Die Lerntheke als Einstieg in den Offenen Unterricht


Bachelorarbeit, 2013
34 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Schule im Wandel

3. Offener Unterricht
3.1 Versuch einer ersten Definition
3.1.1 Rolle des Lernenden
3.1.2 Rolle der Lehrperson
3.1.3 Veränderung des Unterrichts
3.1.4 Heterogenität
3.2 Formen Offenen Unterrichts
3.2.1 Freiarbeit
3.2.2 Wochenplan
3.2.3 Lernwerkstatt
3.2.4 Stationenlernen
3.3 Problematik und Gefahren
3.4 Zwischenfazit

4. Lerntheke
4.1 Definitionsschwierigkeit
4.2 Einordnung der Lerntheke
4.3 Rahmenbedingungen
4.4 Lernplan
4.5 Aufgaben und Material
4.6 Rolle des Lehrers
4.7 Rolle der Schüler
4.8 Feedback
4.9 Eine Beispieltheke
4.9.1 Zuordnen
4.9.2 Arbeit mit dem Internet
4.9.3 Sinne ansprechen

5. Fazit

6. Anhang

7. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Die Institution Schule steckt im Wandel. Durch Veränderungen in der Gesellschafft unterliegt auch sie der Notwendigkeit ständiger Anpassung, Reflexion und Änderungen. Wurden damals noch Kompetenzen wie Fleiß und Ordnung von den Schülern verlangt, sind es heutzutage ganz andere Qualifikationen, nämlich Selbstständigkeit und freier Wille, die zählen. (vgl. Müller 2010, S. 10)

Um die Schüler/-innen[1] zu Individuen heranzuziehen, die in unserer modernen Gesellschaft bestehen können, muss die Schule Methoden und Formen finden, die darüber hinausgehen, dem Schüler nur Faktenwissen mitzugeben.

In den letzten beiden Jahrhunderten fanden in mehreren Ländern unabhängig voneinander verschiedene Reformbewegungen in der Pädagogik statt. In vielen Ländern, u.a. in Deutschland, den USA oder Russland gab es Vorreiter, die versuchten durch moderne offenere Schulkonzepte, Schule den neuen Anforderungen gerecht zu verändern. Diese innovativen Konzepte äußerten sich in vielfältigen Formen, sei es beispielsweise die Stärkung der freien Arbeit, einen weniger lehrerzentrierten Unterricht, Festigung des sozialen Miteinanders durch kooperatives Lernen oder auch kreative Formen wie den Werkstattunterricht oder den Wochenplan. (vgl. Aregger und Waibel 2009, S. 18-20)

In vielen Schulen, egal ob Grund-, Regel- oder Förderschule, wird der Unterricht immer offener gestaltet. Dabei stehen Lehrer natürlich vor großen und neuartigen Aufgaben, denn das gesamte Konzept, der gesamte Lehr-Lern-Prozess, muss umgestaltet werden. Durch die Fülle von Methoden und Möglichkeiten und die Ungenauigkeit des Begriffs Offener Unterricht, fällt es jedoch nicht jeder Lehrkraft leicht, sich darauf einzulassen.

Die vorliegende Arbeit setzt sich zunächst mit dem Begriff Offener Unterricht genauer auseinander. Es werden generelle Prinzipien herausgestellt um eine klare Definition zu finden, die einen Offenen Unterricht charakterisieren.

In einem zweiten Schritt werden die relevantesten Formen und Methoden Offenen Unterrichts herausgestellt. Der Großteil der Literatur beschreibt die Freiarbeit und den Wochenplanunterricht als bekannteste Formen. Hans-Jürgen Pitsch und Ingeborg Thümmel bilden in der folgenden Übersicht wesentliche offene Unterrichtsformen ab.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Pitsch und Thümmel 2011, S. 271

In dieser Arbeit soll die Lerntheke als eine offene Unterrichtsform, die noch nicht sehr verbreitet ist, im Fokus stehen. Sie soll beschrieben, analysiert und auf ihre theoretische Relevanz geprüft werden. Ziel dieser Arbeit ist es, herauszustellen, welchen Platz die Lerntheke als Unterrichtsform bzw. –methode im Offenen Unterricht einnimmt.

Zur weiteren Benutzung wird es eine Sammlung der wichtigsten Adressen geben, die den Einstieg mit und die Erstellung einer Lerntheke erleichtern können.

2. Schule im Wandel

„In einer Zeit, in der Fakten und Fachwissen jedem zugänglich und Informationen jederzeit abrufbar sind, in der die Halbwertzeit des Wissens in einigen Berufen mittlerweile lediglich ein bis zwei Jahre beträgt, sind heute andere Kompetenzen als noch vor fünf Jahren gefragt.“ (Müller 2010, S. 10)

Die Institution Schule muss vielen Aufgaben gerecht werden. Der Hauptauftrag lautet: Bildung und Erziehung der Lernenden zu Menschen im Sinne einer demokratischen Gesellschaft nach den im Grundgesetz festgeschriebenen Werten der Gleichheit, Freiheit und Achtung der menschlichen Person. (vgl. ThürSchulG §2, Abs. 1) Schule ist demnach nicht losgelöst als individuelles System zu betrachten, sondern als Bestandteil der gegenwärtigen Gesellschaft, der vorherrschenden Politik, der Kultur. Jede Gesellschaft ist in Bewegung. Als Teil dessen, ist auch Schule Veränderungen ausgesetzt. „Wenn kultureller Wandel eintritt, dann muss sich die Schule darauf einstellen.“ (vgl. Niggli 2000, S. 17) Besonders die heutige Zeit ist durch Beschleunigung gekennzeichnet. Ob in der Technologie, in der Forschung, im alltäglichen Leben: Was gestern noch neu und frisch und nützlich war, wird heute mitunter abgelöst von etwas Neuerem, Frischerem und Nützlicherem.

„Vieles ist in Fluss geraten, fertiges Wissen ist weniger gefragt. Die Schule ist deshalb herausgefordert, sich mit den neuen kulturellen Ansprüchen auseinander zu setzen. Wenn man nämlich immer nur vorgemacht oder vorgefertigte Verfahren und Lösungen gelernt hat, dann werden wesentliche Schlüsselqualifikationen, die heute im Alltag und in der Berufswelt gefordert sind, nicht entwickelt.“ (Niggli 2000, S. 19–20)

Alois Niggli beschreibt hier das Hauptproblem des allzu dominierenden geschlossenen Unterrichts. Er zeichnet sich vor allem durch den Frontalunterricht aus, durch Stillarbeit vorgefertigter Arbeitsblätter, durch eine starre Methodik der Lehrperson. Die Schüler sind angehalten, das Wissen aufzunehmen und bei Bedarf wiedergeben zu können. Es wird zu wenig auf verknüpfen der Wissenszusammenhänge und zu sehr auf das Beherrschen von Fakten gesetzt.

Die wohl bekannteste Form traditionellen, geschlossenen Unterrichts ist der Frontalunterricht. Er folgt dem immer gleichen Prinzip der Fragestellung durch den Lehrer, der darauffolgenden Antwort durch den Schüler und einer Kontrolle durch den Lehrer. In einem solchen Frage-Antwort-Spiel ist es natürlich sehr schwierig, den Schüler zum Nachfragen und Verstehen, zum eigenen Hervorheben von Problemen anzuregen. Ein Nachhaken ist in dieser konstruierten Sequenz gar nicht erwünscht. Hierbei ist es so, dass der Lehrer die meiste Arbeit hat. Er muss Arbeitsblätter erstellen, Aufgaben formulieren, die Zeit der Unterrichtsstunde mit einem Vortrag füllen, dementsprechend recherchieren, schreiben, planen und konzipieren.

„Die Lehrerkräfte arbeiten in aller Regel zu viel und die Schüler/innen zu wenig! [...] Die verbreitete Folge dieser ‚Hyperaktivität‘ [der Lehrkräfte; d.V.] ist, dass sich bei vielen Schülerinnen und Schülern über Gebühr Unsicherheit, Gleichgültigkeit, Oberflächlichkeit, Gedankenlosigkeit oder auch Bequemlichkeit einstellen.“ (Müller 2010, S. 7)

Es besteht die Gefahr, dass im Laufe der Zeit die Lehrperson in dieser Unterrichtskonzeption auf alt bewährte, methodische Mittel zurückgreifen kann, nach einigen Jahren Übung muss der Lehrer nichts mehr ändern und kann jedes Jahr denselben Unterricht halten. Dieses Phänomen mag vielen aus ihrer eigenen Zeit als Schüler in Erinnerung sein. Das Einzige aber, was wechselt sind die Schüler und ihre individuellen Einstellungen. Durch solch einen Automatismus fehlt der Bezug zum gegebenen Inhalt und seiner Bewertung. „Man weiß als Schüler/in nicht, welchen Sinn Lernbemühungen, Arbeitsanliegen, Inhalte haben, und man kann schon gar nicht die praktizierte Leistungsbeurteilung nachvollziehen.“ (Bönsch und Kaiser 2006 , S. 11)

Ein weiteres Problem des lehrerorientieren Unterrichts ist das Tempo. Das Lerntempo ist meist an einem Durchschnitt orientiert, das bedeutet unweigerlich, dass es Schüler gibt, die schneller oder langsamer lernen.

„Die Folge wird sein, dass abgebrochene, nicht in Gang gekommene und im Tempo verzerrte Lernprozesse schließlich zur Kumulation von Halb- und Nichtverstandenem führen. Man bezeichnet dies dann gern als Lernschwierigkeiten, sogar Lernbehinderungen, die als individuell verschuldet gesehen werden.“(Bönsch und Kaiser 2006, S. 115)

Manfred Bönsch und Astrid Kaiser sehen in einem schülerorientierten Unterricht deshalb die Möglichkeit, erfolgreichere Lernmöglichkeiten zu eröffnen. Der Offene Unterricht bietet die Möglichkeit für jeden Schüler in seinem eigenen Tempo voranzuschreiten. So wird das Problem des Nichtverstehens zumindest eingedämmt, wenn jeder seine Zeit bekommt, um das Thema zu verstehen.

Dennoch steht nicht zu Disposition, dass die traditionelle Art von Unterricht seine Berechtigung hat. Die Studie „Follow Through“ hat erwiesen, dass der traditionelle Unterricht im direkten Vergleich mit dem Offenen Unterricht vor allem bei der Entwicklung von kognitiven Fähigkeiten wirksamer ist. (vgl Haddox, 1992)

„Die Nachteile des Gruppenunterrichts sind hinreichend bekannt, doch ein völliger Verzicht auf diese Sozialform ist weder möglich noch wünschenswert. Viele Informationen werden am besten der ganzen Gruppe übermittelt, zentrale Sachverhalte allen Schülern erklärt, veranschaulicht oder demonstriert, Arbeitsaufträge allen Schülern gestellt, und eine lebendige Diskussion fordert auch das Anregungspotential der ganzen Lerngruppe.“ (Becker 1997, S. 108)

Der geschlossene Unterricht bringt einen größeren kognitiven Lernerfolg mit sich, problemlösende Aufgaben allerdings oder die Vernetzung von Wissen lassen sich in einem offenen Unterricht besser umsetzen. (vgl. Niggli 2000, S. 29-33)

Es ist wichtig, zu beachten, dass kein Konzept dem Anderen unterliegt. Sie sind gleichwertig und haben beide ihre Berechtigung.

„Für erfolgreiches selbstständiges Lernen sind komplexe individuelle Voraussetzungen notwendig, über welche die Lernenden nur in Ausnahmefällen tatsächlich verfügen. Es sind dies beispielsweise die Bedeutung bereichsspezifischen Vorwissens zum Lernstoff, Motivation und Interesse, die Verfügung über Lern- und Problemlösestrategien und Selbstwirksamkeitsüberzeugungen. [...] Es geht somit nicht ohne Lenkung wie Ermutigen, Korrigieren, Motivieren, ja sogar bis zum systematischen Unterrichten.“ (Niggli 2000, S. 128–129)

Tatsache ist, dass vor allem der Schüler mit seinen Bedürfnissen, Motivationen und Voraussetzungen beachtet werden muss. Denn „…durch einen Unterricht, der die Lernvoraussetzungen der Schüler unberücksichtigt lässt, werden Schulunlust und Schulmüdigkeit erzeugt oder verstärkt.“ (Becker 1997, S. 16)

3. Offener Unterricht

Was genau macht Offenen Unterricht aus? Im Folgenden wird versucht, Formen und Prinzipien darzustellen, um am Ende eine klare Definition zu finden, die diese Unterrichtsform als eigenständiges Unterrichtsprinzip beschreibt.

3.1 Versuch einer ersten Definition

Nach Falko Peschel – einem kritischen Beobachter und Vertreter des Offenen Unterrichts – ist Offener Unterricht durch „größere Wahlmöglichkeiten bzw. Freiheiten der Kinder im Gegensatz zu sonst üblichen frontalen Unterrichtsformen [gekennzeichnet; d.V.]. Dieser Begriff von ‚Freiheit‘ definiert in der Regel Tätigkeiten eben dann als frei, wenn sie nicht direkt vom Lehrer angewiesen werden, sondern diese Anweisung indirekt durch einen Plan oder eine Zusammenstellung von Arbeitsmitteln erfolgt.“ (Peschel 2010, S. 8)

Diese erste Definition ist noch sehr allgemein, soll aber als Vorüberlegung und für die folgende Ausarbeitung genereller und spezifischer Prinzipien zunächst genügen.

Was passiert bei der Öffnung des Unterrichts? Nach Michael Göhlich vollzieht sich die Öffnung auf mehreren als nur einer Ebene. Es geht um räumliche, personelle, emotionale und zeitliche Faktoren. (vgl. Göhlich 1997, S. 79-80) Kurt Aregger und Eva M. Waibel stellen in ihrer Monographie ebenfalls Punkte zusammen, welche genau beschreiben, auf welchen Dimensionen die Öffnung des Unterrichts stattfindet und was dies bewirken soll.

„Genannt werden:

- die Erhaltung und Steigerung der intrinsischen Motivation (infolge der Berücksichtigung der Bedürfnisse der Kinder),
- eine Demokratisierung der Schule (als Folge der Partizipation der Kinder an Entscheidungsprozessen),
- handelndes und entdeckendes Lernen,
- Entdecken von Zusammenhängen in der Realität (durch die natürlichen Erfahrungen in der Auseinandersetzung mit der Umwelt),
- Entwicklung von sozialer Kompetenz (initiiert durch die Kooperation mit den anderen Kindern),
- Steigerung des selbstgesteuerten Lernens,
- Verhinderung von Über- und Unterforderung,
- Einbezug veränderter Lernvoraussetzungen der Kinder,
- ganzheitliches Lernen
- sowie die Förderung von Persönlichkeitsmerkmalen und Schlüsselqualifikationen wie Kreativität, Problemlösefähigkeit, Kommunikationsfähigkeit, Selbstständigkeit, Selbstwertgefühl, Selbstverantwortung, Kooperationsbereitschaft, Flexibilität von Wissen und Fertigkeiten.“ (Aregger 2009, S. 79)

Trotz dieser durchaus relevanten und nützlichen Zielvoraussetzungen ist die Öffnung des Unterrichts mit großen Schwierigkeiten verbunden. Das Unterrichtsgeschehen ist generell schwer planbar, da mit Menschen zusammengearbeitet wird und diese unerwartete Impulse einfließen lassen können. Im Offenen Unterricht ist diese Unvorhersehbarkeit noch größer. Es ist wichtig, trotz aller Öffnung klare Regeln einzuführen und dieses am besten mit den Schülern zusammen. „Sie bieten eine gemeinsame Orientierung in einem zunächst unbekannten Terrain.“ (Drews 2002, S. 111)

Um eine noch stärkere und sicherer Orientierung im Umgang mit Offenen Unterricht zu gewährleisten, werden im Folgenden weitere Prinzipien und Dimensionen beschrieben, die bei der Öffnung des Unterrichts eine Rolle spielen.

3.1.1 Rolle des Lernenden

„Was der Schüler sich nicht selbst erarbeitet und erwirkt hat, das ist er nicht und das hat er nicht.“ (Müller 2010, S. 7) Dieser einfache Leitfaden beschreibt die Wirkung Offenen Unterrichts sehr treffend. Es geht also darum, dass der Schüler selbst tätig wird. Vom Objekt, welchem Wissen vermittelt wird, soll es zum Subjekt seiner eigenen Handlungen, Interessen und Probleme und so zu einem erfolgreich lernenden Individuum werden. „Die verschiedenen Teilkonzepte offenen Unterrichts [...] fordern Schüler/innen geradezu heraus, sich selbst etwas vorzunehmen, Interesse zu entwickeln, selbst etwas für wichtig zu halten.“ (Bönsch und Kaiser 2006, S. 13) Genau um diese Verschiebung geht es in der großen Diskussion um Offenen Unterricht und der traditionellen Pädagogik. Das lernende Kind ist in einem offen angelegten Unterricht Mitbestimmer des Lernstoffes und somit handelndes Subjekt. In der traditionellen Pädagogik hingegen, werden Schüler zum Zuhören und Nachmachen angehalten. Der Lehrer bestimmt den Inhalt und wie er ihn vermittelt.

3.1.2 Rolle der Lehrperson

Der Lehrperson fällt eine komplett neue Rolle zu. Im Offenen Unterricht geht es nicht mehr um den Lehrer, er ist nicht mehr die Person, die vorne steht, das Wissen ‚hat‘ und es in einem Vortrag oder durch Fragen den Schülern ‚gibt‘. Der Lehrer ist Teil des Lehr-Lern-Prozesses. Denn in einem schülerorientierten Unterricht, kann es passieren, dass Schülern in einem bestimmten Thema über mehr Vorwissen verfügen, als der Lehrer selbst. Dabei sollte die Lehrperson nicht davor zurückschrecken, das eigene Nicht-Wissen zu veröffentlichen und mit zu lernen.

Die Lehrperson stellt Materialien zur Verfügung, sie steht vor allem beratend zur Seite, soll motivieren. Das erfordert eine hohe fachliche und methodische Flexibilität, aber auch emotionale Kompetenzen sind gefragt. Der Lehrer muss Schülervoraussetzungen einschätzen können, um jeden auf seinem Niveau zu erreichen.

Eine weitere Veränderung der Lehrerrolle vollzieht sich auf der Ebene der Unterrichtsvorbereitung. Eine Unterrichtsstunde kann nicht mehr mit einem festen Zeitplan und dem abzufragenden Inhalt geplant werden. Wie solch eine Planung bzw. Vorbereitung genau aussehen kann, wird in Kapitel 4 an dem Beispiel der Lerntheke genauer beschrieben. Zu beachten ist jedoch, dass jede Unterrichtsform und –methodik natürlich einer individuellen Planung und Vorbereitung nah an den Voraussetzungen der Schüler bedarf.

Ein weiterer Bestandteil, den Göhlich für eine erfolgreiche Öffnung des Unterrichts hervorhebt, ist das interdisziplinäre Unterrichtsteam. Es ist nicht mehr nur ein Lehrer, der sich allein um alle Schüler kümmert. Ein fachübergreifendes Pädagogenteam verringert das Risiko, bestimmte Schüler zu wenig zu beachten. Der Betreuungsschlüssel wird kleiner und jeder kann sich intensiver um Aufgaben und Lernvoraussetzungen kümmern. (vgl. Göhlich 1997, S. 79–80)

Schließlich ist es überaus wichtig, dass der Lehrer die Abläufe während des Unterrichtsgeschehens, sowie Vor- und Nachbereitung der Unterrichtseinheiten, vor allem aber sein eigenes Verhalten, Einstellungen und Zielvorstellungen immer wieder reflektiert. Selbstreflexion ist besonders bedeutsam für einen erfolgreichen Offenen Unterricht. Tritt die Lehrperson zwar als eher passive Figur in den Hintergrund, so ist es doch sie, die verantwortlich ist für das Material, die Umgebung, die Motivation und damit für das erfolgreiche oder missglückte Lernen des Schülers.

„Für den Lehrer/ die Lehrerin ist ein wichtiger Analysepunkt der Vergleich von Planung und Realisierung. Wenn man die Planung als das ‚wünschenswerte Soll‘ ansieht, ist es nach jeder Unterrichtsstunde interessant zu fragen: Was hat die entsprechende Realisierung verhindert, warum sind welche Phasen anders gelaufen, wo war die Planung an den Schüler/-innen vorbeikonzipiert und warum?“ (Bönsch und Kaiser 2006, S. 71)

3.1.3 Veränderung des Unterrichts

Nach einer Definition von Bönsch und Kaiser ist „Unterricht […] eine Veranstaltung, die bei Lernenden Lernen bewirken soll. […] Ausgeschlossen sind Auffassungen, nach denen es primär um die Vermittlung von Unterrichtsinhalten geht oder nach denen sich ein Lehrender ‚produziert‘. Alle Bemühungen der Vermittlung (inhalts- oder personenorientiert) gewinnen ihre Legitimation nur in bezug auf die damit realisierten Lernprozesse.“ (Bönsch und Kaiser 2006, S. 61) Der Unterricht muss sich also grundlegend verändern. Neben der Loslösung vom Frontalunterricht gibt es kein starres 45-Minuten Zeitfenster für Lernen auf Knopfdruck. Wurden vorher in 45 Minuten bei einem bestimmten Lehrer ein bestimmtes Fach unterrichtet, so gestalten sich die Unterrichtseinheiten im Offenen Unterricht freier, mitunter ist die Zeit für den Schüler komplett selbst steuerbar. Auch für die Lehrperson ist dies eine günstige Entwicklung, denn in nur 45 Minuten lassen sich viele Unterrichtsmethoden gar nicht realisieren. Außerdem wird durch die Öffnung ein fachübergreifendes und somit vernetzendes Lernen möglich. Der Schüler muss nun nicht mehr sechs verschiedene Fächer und Inhalte am Tag lernen, sondern kann sich an einem Thema mehrere Aspekte über den Tag verteilt aneignen. (vgl. Becker 1997, S. 82-83)

Dem Lehrer fällt in diesem Konzept die Aufgabe zu, die Lernumgebung vorzubereiten, sprich Materialien zu erarbeiten, Inhalte zu erfragen, Plätze und Motivationen zu schaffen und verschiedenste Möglichkeiten für die Schüler bereitzustellen. Idealerweise ist das Klassenzimmer barrierefrei, hat feste Arbeitsplätze für die Schüler, eventuelle Ruhezonen, Regale für die Materialien etc.

„Schule versteht sich je länger je mehr als Ort, wo selbstverantwortlich gelernt wird. [...] Dies ist nur möglich, wenn vielfältige Lernformen zur Verfügung stehen. Konkret handelt es sich dabei um arrangierte Lernumgebungen. Schülerinnen und Schüler finden Lernmaterialien vor, die sie nutzen können und die es ihnen ermöglichen, eigene Wege zu gehen.“ (Niggli 2000, S. 9)

Es gibt also verschiedenste Methoden, um den Unterricht offen zu gestalten. Wichtig ist eine Atmosphäre, die zum Lernen einlädt, die die Schüler anhält sich mit einer Problemstellung auseinandersetzen zu wollen. Während Niggli dies als arrangierte Lernumgebung beschreibt, übernimmt Birger Siebert den Unterricht als Raum, der Lernanlässe schafft: „Er kann das Lernen nicht vorbestimmen, sondern nur initiieren.“ (Siebert 2006, S. 216)

[...]


[1] Im weiteren Verlauf dieser Arbeit wird, aufgrund der besseren Übersichtlichkeit, auf die Nennung der femininen Formen verzichtet und nur die maskuline Form gebraucht. Diese schließt trotzdem alle Schülerinnen und Lehrerinnen mit ein.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Die Lerntheke als Einstieg in den Offenen Unterricht
Hochschule
Universität Erfurt  (Erziehungswissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
Förderpädagogik
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
34
Katalognummer
V282540
ISBN (eBook)
9783656841401
ISBN (Buch)
9783656841418
Dateigröße
2070 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
lerntheke, einstieg, offenen, unterricht
Arbeit zitieren
Michelle Koppe (Autor), 2013, Die Lerntheke als Einstieg in den Offenen Unterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/282540

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