Affektives Schauspiel und die Performance von Männlichkeit. Tom Cruise als Frank T.J. Mackey


Hausarbeit, 2014
17 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Tom Cruise und die Psychologie seiner Persona

III. Der Film Magnolia

IV. Cruise spielt Frank
1. Die Einführung der Figur
2. Cruise‘ affektives Schauspiel
3. Der schauspielerische Bruch
4. Cruise als Ko-Autor der Inszenierung

V. Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

I. Einleitung

Als ich mich im Rahmen meines Studiums mit dem Konzept des affektiven Schauspielers auseinandergesetzt habe, wurde mir die Tragweite dieser neuartigen Perspektive bewusst. Nicht nur das Theater hatte sich zunehmend der konventionellen Dramenstruktur entsagt, auch der Schauspieler musste sich im Proben- und Aufführungsprozess auf neue Spielbedingungen einstellen. Das Ergebnis dieser postdramatischen Entwicklungen ist auf den internationalen Bühnen von heute zu sehen. Die Spielpläne kombinieren bekannte Stücke des Theaterkanons mit neuartigen Performancewerken, es entstehen Stücke mit intermedialen Ansprüchen und auch Improvisationstheater wird immer häufiger aufgeführt. Im Zentrum der ästhetischen und inhaltlichen Veränderungen steht der Schauspieler. Er ist derjenige, der die wechselnden Theaterprogramme „verkörpern“ muss. Die Vielfalt der zu spielenden Figuren und die entsprechenden Probenprozesse verlangen neue Herangehensweisen; die immanenten Gefühle und Emotionen können nicht mit ein und demselben Spielmuster erarbeitet und dargestellt werden: „Kurzum, die performative Wende impliziert eine körperliche und affektive Wende.“1

Die vorliegende Arbeit greift den Gedanken des affektiven Schauspielers auf und bettet ihn in den Diskurs des Filmschauspiels ein. Zwar hat die Postdramatik keinen direkten Einfluss auf filmisches Schauspiel, sehr wohl ergeben sich aber auch in diesem Kontext Fragestellungen zu den Prozessen der Affektdarstellung. Die Arbeit soll zeigen, dass die Theorien des affektiven Schauspielers auch beim Filmschauspieler und seinen ganz eigenen Herausforderungen greifen.

Im speziellen wird Tom Cruise Rolle in P.T. Andersons Magnolia untersucht. Tom Cruise erachte ich für diese Arbeit als sehr dienlich, da seine Rollen, Persona und seine Biographie medial hinreichend untersucht und in Zusammenhang gesetzt wurden. Zum anderen ist seine Rolle in Magnolia von bemerkenswerter Konzeption. In keiner anderen Rolle wird Männlichkeit und Chauvinismus derartig vermengt und gleichzeitig eine dreidimensionale Figur mit tiefsitzenden Wunden geschaffen. Ziel der Arbeit ist demnach Tom Cruise als affektiven Schauspieler in seiner Darstellung des Frank T.J. Mackey zu analysieren und adäquate Literatur des Männlichkeitsdiskurses hinzuzuziehen. So soll ein rundes Analysebild mit interdisziplinärem Ansatz entstehen.

II. Tom Cruise und die Psychologie seiner Persona

Für seine schauspielerische Arbeit und Figurenentwicklung ist Tom Cruise Biographie und seine Persona von entscheidender Bedeutung. Cruise wurde 1962 in New York geboren und absolvierte mit 19 Jahren bereits Schauspielerrollen von renommierten Regisseuren wie Francis Ford Coppola. Es ist sicherlich kein Zufall, dass Anderson Tom Cruise für die Rolle des T.J. Mackey ausgewählt hatte. Nachdem Cruise jedoch mit Hauptrollen „verwöhnt“ worden war, stellt sich die Frage weshalb er einer bloßen Episodenrolle zugesagt hatte. Wie ich noch zeigen werde, lag sein Interesse und schauspielerischer Reiz v.a. in den Gestaltungs- und Variationsmöglichkeiten der Figur.

Betrachtet man die Figuren, die Cruise bis zu den Dreharbeiten an Magnolia verkörperte, wird ein System evident: Ob als Ethan Hunt in Mission Impossible oder als Maverick in Top Gun - die meisten seiner Figuren sind von Narzissmus geprägte Männer, die für das Erreichen ihrer Ziele hart durchgreifen und sich in gefährliche Situationen begeben. Ihnen alle liegt das Bild eines harten, athletischen und unemotionalen (oder besser: emotional unreifen) Mann zugrunde.2

Hans-Christian Mennenga sieht noch einen komplexeren psychologischen Zusammenhang. Er attestiert Cruise Heldenfiguren einen präödipalen Status, d.h. seine Figuren haben den Ödipuskomplex nicht überwunden und sind in der Konsequenz dem „mütterliche[n] Gesetz“3 unterworfen. Praktisch bedeutet das eine überstarke Mutter- Bindung und ein konfliktbehaftetes Verhältnis mit dem Vater. Die Herleitung ergibt sich wie folgt:

Freuds Beobachtungen an sich selbst und seinen Patienten führen ihm zum Entschluss, dass jeder Junge einen psychosexuellen Komplex durchlebt, der sich im Kindesalter entwickelt und im Wunsch ausdrückt, die Mutter als Objekt der Begierde zu besitzen und gleichzeitig den Vater (als Konkurrenten) auszuschalten. Als „Inspiration“ für die Benennung dieses Komplexes dient Freud der Mythos von König Ödipus, der unwissentlich seine Mutter schwängert, den Vater ermordet und sich nach der dramatischen Erkenntnis über seine Tat das Augenlicht nimmt. Mennenga erklärt Freuds Schlussfolgerung, dass der Junge aus dieser „ungünstigen Konstellation nur wieder heraus komme, wenn er akzeptiere, dass die Mutter dem Vater gehöre. Er müsse sich mit ihm identifizieren, statt ihn als Rivalen zu betrachten, und seine Libido von der Mutter abziehen, um sie auf andere Objekte richten zu können.“4 Ansonsten kann es zu „mangelhafter Subjekt-Abgrenzung und zu Selbstzerstörungen“5 kommen.

Zwei Faktoren beeinflussen die Überwindung des Ödipuskomplexes: Zum einen sind es die „sozial- und kulturgeschichtlichen Transformationen um 1970“6, deren Wirkungen bis heute andauern: Die gesellschaftliche Tendenz der Postmoderne zum „Narzissmus, Hedonismus und Masochismus als emanzipierte Muster der Subjektivation“7 und ihre Affirmation in Kunst und Kultur. Mit anderen Worten: Die Ich-Werdung geschieht zunehmend durch (u.a. medial generierte) hedonistische Lebensansätze, die das Ich in den Mittelpunkt stellen und Erziehungsnormen und gesellschaftliche Werte, wie familiärer Zusammenhalt, relativieren. In Bezug auf die präödipale Phase bedeutet das die Möglichkeit einer (wohlgemerkt unnatürlichen!) Objektverschiebung von der Mutter auf z.B. Status- und Machtsymbole - all das, was den gesellschaftlich geformten Narzissmus eben unterstützt. Der Narzissmus ersetzt die Überwindung des Ödipuskomplexes, das eigene Ich und die Anhäufung narzisstischer Zufuhr wird zum Objekt der Begierde.

Der andere entscheidende Faktor ist die Vaterfigur. Sie ist für den Identifikationsprozess und damit für die Abkehr von der Mutter als Libido-Objekt so essentiell. Fehlt diese Vaterfigur, verharrt das Kind im präödipalen Status. Mennenga bringt es wie folgt auf den Punkt:

Das Cruise‘sche Heldensubjekt steht hier für eine verbreitete Form von Männlichkeit in der Postmoderne, die durch ihren narzisstisch-hedonistischen Lifestyle den Vaterverlust und die daraus resultierende Orientierungslosigkeit kompensiert und dennoch darunter leidet, dass es ihr unmöglich ist, sich mit dem fehlenden bzw. schwachen Vater auseinanderzusetzen.8

Um die Manifestation dieser psychologischen Komplexität in Cruise‘ Figur zu verstehen, ist es wichtig die Rolle in den Kontext der Filmhandlung einzubetten.

III. Der Film Magnolia

Episodisch werden in über 180 Minuten 24 Stunden aus dem Leben von neun Personen erzählt. Sie alle haben eines gemeinsam: Schmerz, Trauer, Wut und Schuld aufgrund verdrängter Konflikte in Beziehungen und in der Familie. Zum Schluss wird klar, dass sich all ihre Lebenswege bereits gekreuzt haben. Frank T.J. Mackeys Handlungsstrang sieht dabei wie folgt aus:

Der im Sterben liegende Earl Partridge bittet seinen Pfleger Phil nach seinem Sohn Frank zu suchen. Sie hätten sich jahrelang nicht gesehen. Frank T.J. Mackey ist inzwischen ein exaltierter Sex-Guru, der in Seminaren frustrierten Männern mit Formeln wie „Respektiert den Schwanz und zähmt die Fotze“ Hilfestellungen gibt. Nach einem seiner Auftritte wird er von einer Fernsehmoderatorin interviewt, die ihm Fragen zu seiner familiären Vergangenheit stellt. Frank behauptet, sein Vater sei gestorben, mit seiner Mutter jedoch habe er ein gutes Verhältnis. Doch die Moderatorin reagiert prompt: Ihre Recherchen ergaben, dass Franks Mutter Lilly Mackey 1980 an Krebs gestorben ist und sein Vater Earl sie zuvor betrogen und schließlich Frau und Sohn verlassen hatte. Es war Frank, der sich um sie kümmern und beim Sterben zusehen musste. Frank wird schlagartig ruhig, weigert sich weitere Fragen zu beantworten und verlässt aggressiv-wütend den Raum.

Indessen versucht Phil unermüdlich Frank zu erreichen. Er gelangt schließlich an seine Assistentin, die Frank den Anruf weiterleitet. Dieser lehnt ein Besuch beim todkranken Vater erst ab, erscheint später dann doch. Er traut sich eine Weile nicht ans Sterbebett, überwindet sich und bricht schließlich mit den Worten „Ich hasse dich. Ich hasse dich du mieses Arschloch“ zusammen. Am Tag danach - Earl ist in dieser Nacht gestorben - fährt er zu seiner Schwester, die nach einem Unfall ins Krankenhaus gebracht wurde. Damit endet Cruise‘ Episode.

IV. Cruise spielt Frank

1. Die Einführung der Figur

Unter filmsemiotischer Betrachtung ist die Einführung einer Figur, d.h. die ersten Sekunden und Minuten ihrer screen time entscheidend. Sie generiert vom ersten Moment an Bedeutung bzgl. Aussehen, Charakter und Sympathie.

[...]


1 Wolf-Dieter Ernst, Der affektive Schauspieler - Die Energetik des postdramatischen Theaters (Berlin: Theater der Zeit, 2012), 12.

2 Man vergleiche die Cruise-Helden von Top Gun (1986), Days of Thunder (1990) oder Cocktail (1988), die narzisstische Zufuhr durch die Bewunderung von Männern und Frauen erfahren, jeglichem emotionalem Ernst jedoch aus dem Weg gehen. Selbst in den neusten Filmen, wie Oblivion (2013) herrscht das Prinzip oberflächlicher Gefühlsbeziehungen vor.

3 Hans-Christian Mennenga, Präödipale Helden - Neuere Männlichkeitsentwürfe im Hollywoodfilm. Die Figuren von Michael Douglas und Tom Cruise. (Bielefeld: transcript, 2011), 201.

4 Hans-Christian Mennenga, Präödipale Helden - Neuere Männlichkeitsentwürfe im Hollywoodfilm. Die Figuren von Michael Douglas und Tom Cruise, 27.

5 http://www.diepold.de/barbara/diagnostische_einschaetzung.pdf [aufgerufen am 07.06.2014].

6 Mennenga 21.

7 Mennenga 24.

8 Mennenga 210.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Affektives Schauspiel und die Performance von Männlichkeit. Tom Cruise als Frank T.J. Mackey
Hochschule
Universität Bayreuth
Veranstaltung
Grundbegriffe und Methoden der Analyse von Inszenierungen II
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
17
Katalognummer
V283018
ISBN (eBook)
9783656825470
ISBN (Buch)
9783656839019
Dateigröße
806 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tom Cruise, P.T. Anderson, Rolle, Persona, Schauspiel, Affekt, Schauspieltechnik, Performance, Männlichkeit, Gender, affektiver schauspieler, Psychologie
Arbeit zitieren
Alexander Löwen (Autor), 2014, Affektives Schauspiel und die Performance von Männlichkeit. Tom Cruise als Frank T.J. Mackey, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/283018

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