Die "Schwabinger Krawalle". Ein Wendepunkt der polizeilichen Einsatztaktik im Protestgeschehen der 1960er Jahre?


Masterarbeit, 2014

118 Seiten, Note: 12,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Abkürzungsverzeichnis

II. Archivquellen

III. Vorwort

1. Einleitung
1.1 Themendarstellung mit Untersuchungsfragestellung
1.2 Methodik
1.3 Forschungsstand

2. Hauptteil
2.1 Die Rahmenbedingungen
2.1.1 Politik und Gesellschaft
2.1.1.1 Westdeutschland in den 60er Jahren
2.1.1.2 Der Blick nach München
2.1.2 Protestklima in der BRD nach dem Zweiten Weltkrieg
2.1.2.1 Jugendkultur
2.1.2.2 Die "Halbstarken-Krawalle"
2.1.2.3 Proteststadt München?
2.1.3 Die Entwicklung der bundesdeutschen Polizei
2.1.4 Die Münchner Stadtpolizei Anfang der 60er Jahre
2.1.4.1 Ihre Entstehung nach
2.1.4.2 Die Ausbildung
2.1.4.3 Kultur und Stellung in der Gesellschaft
2.1.4.4 Der Umgang mit Protest und Menschenmassen
2.2 Zwischenergebnis - Erklärungsansätze für die Entstehung der "Schwabinger Krawalle"
2.3 Die "Schwabinger Krawalle"
2.3.1 Der Ablauf der Ereignisse
2.3.2 Wirkmechanismen
2.3.3 Nachbetrachtungen
2.4 Konsequenzen aus den "Schwabinger Krawallen"
2.4.1 Die Stadtpolizei München unter Polizeipräsident Schreiber
2.4.2 Der Psychologische Dienst
2.4.3 Die Entstehung der "Münchner Linie"
2.4.4 Änderungen in der Aus- und Fortbildung
2.5 Einfluss der Konsequenzen auf die Einsatztaktik der Münchner Polizei
2.5.1 Das Sonderkommando "Schwabing"
2.5.1.1 Relevante Entwicklungen und Hintergründe
2.5.1.2 Der Ablauf des Einsatzes
2.5.1.3 Rückschlüsse
2.5.2 "Rolling Stones" Konzert
2.5.2.1 Relevante Entwicklungen und Hintergründe
2.5.2.2 Der Ablauf des Einsatzes
2.5.2.3 Rückschlüsse
2.5.3 Der Schah-Besuch
2.5.3.1 Relevante Entwicklungen und Hintergründe
2.5.3.2 Der Ablauf des Einsatzes
2.5.3.3 Rückschlüsse
2.5.4 Die Osterunruhen
2.5.4.1 Relevante Entwicklungen und Hintergründe
2.5.4.2 Die Ereignisse von Gründonnerstag bis Ostersonntag
2.5.4.3 Der Ablauf des Einsatzes am Ostermontag
2.5.4.4 Rückschlüsse
2.5.5 Der Blick in andere Bundesländer am Beispiel des Schah-Besuchs in Berlin

3. Fazit mit einem Blick auf die Gegenwart

IV. Literaturverzeichnis

I. Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

II. Archivquellen

Die Verweise auf Archivquellen erfolgen in dieser Arbeit anhand von Fußnoten. Diese setzen sich wie folgt zusammen:

1. Archivbezeichnung:

- BayHStA (Bayerisches Hauptstaatsarchiv)
- StAM (Staatsarchiv München)

2. Findbuch:

- Polizeidirektion München ab 1945
- Präsidium der Bereitschaftspolizei
- MInn (Bayerisches Staatsministerium des Innern)

3. Numerische Signatur der Akte (ggf. mit Aktenabschnitt)

4. Genaue Dokumentenbezeichnung, ggf. mit Seitenzahl oder Blattnummer

Beispiel:

BayHStA, Präsidium der Bereitschaftspolizei, 232 - Abschnitt BayBP: Schreiben des PP Dr. Schreiber vom14.06.1967 an das Landesamt der Bayerischen Bereit- schaftspolizei: Staatsbesuch des Iranischen Kaiserpaares in der Landeshauptstadt München vom 31.Mai - 2. Juni 1967; hier: Erfahrungsbericht des Polizeipräsidi- ums München vom 12.06.1967. S. 3.

III. Vorwort

Ein Geschichtsinteresse mag anfänglich auf die bekannte Gemütlichkeit zurückzuführen sein, die entsteht, wenn man Erzählungen aus der Vergangenheit lauscht oder entsprechende Berichte liest (Goertz 1995, 10). Bei vielen bleibt der Bezug zu dieser Materie jedoch auf dieser Stufe stehen, in dem Bewusstsein darüber, dass man vergangene Ereignisse und daraus resultierende Entwicklungen nicht mehr rückgängig machen kann. Dieser Denkweise ist zunächst einmal nichts entgegen zu setzen, im Gegenteil: Das Bewusstsein darüber, dass gegenwärtige politische, gesellschaftliche oder auch persönliche Situationen letztendlich eng mit der unveränderbaren Geschichte verbunden sind, kann durchaus eine gewisse Unbehaglichkeit aufgrund der bestehenden Abhängigkeiten hervorrufen. Doch gerade diese Abhängigkeiten gilt es bewusst zu überwinden, indem wir die Vergangenheit auch als Lehrstück betrachten und daraus Erkenntnisse für unser zukünftiges Handeln ziehen (Goertz 1995, 14-15). Zur Verdeutlichung dieses Gedankens darf der Verfasser die Zeit des Nationalsozialismus als mahnendes Beispiel anführen: Lange Zeit hat sich die deutsche Gesellschaft davor verschlossen, ihre tatsächliche Rolle und Funktion in dieser Epoche zu hinterfragen, zu erzählen und zu interpretieren. Insbesondere die deutsche Polizei trug in diesem Zusammenhang eine unsichtbare Last mit sich, die erst vor einigen Jahren historisch aufbereitet wurde (Goertz 1995, 16-17).[1]

Bei Betrachtungen der deutschen Polizeigeschichte nach 1945 können einerseits wichtige Erkenntnisse über die Entwicklung und Veränderung von staatlicher Gewaltausübung in einer westlichen Demokratie gewonnen werden. Andererseits kann die Polizei in ihrer Funktion im demokratischen Rechtsstaat ebenso als Nahtstelle zwischen Staat und Gesellschaft betrachtet werden - ein Umstand, der somit gesellschaftliche und politische Wandlungen sowie deren Wechselwirkungen auch in dieser Institution sicht­bar wider spiegelt (Weinhauer 2003a, 11). Gerade die 1960er Jahre bilden als Übergang zwischen dem Festhalten an alten Traditionen in den 1950ern und dem Beginn einer neuen sicherheitspolitischen Ausrichtung in den 1970ern einen diesbezüglich ereignisreichen Zeitraum, sowohl für die Gesellschaft als auch für ihre Polizei (Weinhauer 2003a, 19).

Als der Verfasser begann, sich als Polizeibeamter mit der Vergangenheit der eigenen Organisation zu beschäftigen, führte dies bereits nach kurzer Zeit dazu, die eigene Berufsrolle und damit zusammenhängenden Einstellungen und Handlungsweisen kritisch zu reflektieren. Dies ist ein Umstand, der scheinbar häufig als interessanter Nebeneffekt auftritt, sobald man sich der Geschichte widmet (Goertz 1995, 7). Grundsätzlich ist bei historischen Arbeiten der Anspruch auf eine wissenschaftlich redliche Darstellung zu legen, und die Vorgänge so objektiv, wie möglich, zu interpretieren. Dazu ist es notwendig, die eigene Betroffenheit in Bezug auf das Thema offenzulegen, als Forscher darüber zu reflektieren und dies genau zu dokumentieren (Goertz 1995, 139).

In den Darstellungen dieser Arbeit geht es nicht um die Kritik an damaligen Vorgehensweisen, Entscheidungen und Strukturen, die aus rückblickender Sicht nur allzu leicht getätigt werden könnte. Vielmehr sollen die Ausführungen den Leser entsprechende Geschehnisse und Entwicklungen aus der Vergangenheit, sowie deren Ursachen erfassen und verstehen lassen. Dies ist nicht zuletzt auch deswegen wichtig, um daraus Rückschlüsse für die Gegenwart und Zukunft ziehen zu können (Ziegler 2004, 2).

1. Einleitung

1.1 Themendarstellung mit Untersuchungsfragestellung

Aufgrund entsprechender Forschungsansätze besteht inzwischen ein Bewusstsein darüber, dass sich die Funktion und Position der Polizei nicht ausschließlich über deren Stellung als staatliche Behörde definiert. Sie hat ihren festen und aktiven Platz weitaus darüber hinaus in den offenen und latenten Auseinandersetzungen auf politischer und gesellschaftlicher Ebene, auf der die Berechtigung ihres Gewaltmonopols immer wieder aufs Neue kritisch geprüft und in Frage gestellt wird (Lüdtke/Sturm 2011, 13-14). Im Jahre 1968 stellte der evangelische Pfarrer Klaus Harms in einer Studie über Verhalten und Aufgabe der Polizei deren Mittler- und Schutzfunktion im Rahmen einer gelebten Demokratie heraus. Die konträren und notwendigen, aber friedlich auszutragenden Meinungsverschiedenheiten, die ins- besondere in Form von Demonstrationen in der Öffentlichkeit ausgetragen werden, fallen somit in die Obhut der Polizei (Harms 1968, 16). Um diese Erkenntnis jedoch zu erlangen, bedurfte es einschneidender Einsatzerfahrungen Ende der 1960er Jahre, die am Anfang dieses Jahrzehnts noch in keinster Weise abzusehen waren. In dieser Zeit war Westdeutschland politisch von einer inneren Stabilität geprägt, die kaum Raum für eine intensive Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit der jungen Republik ließ. Zu sehr war das von restaurativen Tendenzen geprägte Hauptaugenmerk der Politik am aktuellen wirtschaftlichen Aufschwung orientiert, als dass man sich mit den dunklen Schatten jener Epoche beschäftigt hätte, die einst zu einer globalen Katastrophe ungeahnten Ausmaßes geführt hatte (Ellwein 1989, 7).

Bereits in den 1950er Jahren war eine immer stärker zunehmende Einbindung der Bundesrepublik Deutschland in die westliche Welt erfolgt. So gestatteten die Siegermächte Bund und Ländern die erneute Bildung von paramilitärischen, geschlossenen Polizeiverbänden, um selbstständig gegen mögliche Bürgerkriegsszenarien vorgehen zu können (Schulte 2003, 102-106). Von bürgerkriegsähnlichen Zuständen schien die westdeutsche Gesellschaft jedoch weit entfernt. Lediglich in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre richtete sich ein Teil der westdeutschen Jugend in Form der sog. "Halbstarken-Krawalle" provokativ konträr gegen bestehende gesellschaftliche Normen (Bracke 2004, 1). Anfang der 1960er Jahre war jedoch von diesem Protestpotential kaum mehr etwas übrig geblieben. Umso er-staunlicher erscheint es, dass sich am Abend des 21. Juni 1962 aus einem gewöhnlichen Polizeieinsatz im Münchner Stadtteil Schwabing (Sturm 2006a, 63) die sog. "Schwabinger Krawalle" heraus entwickelten, welche sich in ihrer Dauer und Schwere so gar nicht in das damalige heitere und unbeschwerte Klima in München einfügen wollten (Hechfellner 2011, 21-22). Dieses Ereignis markierte den Beginn einer für Westdeutschland völlig neuen Protestkultur, die in der Literatur häufig als Bindeglied zwischen den oben beschriebenen „Halbstarken-Krawallen" und den Studentenunruhen um 1968 beschrieben wird (Fürmetz 2011b, 79). Insbesondere bei der jüngeren Generation der Deutschen änderte sich im Verlauf der 1960er Jahre das Interesse für Politik. Beginnend mit einem entsprechend gesteigerten Informationsbedürfnis offenbarte sich diese Tendenz in diversen links motivierten und neuartigen Protestformen. Diese waren sowohl gegen Ereignisse wie die "Spiegel-Affaire"[2] Ende 1962 oder den Vietnamkrieg ab 1966 (Pülm 2009, 12) als auch gegen Fahrpreiserhöhungen im öffentlichen Nahverkehr gerichtet. Den Zenit erreichte diese Entwicklung in Form der Studentenproteste 1967/68, welche vor allem die verantwortlichen Institutionen in den größeren Städten der BRD in bis dahin unbekannte Situationen brachte (Aping 2004, 3). Dabei musste die Polizei vielerorts schmerzhaft erkennen, dass sie mit ihren Strukturen und daraus resultierenden Handlungsweisen weit hinter der voranschreitenden, gesellschaftlichen Entwicklung lag (Pülm 2009, 17), was auch eine Anpassung der Einsatztaktik notwendig machte. In zahlreichen Arbeiten, die sich mit den "Schwabinger Krawallen" beschäftigt haben, wurde festgestellt, dass ein derartiges Umdenken in München, offensichtlich ausgelöst durch diese spektakulären Ereignisse, bereits viel früher stattgefunden hat (z. B. Ziegler 2004, 3; Hechfellner 2011, 6-7). So entstand wenige Jahre danach die, durch den damaligen Münchner Polizeipräsidenten Dr. Manfred Schreiber initiierte und einen, bei polizeilichen Großeinsätzen neuartigen, deeskalierenden Ansatz verfolgende, „Münchner Linie“ (Hechfellner 2011, 74-75). Eine weitere Konsequenz war die im Januar 1964 erfolgte Gründung des bundesweit ersten Psychologischen Dienstes bei der Münchner Polizei unter der Leitung des Polizeipsychologen Dr. Rolf Umbach (Sturm 2011, 101).

Doch hatten diese, durch die "Schwabinger Krawalle" ausgelösten Neuerungen auch tatsächlich einen Einfluss auf die praktische Einsatztaktik der Münchner Stadtpolizei bei weiteren Protestereignissen in den 1960er Jahren?

Ausgehend von ihrem Titel soll in der vorliegenden Arbeit dieser Forschungsfrage anhand folgender Untersuchungsschritte nachgegangen werden:

1. Welche gesellschaftlichen Rahmenbedingungen bestanden in Deutschland und insbesondere in München in den frühen 1960er Jahren, die Einfluss auf den Umgang mit (staatlicher) Autorität nehmen konnten?
2. Welche Rolle und Position nahm die Polizei in der damaligen Zeit innerhalb der Gesellschaft ein?
3. Wie stellte sich die Entwicklung der polizeilichen Einsatzformen, insbesondere im Zusammenhang mit Menschenmassen, nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bis 1962 dar?
4. Im Hinblick auf das polizeiliche Einsatzverhalten: Was geschah während der "Schwabinger Krawalle"?
5. Welchen Einfluss hatten die Erfahrungen und Konsequenzen aus den "Schwabinger Krawallen" bei polizeirelevanten, lokalen Ereignissen zwischen 1962 und 1967 bzw. im Rahmen der 68er Bewegung auf die Einsatztaktik der Polizei?
6. In welcher Form üben die „Schwabinger Krawalle“ mit ihren Konsequenzen auch heute noch einen maßgeblichen Einfluss auf die polizeiliche Bewältigung von Protestereignissen aus?

Sowohl die "Schwabinger Krawalle" als auch die daraus gezogenen Konsequenzen und ihre Wirkungsweise können letztendlich nur im Kontext mit den damals bestandenen Umweltbedingungen erklärt werden. Aus diesem Grund ist in dieser Arbeit die Darstellung der politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in der BRD und in München der 1960er Jahre voranzustellen, um anschließend auf die damalige Protestkultur einzugehen. Nach Schaffung dieser Grundlage folgt, ausgehend von einer generellen Entwicklung der bundesdeutschen Polizei nach dem Zweiten Weltkrieg, ein ganzheitlicher Blick auf die Münchner Stadtpolizei Anfang der 1960er Jahre. Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf den polizeilichen Umgang mit Protest und Menschenmassen zu legen sein. Anhand der bis dahin herausgearbeiteten Erkenntnisse können Erklärungsansätze für die Auslösung der "Schwabinger Krawalle" aufgestellt werden, um danach die Ereignisse im Juni 1962 konkret darzulegen. Von besonderem Interesse sind dabei die äußeren und inneren Ursachen für den Ausbruch exzessiver und wahlloser Polizeigewalt. Auf der Grundlage dieser gewonnenen Ansichten erfolgt schließlich die Betrachtung der aus den "Schwabinger Krawallen" gezogenen Konsequenzen, welche auf das zukünftige polizeiliche Einsatzverhalten Einfluss genommen haben. Diese gilt es dann im Hinblick auf ihre tatsächliche Umsetzung darzulegen. Zu diesem Zweck wurden exemplarisch vier markante Einsätze[3] der Münchner Stadtpolizei untersucht. Diese wären das Sonderkommando "Schwabing" 1964, ein Konzert der "Rolling Stones" 1965, der Schah-Besuch 1967 sowie die Osterunruhen 1968.

Die Furcht vor einer Wiederholung der "Schwabinger Krawalle" veranlasste das Polizeipräsidium München ab 1964 zur Aufstellung des sog. Sonderkommando "Schwabing", während die in Westdeutschland aufkommende "Beatwelle" 1965 auch München erreichte. Mit dem Besuch des iranischen Kaiserpaares in der BRD 1967 und den Osterunruhen 1968 wurden zwei wesentliche Ereignisse ausgewählt, die eine nachhaltige Wirkung in ganz Westdeutschland entfalten sollten. Im Anschluss an der Darstellung dieser Ereignisse erfolgt ein diesbezüglicher Vergleich mit dem Einsatz der Polizei in West-Berlin anlässlich des dortigen Schah-Aufenthalts. Am Ende der Arbeit wird neben einer Beantwortung der Forschungsfrage auch eine Betrachtung vorgenommen, inwiefern die aus den "Schwabinger Krawallen" gezogenen Konsequenzen noch heute einen Einfluss auf die Einsatztaktik der Münchner Polizei ausüben.

1.2 Methodik

Zur Erlangung einer fundierten Wissensbasis für die Beantwortung der Untersuchungsfragestellung diente in erster Linie die Auswertung der einschlägigen Literatur, die in einzelnen Bereichen durch Erkenntnisse aus untersuchtem Archivmaterial nochmals untermauert wurde. Insbesondere bei der Darstellung der Rahmenbedingungen (vgl. Kapitel 2.1) konnte auf eine große Zahl von schriftlichen Ausarbeitungen zurückgegriffen werden. Die "Schwabinger Krawalle" an sich wurden bereits in der Vergangenheit unter den unterschiedlichsten Aspekten von diversen Autoren aufgearbeitet. Auf deren Erkenntnisse wurde bei den Recherchen zu dem entsprechenden Kapitel (vgl. Kapitel 2.3) zurückgegriffen, ohne dabei nochmals die zu Grunde liegenden Quellen auszuwerten. Der Schwerpunkt der Archivarbeit, die im Bayerischen Hauptstaatsarchiv und Staatsarchiv München durchgeführt wurde, lag dagegen in der Rekonstruktion von Polizeieinsätzen der nachfolgend darzustellenden Protestereignisse. Ausgehend von der in dem Sammelwerk "Auf den Barrikaden" (Pfeiffer, 2011) aufgeführten Protestgeschichte Münchens seit 1945 wurde die Entscheidung bzgl. der zu untersuchenden Ereignisse neben der Existenz entsprechender Archivalien auch von dem Anspruch an einen nachvollziehbaren thematischen Zugang für den Leser beeinflusst. Um Goertz' Forderung nach einem "Kaleidoskop von Perspektiven" (Goertz 1995, 11) zu entsprechen, legte der Verfasser bei den Recherchen Wert darauf, Quellen- und Literaturmaterial zu verwenden, welches die Ereignisse von unterschiedlichen Standpunkten aus betrachtet und bewertet. Veröffentlichungen, wie die von Soukup (2007), stellen dazu eine eher polizeikritische Sichtweise dar. Neben den Akten der Münchner Stadtpolizei wurden in diesem Zusammenhang auch die der Bereitschaftspolizei, sowie der Justiz herangezogen. Daraus ließen sich sowohl Traditionsquellen (z. B. Zeitungs- und Einsatzberichte, persönliche Aufzeichnungen, Jahresberichte etc.), als auch schriftliche Überrestquellen (z. B. Ausbildungspläne, Grundsatzanordnungen, Einsatzbefehle etc.) erschließen (Bremer 1995, 4-5). Die erforderliche Herangehensweise an das Quellenmaterial erfolgte einerseits durch dessen Interpretation in Form des "Verstehens" und der sich daran anschließenden Auswertung in Form des "Erklärens" (Goertz 1995, 105).

Der erste Schritt, das "Verstehen", richtete sich in Ansätzen nach der historisch-kritischen Methode, die auf dem hermeneutischen[4] Verstehensprinzip nach Johann Gustav Droysen[5] basiert. Im Rahmen der, insbesondere durch die Fachliteratur unterstützten, Quellenfindung (Heuristik) konnten in den genannten Archiven Teile der Aktenbestände der Stadtpolizei München[6], der Bayerischen Bereitschaftspolizei[7] sowie des Bayerischen Staatsministeriums des Innern[8] als relevant für das gegenständliche Forschungsvorhaben identifiziert werden. Diese historischen Schriften wurden im Hinblick auf ihren Aussagegehalt sowie Erkenntniswert (innere Kritik) für die Beantwortung der Untersuchungsfragestellung überprüft. Die bestehende Authentizität (Prüfung im Rahmen der äußeren Kritik) der Archivalien galt aufgrund der sie verwahrenden Institutionen als gegeben. Vor der eigentlichen Interpretation der Quellen war es nicht selten erforderlich, die Einstellung des Verfassers genauer zu betrachten und sie mit bereits vorhandenen Erkenntnissen aus anderen Quellen oder der Literaturauswertung im Rahmen der Ideologiekritik abzugleichen (Bremer 1998, 6-8). Somit ließen sich z. B. mit dem Hintergrundwissen über die damals gängige, polizeiliche Einstellung gegenüber Menschenmassen bestimmte Anordnungen besser nachvollziehen.

Der nun noch ausstehende, oben erwähnte zweite Schritt, das "Erklären", erfolgte in dem nun vorliegenden schriftlichen Versuch, die Ursachen für die anhand von Literatur und Quellenmaterial darzustellenden Entwicklungen und deren Zusammenhänge durch entsprechende gedankliche Verknüpfungen aufzuzeigen, um letztendlich eine Antwort auf die im Titel der Masterarbeit enthaltene Forschungsfrage geben zu können (Goertz 1995, 119-125).

1.3 Forschungsstand

Noch zu Beginn dieses Jahrtausends kritisierten Historiker den schwierigen Zugang zu entsprechenden polizeilichen Quellen aus den 1950er und 1960er Jahren. Wenngleich diese Umstände offensichtlich nicht einer gezielten Absicht von Seiten der Behörden unterlagen, so musste in diesem Zusammenhang immer wieder festgestellt werden, dass erforderliches Quellenmaterial noch nicht archivarisch erschlossen oder schlichtweg vernichtet worden war. In jüngster Zeit ist bei den bundesdeutschen Polizeiorganisationen jedoch eine positive Öffnungstendenz im Hinblick auf die Aufarbeitung der eigenen Geschichte festzustellen (Fürmetz/Reinke/Weinhauer 2001, 24). Derartige Erfahrungen konnten auch bei den Archivrecherchen zu gegenständlicher Arbeit, trotz etwaiger bestehender Schutzfristen, gemacht werden. Das erforderliche Einverständnis zur entsprechenden Verkürzung dieser Fristen war über die aktenabgebenden Stelle zu beantragen (Bracke 2004, 16), wobei ein ausnahmslos erfreuliches und zügiges Entgegenkommen festgestellt wurde.

Zur Darstellung der Rahmenbedingungen, in denen sich die Münchner Polizei zu Beginn der 1960er Jahre bewegte, wurde auf eine große Zahl entsprechender Arbeiten zurück gegriffen, von denen im Folgenden einige exemplarisch aufgeführt werden: Während Krimm und Sachse-Weinert (2011) im Sammelband "Only Rock'n Roll" Gesellschaft und Politik im Deutschland der 1960er Jahre umfassend beleuchten, erfolgt dies durch Egger (2013) in ihrer Arbeit speziell auf München bezogen. Über die Protestkultur der Nachkriegszeit bieten insbesondere die Veröffentlichungen "Jugendliche stören die Ordnung" (Bondy et al. 1957) und "Auf den Barrikaden" (Pfeiffer 2011) umfangreiches Hintergrundmaterial. Während Schulte (2003) in seiner Dissertation Aspekte der polizeilichen Entwicklung unter alliierter Besatzung aufzeigt, rekonstruiert die "Chronik des Polizeipräsidiums München" die Entstehung der Münchner Stadtpolizei nach 1945 (Falter 1995).

Paschner (1970) führt Betrachtungen im Hinblick auf die sich fortentwickelnde Rolle der Polizei und ihrer Funktion in der Gesellschaft durch, nicht ohne dabei auch intensiv auf die wichtige Dekade der 1960er Jahre einzugehen. Einen wesentlichen Aspekt spielt dabei der polizeiliche Umgang mit Protest und Menschenmassen, wobei Paschner (1970, 139-174) einen Blick auf den Psychologischen Dienst der Stadtpolizei München wirft. In diesem Zusammenhang wurde auch auf Le Bons "Psychologie der Massen" zurückgegriffen (Le Bon 1951). Als Standardwerk in Bezug auf die "Schutzpolizei in der Bundesrepublik" in den 1960er Jahren gilt die Arbeit von Weinhauer (2003a), die umfangreiche Aufschlüsse über den Alltag, das Selbstverständnis und die Traditionen dieser Institution gibt. Die im Rahmen von wissenschaftlichen Arbeiten erfolgte Aufarbeitung der "Schwabinger Krawalle" wurde durch Fürmetz (2006) in einem Sammelband zusammengefasst. Aus diesem „Kompendium“ stammen letztendlich auch Erkenntnisse für die an der Polizeiführungsakademie bzw. der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster-Hiltrup gefertigten Hochschulschriften von Ziegler (2004, 1) und Hechfellner (2011, 8). Diese setzten sich sowohl mit den "Schwabinger Krawallen" als auch mit der "Münchner Linie" auseinander. Für die Aufarbeitung der darzustellenden Münchner Protestereignisse wurde überwiegend auf das umfangreich vorhandene Quellenmaterial im Bayerischen Hauptstaatsarchiv und dem Staatsarchiv München zurückgegriffen. Im Zusammenhang mit den Studentenprotesten 1967/68 ist festzustellen, dass deren wissenschaftliche Untersuchung noch nicht sehr weit voran geschritten ist. Dies verwundert umso mehr, als dass gerade dieser Protestphase eine immense Aufmerksamkeit durch die Medien zuteil wurde (Weinhauer 2011, 302).

2. Hauptteil

2.1 Die Rahmenbedingungen

2.1.1 Politik und Gesellschaft

2.1.1.1 Westdeutschland in den 60er Jahren

In der unmittelbaren Nachkriegszeit galt es für die deutsche Gesellschaft in einem gemeinsamen Kraftakt, die erlittenen Schäden des Zweiten Weltkrieges wieder rückgängig zu machen (Krimm 2011, 14). Die Ergebnisse dieser unvergleichlichen Anstrengungen zeigten sich dabei einerseits in den veränderten, nicht immer positiven, Erscheinungsbildern der wiederaufgebauten Städte (Wagner-Kyora 2003, 615). Andererseits erlebten Industrie und Wirtschaft einen Aufschwung, der angesichts der verheerenden Kriegszerstörungen in Deutschland zutreffend die Bezeichnung „Wirtschaftswunder“ erlangte. Diese positive Entwicklung kann neben dem Abschluss der Reparationszahlungen Ende der 1950er Jahre auch auf die Einflüsse des „Marshall-Plans“, der Währungsreform sowie auf die Strukturen der sozialen Marktwirtschaft zurückgeführt werden (Schulte 2003, 102-104).

Mangels ausreichender Souveränität der BRD galt es im Rahmen der deutschen Außenpolitik, wieder internationales Vertrauen zu erlangen (Gassert 2011, 266). Gefördert durch die politische Stabilität und des wirtschaftlichen Erfolges im Lande führten diese Bemühungen bereits in den 1950er Jahren zu ersten Ergebnissen: Die mit Gründung der Bundeswehr 1955 erfolgte Wiederbewaffnung und Integration in die NATO verdeutlichte die tragende Rolle Westdeutschlands, die diesem aufgrund seiner geographischen Lage als östlichster Wall gegen den Kommunismus im „Kalten Krieg“ zugedacht war (Schulte 2003, 104-106). Seit 1947 schwelte dieser Konflikt zwischen den beiden "Supermächten" USA und UdSSR (Gassert 2011, 280). Durch den daraus entstandenen Bau der Berliner Mauer 1961 und dem erwähnten NATO-Beitritt der BRD (Gassert 2011, 275) war die Aussicht auf eine zeitnahe Wiedervereinigung des Landes in weite Ferne gerückt (Siegfried 2011, 117-118).

Dennoch verfestigte sich die Stellung der BRD im internationalen Staatengefüge im Laufe der 1960er Jahre (Krimm 2011, 22). Der stetig wachsende materielle Wohlstand führte zumindest noch anfangs zu einer flächendeckenden Befürwortung der bestehenden, politischen Strukturen und Systeme und damit zu einem Ausbleiben der Notwendigkeit einer übermäßig aktiven politischen Betätigung durch die Bevölkerung. Vielmehr zog sich die entstandene Konsumgesellschaft immer mehr in das Privatleben zurück, um sich dort ausgiebig gutem Essen, an- sprechender Bekleidung, gemütlicher Wohnungseinrichtung oder dem nächsten Urlaubsziel zu widmen (Schulte 2003, 104-105). Materielle Gegenstände zeichneten sich dabei häufig mit ungewöhnlichen Farb- und Formenkombinationen aus: "[...] bei der Mode, den Möbeln, den Tapeten, den Vorhängen, [...] und nicht zuletzt bei den Schallplatten-Hüllen." (Krimm 2011, 12).

Wahrscheinlich auch, um die erlebten Einschränkungen im "Dritten Reich" und während des Krieges auszugleichen (Fürmetz 2001, 208), begann nach dessen Ende das eigene Auto zu einem Symbol für Freiheit, Fortschritt, westlicher Lebensweise und Konjunktur zu werden. Unterstützt durch Politik und Wirtschaft (Schulte 2003, 117) entwickelte sich auf westdeutschen Straßen eine Massenmotorisierung, die zwischen den Jahren 1950 und 1957 zu einer Verdreifachung des Kfz-Bestandes auf ca. 6 Millionen Fahrzeuge führte (Scharf, 1958, 14). Dieses anfänglich kaum zu beherrschende Verkehrsaufkommen führte schnell zu einem bedenklichen Anstieg der Unfallzahlen, überlasteten Verkehrswegen und mang- elndem Parkraum (Scharf, 1958, 3). Damit einhergehend war eine ständige Kon- frontation rücksichtsloser Verkehrsteilnehmer aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten untereinander, aber auch mit der Verkehrspolizei (Fürmetz 2001, 199-200). Diese Mobilität führte jedoch auch dazu, dass sich Westdeutschland dem Rest der Welt öffnete. Hatten noch in den 1950er Jahren Italien und insbesondere der Gardasee auf einmal die Träume der Deutschen von der Ferne geweckt und verwirklichen können, so inspirierte die Musik von Bill Haley oder Elvis Presley bereits ab 1960 zu Reisen nach Liverpool, London, New York oder San Francisco (Krimm 2011, 12-14).

Generell lässt sich von der westdeutschen Gesellschaft Anfang der 1960er Jahre ein Bild des Aufbruchs und der Bewegung zeichnen. Dieses wurde neben dem o. a. neuartigen Konsum- und Reiseverhalten einerseits von einer stetig fortschreitenden Demokratisierung und Liberalisierung geprägt (Frese/Paulus 2003, 16). Dabei zeigte sich die Bevölkerung der Bundesrepublik inzwischen als überaus empfänglich für die kulturellen und gedanklichen Aspekte einer westlichen Demokratie, was mit einem tiefgreifenden und dynamischen Wandel in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen einherging (Frese/Paulus 2003, 2). Auch die US-amerikanische Kultur und ihre Errungenschaften übten dabei einen Einfluss auf derartige Wandlungsprozesse aus. Neben dem bereits erwähnten Massenkonsum erfolgte dies durch die neuartigen Klänge und Rhythmen von Rock'n Roll, Swing und Jazz, die beständig aus Transistorradios, Plattenspielern und Musikboxen in den Cafés ertönten. Und in den Kinos wurden Filme gezeigt, die nur allzu häufig den traditionellen Generationenkonflikt zwischen den Eltern und ihren Kindern in eindrucksvollen Bildern darstellten - der Konflikt zwischen einer autoritären Erwartungshaltung und einer freiheitsliebenden Selbstverwirklichung (Bracke 2004, 4-7). Dieser als „Amerikanisierung“ bezeichnete Import von US-amerikanischen Kulturgütern erfolgte parallel zur, als „Westernisierung“ bekannten Ausprägung von Ideen und Werten, die sich an anglo-atlantischen soziopolitischen und sozialökonomischen Ordnungsvorstellungen orientierten. Einerseits sollten damit nationalsozialistische Vorstellungsmuster überwunden, andererseits die geistige Abwehr von kommunistischen Tendenzen aus dem Osten bewirkt werden (Doering-Manteuffel 2011, 1-2). Dass ein solcher Prozess eher in einem Wechselspiel als in der bloßen Übernahme amerikanischer Einflüsse bestand, machten traditionelle Normen und Werte deutlich: Disziplin, Zucht und Ordnung wurden noch lange in der bundesdeutschen Gesellschaft, zumindest bis zu den liberalen Strömungen der 68er Bewegung, aufrecht erhalten und fanden insbesondere im Bereich der Jugenderziehung immer wieder Anwendung (Frese/Paulus 2003, 21).

Gerade die Jugend war es, die biedere Modeerscheinungen der Vergangenheit im Laufe der Zeit durch Jeanshosen, kurze Röcke sowie neue Haar- und Barttrachten ersetzte. Musikalisch Interessierte begannen sich von den klassischen Instrumenten ab- und der Gitarre zu zuwenden. (Krimm 2011, 14). Überhaupt sollte sich im Laufe der 1960er Jahre die Musik der jungen Generation, anfänglich noch an Bill Haley, Jerry Lee Lewis und insbesondere an Elvis Presley orientiert, immer mehr etablieren, trotz anfänglicher Widerstände der Radiosender. 1965 war es schließlich Radio Bremen, das mit dem "Beat Club" die erste Musiksendung für die Jugendlichen in Deutschland ausstrahlte (Krimm 2011, 15-16). Den diese Entwicklung seit 1963 maßgeblich vorantreibenden "Beatles" folgten neben vielen weiteren Gruppen die "Who", die "Hollies", die "Kinks", die "Dave Clark Five" und die "Rolling Stones". Insbesondere letztgenannte Gruppe übte einen starken Einfluss auf das beginnende "aufsässige" Verhalten der jungen Westdeutschen aus allen gesellschaftlichen Schichten aus (Krimm 2011, 16-17). Zusammen mit der Musik und nicht zuletzt auch durch die seit 1960 zu erwerbende Anti-Baby-Pille orientierte sich das Lebensgefühl der jungen Leute an einer neuen Ungebundenheit, die sich neben der jungen Mode durch ausgelassene Feierlichkeiten, Reisen in südliche Länder und der Freude an hochmotorisierten Fahrzeugen definierte (Krimm 2011, 18). Wie bereits oben angedeutet, begann sich der westdeutsche Nachwuchs dabei immer mehr von seinem Elternhaus mit dessen Regeln, Ansichten und Lebensweisen unabhängig zu machen. Gefördert wurde diese Entwicklung auch durch die einsetzende Produktwerbung über Kosmetika, Zigaretten und Coca-Cola, welche der jungen Generation eine schmeichelnde Rolle zutrug: Sie war es nun, die mit ihrem von der Produktindustrie beeinflussten Kaufverhalten die maßgeblichen Trends innerhalb der Gesellschaft vorgab - ein Umstand, an dem sich bis heute nichts geändert hat (Krimm 2011, 15-20).

2.1.1.2 Der Blick nach München

Auch die bayerische Landeshauptstadt war in der Wiederaufbauphase nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges umfangreichen, baulichen Veränderungen unterworfen gewesen, die sich deutlich positiv auf das Stadtbild auswirkten. Diese be- standen vor allem aus einer Erschließung der Innenstadt mit einer abgesetzten Fußgängerzone sowie zahlreich durchgeführte Abriss- und Neubauarbeiten (Wagner-Kyora 2003, 615). Nachdem München 1957 die Grenze zur Millionenstadt überschritten hatte, zählte es nach Berlin und Hamburg zu einer der größten Me- tropolen in der BRD. Dieser Status in Kombination mit einer massiven städtischen Straßenverkehrsbelastung konnte jedoch auch nicht verhindern, dass München aufgrund seiner individuellen Struktur nach wie vor liebevoll als "Dorf" betrachtet wurde (Ziegler 2004, S. 4). Vielleicht lag dies an dem typischen Münchner, der als altmodisch, etabliert und katholisch charakterisiert werden konnte (Egger 2013, 92). Oder vielleicht lag es auch daran, dass die zahlreichen, in ihrem Umfeld befindlichen Naherholungsgebiete, sowie die Alpen, der Stadt eine wichtige Rolle im Fremdenverkehr zukommen ließen, die zusammen mit ihrer kulturellen und soziologischen Attraktivität besonders anziehend wirkte (Egger 2013, 27). In der Phase des Wiederaufbaus hatte es München nämlich in einer beispiellosen Art und Weise geschafft, neben der Rekonstruktion seines Stadtbildes auch seine ganz spezielle, unnachahmliche Eigentümlichkeit auszuprägen: Durch die Mischung eines konservativ-bürgerlichen Charakters mit einer neugierigen Weltoffenheit und zahlreichen kulturellen und künstlerischen Facetten (Egger 2013, 21). Diese Tatsache sowie die sich im weiteren Verlauf der 1960er Jahre in dieser Universitätsstadt entwickelnden unkonventionellen Stimmungen lassen mit München in dieser Dekade keinen urbanen Vergleich zu - weder in Bayern noch in der restlichen BRD (Fürmetz 2011a, 73-74). Im Hinblick auf die jüngst vergangene, aber noch längst nicht verarbeitete Zeit des Nationalsozialismus und auf den schwelenden Konflikt des „Kalten Krieges“, stach München aus dem restlichen Westdeutschland mit seinem Charakter und dem von Kriegsschäden befreitem Stadtbild auffallend fröhlich und optimistisch hervor. Dies führte dazu, dass es sich 1962 selbst zur „Weltstadt mit Herz“ kürte, um zwei Jahre darauf durch den Spiegel zu „Deutschlands heimlicher Hauptstadt“ ernannt zu werden (Egger 2013, 21). Der internationale Stellenwert dieser Entwicklung führte 1972 letztendlich sogar dazu, dass in München die Olympischen Spiele ausgetragen wurden (Egger 2013, 56). Während auf bayerischer Landesebene die CSU in den 1960ern die Mehrheit beim Volke besaß, regierte die Stadt selber bis zum heutigen Tage fast durchgehend ein Oberbürgermeister aus den Reihen der SPD. 1960 wurde in diesem Zusammenhang Thomas Wimmer von Dr. Hans-Jochen Vogel abgelöst (Fürmetz 2011a, 75-76).

Eine besondere Aufmerksamkeit in dieser Stadt verdient die zwischen dem Siegestor und der Münchner Freiheit verlaufende Leopoldstraße, welche den Schwabinger Zentralboulevard bildet und noch heute als eines von Münchens Vergnügungsvierteln und als Flaniermeile gilt. Neben Straßencafés, Eisdielen, Pflastermalern, Straßenmusikanten und Gelegenheitskünstlern lockte dieser Stadtteil gerade bei warmer Witterung mit seinen Kinos, Kabarettbühnen, Theatern, Kneipen, Jazzclubs und Tanzlokalen auch noch zu später Stunde zahlreiche Besucher an. Aufgrund der in nächster Nähe gelegenen „Ludwig-Maximilians-Universität“ (LMU) und der Kunstakademie war Schwabing insbesondere von Studenten geprägt. Es wirkte mit seiner Anziehungskraft aber auch auf zahlreiche andere junge Menschen, die sich als Fachschüler, Lehrlinge oder bereits Berufstätige verdingten. Doch auch Touristen und die älteren Münchner Bürger frequentierten diesen Stadtteil besonders gerne. Die Letztgenannten taten dies deshalb, um einerseits in Form von Spaziergängen oder Cafébesuchen die besondere Stimmung dieser Örtlichkeit in sich aufzunehmen. Andererseits war die Motivation gegeben, den nach der entbehrungsreichen Nachkriegszeit wieder erlangten persönlichen und materiellen Lebensstandard in aller Öffentlichkeit zeigen zu wollen (Ziegler 2004, 4). Es herrschte eine ungezwungene, sämtliche Standesunterschiede außer Acht lassende Atmosphäre, in der sich junge Unterhaltungsformen und kleinkünstlerische Darbietungen mit links intellektuellen Ausrichtungen vermischten (Hemler 2006, 25-27).

Aufgrund der angeführten Darstellung mag es nur schwer vorstellbar erscheinen, dass das konservativ-bürgerliche München, geprägt durch seine Bildung, Wissenschaft, Kunst und Kultur, sowie durch die bestehenden regionalen Bezüge und seine Traditionsgebundenheit (Egger 2013, 92), einen Nährboden für Ausschreitungen bieten konnte. Umso erstaunlicher erscheint es, dass gerade hier zwischen dem 21. und 25. Juni 1962 die „Schwabinger Krawalle“ ihren Verlauf nahmen, der weit über die Stadtgrenzen hinaus Aufmerksamkeit erregen sollte.

2.1.2 Protestklima in der BRD nach dem Zweiten Weltkrieg

2.1.2.1 Jugendkultur

Um das maßgeblich von der Jugend beeinflusste Protestklima in Westdeutschland zu Beginn der 1960er Jahre nachzeichnen zu können, ist ein Blick auf deren Kultur unerlässlich. Deren ab Mitte der 1950er Jahre beginnende Entwicklung ist eng verbundenen mit den Rahmenbedingungen der bundesdeutschen Gesellschaft und Politik in dieser Zeit. Insbesondere, beeinflusst durch die US-amerikanische Kultur, eröffnete sich den Jugendlichen eine breite Palette an möglichen Freizeitaktivitäten, verschiedenartigen Konsumangeboten, sowie neuartigen Erscheinungen in Mode und Musik. Die Annahme dieser Angebote führte zu einer Abkoppelung vom Elternhaus in zweifacher Hinsicht: Zum einen erfolgte dies im Hinblick auf die dort stattfindenden Erziehungsversuche nach traditionellen Auffassungen. Zum anderen zeigte es sich in Form von Freizeitaktivitäten in einer Gruppe von Gleichaltrigen, die sowohl dem Sonntagnachmittagsausflug mit der Familie, als auch den Gemeinschaftsveranstaltungen in Vereinen immer mehr vorgezogen wurden. Die damals modernen und standesübergreifenden Einschläge in der Musikkultur dürften bei den Jugendlichen wohl als Sinnbild für die beschriebene Abkoppelung gegolten haben. Diese, mit jener Entwicklung einhergehende Autonomie der jungen Generation in Bezug auf ihre Lebensführung, hatte einen maßgeblichen Einfluss auf die Ausgestaltung von exklusiven Persönlichkeiten, die sich von politischen oder weltanschaulichen Strömungen nur wenig beeinträchtigen ließen. Nicht selten wurde dabei seitens der restlichen Gesellschaft das Heranwachsen einer "Spaßgesellschaft" befürchtet (Pülm 2009, 7-8). Dennoch hatte sich der Nachwuchs der westdeutschen Gesellschaft mit ihren Regeln, Werten und Normen, sowie mit ihrem demokratischen System, in der Form arrangiert, als dass trotz aller Autonomie ein Nebeneinander möglich war. Diese Annahme wird noch durch die Feststellung von Hemler (2006, 55-66) unterstützt, nach der Anfang der 1960er offensichtlich nur eine jugendkulturelle Richtung existierte: Bereits ab Mitte der 1950er Jahre hatte sich in Westdeutschland, auf Basis von Jugendzeitschriften wie "Bravo", die US-amerikanische Jugendkultur der "Teenager" eta- bliert, die insbesondere von jungen Mädchen aus dem Bürgertum angenommen wurde. Diese Kultur war jedoch von einer Protestströmung weit entfernt, so dass zumindest bis Mitte der 1960er Jahre eine längere Pause im Hinblick auf Generationenkonflikte in Westdeutschland aufrecht erhalten werden konnte.

Erst danach sollte die bestehende politische und gesellschaftliche Stabilität und Harmonie durch beginnende Spannungen gestört werden. Diese entluden sich letztendlich in einer stetig zunehmenden Unnachgiebigkeit in Form von parteiunabhängigen Protesten in der Öffentlichkeit (Ellwein 1989, 7). Auch die Musik sollte darauf einen nicht zu vernachlässigenden Einfluss ausüben. Ausgehend von dem als fragwürdig angesehenen "Star Club" in Hamburg, der den "Beatles" als Bühne für ihr erstes Konzert in der BRD gedient hatte, begann sich der "Beat" Anfang der 1960er Jahre unter der jungen Generation Westdeutschlands rasant auszubreiten. Diese Musikrichtung stand für eine Lebenseinstellung, die sich durch eine extrovertierte und gefühlsreiche Selbstdarstellung ihrer Anhänger charakterisierte und damit gänzlich von den bestehenden gesellschaftlichen Werten und Normen abwich. Wohl eher als Nebeneffekt erhielt die Jugend dadurch neben ihrer bereits gelebten Individualität noch die Komponente der Provokation. Diese wurde auch sehr bald von den konservativen Kreisen der Bevölkerung aufgenommen und als Aufstand der Jugendlichen gegen die gesellschaftliche Ordnung gewertet. Aus dieser Konstellation heraus bereitete sich ein Nährboden für eine Protestlandschaft, die für die Unruhen der 1968er durchaus mitverantwortlich gemacht werden kann (Pülm 2009, 10-11).

2.1.2.2 Die "Halbstarken-Krawalle"

Nachdem der Begriff der "Halbstarken" gegen Ende des 19. Jahrhunderts erstmalig in Hamburg auftauchte, fand er nach dem Ersten Weltkrieg auch in weiteren deutschen Städten Verwendung, um generell verwahrloste und zumeist kriminelle, männliche Jugendliche zu bezeichnen. Im Laufe der 1950er Jahre wurde die Bedeutung dieses Begriffs dahingehend abgewandelt, als dass er nur noch auf Jugendliche zutraf, die zumeist in größerer Zahl auftraten und sich durch Lärmbelästigung, dem Anpöbeln von Passanten, dem Verüben von Sachbeschädigungen sowie der Missachtung jeglicher Autorität auszeichneten (Bondy et al. 1957, 27-28). Der Großteil der "Halbstarken" wurde von männlichen Jugendlichen aus der Arbeiterklasse gebildet. Schüler und Studenten konnten dagegen nichts mit dieser Art von Jugendkultur anfangen (Plüm 2009, 9). Orientiert an der Frisur von Elvis Presley, sowie an dem lässigen Gebaren von James Dean oder Marlon Brando, richteten diese Jugendlichen ihre Haartrachten und Umgangsformen aus. Die an den Tanzstil des vielfach konsumierten Rock'n'Roll angelehnten saloppen Gesten, Gebärden und Gangarten widersetzten sich gänzlich dem damals gültigen maskulinen Ideal, das auf Disziplin und Robustheit ausgerichtet war (Pülm 2009, 9). Darüber hinaus gehörten schwarze Lederkleidung mit Nietenjeans, Stiefeletten und das Moped zu den charakterisierenden Elementen dieser Subkultur (Bracke 2004, 3), die von 1955 bis 1959 das friedliche Gleichgewicht zwischen Staat, Gesellschaft und Polizei spürbar beeinträchtigte (Schulte 2003, 112). Insbesondere in den Großstädten von Nordrhein-Westfalen und in West-Berlin kam es in diesem Zeitraum immer wieder zu den sog. „Halbstarken-Krawallen", in deren Verlauf bis zu mehrere tausend junge Menschen gemeinsam die öffentliche Ordnung störten, indem sie lautstark auf offener Straße grölten, den Verkehr blockierten und Passanten angingen (Bracke 2004, 9). Als Hauptauslöser dieses Massenphänomens wird vor allem eine Unzufriedenheit der jungen Leute mit den damals bestandenen Gesellschaftsformen angenommen, die das Ausleben von Spontanität und Emotionen kaum zuließen. Von der westlichen Welt beeinflusst, sollte diese Unzufriedenheit im Kollektiv überwunden werden (Bondy et al. 1957, 92-93). Aus Sicht der "Halbstarken" galt es, sich offen und provozierend gegen die konservative Gesellschaft zu stellen. Dabei ließen sie auch die gegen sie vorgehenden Polizeibeamten in ihren an das Dritte Reich erinnernden Uniformen spüren, wie wenig sie von der Obrigkeit und deren Autorität hielten – eine für die, den Obrigkeitsgehorsam gewohnten Beamten neuartige Einsatzsituation, die nicht selten Verunsicherung erzeugte (Bracke 2004, 1). Schon bald wurde aus der Polizei sowohl ein direkter Feind, als auch gleichzeitig der sportliche Gegenspieler der "Halbstarken". Sie wollten sich eine Einschränkung ihrer Lebens- und Verhaltensweise auch von dieser Institution nicht gefallen lassen. In den meisten Fällen gingen die Beamten dabei auf die Provokationen ihres Gegenübers ein und ließen sich somit in die ihnen zugedachte Funktion des sportlichen Gegenspielers drängen (Schulte 2009b, 19).

Nachdem die "Halbstarken" zwischen 1956 und 1958 in den größeren Städten der BRD ca. 100 Mal öffentlich wirksam in Erscheinung getreten waren, begann man bei ihnen eine bewusst herbeigeführte Gefährdung der politischen und sozialen Stabilität zu vermuten. Dabei spielte einerseits der aus der Stimmung des "Kalten Krieges" erwachsene Antikommunismus eine Rolle, der hinter derartigen Ereignissen nur allzu häufig eine gezielte Beeinflussung erahnen lies. Andererseits hatten die Polizeibehörden der Bundesländer im Ansatz erkannt, dass mit diesen Krawallen erstmals die Auswirkungen eines gesellschaftlichen Wandels zutage traten, die durchaus in der Lage waren, das obrigkeitsstaatliche System ins Wanken zu bringen. Gegen Ende der 1950er Jahre bewerteten der Arbeitskreis II der Arbeitsgemeinschaft der Innenminister der Länder (AK II), sowie das Bundesinnenministerium das abklingende Phänomen der "Halbstarken" jedoch eher als unpolitische aber negative Begleiterscheinung einer Wohlstandsgesellschaft (Bondy et al. 1957, 281-283). Heutige Erkenntnisse können dies bestätigen. Die "Halbstarken-Krawalle" hatten nie den situationsändernden Protest zum Ziel. Die Jugendlichen waren vielmehr von dem Bedürfnis geleitet, die konservativ-einengende und materiell ausgerichtete Öffentlichkeit zu provozieren und zu opponieren (Pülm 2009, 10).

2.1.2.3 Proteststadt München?

Bis zum Beginn der 1960er Jahre hatte die bayerische Landeshauptstadt nach 1945 keine herausragende Rolle im Protestgeschehen der BRD eingenommen. Ein Erklärungsansatz für diesen Umstand scheint in der Eigen- und Fremdwahrnehmung dieser Stadt zu liegen, die offensichtlich eher auf harmonischen, denn auf die soziale Ordnung in Frage stellenden bzw. gar verändernden Tendenzen basierte. Somit beschränkte sich in o. a. Zeitraum der größte Teil der Münchner Protestereignisse auf eng regional begrenzte Sachverhalte (Habit 2011, 26).

In diesem Zusammenhang können als herausragende Geschehnisse neben den Hungerdemonstrationen in den unmittelbaren Nachkriegsjahren (Pfeiffer 2011, 16) einmal die gewalttätigen Konfrontationen zwischen der Polizei und sog. „Displaced Persons“[9] genannt werden: Im Bereich der Möhlstraße im Stadtteil Bogenhausen hatte sich nach 1945 das "Jüdische Viertel" gebildet. Aufgrund des sich dort etablierten Schwarzmarktes führte die Polizei immer wieder Razzien durch, die auf die Widerstände der ansässigen "Displaced Persons" stießen. Die dadurch ohnehin angespannte Situation eskalierte im August 1949, nachdem die Süddeutsche Zeitung einen antisemitisch formulierten Leserbrief veröffentlicht hatte. In der sich daraus entwickelten Demonstration wurden drei Juden von der Polizei angeschossen (Rühlemann 2011, 31-37).

Weitere gesteigerte Aufmerksamkeit verdienen die in den Jahren 1953/54 erfolgten Ausschreitungen aufgrund einer geplanten Verlängerung der Ladenöffnungszeiten auf den bis dahin freien Samstagnachmittag durch die Firmen „C&A“ und „Salamander“. In diesen als "Ladenschlusskrieg" bekannt gewordenen Ereignissen war es damals unter bürgerkriegsähnlichen Umständen zu massiven Auseinandersetzungen zwischen tausenden von Demonstranten und martialisch auftretenden Einheiten der Münchner Stadtpolizei gekommen (Gerstenberg 2011, 62-68).

Von den „Halbstarken-Krawallen" blieb München, im Vergleich zum Ruhrgebiet und West-Berlin, überwiegend verschont. Lediglich im Sommer 1956 kam es in der bayerischen Landeshauptstadt vereinzelt zu entsprechenden Zwischenfällen, ohne dabei jedoch eine größere Tragweite zu entwickeln (Hemler 2006, 51). Trotz des eher gemäßigten Verlaufs dieser Ausschreitungen griff die Münchner Stadtpolizei dabei dennoch resolut durch (Fürmetz 2011a, 77).

2.1.3 Die Entwicklung der bundesdeutschen Polizei

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg bestand in der kriegsgebeutelten Bevölkerung ein stetiger Wunsch nach geordneten Zuständen. Vor diesem Hintergrund erschien die Polizei mit ihrer Tätigkeit zur Wiederherstellung und Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung als ein zentraler Angelpunkt (Fürmetz/Reinke/Weinhauer 2001, 16-17). Der von den Besatzungsmächten am 14.04.1949 erlassene "Polizeibrief" setzte konkrete Rahmenbedingungen, nach denen sich die Neuorganisation der Polizei in Westdeutschland zukünftig zu richten hatte. Ganz im Sinne der Dezentralisierung sollte diese auf Länderebene kommunal strukturiert werden. Die Bildung von Bundespolizeibehörden konnte nur mit dem Einverständnis der Alliierten Hohen Kommission erfolgen. Gleichzeitig wurde die Errichtung von militärähnlichen Polizeiverbänden abgelehnt und das Trennungsgebot zwischen Polizei und Nachrichtendiensten eingeführt (Schulte 2003, 66-67). In der britischen und amerikanischen Besatzungszone erfolgte zudem die Reduzierung der polizeilichen Zuständigkeit um die administrativen Aufgaben der inneren Verwaltung (Schulte 2003, 63). Durch diese "Entpolizeilichung" (Fürmetz/Reinke/Weinhauer 2001, 10) sollte der ehemals sehr breit gefächerte Tätigkeitsbereich der Polizei verringert werden, was nach Auffassung der Alliierten den angestoßenen Demokratisierungsprozess in dieser Institution förderte (Fürmetz/Reinke/Weinhauer 2001, 10).

Trotz dieser Reformen behielten das bereits in der Weimarer Republik angewandte materielle Polizei- und Strafrecht, das Strafprozessrecht sowie das Straßenverkehrsrecht und überwiegende Teile des besonderen Sicherheitsrechts grundsätzlich weiterhin ihre Gültigkeit. Die von den Alliierten in diesem Zusammenhang durchgesetzten Modifikationen bezogen sich neben der Einführung des Grundsatzes zur Verhältnismäßigkeit bei polizeilichen Maßnahmen auf eine Verbesserung des persönlichen Grundrechtsschutzes sowie auf konkrete Vorschriften für die Anwendung unmittelbarer Zwangsmaßnahmen (Schulte 2003, 68).

Die dezentrale Neuorganisation der Polizei wurde in Fach- und Politikkreisen mit erheblichem Argwohn betrachtet, da sie eine Abkehr von bewährten strukturellen Elementen aus der Weimarer Republik darstellte. Man war sich darüber einig, die Rückkehr zu den traditionellen Wurzeln so bald wie möglich zu vollziehen (Schulte 2003, 63-64). In den dafür ausdauernd geführten Verhandlungen zwischen dem Bundesinnenminister und den Innenministern der Länder mit der Alliierten Hohen Kommission wurde auch versucht, die trotz des "Polizeibriefs" untersagte Aufstellung von geschlossenen Polizeieinheiten durchzusetzen (Schulte 2009b, 17).

Während die außenpolitischen Bemühungen bereits ab 1950 zu einer Integration der BRD in die westliche Staatengemeinschaft führte, nahmen die Alliierten auch immer mehr Abstand von dem ursprünglich strengen Reglement bzgl. der westdeutschen Polizei (Graf 2013, 22). Somit gestatteten sie neben der Gründung des Bundeskriminalamtes (BKA, 1951), die Bildung des Bundesgrenzschutzes (BGS, 1951) und der Bereitschaftspolizeien der Länder (1950). Damit waren Bund und Länder wieder in der Lage, paramilitärische, geschlossene Polizeiverbände zu bilden, um selbstständig gegen mögliche Bürgerkriegsszenarien vorgehen zu können. Deren Entstehung wurde insbesondere aufgrund des "Kalten Krieges" und dem daraus resultierenden Antikommunismus befürchtet (Schulte 2003, 102-106). Auf der Grundlage von Polizeiorganisationsgesetzen erfolgte zusätzlich eine sukzessive Rückführung der Kommunalpolizeien in den zentralen Organisationsbereich der jeweiligen Bundesländer (Schulte 2003, 66), die damit analog der Polizeiorganisation in der Weimarer Republik wieder verstaatlicht wurden. Dagegen blieb die von den Alliierten initiierte Übertragung von Tätigkeiten der inneren Verwaltung auf die Ordnungsbehörden bis heute erhalten (Schulte 2003, 68). Ab Mitte der 1950er Jahre bestand nur noch in der US-amerikanischen Besatzungszone eine überwiegend auf kommunaler Ebene organisierte Polizei (Graf 2013, 22).

Das noch unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges vehemente Vorgehen gegen Funktionäre des NS-Regimes verlor im Laufe der Jahre für die Alliierten immer mehr an Bedeutung. Damit wurde es für ehemalige Polizisten des "Dritten Reiches", die im Rahmen der Denazifizierung nach 1945 oder noch früher aus ihrer Tätigkeit entlassen worden waren, zunehmend einfacher, in den Dienst der neu organisierten westdeutschen Polizei zu treten. Natürlich profitierten von dieser Entwicklung auch jene Beamte, die aktiv an der Massenvernichtungsmaschinerie des NS-Regimes mitgewirkt hatten (Schulte 2009b, 17). Allerdings konnten aus diesem Personenkreis kaum Aktivitäten festgestellt werden, die auf Versuche einer Reaktivierung von ehemaligen NS-Strukturen schließen lassen könnten. Vielmehr ist davon auszugehen, dass sich diese Beamten aufgrund ihrer Sozialisierung grundsätzlich dem bestehenden System unterordneten - unabhängig davon, ob es sich dabei um einen Normen- oder Maßnahmenstaat handelte (Schulte 2003, 53-54).

Gefördert wurde diese Wiedereinstellungspraxis insbesondere durch ein auf Art. 131 GG gestütztes Gesetz aus dem Jahre 1951 (Schulte 2003, 27). Aus diesem ergab sich ein Rechtsanspruch auf die Wiederverwendung von Bundesbürgern, die nach Kriegsende, auch im Rahmen der Denazifizierung, aus dem öffentlichen Dienst entlassen worden waren (Weinhauer 2003a, 121). Somit bestand der Personalkörper der westdeutschen Polizei in den 1950er und 1960er Jahren neben den Schutzmännern, die bereits in der Weimarer Republik gedient hatten und nicht in das Spektrum der Denazifizierung gefallen waren, aus den nach 1945 entlassenen und wieder eingestellten Beamten, sowie aus gänzlich neu eingezogenen Bediensteten ohne Vorerfahrung. Aber auch Polizisten, die bereits während des NS-Regimes aus ihrer Funktion ausgeschieden waren, sowie ehemalige Soldaten der Wehrmacht, trugen die Uniform der neuen westdeutschen Ordnungsmacht (Weinhauer 2003a, 125). Sowohl diese Konstellation, als auch das strukturelle Erbe der Weimarer Polizei bedeutete für die Polizei der BRD und ihre Aufgabenerfüllung in einem demokratischen Rechtsstaat eine deutliche Erschwernis. Noch bis in die 1970er Jahre sollten die damit verbundenen autoritären und hierarchischen Elemente einen maßgeblichen Einfluss sowohl auf den täglichen Dienst, als auch auf die Bewältigung von besonderen Einsatzlagen, ausüben (Schulte 2009b, 18).

2.1.4 Die Münchner Stadtpolizei Anfang der 60er Jahre

2.1.4.1 Ihre Entstehung nach 1945

Durch die Polizeireform in der US-amerikanischen Besatzungszone, in der sich auch Bayern befand, fielen Gemeinden mit mehr als 5000 Einwohnern in den Zuständigkeitsbereich einer eigenen, dezentralen Kommunalpolizei. Die übrigen Bereiche wurden von der neu aufgestellten Landpolizei betreut, während die Landeskriminalpolizeiämter als Zentralstelle für kriminalpolizeiliche Angelegenheiten in den jeweiligen Ländern fungierten. In Bayern wurde darüber hinaus noch eine Grenzpolizei gebildet (Fürmetz/Reinke/Weinhauer 2001, 9). Ab dem 02. Juni 1945 sorgte auf Anordnung der Amerikaner die mit einer Armbinde gekennzeichnete Schutzmannschaft auf den Straßen der von einer großen Kriminalitätswelle heimgesuchten Landeshauptstadt München für Sicherheit und Ordnung (Falter 1995, 89). Auf Grundlage der Richtlinien der amerikanischen Militärregierung zur Neuorganisation der städtischen Münchner Polizei vom 16. Juni 1945 wurde das neue Polizeipräsidium gebildet (Falter 1995, 93) und an die Verwaltung der Stadt angegliedert (Graf 2013, 19-20).

Mit dem Ende der Besatzungszeit im Mai 1955 bestand in Bayern die Möglichkeit, die von den Amerikanern durchgesetzten kommunalen Polizeien wieder zu verstaatlichen (Graf 2013, 22). Aufgrund des seit 1952 bestehenden Polizeiorganisationsgesetzes (Falter 1995, 118) konnte dies jedoch grundsätzlich nur auf An- trag der jeweiligen Städte und Gemeinden durchgeführt werden. Von der aufwändigen Möglichkeit, eine Zentralisierung im Rahmen von aufsichtsrechtlichen Maßnahmen zu erzwingen, machte die Bayerische Staatsregierung erst zu Beginn der 1970er Jahre Gebrauch (Fürmetz/Reinke/Weinhauer 2001, 9). Bei der Stadtpolizei München sah man diesen Verstaatlichungstendenzen mit Argwohn entgegen. So befürchtete man eine Qualitätsminderung bei der Sach- und Personalausstattung und damit auch bei Ermittlungserfolgen, wobei man sich mit Blick auf die Bayerische Landpolizei offensichtlich bestätigt fühlte (Graf 2013, 42). Somit konnte sich das Münchner Polizeipräsidium bis 1975 als das letzte seiner Art in Bayern erfolgreich gegen seine Verstaatlichung zur Wehr setzen , [10] obwohl seine Uniformen bereits im September 1966 auf Druck des Bayerischen Innenministeriums denen der staatlichen Polizei angepasst worden waren (Falter 1995, 171). Nach mehreren Umorganisationsmaßnahmen im Laufe der Jahre bestand das Polizeipräsidium München schließlich Anfang der 1960er Jahre im Wesentlichen aus der Präsidialdirektion und der Direktion der Schutzpolizei mit dem Polizeiamt Funkstreife, und vier unterstellten Polizeiämtern, denen wiederum die in der Stadt verteilten Reviere zugeteilt waren. Die Kriminaldirektion war in fünf Kriminalabteilungen gegliedert, denen wiederum mehrere Kriminalinspektionen bzw. -ämter nachgeordnet waren (Graf 2013, 53-54). Seit Oktober 1956 fungierte Dr. Heinrich Martin als Chef der uniformierten Schutzpolizei (Falter 1995, 126). Die Leitung der Kriminaldirektion wurde seit August 1960 von Dr. Manfred Schreiber wahrgenommen (Falter 1995, 137). Im Juni 1952 war das Präsidium von Polizeipräsident Anton Heigl, einem ehemaligen Oberstaatsanwalt, übernommen worden (Falter 1995, 117). Zum Ende des Jahres 1961 verrichteten in der Schutzpolizei der Stadt München 2461 Beamte ihren Dienst. Die Kriminalpolizei setzte sich aus 484 männlichen und 20 weiblichen Kriminalbeamten zusammen (Falter 1995, 140-141). Die Stadtpolizei München verfügte über vier Alarmeinheiten aus 400 Revierbeamten, die im erforderlichen Fall innerhalb von drei Stunden aufgerufen werden konnten. Dazu kamen die 180 Polizeianwärter der Stadtpolizeischule, die sich ebenfalls in ständiger Bereitschaft befanden. Des Weiteren standen 40 Dienstpferde zur Verfügung, die sich aus damaliger Sicht besonders für den Einsatz bei Straßendemonstrationen eigneten.[11]

2.1.4.2 Die Ausbildung

In den 1950er Jahren übernahmen die neu gebildeten Bereitschaftspolizeiabteilungen die Grundausbildung der Polizeianwärter des mittleren Dienstes. Deren von Beginn an erfolgte, enge Einbindung in das hierarchische, autoritäre und paramilitärische Gefüge stand nicht selten im Widerspruch zu den Versuchen, die jungen Menschen zu sicher auftretenden und handelnden Polizeibeamten eines demokratischen Rechtsstaates zu erziehen (Schulte 2003, 87-88). Immer wieder wurde der erfolgreiche Einsatz militärischer Mittel durch die Weimarer Polizei, wie z. B. die Bewältigung des Mitteldeutschen Aufstands 1921, als Beispiel angeführt, um entsprechende Ausbildungsinhalte bei der Bereitschaftspolizei rechtfertigen zu können. Diese waren mit ihrem Exerzieren, der Ausbildung an Karabinern, Maschinengewehren und Handgranaten, sowie aufgrund der Gefechtsübungen in Häusern und im Gelände eher auf die Unterweisung eines Infanteristen, als eines Polizisten, ausgerichtet (Schulte 2003, 107-108). So wurden zumindest bis Anfang 1959 bei der Bayerischen Bereitschaftspolizei taktische Begriffe wie "Angriff", "Durchbruch", "Front", "Gegenstoß", "Jagdbereich", "Jagdkommando" und "Kampfgruppe" für den sog. "Kampfeinsatz" verwendet.[12]

In ihrer Grundausbildung kamen die Polizeianwärter erstmals mit einer militärisch geprägten Polizeikultur in Kontakt, die sie schon sehr bald verinnerlichten. Dies förderte der Umstand, dass ihnen während dieser Zeit kaum Gelegenheit für persönliche Aktivitäten zugestanden wurde. Immer befanden sich die jungen Männer innerhalb ihrer Gruppe, in der sie gemeinsam lebten, lernten und an Einsätzen teilnahmen (Weinhauer 2003a, 169). In dieser Zeit sollten die Polizeianwärter sowohl für eine zukünftige Verwendung im Einzeldienst, als auch im geschlossenen Einsatz mit den dafür notwendigen Fähigkeiten ausgestattet werden. Gerade die letztgenannte Komponente war es, der, aufgrund der stetigen Befürchtungen vor Krawallen und Aufruhr, besonders viel Aufmerksamkeit geschenkt wurde. In diesem Zusammenhang wurde auf die Disziplin innerhalb der Gruppe besonderer Wert gelegt (Weinhauer 2003a, 173). Fundamentales Wissen über Demokratie und Rechtsstaatlichkeit dagegen, wie es im Rahmen der Staatsbürgerkunde hätte vermittelt werden sollen, konnte mangels der geringen Unterrichtseinheiten bei der Bereitschaftspolizei offensichtlich nicht gewährleistet werden. Dieses Defizit wurde auch nicht durch Fortbildungsmaßnahmen bei bereits fertig ausgebildeten Polizeibeamten ausgeglichen. Die Erfahrungen aus der Vergangenheit waren offenbar zu negativ, als dass man sich nochmal eingehender mit Politik beschäftigen wollte (Weinhauer 2003a, 196-198).

Die kasernierte Unterbringung der in besonderem Maße der Weimarer Polizeitradition verbundenen Bereitschaftspolizei prägte die jungen Polizeianwärter für eine lange Zeit, auch nach dem Ende der Ausbildung. Eine sofortige und enge Integration in eine Männergemeinschaft mit ihren Symbolen und Idealen, sowie die Erziehung zum treu ergebenen Beschützer des Staates, mögen dabei wesentliche Faktoren gebildet haben. Entsprechende Bemühungen seitens der Politik ab Anfang der 1960er Jahre diese Einflüsse während der Ausbildung einzudämmen, begannen jedoch erst gegen Ende des Jahrzehnts zu wirken. Diese Tatsache konnte auch nicht durch jene Polizeiausbilder geändert werden, die in ihrem Modernisierungsstreben eine Abkehr von den Weimarer Polizeitraditionen zu erreichen versuchten (Weinhauer 2003a, 208-209). Bereits in der Grundausbildung wurde, wie damals auch schon in der Weimarer Republik, auf die Gefahr im Zusammenhang mit Menschenmassen unter dem Einfluss von Rädelsführern eingehend hingewiesen (Weinhauer 2001, 315). Die daraus resultierende Einstellung der Polizeibeamten bezüglich des Umgangs mit solchen Situationen soll im Kapitel 2.1.4.4 näher dargestellt werden. In diesem Zusammenhang stellte Paschner (1970, 48) fest, dass eine konkrete Ausbildung der jungen Polizisten für den Einsatz im Demonstrationsgeschehen auch im Laufe der 1960er Jahre nicht wirklich statt gefunden hat. Selbst bei gutem Willen mangelte es dafür schlicht und ergreifend an praxisnahen Übungsgelegenheiten. Dennoch bestand zu Beginn dieser Dekade aufgrund des schwelenden "Kalten Krieges" die Aufgabenbeschreibung von geschlossenen Einheiten überwiegend aus der Bewältigung von Bürgerkriegsszenarien. Dieser Zustand sollte sich erst sukzessive im Laufe des Jahrzehnts durch die Ausrichtung der Ausbildungsinhalte zu Gunsten des polizeilichen Einzeldienstes ändern. Dabei übten die Notstandsgesetze von 1968 einen entscheiden Einfluss aus, indem sie die Verschiebung der Zuständigkeit bei entsprechenden Szenarien von der Polizei auf den BGS und die Bundeswehr gesetzlich regelten (Schulte 2009b, 18).

Nach Beendigung ihrer Grundausbildung bei der Bayerischen Bereitschaftspolizei wurden die jungen Polizeibeamten, welche für die Münchner Stadtpolizei vorgesehen waren, einem zehnmonatigen Anstellungslehrgang an der dortigen Stadtpolizeischule unterzogen. Dieser unterstand der Leitung der Bayerischen Verwaltungsschule.[13] Dort erfolgte für die angehenden Stadtpolizisten durch nebenamtliche Fachlehrer, die sich überwiegend aus Beamten des gehobenen Dienstes zusammensetzten, u. a. im Rahmen des Faches "Angewandte Psychologie" die Schulung für ein entsprechend korrektes zwischenmenschliches Verhalten beim polizeilichen Einschreiten. Ein ähnlicher Stoff wurde auch seit 1957 im Rahmen von Fortbildungslehrgängen für leitende Polizeibeamte vermittelt. Ab 1962 weitete man diese Fortbildungsmaßnahme auch auf Beamte des gehobenen Dienstes aus.[14]

Die Ausbildung für Großeinsätze im Fach "Polizeiverwendung" wurde überwiegend durch eine interne Neuauflage aus dem Jahre 1950 von Max Kreutzers Werk "Der Einsatz stärkerer Polizeikräfte" beeinflusst, welches in den 1930er Jahren entstanden war. Aus diesem ergab sich eine polizeiliche Vorgehensweise gegen große und vermeintlich unkontrollierte Menschenansammlungen, die aus heutiger Sicht beinahe regelmäßig zu gewalttätigen Konflikten führen mussten. Das vordergründige Ziel war letztendlich die unnachgiebige Verhinderung einer Zusammenrottung derartiger Ansammlungen bzw. deren umgehende Auflösung (Sturm 2011, 102). So legten die auf genanntem Werk basierenden "Ausbildungsrichtlinien für den Einsatz von geschlossenen Polizeiverbänden" im Polizeipräsidium München vom 01.12.1957 einen großen Wert auf ein autoritäres Auftreten der Polizei, mit dem von vornherein entsprechende Ordnungsstörungen durch Einzelpersonen vermieden werden sollten. Gleichzeitig distanzierten sich die Richtlinien, trotz eingeräumter Ähnlichkeiten im Hinblick auf die Gefahr innerer Unruhen, von einer militärischen Ausrichtung der Ausbildung.[15] Deutlich erkennbar wurde der gewünschte Vorrang eines Einsatzes der Stadtpolizei in München gegenüber dem Einsatz von staatlichen Polizeibehörden.[16] Im Rahmen einer detaillierten Darstellung erläuterte man auch die gravierende Wirkung des Gummiknüppels auf den menschlichen Körper, was seinen Einsatz nur unter den Voraussetzungen des Waffengebrauchs rechtfertigte. Gleichzeitig erging jedoch der Hinweis darauf, dass die durch dieses Schlagwerkzeug erzielten Hämatome eine spätere Identifizierung der getroffenen Personen im Rahmen der Strafverfolgung erleichtern könnten.[17] Als "Der große Aufsichtsdienst"[18] wurde der geschlossene Einsatz von polizeilichen Truppenverbänden im Rahmen größerer Veranstaltungen in der Öffentlichkeit bezeichnet. Dabei sollte mit einer friedlichen Ansammlung korrekt und freundlich aber zielstrebig umgegangen werden, während eine aufrührerische Menschenmenge offensichtlich von vornherein die Anwendung von unmittelbarem Zwang erforderlich machte. Der Einsatz von Dienstpferden im Rahmen einer Räumung ermöglichte weitestgehend die Vermeidung einer Kon- frontation zwischen Störern und Polizeibeamten zu Fuß. Auch wurde auf die vorbeugende Wirkung eines sichtbaren Wasserwerfers ohne dessen tatsächlichen Einsatz[19], sowie auf die Anwendungsmöglichkeiten von Tränengas beim Vorgehen gegen Menschenmassen, eingegangen.[20]

[...]


[1] So z. B. geschehen im Rahmen von "Die Polizei im NS-Staat. Beiträge eines internationalen Symposiums an der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster." (Schulte 2009a).

[2] Im Zuge von Ermittlungen aufgrund des Verdachts des Landesverrats wurden am 26.10.1962 die Redaktionsräume des "Spiegel" im Hamburger Pressehaus durchsucht und dessen Herausgeber Rudolf Augstein sowie mehrere Redakteure verhaftet. Der daraus entstandene starke öffentliche Protest gegen den Angriff auf die Pressefreiheit machte schließlich die Umstrukturierung der damaligen Bundesregierung erforderlich (Siegfried 2011, 120-121).

[3] Diese Einsätze beziehen sich auf das Protestgeschehen der 1960er Jahre auch im weiteren Sinne. Damit können Musikveranstaltungen zu dieser Zeit vor dem Hintergrund der noch darzustellen- den gesellschaftlichen Entwicklung ebenso als Protest betrachtet werden, wie die unpolitischen "Schwabinger Krawalle".

[4] Hermeneutik: aus dem Griechischen "hermeneuein" = auslegen. In diesem Fall bezieht sich die Auslegung auf Quellentexte (Goertz 1995, 107).

[5] Der deutsche Historiker entwickelte im 19. Jahrhundert für den methodischen Vorgang der Her- meneutik eine Formel, die aus sechs Schritten besteht:1. Heuristik 2. Quellenkritik 3. Pragmati- sche Interpretation 4. Interpretation der Bedingungen 5. Psychologische Interpretation 6. Inter- pretation der großen Ideen / sittlichen Mächte (Goertz 1995, 110-112).

[6] Staatsarchiv München (StAM), Polizeidirektion München ab 1945.

[7] Bayerisches Hauptstaatsarchiv (BayHStA), Präsidium Bereitschaftspolizei.

[8] Bayerisches Hauptstaatsarchiv (BayHStA), MInn.

[9] Personen, die aufgrund von Geschehnissen im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg aus ihrer Heimat vertrieben oder verschleppt worden waren, insbesondere befreite KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene oder vor der Massenvernichtung durch die Nationalsozialisten aus Osteuropa geflohene Juden. Im Jahre 1945 waren mehrere tausend dieser Menschen nach München gekommen (Rühlemann 2011, 31).

[10] BayHStA, MInn, 86630: Vormerkung im Entwurf, Nr. IC 3 - 2380/7-49: Auflösung von Ge- meinde- und Stadtpolizeien und Übernahme der Beamten in die Bayerische Landespolizei in den Jahren 1967 bis 1975.

[11] BayHStA, MInn, 86787: Schreiben der Regierung von Oberbayern vom 15.12.1967 an die LHS München, z. Hd. OBB Vogel; Betreff: Aufsicht über die Gemeindepolizeien; Stadtpolizei Mün- chen. S. 15 - 21.

[12] BayHStA, Präsidium der Bereitschaftspolizei, 188: Schreiben der Bayer. Bereitschaftspolizei II. Polizeiabteilung vom 27.01.1959 an das Landesamt für die Bayer. Bereitschaftspolizei: Takti- sche Begriffe aus dem Kampfeinsatz.

[13] BayHStA, MInn, 86665: Schreiben der Bayerischen Verwaltungsschule vom 22.02.1963 an das BayStMI: Anstellungslehrgang 1963.

[14] BayHStA, MInn, 86665: Schreiben der Bayerischen Verwaltungsschule vom 29.07.1963 an das BayStMI: Einführung der Polizeibeamten in die angewandte Psychologie.

[15] StAM, PD München ab 1945, 10735: Ausbildungsrichtlinien für den Einsatz von geschlossenen Polizeiverbänden - Polizeipräsidium München - vom 01.12.1957. S. 3-4.

[16] Ebda., S. 8-9.

[17] Ebda., S. 20-21.

[18] Ebda., S. 83.

[19] Ebda., S. 183-184.

[20] Ebda., S. 191.

Ende der Leseprobe aus 118 Seiten

Details

Titel
Die "Schwabinger Krawalle". Ein Wendepunkt der polizeilichen Einsatztaktik im Protestgeschehen der 1960er Jahre?
Hochschule
Deutsche Hochschule der Polizei
Note
12,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
118
Katalognummer
V283162
ISBN (eBook)
9783656824343
ISBN (Buch)
9783656824329
Dateigröße
926 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
schwabinger, krawalle, wendepunkt, einsatztaktik, protestgeschehen, jahre
Arbeit zitieren
Sebastian Herre (Autor), 2014, Die "Schwabinger Krawalle". Ein Wendepunkt der polizeilichen Einsatztaktik im Protestgeschehen der 1960er Jahre?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/283162

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die "Schwabinger Krawalle". Ein Wendepunkt der polizeilichen Einsatztaktik im Protestgeschehen der 1960er Jahre?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden