Rawls Ableben begann ein Streit in Deutschland, der bis heute nicht enden sollte. Im Jahr 2004 wurde das Tragen von religiöser Kleidung durch Lehrkräfte in deutschen Klassenzimmer erstmals in Baden-Württemberg verboten. Weitere Bundesländer folgten dem Beispiel Baden-Württembergs und diese Vorschrift sorgt immer noch für Auseinandersetzungen zwischen gläubigen Lehrkräften und den Vertretern, die Neutralität in der Institution Schule fordern. Seit dem beschäftigen unzählige Verfahren die Gerichte und es scheint keinen Konsens zu geben.

In meiner Hausarbeit werde ich die anfänglich gestellte Problematik und Rawls „Theorie der Gerechtigkeit" vereinen, indem ich seine beiden Grundsätze der Gerechtigkeit auf das Kopftuchverbot in Schulen anwenden werde. Hierzu ist es nötig einen genaueren Blick auf sein Werk zu werfen. Ich werde meine Diskussion mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit beginnen und fortlaufend die Institutionen, den Urzustand und Rawls Interpretation vom gleichen und freien Bürger betrachten. Diese Konzepte werde ich im Fazit auf das Kopftuchverbot anwenden und die Fairness dieser politischen Entscheidungen beurteilen.

Die Grundsätze der Gerechtigkeit

Gerechtigkeit ist ein viel diskutierter Bergriff. Was möchte er uns vermitteln? Was ist gerecht und ab wann spricht man von Ungerechtigkeit? John Rawls versucht in seiner "Theorie der Gerechtigkeit" gerade diese Begriffe zu beschreiben und zu deuten, indem er die Theorie der "Gerechtigkeit als Fairneß" entwickelte. Diese Theorie umfasst drei wesentliche Merkmale, die uns helfen sollen zu verstehen, wie eine gerechte Gesellschaft aussehen sollte.

Das erste Merkmal betrifft die sogenannte "Grundstruktur der Gesellschaft", die von Rawls in eine moderne konstitutionelle Demokratie projiziert wird. Unter der Grundstruktur versteht Rawls die wichtigsten politischen, sozialen und wirtschaftlichen Institutionen und die Art, in der sie sich zu einem System von sozialer Kooperation zusammenfügen. Rawls nennt die Zusammenarbeit der verschiedenen Institutionen, die die Grundstruktur der Gesellschaft formen, die "Konzeption der politischen Gerechtigkeit" (Rawls [1993] 2003: 192). Bürger treten in diese Grundstruktur durch Geburt ein und erst durch den Tod wieder aus, ohne dass sie Zeit ihres Lebens Kontakt zu anderen Gesellschaften haben (Rawls [1993] 2003). Die Grundstruktur hilft uns zu verstehen, wie sich die Ziele, Chancen und Bestrebungen der Bürger in der gerechten Gesellschaft entwickeln und sich gegenseitig beeinflussen (Rawls [2001] 2002). Das zweite Merkmal bezieht sich auf die "freie Auffassung", die zum Ausdruck bringen soll, dass die Bürger der Gesellschaft zwar ihre Gerechtigkeitsvorstellungen teilen, aber keine offizielle Anwendung dieser in den Grundstrukturen zu finden ist(Rawls [1993] 2003). Diese Gerechtigkeitsvorstellung ist also ein moralisches Vermächtnis, welches jedem Bürger zuteil wird, ohne dass sich ein Zwang dahinter vermuten lässt. Abschließend betrachtet Rawls ein drittes Merkmal, welches verdeutlichen soll, dass die Ideen der gerechten Gesellschaft in der "öffentlichen Kultur" (Rawls [1993] 2003: 79) wiederzufinden ist. Jene "öffentliche Kultur" umfasst sowohl die politischen Institutionen, wie zum Beispiel die Gerichte, als auch religiöse, moralische und philosophische Lehren, die in sämtlichen Vereinigungen der Gesellschaft zu finden sind (Rawls [1993] 2003).

Ausgehend von diesen Voraussetzungen konstruiert Rawls zwei "Grundsätze der Gerechtigkeit" (Rawls 1979: 81), die erfüllt sein müssen, um eine gerechte Gesellschaft zu ermöglichen:

1. "Jedermann soll das gleiche Recht auf das umfangreiche System politischer Grundfreiheiten haben, das mit dem gleichen System für alle anderen verträglich ist.
2. Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten sind so zu gestalten, dass a) vernünftiger Weise zu erwarten ist, dass sie zu jedermanns Vorteil dienen, und b) sie mit Positionen und Ämtern verbunden sind, die jedem offen stehen. "

"Diese Grundsätze beziehen sich hauptsächlich auf die Grundstruktur der Gesellschaft und bestimmen die Zuweisung von Rechten und Pflichten und die Verteilung gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Güter" (Rawls [1971] 1979: 81).

Im ersten Grundsatz werden den Gesellschaftsmitgliedern Grundfreiheiten zugesichert, nicht aber Aufgrund der Unantastbarkeit der Freiheit, sondern um die Gesellschaftsmitglieder zu einem übergreifenden Gerechtigkeitssinn zu erziehen (Pies Ingo 1995). Diese Grundfreiheiten umfassen zum Beispiel die Gedanken- und Gewissensfreiheit oder politische Freiheiten (Rawls [1993] 2003: 406). Der zweite Grundsatz, auch "Differenzenprinzip" (Rawls [1993] 2003: 70) genannt, soll den Bürgern zweierlei Möglichkeiten bieten. Zum ersten sollen Einkommen und Vermögen so verteilt werden, dass jedermann einen Vorteil daraus ziehen kann und zum zweiten soll allen der Zugang zu macht- und verantwortungsvollen Positionen ermöglicht werden (Rawls [1971] 1979). Kurz, der zweite Grundsatz soll die Realisierungsbedingungen des ersten Grundsatzes darstellen (Höffe 2008). Wichtig hierbei ist, dass der erste Grundsatz einen höheren Stellenwert hat, als der zweite; Freiheit in Rawls Theorie jedoch keinen übergeordneten Wert an sich in der Gesellschaft darstellt (Rawls [1993] 2003). Kurzum fasst Rawls die zwei Grundsätze der Gerechtigkeit in seinem Werk "Eine Theorie der Gerechtigkeit" folgendermaßen zusammen: "Alle sozialen Werte – Freiheit, Chancen, Einkommen, Vermögen und die sozialen Grundlagen der Selbstachtung sind gleichmäßig zu verteilen, soweit nicht eine ungleiche Verteilung nicht jedermann zum Vorteil gereicht." (Rawls [1971] 1979) Die Ungerechtigkeit, die John Rawls mit seiner Theorie zu vermeiden versucht, lässt sich daraus kurzerhand ableiten: Wenn die Bedingungen dieser Grundsätze nicht erfüllt sind, bestimmte Maßnahmen also nicht jedermann von Vorteil sind, sind sie ungerecht.

Gerechte Institutionen

Im vorangegangenen Abschnitt wurde speziell auf die beiden Grundsätze der Gerechtigkeit eingegangen. Diese können allerdings nur durch rechtsstaatliche Institutionen umgesetzt werden (Pies Ingo 1995). Wie schon festgehalten wurde, befinden wir uns in einer modernen konstitutionellen Demokratie, die unter anderem durch Institutionen ausgezeichnet ist, die die Grundsätze der Gerechtigkeit verinnerlicht haben und zum Wirken bringen. Unter Institutionen verstehen wir zum Beispiel die Verfassung einer Gesellschaft oder auch die Familie. Zusammenfassend kann man Institutionen nach John Rawls auch als Grundstruktur einer Gesellschaftsordnung bezeichnen. Diese Grundstruktur ist der Zusammenschluss des gesellschaftlichen Systems und stützt die sogenannte "Hintergrundgerechtigkeit" (Rawls [1993] 2003: 79) die sich aus den beiden Grundsätzen der Gerechtigkeit ableiten lässt (Rawls [1993] 2003). Ausserdem dient die "Hintergrundgerechtigkeit" dazu, die Institutionen als Gesamtkonzept zu bewerten, da es mitunter schwierig ist, jede einzelne auf die Umsetzung von Gerechtigkeit hin zu untersuchen (Pogge 1994). Rawls macht trotz dessen den Versuch und wirft verschiedene Fragen auf, nach denen Institutionen beurteilt werden können. Hauptsächlich soll allerdings betrachtet werden, ob bestimmte Institutionen den Gerechtigkeitsansprüchen genügen. Idealerweise stellt er sich funktionierende Institutionen vor, die die gemeinsamen politischen Ziele der Gesellschaft verfolgen und nach den Grundsätzen der gesellschaftlichen Ordnung, mitsamt ihren moralischen Wertvorstellungen und Anschauungen agieren (Rawls [2001] 2002). Ein weiterer, nicht zu vernachlässigender Aspekt ist, dass Institutionen jedes Mitglied der Gesellschaft gleich behandeln müssen, auch wenn sich durch diese gleiche Behandlung Ungleichheiten ergeben. Nehmen wir zum Beispiel den Fall einer richterlichen Entscheidung an, so darf das Urteil nicht durch Vorkenntnisse über finanzielle Ausstattungen oder soziale Positionen der beteiligten Parteien beeinflusst werden, denn die Gewissheit und die bestehende Erwartungen an die Institutionen sind Grundlage für das Vertrauen in diese (Rawls [1971] 1979).

Wichtig zu betrachten ist auch, dass Institutionen großen Einfluss auf die Mitglieder der Gesellschaft haben. Gleichermaßen können die Mitglieder der Gesellschaft die Institutionen beeinflussen (Pogge 1994). Wie sich gesellschaftliche Systeme fortlaufend entwickeln, hängt zu großen Teilen von der Grundstruktur, also den institutionellen Bedingungen, ab. Diese prägen den generationsübergreifenden Fortgang von Kultur und sozialen, sowie wirtschaftlichen Bedingungen und haben somit eine wesentliche Verantwortung die vorhandenen Wertesysteme weiter zutragen. Erst wenn die Grundlage der Institutionen gesetzt ist und sich bewährt hat, ist es leichter Ungleichheiten zu erkennen und zu beheben (Rawls [1993] 2003).

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Details

Titel
Tradition, Moral, Weltanschauung. Die Anwendung von Rawls' "Theorie der Gerechtigkeit" in einer multikulturellen Gesellschaft
Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,7
Jahr
2010
Seiten
14
Katalognummer
V281292
ISBN (eBook)
9783668654181
ISBN (Buch)
9783668654198
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
John Rawls, Theory of Justice, Theorie der Gerechtigkeit, Kopftuchverbot an Schulen
Arbeit zitieren
Anonym, 2010, Tradition, Moral, Weltanschauung. Die Anwendung von Rawls' "Theorie der Gerechtigkeit" in einer multikulturellen Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/281292

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