"Organizational routines as a source of continuous change" von Martha Feldman als Schlüsselpublikation der Organisationslehre

Inhalt und Kritik


Seminararbeit, 2010

25 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoriehintergrund: Traditionelles Spannungsverhältnis zwischen organisatorischen Routinen und Wandel

3. Präsentation des Feldman-Artikels als Schlüsselpublikation der Organisationslehre
3.1 Untersuchungsziele: Relativierung der traditionellen Sichtweise von Routinen und Wandel
3.2 Untersuchungsmethode: Empirische Untersuchung an amerikanischer Universität
3.3 Untersuchungsergebnisse: Wandlungspotenzial von Routinen & Modellentwicklung

4. Kritische Würdigung: Methodische und inhaltliche Beurteilung des Artikels

5. Implikationen: Wissenschaftliche und praktische Implikationen des Artikels

6. Schlussbetrachtung

7. Literaturverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Zusammenfassende Darstellung des Wandels in den von Feldman untersuchten Routinen

Tabelle 2: Zusammenfassende Darstellung methodischer sowie inhaltlicher Kritikpunkte

Tabelle 3: Zusammenfassende Darstellung verschiedener Wissenschafts- und Praxis-implikationen

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Traditionelles Spannungsverhältnis zwischen organisatorischen Routinen und Wandel

Abbildung 2: Mögliche Ergebnisse von Routineausführungen sowie Optionen mit diesen um zugehen

Abbildung 3: Das performative Modell von Feldman

Abbildung 4: Alternative Darstellungen des performativen Modells von Feldman

1. Einleitung

Organisatorische Routinen und Wandel werden in der Wissenschaft als bedeutende Elemente der Analyse von Organisationen verstanden und in zahlreichen Zusammenhängen diskutiert1. Hierbei ist jedoch auffällig, dass empirische Untersuchungen, die sich sowohl der Thematik organisatorischer Routinen als auch des Wandels annehmen, relativ selten sind2. Im Rahmen dieser Arbeit soll die Aufmerksamkeit deswegen auf eine bedeutende, empirisch basierte, Publikation gelenkt werden, in der beide Bereiche gemeinsam untersucht wurden. Im Folgenden wird daher der Artikel „Organizational routines as a source of continuous change”3 von Martha S. Feldman aus dem Jahre 2000 als Schlüsselpublikation der Organisationslehre diskutiert.

Im zweiten Kapitel wird zunächst untersucht, wie organisatorische Routinen und Wandel in der Wissenschaft vor der Veröffentlichung des Artikels von Feldman dargestellt wurden, um eine geeignete Verständnisgrundlage zur Beurteilung des Artikels als Schlüsselpublikation der Organisationslehre zu erhalten. Im anschließenden Teil dieser Arbeit (Kap. 3) werden die zentralen Inhalte (Untersuchungsziele, Untersuchungsmethode, Untersuchungsergebnisse) des Artikels präsentiert. Diese werden in den beiden darauffolgenden Kapiteln vertiefend analysiert, indem zunächst eine kritische Würdigung der Publikation erfolgt (Kap. 4) und anschließend Implikationen für die Wissenschaft und Praxis aufgezeigt werden (Kap. 5). In der abschließenden Schlussbetrachtung (Kap. 6) werden die relevanten Punkte noch einmal zusammengefasst. Darüber hinaus wird unter Berücksichtigung des Theoriehintergrundes thematisiert, warum der Artikel von Feldman nach seiner Veröffentlichung weitreichende Bedeutung erlangt hat und als Schlüsselpublikation der Organisationslehre zu verstehen ist.

2. Theoriehintergrund: Traditionelles Spannungsverhältnis zwischen organisatorischen Routinen und Wandel

In dem Artikel „Organizational routines as a source of continuous change” werden organisatorische Routinen und Wandel als die beiden zentralen Schwerpunkte behandelt. In diesem Teil der Arbeit wird daher zunächst erläutert, wie beide Elemente in der Wissenschaft vor der Veröffentlichung des Artikels von Feldman diskutiert wurden.

Organisatorische Routinen

In der Wissenschaft werden unterschiedliche und mehrdeutige Ansichten hinsichtlich organisatorischer Routinen vertreten4. Routinen sind beispielsweise von Heiner5 sowie Dosi, Teece und Winter6 mit objektiv beobachtbaren und messbaren Verhaltensregularien (behavioral patterns) gleichgesetzt und von Winter als wiederkehrende Verhaltensmuster definiert worden7. Cohen8 und Egidi9 haben Routinen dagegen als kognitive Regularien (cognitive regularities) verstanden, die sich auf die Informationsverarbeitung des Menschen beziehen und nicht zu beobachtende Wahrnehmungsprozesse sowie Erkenntnisstrukturen implizieren. In der wissenschaftlichen Diskussion wurden beide Routineverständnisse jedoch nicht immer klar von einander abgegrenzt, so dass daraus teilweise Verständigungs- bzw. Verständnisprobleme resultierten10.

Im Gegensatz dazu ist die traditionelle Sichtweise hinsichtlich zentraler Eigenschaften bzw. Auswirkungen von Routinen eindeutiger. Cyert und March haben Routinen im Zusammenhang ihrer Untersuchung über organisatorische Entscheidungsprozesse als stabilisierendes „Gedächtnis von Organisationen“11 bezeichnet. Routinen werden hierbei zur vereinfachten Bewältigung wiederkehrender Abläufe formuliert und dienen der Komplexitätsreduzierung. Dieses Verständnis vertreten beispielsweise auch Hannan und Freeman12 sowie Amit und Belcourt13, die in ihren Arbeiten die Stabilität organisatorischer Routinen betonen und deren Unveränderlichkeit sowie Trägheit hervorheben. Diese Auffassungen führten letztlich zu der traditionellen Sichtweise, dass Routinen von Organisationsmitgliedern unreflektiert und unbekümmert befolgt werden und Mitglieder von Organisationen hierbei nicht als aktiv handelnde Akteure mit individuellem Handlungsspielraum auftreten14.

Analog zu organisatorischen Routinen wurde auch Wandel in der Wissenschaft bis zur Veröffentlichung des Artikels von Feldman unter vielfältigen Gesichtspunkten diskutiert15.

Damanpour 16 untersuchte beispielsweise die Erfolgsaussichten organisatorischen Wandels, indem er in einer Meta-Analyse u.a. interne Kontextvariablen (z.B. Spezialisierungsgrad des Unternehmens, Managementeinstellung zu organisationalen Veränderungen) analysierte. Meyer, Brooks und Goes17 konzentrierten sich stattdessen auf externe Einflussfaktoren und untersuchten die strategischen und strukturellen Veränderungen in Krankenhäusern zwischen 1960 und 1980 aufgrund steigender Gesundheitskosten sowie sich verändernder politischer Rahmenbedingungen. Kotter18 wiederum analysierte den Implementierungsprozess beabsichtigter Veränderungen, indem er ein acht-stufiges Modell zur effektiven Umsetzung organisatorischen Wandels entwickelte.

Die soeben thematisierten Studien haben Wandel jeweils mit unterschiedlichen Schwerpunkten untersucht. Allerdings wird studienübergreifend deutlich, dass Wandel traditionell mit Flexibilität und Dynamik in Verbindung gebracht wurde.

Organisatorische Routinen und Wandel

Aus den vorherigen Ausführungen wird deutlich, dass Routinen und Wandel in der Wissenschaft traditionell mit gegensätzlichen bzw. sich ausschließenden Merkmalen assoziiert wurden. Dies führte dazu, dass insbesondere externe Umwelteinflüsse (z.B. Marktveränderungen, neue Technologien19 ) sowie innovatives Verhalten als Quellen organisatorischen Wandels verstanden wurden und Routinen hierbei weitestgehend unberücksichtigt blieben. Dies änderte sich teilweise durch die Arbeit von Nelson und Winter20, die in ihrer Evolutionstheorie über ökonomische Veränderungen darauf hingewiesen haben, dass auch Routinen eine veränderliche Seite haben. Dieses Verständnis wurde beispielsweise von Gersick und Hackman21 aufgegriffen, indem sie in ihrer Arbeit verschiedene Gründe für Veränderungen in Routinen untersuchten. Analog zu der Arbeit von Weiss und Ilgen22 konzentrierten sie sich hierbei auf Routineveränderungen, die durch unerwartete und plötzlich auftretende Krisen (z.B. finanzielle Probleme) ausgelöst wurden. Diesen Aspekt haben auch Barley23 und Miner24 in ihren Arbeiten berücksichtigt, indem sie Wandel in Routinen vor allem auf ein instabiles Organisationsumfeld zurückgeführt und mit exogenen Effekten verbunden haben. Endogene Veränderungsursachen wurden in der Wissenschaft dagegen kaum berücksichtigt. In diesem Zusammenhang wurde lediglich die Auffassung vertreten, dass sich Routinen in ihrer Entstehung zwar noch wandeln, sich anschließend jedoch ein Gleichgewichtszustand einstellt, der keine weiteren Veränderungen mit sich führt25.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass organisatorische Routinen und Wandel in der Wissenschaft traditionell mit divergenten Merkmalen charakterisiert wurden und Routinen daher als Quelle kontinuierlichen Wandels in der wissenschaftlichen Diskussion unberücksichtigt blieben. Dieses Spannungsverhältnis wird in Abbildung 1 noch einmal verdeutlicht.

Abbildung 1: Traditionelles Spannungsverhältnis zwischen organisatorischen Routinen und Wandel

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenQuelle: Eigene Darstellung

3. Präsentation des Feldman-Artikels als Schlüsselpublikation der Organisationslehre

Im vorherigen Kapitel wurde die traditionelle Sichtweise hinsichtlich organisatorischer Routinen und Wandel thematisiert. In diesem Teil der Arbeit wird diese aufgegriffen und der Artikel von Feldman präsentiert. Hierbei werden die Untersuchungsziele von Feldman erläutert, ihre methodische Vorgehensweise beschrieben und die Untersuchungsergebnisse diskutiert.

3.1 Untersuchungsziele: Relativierung der traditionellen Sichtweise von Routinen und Wandel

In Kapitel 2 wurde dargestellt, dass Routinen vor der Veröffentlichung des Artikels von Feldman aufgrund ihrer stabilisierenden sowie unveränderbaren Merkmale als Quelle des (kontinuierlichen) Wandels in der Wissenschaft weitestgehend unberücksichtigt blieben. Diese traditionelle Sichtweise möchte Feldman relativieren, indem sie das Veränderungspotenzial von Routinen hervorheben will und auf dieser Basis ein (performatives) Modell entwickelt, welches die Handlungsfähigkeit von Organisationsmitgliedern betont26.

3.2 Untersuchungsmethode: Empirische Untersuchung an amerikanischer Universität

Im Folgenden wird die methodische Vorgehensweise (allgemeiner Handlungsrahmen der Untersuchung, Datenerhebung, Datenauswertung) von Feldman beschrieben27.

Allgemeiner Handlungsrahmen

Der Artikel von Feldman basiert auf einer vierjährigen empirischen Feldstudie in der Verwaltungszentrale für Studentenwohnheime (16 Studentenwohnheime, 10.000 Studenten) an einer amerikanischen Universität. In ihrer Studie konzentrierte sich Feldman auf eine hierarchisch organisierte Abteilung (Residental life), die für die Aufrechterhaltung der Ordnung sowie der angenehmen Gestaltung des gemeinschaftlichen Lebens in den Wohnheimen verantwortlich ist. Der Aufgabenbereich dieser Abteilung umfasste hierbei sich jährlich wiederholende Routinen (u.a. Schadensbewertung der Studentenwohnungen nachdem Studenten das Wohnheim verlassen haben, Einzug neuer Studenten zu Beginn eines Studienjahres).

Datenerhebung

Zu Beginn ihrer Untersuchungen führte Feldman offene Interviews mit Mitarbeitern der Verwaltungszentrale, um allgemeine Informationen über deren Arbeit zu erhalten und ein Gefühl für die Organisation zu bekommen. Auf der Basis dieser Interviews identifizierte Feldman zunächst die bereits erwähnten Routinen. Anschließend besuchte sie als passive Beobachterin Meetings bezüglich der für sie relevanten Routinen bzw. traf sich wöchentlich bis zu zehn Stunden mit Organisationsmitgliedern. Im letzten Jahr der Beobachtung nahm sie zusätzlich als aktives Mitglied an Diskussionen teil und intensivierte die Datensammlung, indem sie ungefähr 10.000 E-Mails sowie Tonbandaufnahmen und Gesprächsprotokolle sammelte.

Feldman wertete die gesammelten Daten in mehreren Analyseschritten aus. Als erstes verdichtete sie die Informationen, indem sie Manuskripte schrieb und die Datenmengen mit Hilfe verschiedener Metatheorien strukturierte. In einem weiteren Schritt analysierte Feldman wissenschaftliche Theorien hinsichtlich organisatorischer Routinen sowie Wandel und zog Verbindungen zu ihren eigenen Beobachtungen, die sie schließlich in Artikeln zusammenfasste.

3.3 Untersuchungsergebnisse: Wandlungspotenzial von Routinen & Modellentwicklung

In den beiden vorherigen Abschnitten wurden sowohl die Untersuchungsziele als auch die Untersuchungsmethode von Feldman erläutert. In diesem Teil der Arbeit werden die in diesem Zusammenhang erzielten Untersuchungsergebnisse thematisiert.

(Kontinuierliches) Wandlungspotenzial von Routinen28

Feldman beobachtet, dass sich die von ihr analysierten Routinen während des Untersuchungszeitraumes (kontinuierlich) gewandelt haben. Diesen Wandel begründet sie durch ihre Beobachtung, dass die Ausführung einer bestehenden Routine zu verschiedenen Ergebnissen führt und die beteiligten Personen mit diesen unterschiedlich umgehen können (vgl. Abb. 2).

Abbildung 2: Mögliche Ergebnisse von Routineausführungen sowie Optionen mit diesen umzugehen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten Quelle: Eigene Darstellung

In diesem Zusammenhang erläutert Feldman, dass die Reparatur (reparing) einer Routine auch zur Wiederherstellung eines bereits in der Vergangenheit bestandenen Gleichgewichtzustandes führen kann und sich daher kein weiterer Wandel ergeben muss. Im Gegensatz dazu bieten striving und expanding Potenziale zum kontinuierlichen Wandel, da sie einen Beurteilungsstandard der routineausführenden Personen implizieren und einen Bezug zum Wünschenswerten herstellen. Die Intention etwas effizient zu gestalten kann beispielsweise als das Ideal handelnder Personen verstanden werden. Durch die Möglichkeit diese Absicht immer wieder zu erneuern und eine Handlung noch effizienter ausführen zu wollen, entspricht striving einem nahezu unmöglich zu erreichenden Veränderungsvorhaben. Dies trifft analog auch für expanding zu, da sich neue Perspektiven immer wieder eröffnen können. Daher implizieren insbesondere striving und expanding weitere Routineveränderungen und werden von Feldman als Quelle kontinuierlichen Wandels interpretiert29. Dieser Aspekt wird in Tabelle 1 noch einmal verdeutlicht, indem die empirischen Beobachtungen hinsichtlich der untersuchten Routinen zusammenfassend dargestellt werden.

Tabelle 1: Zusammenfassende Darstellung des Wandels in den von Feldman untersuchten Routinen

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Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Feldman, M. S. (2000), S. 621.

Diese Beobachtungen führen schließlich zu der Entwicklung des im Folgenden präsentierten Modells.

Entwicklung eines performativen Modells30

Die bisherigen Ausführungen zeigen bereits, dass die Handlungsfähigkeit der Organisationsmitglieder für Feldman im Verständnis von Routinen besonders relevant ist. Dies verdeutlicht Feldman, indem sie sich an der Arbeit von Latour31 über Macht orientiert und die Differenzierung hinsichtlich ostensiver und performativer Elemente auf Routinen überträgt.

Die ostensive Auffassung entspricht hierbei der abstrakten Vorstellung einer Routine und prägt insbesondere die konzeptionelle Wahrnehmung bezüglich der Frage, was eine Routine grundsätzlich ist. Der performative Aspekt stellt stattdessen die praktische Ausführung der Routine dar und konzentriert sich auf die spezifische Performance bestimmter Individuen. Diese berücksichtigt sowohl individuelle Denk- und Verhaltensmuster sowie die Gefühle handelnder Personen und schließt deren Erfahrungen aus vergangenen Perioden mit ein. Auf Basis dieses Verständnisses entwickelt Feldman schließlich ein performatives Modell organisatorischer Routinen (vgl. Abb. 3), welches einem Kreislauf von Ideen, Handlungen, Ergebnissen und Idealen entspricht.

Abbildung 3: Das performative Modell von Feldman

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Quelle: Feldman, M. S. (2000), S. 623.

Die realisierten Ergebnisse werden hierbei am Ende einer jeden Runde mit den Ideen sowie Idealen der handelnden Personen verglichen und können in der nächsten Wiederholung der Routine berücksichtigt werden bzw. eine neue Routineausführung einleiten. Gleichzeitig erweitert sich eventuell auch die Sichtweise der handelnden Akteure, da die erzielten Ergebnisse neue Gelegenheiten eröffnen und sich somit die Ideen sowie Ideale der routineausführenden Personen verändern.

Es kann daher zusammenfassend festgehalten werden, dass, nach Feldman, die Elemente des performativen Modells die im vorherigen Abschnitt identifizierten Möglichkeiten (reparing, expanding, striving) im Umgang mit Routinen unterstützen und somit das kontinuierliche Veränderungspotenzial von Routinen hervorheben.

4. Kritische Würdigung: Methodische und inhaltliche Beurteilung des Artikels

Im vorherigen Kapitel wurden die Untersuchungsmethode sowie die Untersuchungsergebnisse von Feldman thematisiert. In diesem Teil der Arbeit werden diese unter methodischen sowie inhaltlichen Aspekten kritisch beurteilt.

Methodische Kritikpunkte

Aus methodischer Sicht werden in der Literatur verschiedene Potenziale diskutiert, die bei qualitativ empirischen Untersuchungen und insbesondere bei Beobachtungen zu Verzerrungen der Untersuchungsergebnisse führen können32. Es besteht z.B. allein aufgrund der Tatsache der Durchführung einer Beobachtung, das Risiko verzerrende Ergebnisse zu erhalten33. Die beteiligten Organisationsmitglieder der Studentenwohnheimzentrale könnten sich beispielsweise entgegen ihrer eigentlichen Veranlagung veränderungsfreudiger im Umgang mit Routinen verhalten haben, da sie durch den Untersuchungsschwerpunkt von Feldman dafür sensibilisiert wurden. Des Weiteren könnte Feldman die Realität zu stark reduziert haben und insbesondere die Aspekte wahrgenommen haben, die ihren eigenen Erwartungen entsprechen34. Dies könnte beispielsweise dazu führen, dass sie sich zu sehr auf den Wandel in Routinen konzentrierte und stabilisierende Routineaspekte vernachlässigte. Gleichzeitig besteht bei langjährigen Untersuchungen auch die Gefährdung in der Datenfülle zu versinken und einem „death by data asphyxiation”35 (Erstickungstod) zu erliegen. Diese Gefahr existierte entsprechend auch bei der vierjährigen Untersuchung von Feldman, in der sie u.a. über 10.000 E-Mails und Tonbandaufnahmen analysierte36. In der Untersuchung ist auch fraglich, ob Feldman die gebotene Distanz zum Forschungsobjekt dauerhaft beibehalten hat („going native“37 ), da sie auch private Kontakte mit den Organisationsmitgliedern pflegte und z.B. deren Geburtstagsfeiern besuchte38. Des Weiteren agierte Feldman im letzten Jahr der Untersuchung als teilnehmende Beobachterin39 und brachte selbst Gedanken und Handlungen ein40. Dadurch sind eventuell Routineveränderungen angestoßen wurden, die ansonsten ausgeblieben wären. Darüber hinaus kann diskutiert werden, ob Feldman in ihrer Untersuchung verschiedene Gütekriterien (z.B. Konstruktvalidität, interne und externe Validität, Reliabilität und Objektivität)41 eingehalten hat. Dies ist jedoch bei qualitativ empirischen Studien grundsätzlich schwer zu beurteilen42 und nur auf Grundlage des Artikels nicht zu beantworten. Darüber hinaus sind jedoch auch inhaltliche Aspekte kritisch zu beurteilen und werden im Folgenden thematisiert.

Inhaltliche Kritikpunkte

Feldman identifiziert in ihrer Arbeit die untersuchten Routinen, indem sie Routinen als sich wiederholende Verhaltensmuster definiert, die an Regeln und Gewohnheiten gebunden sind und sich zwischen deren wiederholter Ausführung nicht großartig verändern43.

[...]

1 Vgl. Becker, M. C. (2004), S. 643 ff. und vgl. Ivancevich, J. M.; Konopaske, R.; Matteson, M. T. (2010), S. V.

2 Vgl. Becker, M. C.; Zirpoli, F. (2008), S. 129.

3 Feldman, M. S. (2000), S. 611-629.

4 Vgl. Becker, M. C. (2004), S. 643.

5 Vgl. Heiner, R. (1983), S. 560 ff.

6 Vgl. Dosi, G.; Teece, D.; Winter, S. (1992), S. 185 ff.

7 Vgl. Winter, S. G. (1964), S. 263.

8 Vgl. Cohen, M. D. (1991), S. 135 ff.

9 Vgl. Egidi, M. (1992), S. 148 ff.

10 Vgl. Becker, M. C. (2004), S. 646.

11 Vgl. Cyert, R. M.; March, J. G. (1963), S. 101.

12 Vgl. Hannan, M. T.; Freeman, J. R. (1984), S. 149 ff.

13 Vgl. Amit, R.; Belcourt, M. (1999), S. 174 ff.

14 Vgl. Ashforth, B. E.; Fried, Y. (1988), S. 305 ff.

15 Vgl. Goodman, P. S.; Kurke, L. B. (1982), S. 1 ff. und vgl. Armenakis, A.; Bedeian, A. G. (1999), S. 293 ff.

16 Vgl. Damanpour, F. (1992), S. 375 ff.

17 Vgl. Meyer, A.; Brooks, G.; Goes, J. (1990), S. 93 ff.

18 Vgl. Kotter, J. (1995), S. 59 ff.

19 Vgl. Orlikowski, W. (1992), S. 398 ff.

20 Vgl. Nelson, R. R.; Winter, S. G. (1982), S. 14 ff.

21 Vgl. Gersick, C. J.; Hackman, J. R. (1990), S. 83 ff.

22 Vgl. Weiss, H. M.; Ilgen, D. R. (1985), S. 60.

23 Vgl. Barley, S. R. (1990), S. 61 ff.

24 Vgl. Miner, A. S. (1990), S. 195 ff.

25 Vgl. Cohen, M. D. et al. (1996), S. 653 ff.

26 Vgl. Feldman, M. S. (2000), S. 611 ff.

27 Vgl. ebd., S. 614 ff.

28 Vgl. Feldman, M. S. (2000), S. 620 ff.

29 Vgl. Feldman, M. S. (2000), S. 620.

30 Vgl. ebd., S. 622 f.

31 Vgl. Latour, B. (1986), S. 272 ff.

32 Vgl. Borchardt, A.; Göthlich, S. E. (2009), S. 41.

33 Vgl. ebd.

34 Vgl. Häder, M. (2006), S. 306.

35 Vgl. Pettigrew, A. M. (1990), S. 281.

36 Vgl. Feldman, M. S. (2000), S. 615.

37 Vgl. Schnell, R.; Hill, P. B.; Esser, E. (2008), S. 402.

38 Vgl. Feldman, M. S. (2000), S. 614.

39 Vgl. Häder, M. (2006), S. 306.

40 Vgl. Feldman, M. S. (2000), S. 614.

41 Vgl. Lamnek, S. (2005), S. 142 ff. und vgl. Yin, R. K. (2003), S. 34 ff.

42 Vgl. Bortz, J.; Döring, N. (2002), S. 167 und vgl. Lamnek, S. (2005), S. 143.

43 Vgl. Feldman, M. S. (2000), S. 622.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
"Organizational routines as a source of continuous change" von Martha Feldman als Schlüsselpublikation der Organisationslehre
Untertitel
Inhalt und Kritik
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
25
Katalognummer
V282276
ISBN (eBook)
9783656770640
ISBN (Buch)
9783656838678
Dateigröße
784 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Organisationslehre, Martha Feldman
Arbeit zitieren
Diplomkaufmann Nikolai Wilke (Autor), 2010, "Organizational routines as a source of continuous change" von Martha Feldman als Schlüsselpublikation der Organisationslehre, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/282276

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