Stigmata oder veränderbar? Einstellungsänderung gegenüber Depressiven durch persuasive Fiktion


Bachelorarbeit, 2013

61 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Zusammenfassung

Abstract

1 Theoretischer Hintergrund
1.1 Einleitung
1.2 Need for affect
1.3 Elaboration-Likelihood-Modell
1.4 Transportation-Imagery-Modell
1.5 Stereotyp
1.6 SozialeDistanz
1.7 Wissen
1.8 Medien und psychische Krankheiten

2 Empirische Hypothesen

3 Methoden
3.1 Rekrutierung der Versuchspersonen
3.2 Stichprobe
3.3 Auswahl des Mediums
3.4 Das Medium
3.5 Versuchsdesign
3.6 Materialien
3.6.1 Needfor affect Skala
3.6.2 Transportation-Skala
3.6.3 Einstellung gegenüber Depressiven
3.6.3.1 Stereotype Einstellung
3.6.3.2 Soziale Distanz
3.6.3.3 Wissen
3.7 Vorgehen
3.8 Datenanalyse
3.8.1 Exploratorische Faktorenanalysen
3.8.2 Regressionen

4 Ergebnisse
4.1 Deskriptive Statistik zum Mediennutzungsverhalten
4.2 Faktoranalytische Untersuchung der Einstellungsskala
4.3 T-test für abhängige Stichproben
4.4 Modelltestungen
4.4.1 Modelltestung H1
4.4.2 Modelltestung H2
4.4.3 Modelltestung H3
4.4.4 Modelltestung H4

5 Diskussion
5.1 Die wichtigsten Ergebnisse
5.1.1 Exploratorische Faktoranalysen
5.1.2 Hypothesen
5.2 Interpretation
5.3 Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang
A Pretest
В Posttest: Transportation-Skala
C Vortest: Skala zum Rezeptionserleben

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Gruppenstatistik aus Vortest

Tabelle 2: Auszug von Items aus der Skala need for affect

Tabelle 3: Auszug von Items aus der Transportation Skala

Tabelle 4: Übersicht der veränderten Items bei der Skala Wissen

Tabelle 5: Auszug von Items zur Abfrage der Einstellung unterteilt in Stereotype, soziale Distanz und Wissen

Tabelle 6: Häufigkeitsverteilung der E-book-Reader-Nutzer

Tabelle 7: Exploratorische Faktorenanalyse zu der Skala stereotype Einstellungen

Tabelle 8: Exploratorische Faktorenanalyse zur Skala soziale Distanz

Tabelle 9: Testergebnisse zur Einstellungsänderung

Tabelle 10: Darstellung der linearen Regressionsanalyse zur Vorhersage der Variablen Transportation durch WissenTl

Tabelle 11: Darstellung der linearen Regressionsanalyse zur Vorhersage der Variablen Transportation durch StereotypT1

Tabelle 12: Darstellung der linearen Regressionsanalyse zur Vorhersage der Variablen Transportation durch sozialedistanzT1

Tabelle 13: Darstellung der linearen Regressionsanalyse zur Vorhersage der Variablen Transportation durch need for affect

Tabelle 14: Darstellung der linearen Regressionsanalyse zur Vorhersage der Variablen Transportation durch Gruppe

Tabelle 15: Darstellung der linearen Regressionsanalyse zur Vorhersage der Variablen Veränderung des Stereotyps zwischen T1 und T2 durch Transportation

Tabelle 16: Darstellung der linearen Regressionsanalyse zur Vorhersage der VariablenVeränderung der sozialen Distanz zwischen T1 und T2 durch Transportation

Tabelle 17: Darstellung der linearen Regressionsanalyse zur Vorhersage der VariablenVeränderung des Wissens zwischen T1 und T2 durch Transportation

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Scree-Plot vom exploratorischer Untersuchung an Skala der sozialen Distanz

Zusammenfassung

Trotz der anhaltenden Forschung zur Einstellungsänderung herrscht ein Mangel an Studien über den Einfluss verschiedener Medien auf den Persuasionsprozess. Im Vergleich dazu zeigen viele Studien, wie stark der Einfluss der persuasiven Narration vom Grad der Transportation während des Lesens abhängt.

Diese Studie untersucht die Auswirkungen des Romans "Als meine Seele dunkel wurde" (Leonhardt, 2011) auf die Einstellung und Überzeugungen gegenüber Menschen mit Depressionen. Mittels einer Prä- und Post-Messung wurden die Ansichten der Befragten ermittelt. Annahme ist, dass der Leser im Anschluss an die Lektüre, in der die Protagonistin vorteilhaft dargestellt wird, aufgrund von starker Transportation positiv gegenüber der depressiven Protagonistin eingestellt ist. Die vorliegende Studie ist eine experimentelle Laborstudie, die aus zwei Gruppen, Buch und E-Book-Lesen, besteht (studentische Stichprobe N = 75). Die Gruppen wurden nach der Variablen „need for affect“ parallelisiert, die für die Motivation des Aufsuchens oder der Vermeidung von emotional induzierten Situationen und Aktivitäten steht. Folglich erleben Personen mit einem hohen Wert bei need for affect den Zustand der Transportation intensiv und die überzeugende Wirkung der Erzählung hat einen starken Einfluss auf ihre Haltung (Appel & Richter, 2010).

Die Einstellungsänderung wird durch drei Skalen operationalisiert: Wissen, stereotype Vorstellungen über Depressionen sowie soziale Distanz. Diese drei Skalen stellen die Komponenten dar, die Menschen bei bestimmten Gruppen wie den Depressiven im Kopf haben. Zudem wurde in dieser Studie diskutiert, welche Auswirkung die Art des Mediums (Bücher und E-Books) auf das Publikum hat.

Die Ergebnisse decken sich nicht mit den Hypothesen und werden nicht signifikant. Sowohl die Veränderung zum zweiten Messzeitpunkt als auch die Wechselbeziehungen zwischen den Variablen wurden erfasst.

Die Einbeziehung der Komponenten der Einstellungsänderung und der Typ des Mediums erlaubt eine Betrachtung der gleichen Frage aus klinischer sowie medienpsychologischer Perspektive und füllt so die Schnittstelle zwischen diesen beiden Disziplinen.

Abstract

In spite of the ongoing research on attitude change, there is a lack of inquiries referring to the types of media which impact this process. In contrast many studies show how strong the influence of persuasive narratives depends on the state of transportation while reading.

This study examines the effects of the novel "Als meine Seele dunkel wurde" (Leonhardt, 2011) on subjects'beliefs and attitudes towards the image of people with depression using a pre and post- reading questionnaire about their views. We hypothesize that the attitude changes in a positive direction after reading the novel, because the protagonist is depicted beneficially and that is the reason for high transportation during the novel.

The present survey is an experimental laboratory based study carried out on two groups of book and e-book readers (student sample N = 75). Both groups were parallelized according to need for affect as the need for motivation to access or avoid situations and activities that are emotionally inducing for themselves and others. Consequently individuals with a high need for affect experience the state of transportation intensively and accordingly the persuasive effects of narrative have a strong effect on the attitude change (Appel & Richter, 2010).

The attitude change is operationalized by three scales: knowledge, stereotypical ideas about depression as well as social distance. These three scales represent the components of attributions, which people have in mind towards specific groups such as depressives. This study also discusses possible impact of the mediums (books and e-books) on the audience.

The results differ from the hypotheses and were not significant. Both the change in the attitude at the second time measurement and the interaction relationships among the variables are recorded.

The inclusion of the components, the type of media and the attitude change, allows to examine at the same question from clinical as well as media psychology perspectives and thus it fills the interface between these two disciplines.

1 Theoretischer Hintergrund

1.1 Einleitung

Ein Sprichwort besagt: „Denken ist, was viele Leute zu tun glauben, wenn sie ihre Vorurteile ordnen.“ Jeder von uns kann sich sicherlich an Situationen erinnern, in denen er versucht hat, völlig unbekannte Personen z.B. aufgrund ihres Äußeren einzuschätzen. Oft sind es sogar nur wenige wahrgenommene Merkmale oder flüchtige Informationen, auf deren Basis wir versuchen, unser unbekanntes Gegenüber in bestimmte Persönlichkeitskategorien einzuordnen oder ihr künftiges Verhalten einzuschätzen. Dabei können Massenmedien einen entscheidenden Einfluss auf die Bildung von Vorurteilen gegenüber bestimmten Personengruppen haben (Cuenca, 2001). Besonders in Bezug auf psychisch kranke Menschen stellen die Massenmedien eine oft verwendete Informationsquelle für einen Großteil der Bevölkerung dar, da die meisten keine persönliche Erfahrung mit dem Thema gemacht haben (Wahl, 2001).

Die Persuasion von fiktionalen Texten, wie z.B. Romane auf generelle Überzeugungen, wurde in unterschiedlichen Untersuchungen (z. B. Green & Brock, 2000) belegt. Allerdings ist es auch wichtig zu ermitteln, welche Rolle die Art des Mediums beim Rezipienten spielt. Neben dem traditionellen Buch nehmen E-Books mittlerweile einen festen Platz in der Belletristik ein. Laut der Prüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers soll der Anteil des E-Books am Belletristik-Markt bis 2016 bis zu 16 % betragen (Müller & Spiegel, 2010). Wirkt sich also die Art des Mediums auf die Transportation des Lesers aus und beeinflusst damit die Wirkung des Protagonisten und der Geschichte auf den Leser?

Im Rahmen dieser Arbeit soll untersucht werden, ob sich die Einstellung des Lesers - vermittelt durch Transportation - gegenüber der depressiven Erkrankung des Protagonisten in eine positive Richtung verändert und inwieweit dies von dem Typ des Mediums abhängig ist. Zusätzlich wird der Einfluss der Einstellung und need for affect zum ersten Messzeitpunkt auf Transportation untersucht. Im Theorieteil soll ein Überblick über die wichtigsten Begriffe und Konzepte gegeben werden, die zum Verständnis der vorliegenden Arbeit notwendig sind. Darüber hinaus soll mit der Vorstellung bisheriger wissenschaftlicher Arbeiten der aktuelle Forschungsstand skizziert werden. Im anschließenden Methodenteil werden die Stichprobe sowie die eingesetzten Materialien vorgestellt. Es folgt eine Beschreibung des Untersuchungsablaufs, der empirischen Hypothesen, des Versuchsdesigns sowie der statistischen Auswertungsverfahren. Der Ergebnisteil fokussiert anhand der ermittelten Daten auf die Überprüfung der Fragestellung. Die Diskussion enthält eine kritische Betrachtung und Interpretation der Ergebnisse sowie eine Darstellung methodischer Einschränkungen. Es folgt ein Ausblick, der gleichzeitig den Schluss dieser Arbeit bildet.

1.2 Need for affect

Das Persönlichkeitsmerkmal need for affect bezeichnet die Motivation für das Aufsuchen bzw. das Vermeiden von Situationen, die zu starken Emotionen bei sich oder anderen führen (Maio & Esses, 2001). Generell können sowohl positive als auch negative Emotionen aufgesucht werden, was auch für die Ambivalenz von Einstellungen spricht (vgl. Thompson, Zanna & Griffin, 1995). Seit der einflussreichen Arbeit von Lewin (1951) in der Motivationspsychologie wird eine Unterscheidung von Annäherung und Vermeidung angenommen.

Das Merkmal need for affect verhält sich komplementär zu need for cognition, das aus einer Vorliebe zum Denken und Problemlösen besteht, aber auch mit einem hohen Grad an Elaboration einhergeht (Cacioppo & Petty, 1982). Untersuchungen zufolge (Maio & Esses, 2001) steht need for cognition in einem positiven Zusammenhang mit need for affect.

Die beiden Merkmale werden auch mit unterschiedlichen Arten von Texten in Verbindung gebracht. Während sich das kognitive Erleben auf pragmatische Texte wie politische Meldungen bezieht, spielt das Emotionsmotiv need for affect besonders bei Unterhaltungsangeboten eine Rolle (Maio & Esses, 2001). Eine Person mit einer hohen Ausprägung trifft auch eine emotional induzierte Auswahl (Maio & Esses, 2001). Wichtig für diese Arbeit ist, dass hohe Werte bei need for affect mit extremen Einstellungen gegenüber gesellschaftlichen Gruppen einhergehen (Maio & Esses, 2001). Es kommt dabei zu starken Emotionen, sowohl positiven als auch negativen, deren Erleben für eine Person mit hohen Werten auf der Variablen need for affect gleichermaßen zu Zufriedenheit führt. Gleichzeitig geht ein stark ausgeprägtes need for affect mit einem starken Zustand der Transportation einher (Appel & Richter, 2010). Der Zustand der Kommotion korreliert hoch mit einem hohen Maß an need for affect, was bedeutet, dass jemand, der eine hohe Motivation hat, emotionale Situationen aufzusuchen, seinen Gefühlen leichter freien Lauf lassen kann (Maio & Esses, 2001).

Maio und Esses (2001) messen das Emotionsmotiv need for affect mit einer Skala zur Selbstbeschreibung in englischer Sprache, die aus 13 Items zur Annäherung und 13 Items zur Vermeidung besteht. Diese zwei Subfaktoren wurden durch eine konfirmatorische Faktorenanalyse belegt und sind genauso wie die Gesamtskala (Annäherung minus Vermeidung als Netto-Emotionsmotiv) reliabel. Sieben Jahre später wurde die Skala in einer Studie von Appel (2008) erfolgreich ins Deutsche übersetzt und mit einer siebenstufigen Skala versehen.

1.3 Elaboration-Likelihood-Modell

Um fiktionale Texte abgrenzen zu können, muss erwähnt werden, dass die Persuasionsforschung sich zunächst auf die Untersuchung von pragmatischen Texten wie politische Reden oder auch Werbung konzentriert hat. Dabei wurde das Elaboration-Likelihood-Modell (ELM) von Petty und Cacioppo (1986) postuliert, das auch als bekanntestes und wichtigstes Zwei-Prozess-Modell der Persuasion gilt (Appel, 2005).

Nach Petty und Cacioppo (1986) erfolgt die Informationsvermittlung über zwei Wege, zum einen die zentrale und zum anderen die periphere Route. Während es bei der zentralen Route zu einer kritischen gedanklichen Auseinandersetzung mit der Botschaft kommt, wird bei der peripheren Route (Nutzung der Stimmung, heuristische Verarbeitung etc.) eine Orientierung an oberflächlichen Hinweisreizen ohne kritisches Nachdenken angenommen. Der zentrale Weg setzt voraus, dass die Person die Motivation und Fähigkeit hat, die Informationen zu verarbeiten, d. h., dass z. B. das benötigte Vorwissen vorhanden ist. Die Voraussetzungen bei der zentralen Route sind im Rahmen des cognitive-response Ansatzes von Greenwald (1968) entstanden. Als cognitive-responses werden Assoziationen und Gedanken bezeichnet, die während der persuasiven Kommunikation seitens des Rezipienten entstehen (Greenwald, 1968). Bei der zentralen Route setzt sich der Rezipient intensiv mit einer Information auseinander. Die empfangenen Argumente werden geprüft, andere bereits vorliegende Argumente werden erinnert, und es kommt zu einer differenzierteren Betrachtung des Sachbestands. Dabei geht der Autor davon aus, dass es so zu einer Einstellungsänderung kommen kann oder die ursprüngliche Meinung beibehalten wird. Da die Einstellungsänderung in der Auseinandersetzung mit der Botschaft entsteht, wird dem Rezipienten ein hohes Maß an Eigenaktivität zugesprochen.

Die Höhe der Elaboration spielt bei der Einstellungsänderung eine große Rolle (Petty & Wegener, 1999). Während bei der zentralen Route von einer hohen Elaboration mit stabiler Einstellungsänderung ausgegangen wird, verhält es sich bei der peripheren Route anders. Bei der peripheren Route beschreiben Petty und Wegener (1999) die Einstellungsänderung als schwach und zudem auch instabil, da durch geringe Elaboration der Mitteilung wie beispielsweise nur durch die Sympathie des Redners wenig Einfluss auf Überzeugungen des Rezipienten stattfinden kann. Diese zwei Routen werden als antagonistisch angesehen.

1.4 Transportation-Imagery-Modell

In Untersuchungen aus dem Jahr 1997 konnten Prentice, Gerrig und Bailis zeigen, dass Überzeugungen sich in Richtung der Einstellung der Protagonisten veränderten, deren fiktionale Geschichte kurze Zeit vorher gelesen wurde. Aus Sicht der Zwei-Prozess­Modelle kann bei fiktionalen Texten, die der Unterhaltung dienen und eine geringe Elaboration mit sich ziehen, nur über die periphere Route eine schwache Einstellungsänderung erfolgen. Im Gegensatz zu pragmatischen Texten wie politischen Reden werden keine Argumente oder Fakten über bestimmte Themen in fiktionalen Texten verarbeitet, die eine hohe Elaboration benötigen würden. So stößt die Erklärungskraft der Zwei-Prozess-Modelle in Bezug auf Fiktionen an ihre Grenzen.

Doch wurde mit den ersten Experimenten zu fiktionalen Texten und Filmen (z. B. Green & Brock, 2002; Prentice & Gerrig, 1999) nach einer anderen theoretischen Alternative gesucht, die den Einfluss von Narrationen auf Einstellungsänderung erklären kann. Green und Brock (2000, 2002) entwickelten ein Modell, das die intensive emotionale Wirkung von Narrationen mit einbezieht und so versucht, die Beeinflussung von Einstellungen zu erklären. Das Transportation-Imagery-Model (Green & Brock, 2002) ist begründet durch den Zustand der Transportation, der ausschließlich durch Narrationen entsteht. Wenn der Rezipient von einer Geschichte so mitgerissen wird, dass er alles um sich herum vergisst und Teil der Geschichte wird, sprechen Green und Brock (2000) von Transportation. Es kommt nicht zu Überzeugungsänderungen durch eine Analyse der Argumente und auch nicht über die periphere Route, sondern über ein emotional involviertes Rezeptionserleben. Anders als beim Elaboration-Likelihood- Modell angenommen, bestätigen unterschiedliche Untersuchungen (z. B. Appel, 2005; Prentice et al. 1997), dass Überzeugungsänderungen durch fiktionale Texte stabil sind. Inwieweit die Einstellung zum ersten Messzeitpunkt und die Art des Mediums eine Rolle bei Transportation spielt, wurde noch nicht untersucht.

Bei fiktionalen Texten steht die Unterhaltung im Vordergrund und wird durch die Transportation gefördert (Green, Brock & Kaufman, 2004). Anstatt sich auf die Informationen zu konzentrieren, wie es bei pragmatischen Texten der Fall ist, lässt sich der Rezipient auf die Unterhaltung ein und ist nach Green (2004) der Fähigkeit entzogen, sich kritisch mit dem Inhalt der Geschichte zu beschäftigen. Eine kritische Auseinandersetzung würde nur zu einer reduzierten Transportation führen, an der der unterhaltungsfreudige Rezipient nicht interessiert ist. Der transportierte Leser verliert jeden Zugang zu den Fakten der realen Welt und akzeptiert Behauptungen aus der Geschichte als wahr (Green, 2004). Auch wenn die Information gegen die eigene Einstellung spricht, kommt es nicht zu einem willentlichen Unterdrücken der widersprüchlichen Argumente, da das mentale System durch das hohe Involviertsein mit der Geschichte vollkommen ausgelastet ist (Green & Brock, 2002). Der gleiche Vorgang ist bereits im Elaboration-Likelihood-Modell beschrieben, doch da in diesem Modell das Konstrukt der Transportation keine Rolle spielt, findet ein solches Gegenargumentieren während des Elaborierens statt (Cacioppo & Petty, 1982).

Narrative Persuasionseffekte wurden durch persönlichen Erfahrungen des Rezipienten, der die Ereignisse oder Figuren der fiktionalen Geschichte ähneln, verstärkt (Green & Brock, 2002). Da der Rezipient ein hohes Gefühl der Identifikation erlebt und sich selbst als Teil der Geschichte sieht, wirkt sich die persuasive Botschaft der Narration intensiv auf die Einstellung aus. Der Protagonist dient als Träger einer Mitteilung oder Überzeugung. Die Sympathie und die damit einhergehende Identifikation mit dem Protagonisten führen zu einer hohen Transportation, durch die der Rezipient sich mit den Figuren verbunden fühlt und Überzeugungen leichter annimmt (Green & Brock, 2000). Während der Leser sich mit dem Protagonisten verbunden fühlt, werden Gedanken und Emotionen des Charakters übernommen und es kommt zu einem Versunkensein in die Welt der Narration, wobei die eigene Person in den Hintergrund gerät (Cohen, 2001). Auch Vorwissen über das Thema der Narration führt beim Leser zu einem höheren transportierten Zustand (Green, 2004).

Diese parasozialen Beziehungen zu den Figuren des Romans führen zu einer „illusion of intimacy“, da der Rezipient intensiv mit dem Innenleben des Protagonisten in Berührung kommt (Horton & Wohl, 1956).

Untersuchungen (Appel, 2005; Green & Brock, 2000) bestätigen, dass Personen mit ähnlicher Erfahrung zwar wissen, dass die Geschehnisse der Narration nicht der Wirklichkeit entsprechen, aber trotz allem emotional stark involviert und überzeugt von der Möglichkeit sind, dass sich die fiktionalen Ereignisse in gleicher Weise auch in der realen Welt abspielen können. Ausgehend vom Source-Monitoring-Ansatz von Johnson, Hashtroudi und Lindsay (1993) kommt es während der Rezeption im Zustand von Transportation zu stark erlebten räumlich-perzeptuellen, zeitlichen und emotionalen Repräsentationen, die sich nicht sehr von dem realen Erleben unterscheiden. Auch wenn es für den Rezipienten ersichtlich ist, dass es sich bei der Geschichte um eine Fiktion handelt, werden Einstellungen und Überzeugungen abhängig von dem Grad an Transportation beeinflusst (Green & Brock, 2000).

In Bezug zur Transportation ist der Vorteil bei Büchern im Vergleich zu Filmen, dass der Leser in seinem eigenen Tempo in der Geschichte voranschreiten kann und sich gleichzeitig alle Ereignisse stärker im Kopf vorstellt (Green & Brock, 2002). Dabei gehen die Autoren davon aus, dass diese beiden Bedingungen während des Lesens Transportation begünstigen. Beachtet werden muss jedoch, dass es durchaus interindividuelle Unterschiede bei der Fähigkeit gibt, gelesene Geschichten als Bilder im Geiste zu sehen und sich so auch mehr für Romane als für Filme begeistern zu können (Green & Brock, 2002).

1.5 Stereotyp

Klauer (2008) definiert den Begriff des Stereotyps als eine Menge von Überzeugungen über die Mitglieder einer sozialen Gruppe, zu denen aufgrund großer sozialer Distanz nur wenig Wissen verfügbar ist. Des Weiteren fanden Triandis und Vassiliou (1967) heraus, dass sich einige Stereotype durch zunehmenden persönlichen Kontakt verändern. In ihrer Untersuchung zur Wahrnehmung griechischer Stereotype durch US- Amerikaner wurde der typische Grieche als eine Person beschrieben, die sich in Beziehungen einmischt. Dieses Verhalten wird jedoch bei näherem Kontakt durch Eigenschaften wie „charmant“ und „entgegenkommend“ erweitert und führt zu einem differenzierteren Bild des Gegenübers (Triandis, Vassiliou & Nassiakou, 1968). Maßgeblich für die Kategorisierung einer sozialen Gruppe ist die Generalisierung einzelner Eigenschaften zu einem bestimmten Typ Mensch. Durch negative Eigenschaften werden betroffene Personen einer Kategorie zugeordnet, z. B. „die Depressiven“, und erfahren so Ausgrenzung sowie den damit verbundenen sozialen Abstieg (Schulze & Angermeyer, 2003). Dieser sogenannte „labelling-effect“ (Schulze & Angermeyer, 2003) besteht also darin, dass eine Person aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit eine Bewertung erfährt und als nicht dazugehörig empfunden wird. Der Stereotyp einer spezifischen Gruppe bildet dabei die kognitive Basis (Jussim, Nelson, Manis & Soffin, 1995).

Besonders von den Medien wurde Anfang der 1990er Jahre nach den Attentaten auf Lafontaine und Schäuble durch psychisch kranke Täter der Negativstereotyp des psychisch kranken Menschen als gefährlich, unberechenbar und unheimlich geprägt (Angermeyer & Siara, 1994). Auf den damit verbundenen Begriff der sozialen Distanz wird im nächsten Abschnitt noch genauer eingegangen. Allerdings sind Stereotype nicht zwangsläufig negativ, sondern können auch mit positiven Eigenschaften wie Genialität besetzt sein (Angermeyer & Matschinger, 2004).

Bei Stereotypen handelt es sich um eine kulturell geprägte Wahrnehmung von Schemata bezüglich Außenweltreizen und der daraus resultierenden Typisierung und Ausgrenzung fremder Gruppen (Jussim et al., 1995). Zu Vorurteilen kommt es nur dann, wenn eine emotionale Bewertung in positiver oder negativer Richtung eine Rolle spielt (Möller­Leimkühler, 2004).

1.6 Soziale Distanz

Durch den Negativstereotypen kommt es zu einer abweisenden Haltung, die zu sozialer Distanz bei psychisch Kranken führt (Rössler & Salize, 1995). Zurückführend auf die Umfrage von Angermeyer und Siara (1994) ist die Toleranz gegenüber psychisch Kranken vom Grad der Intimität abhängig. Je enger die Verbindung zu einem psychisch erkrankten Menschen, desto größer fällt die soziale Distanz aus. Während Nachbarn oder Arbeitskollegen von 80 % der Befragten noch angenommen werden, werden schizophren Erkrankte als Betreuer des eigenen Kindes von 62 % ausgeschlossen (Angermeyer & Siara, 1994). Nach den Attentaten auf Lafontaine und Schäuble kam es sogar zu einem Anstieg der sozialen Distanz gegenüber schizophren Erkrankten (Angermeyer und Siara, 1994). Nach Angermeyer und Matschinger (1996) urteilt die Öffentlichkeit im Vergleich sehr viel milder über Depressive. Nur jeder Zehnte möchte keinen depressiven Nachbarn haben, doch jeder Zweite würde sich gegen die Aufsicht seiner Kinder durch einen an einer Depression erkrankten Menschen sträuben (Angermeyer & Matschinger, 1996).

Es hat sich in verschiedenen Untersuchungen gezeigt, dass Personen mit direktem Kontakt zu psychisch Kranken ein emotional differenzierteres und realistischeres Bild besitzen und eine geringere soziale Distanz empfinden (Wolff, Pathare, Craig & Leff, 1996). Es wurde bestätigt, dass Menschen aufgrund ihrer Angst vor der Symptomatik der psychischen Krankheit die Betroffenen ablehnen und sich eine größere soziale Distanz wünschen (Link, Phelan, Bresnahan, Stueve & Pescosolido, 1999). Diese Angst beruht auf der Sorge, dass psychisch Kranke zu Gewalt neigen (Link et al., 1999).

1.7 Wissen

Ein weiterer Einflussfaktor auf die Einstellung gegenüber psychischen Störungen ist das spezifische Wissen, über das jemand verfügt (Wolff et al., 1996). Mehrere Untersuchungen zeigen, dass eine Person mit einem umfassenderen Wissen über die Erkrankungen zu weniger Stigmatisierung und Diskriminierung tendiert (z.B. Corrigan et al., 2001; Link & Cullen, 1986). Mangelndes Wissen ist oft ein Faktor für die negative Beurteilung psychischer Krankheiten, jedoch keine Bedingung für eine ablehnende Haltung (Wolff et al., 1996). Laut einer Umfrage sind sechs von zehn Bundesbürgern der Meinung, dass Depressionen durch mangelnde Selbstdisziplin verursacht wird und mit etwas gutem Willen leicht zu bewältigen sind (Althaus, Stefanek, Hasford & Hegerl, 2002).

1.8 Medien und psychische Krankheiten

Nach Angermeyer und Siara (1994) stieg die soziale Distanz gegenüber schizophren Erkrankten nach den Attentaten 1990 um 30 %. Der Fokus der Medien lag bei der

Berichterstattung zu den Attentaten auf der psychischen Erkrankung der Täter. Nach zwei Jahren ergab eine erneute Umfrage, dass die soziale Distanz wieder auf den Anfangswert zurückgegangen ist (Angermeyer & Matschinger, 1995). Nach den Ergebnissen der Studie können die Medien die Meinung der Bevölkerung stark beeinflussen (Angermeyer & Matschinger, 1995).

Untersuchungen zu dem Film „Das weiße Rauschen“ von Baumann, Zaeske und Gaebel (2003) zeigen, dass der Film negative Auswirkungen auf die Einstellung gegenüber schizophren Erkrankten hat. Der Kinofilm erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der nach Drogenkonsum an halluzinatorischer Schizophrenie erkrankt. Die psychotische Sicht der Hauptfigur wird mittels bestimmter technischer Mittel dargestellt (Baumann et al., 2003). Die Ergebnisse bestätigen, dass das Wissen des Publikums noch mehr von dem Expertenurteil abweicht, negative Stereotype sich verstärken und die soziale Distanz gegenüber schizophren Erkrankten sich vergrößert (Baumann et al., 2003). Weitere Untersuchungen verdeutlichen, wie zentral die Rolle der Medien bei der Einstellungsbildung gegenüber psychisch Kranken ist (z. B. Wahl, 2001; Wahl & Yonathan Lefkowits, 1989).

[...]

Ende der Leseprobe aus 61 Seiten

Details

Titel
Stigmata oder veränderbar? Einstellungsänderung gegenüber Depressiven durch persuasive Fiktion
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
61
Katalognummer
V281778
ISBN (eBook)
9783656757788
ISBN (Buch)
9783656757795
Dateigröße
716 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
need for affect, persuasion, e-book, transportation
Arbeit zitieren
Ghazal Shariat (Autor), 2013, Stigmata oder veränderbar? Einstellungsänderung gegenüber Depressiven durch persuasive Fiktion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/281778

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