Mela Hartwigs „Das Weib ist ein Nichts“ und das Frauenbild der zwanziger Jahre


Akademische Arbeit, 2006

35 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Frau der zwanziger Jahre
2.1 Die ‚Neue Frau’
2.2 Weibliche Angestellte in der Weimarer Republik
2.3 Das Bild der Frau in der Literatur der 20er Jahre

3. Mela Spira-Hartwig: Das Weib ist ein Nichts (1929)
3.1 Biografie: Mela Spira-Hartwig (1893 – 1967)
3.2 Analyse des Romans Das Weib ist ein Nichts
3.2.1 Erzählperspektive, Sprache und Metaphorik
3.2.2 Die Verwandlungen der Protagonistin Bibiana in den Beziehungen zu den
3.2.3 Darstellung von Männlichkeit
3.2.4 Betrachtung der dargestellten Form von Weiblichkeit
3.2.5 Körperlichkeit, Erotik und Sexualität in Das Weib ist ein Nichts

4. Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur)

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema „Das Frauenbild der 20er Jahre“ und untersucht diesen Themenkomplex anhand der literarischen Position Mela Hartwigs. Da mit den zwanziger Jahren eine Zeit beginnt, in der die Stellung der Frau immer mehr an Bedeutung gewinnt, werde ich zunächst die Rolle der Frau in der Gesellschaft betrachten. Dabei nehme ich Bezug auf das Bild der ‚Neuen Frau’ und hiermit verbunden, auf den enormen Aufschwung der Angestelltenkultur. In meinen Betrachtungen werde ich ebenfalls auf die Literatur der Zeit eingehen und anhand einiger Beispiele die Frage klären, inwieweit weibliche Angestellte und ein neues Frauenbild Thema der zeitgenössischen Literatur werden und welche Funktion diese dabei übernimmt.

Die Autorin Mela Hartwig, mit ihrem 1929 erschienenen Roman Das Weib ist ein Nichts, wird in der Sekundärliteratur kaum behandelt, weshalb ich in meinen Ausführungen hauptsächlich auf die Erkenntnisse der Literaturwissenschaftlerin Bettina Fraisl zurückgreifen werde. In einem ersten Schritt untersuche ich die Verwandlungen der Protagonistin Bibiana in den Beziehungen zu den verschiedenen Männern, ebenso wie die im Roman dargestellte Form von Männlichkeit. Konträr dazu steht die dargestellte Form von Weiblichkeit, die ich in einem gesonderten Kapitel noch einmal genauer betrachten werde. Da Körperlichkeit, Sexualität und Erotik einen hohen Stellenwert im Roman einnehmen, werde ich in einem letzten Kapitel darauf eingehen und untersuchen inwieweit dies für das dargestellte Weiblichkeitsbild von Bedeutung ist.

2. Die Frau der zwanziger Jahre

Durch die existenzbedrohenden Erfahrungen, die die Menschen im Ersten Weltkrieg machen müssen, durch den Zusammenbruch des Kaiserreiches und den Beginn der Weimarer Republik, entsteht eine Situation des politischen Umbruchs, die besonders für Frauen Auswirkungen hat. Sie bekommen eine, durch die Verfassung eingeräumte, grundsätzliche Gleichberechtigung und erhalten zum ersten Mal das aktive und passive Wahlrecht. Mit dem neuen Arbeitsmarkt ergeben sich für die Frauen ungeahnte Möglichkeiten, es erschließen sich neue Berufsfelder und für viele ergeben sich verbesserte Ausbildungsmöglichkeiten.[1] Trotz der neuen Möglichkeiten zur weiblichen Selbstständigkeit wird die Ehe von einem Großteil der Frauen noch immer „als die beste Möglichkeit der Lebensgestaltung“[2] angesehen. Dies geht mit der Hoffnung einher, in der Ehe materiell und sozial besser gestellt zu sein. Doch verliert die Frau in einer Ehe an persönlichen Rechten, denn sie ist wirtschaftlich von ihrem Mann abhängig, braucht die Zustimmung des Mannes zur Ausübung eines Berufes und ebenso zur Eröffnung eines neuen Kontos.[3] Es entsteht die Forderung nach einer neuen Ethik, „die eine liberalere und vor allem positive Einstellung zur Sexualität nach sich ziehen“[4] soll. Hierdurch soll eine neue Grundlage im Geschlechterverhältnis entstehen, die zu einer neuen persönlichen Freiheit und Unabhängigkeit der Frau beitragen soll. Die Frau soll von der meinungslosen, untergebenen Gefährtin des Mannes zu einer modernen, selbstständigen Frau werden, die gerade auch in der Ehe ihrem Mann gleichberechtigt ist. Im 20. Jahrhundert kommt es dann zu einem grundlegenden Wandel. Zur industriellen und technologischen Revolution hinzukommend, findet eine Umgestaltung der Gesellschaft statt, und als Folge des gesellschaftlichen Modernisierungsprozesses tritt ein verändertes Rollenverständnis der Geschlechter ein.

Aus den korsettgeschnürten, zerbrechlich wirkenden Frauen der Jahrhundertwende waren bis zur Mitte der Zwanziger Jahre sachlich gekleidete, sportlich wirkende Frauen geworden, die ein gänzlich verändertes Bild von Weiblichkeit und weiblichem Körper wiederzugeben schienen.[5]

Vor diesem Hintergrund des Umbruches, verbunden mit einer daraus resultierenden Aufbruchstimmung in vielen Bereichen, entfaltet sich das Schlagwort der ‚Neuen Frau’, das „noch heute als Synonym für das Frauenbild der zwanziger Jahre gilt.“[6]

2.1 Die ‚Neue Frau’

Durch das Aufkommen von vielen neuen Massenmedien wie Rundfunk, Kino, Zeitschriften und Trivialliteratur erreicht das Schlagwort der ‚Neuen Frau’ sehr schnell eine große Verbreitung, besonders auch in Form von visualisierten Bildern der Frau.

Während der Diskurs der Neuen Frau vor dem Ersten Weltkrieg auf das sozio-kulturelle Umfeld der städtischen Künstlerbohème, die literarischen Zeitschriften der Moderne und die Publikationen der Frauenbewegung beschränkt bleibt, öffnet sich der Diskurs in der Weimarer Republik der zeitgenössischen Populärkultur. Hier werden die Bilder der neuen Frau in Filmen und Romanen, Schlagertexten und Fotoreportagen, auf der Bühne und auf Reklametafeln multipliziert.[7]

Festzuhalten ist, dass diese Entwicklungen von den Bildmedien nicht nur „widergespiegelt, sondern von diesen auch mit ausgeprägt“[8] werden.

Die 'Neue Frau' avanciert zu einem Synonym für Modernität. Sie spiegelt Freiheits- und Angstpotential des ambivalenten Prozesses der Modernisierung. Personifizieren die neuen Frauenbilder einerseits Zeitenwandel und Aufbruch, müssen sie andererseits auch dafür einstehen, dass eine gewisse 'Balance' zwischen Modernisierung und Tradition gewahrt bleibt.[9]

Ein wichtiges Thema in Bezug auf die Veränderung der Frau in den zwanziger Jahren ist das Thema Mode. Die Frauenkleidung erfährt in dieser Zeit eine große Wandlung. „Befreiung aus den Fesseln althergebrachter Moral und Lebensführung – was der Alltag den Frauen der Zwanziger nicht oder nur den wenigsten gewährt hat, das fand in Fragen der Frauenkleidung allerdings sehr viel weitgehender statt.“[10] Für den umpanzerten Körper der Frau, der vorher nur als „Vorzeigestück männlichen Besitzes“[11] dient, bricht nun eine neue Zeit, ohne Korsett und beengende Kleidung, an. Vor allem gibt es nun eine Mode, nicht nur für die oberen Klassen der Gesellschaft, sondern Mode wird zur Massenmode. Durch den technischen Fortschritt der Textilindustrie wird die Konfektionsmode geschaffen. Die preiswerte Massenware kann nun in den neu eingeführten Kaufhäusern erworben werden. Die vereinfachten Schnittmuster der Kleidung machen es für viele Frauen einfacher, sich die neue Mode zu Hause selbst zu nähen, da die Nähmaschine „im 20. Jahrhundert ihren selbstverständlichen Platz in immer mehr proletarischen, kleinbürgerlichen und bürgerlichen Stuben“[12] einnimmt. Das allgemeine Modebewusstsein, das in dieser Zeit aufkommt, wird unterstützt durch die neu aufkommenden Massenmedien, wie z. B. Modezeitschriften, die für eine weite Verbreitung der gerade aktuellen Mode sorgen.

Zu Kriegszeiten sind Stoffe für das normale Volk noch unerschwinglich, die alten Kleider müssen aufgetragen werden. Die Kleidung fällt sehr schlicht, mit möglichst wenig Material gestaltet, aus. Umso mehr Wert kommt der Mode in der Nachkriegszeit zu. Christiane Koch beschreibt in ihrem Aufsatz „Sachlich, Sportlich, Sinnlich. Frauenkleidung in den Zwanziger Jahren“ die Frauen als nicht die gleichen, die sie vor Kriegsbeginn sind. Viele Frauen müssen zur Kriegszeit in den Fabriken und Büros arbeiten und, anstatt wieder zu ihren Vorkriegsarbeiten zurückzukehren, bleiben viele von ihnen nach dem Krieg im Erwerbsleben. Dies hat auch Folgen für die Mode, denn plötzlich ist eine zweckmäßige Berufskleidung erforderlich. Zweiteiler und Kostüme, orientiert am Vorbild des Männeranzugs, werden immer beliebter.[13] Auch der Frauensport wird immer populärer, weshalb Bequemlichkeit einen immer wichtigeren Stellenwert einnimmt. Im Gegensatz hierzu fällt dem Anstand immer weniger Bedeutung zu. Ab 1920 wird das Schwimmen sehr modern, es dürfen nun auch nackte Arme und Beine gezeigt werden, etwas das zu vorigen Zeiten undenkbar gewesen wäre. Der Standard der vornehmen Blässe verschwindet zusehends mit dem häufigeren Aufenthalt der Frauen im Freien und auch die Hosenmode entwickelt sich langsam aber stetig. Der Sport repräsentiert die Hektik und ‚Nervosität’ modernen Lebens. Er [bringt] den modernen Zeitgeist zum Ausdruck, der auch die Mode [kennzeichnet]. In dieser Konstellation bedeutet die Anerkennung des Sports in Anschluss an Baudelaire eine Aufwertung des Flüchtigen und Zufälligen, die für die großstädtische Kultur kennzeichnend ist.[14]

Nach Janina Nentwig wird die Sportlerin „[i]m intellektuellen Diskurs [...] zum Prototyp der Neuen Frau stilisiert“[15], deren „muskulöser, schlanker Körper“ sich schon rein äußerlich „vom Weiblichkeitsideal der Vorkriegszeit“ unterscheidet. Die Haarmode erfährt ebenfalls eine Veränderung. Mit dem Schlagwort der ‚Neuen Frau’ kommt die Kurzhaarfrisur.

Die Haarpracht fiel; keine romantisch verspielten Locken umrahmten mehr ein schüchternes blasses Mädchengesicht; frau trug die Haare kurz als glatten Bubikopf oder in kurzen Dauerwellen [...] Unisex, das optische Verschwimmen der Geschlechtergrenzen, die sich männlich-selbstbewußt gebende Frau, war überhaupt Trumpf![16]

Auch die Figurenmode ändert sich vom runden weiblichen Körper hin zum sportlich schlanken, mit kleinen Brüsten und schmalen Hüften. Das weibliche Schönheitsideal wechselt zum Herben, eher Scharfkantigen, mit starken Farben. Ein weiteres Symbol für ein neues Frauenideal ist das Rauchen, das nun auch in der Öffentlichkeit stattfindet und vorher ausschließlich ein Privileg des Mannes war. Besonders in der Öffentlichkeit des großstädtischen Lebens zeigt sich der neue Typ der Frau: „Lange mondäne Zigarettenspitzen in der Hand, die Lippen dunkelrot gezeichnet, ein kurzes Charlestonkleid mit wippenden Fransensäumen am Leib – eigentlich ein ‚Hauch von Nichts’ – so saß sie in oft fragwürdigen Lokalen und amüsierte sich.“[17] Die äußere, recht freizügige Erscheinung der ‚neuen’ Frauen entspricht den Vorstellungen einer frei ausgelebten Sexualität und somit auch einem ganz neuen Verständnis von Sexualmoral.

Für die ‚Neue Frau’ ist die Berufstätigkeit ein weiteres Mittel und eine große Chance zur Selbstverwirklichung und Unabhängigkeit vom Mann, die in der Massenerscheinung der Angestellten ihren Höhepunkt findet.

2.2 Weibliche Angestellte in der Weimarer Republik

Durch den Ersten Weltkrieg verlieren viele Frauen ihren Mann, weshalb sie allein stehend für sich und eventuell vorhandene Kinder sorgen müssen, um den Lebensunterhalt zu sichern. Hinzu kommt, dass immer mehr Frauen den Wunsch nach Selbstständigkeit verspüren und unabhängig sein wollen. In den zwanziger Jahren stehen den Frauen nun auch die Angestelltenberufe offen, besonders einzelne untergeordnete Berufe, wie der der Stenotypistin, sind den Frauen bald ganz vorbehalten.[18] Die weiblichen Angestellten in den zwanziger Jahren gehören zu einem Frauentypus, der gerade in der Zeit zwischen 1918 und 1933 große öffentliche Aufmerksamkeit erregt. Zu den besonders beliebten Bereichen der Angestelltenkultur gehören die Tätigkeit als Verkäuferin, Stenotypistin und Sekretärin. Die weiblichen Angestellten gelten in dieser Zeit „als Prototypen weiblicher Emanzipation, als Repräsentantinnen der 'Neuen Frau', die das Weimarer System wenn nicht aus der Taufe gehoben, so doch nach Kräften gefördert [haben].“[19] Die Zahl der weiblichen Angestellten Mitte der zwanziger Jahre beträgt mit 1,5 Millionen, dreimal mehr als im Jahr 1907.[20] Fritz Croner schreibt, ohne die billigen weiblichen Arbeitskräfte wäre die Bürorationalisierung in den 1920er Jahren nicht möglich gewesen.[21] Weiterhin ist er der Überzeugung, dass der Einzug der Frau in die Büros noch weit mehr bedeutet.

Er bedeutete den Beginn der wirklichen Emanzipation der Frau durch die Erwerbsarbeit in allen Schichten der Bevölkerung. Erst als die Frauen Kontoristen werden konnten, war der Grund für ihre Gleichberechtigung gelegt. Die Eroberung der Büros durch die weiblichen Angestellten ist die größte Revolution in der sozialen Stellung der Frau.[22]

Die Berufswünsche der jungen Frauen richten sich immer mehr auf die kaufmännischen Berufe. Doch nicht alle Frauen haben die gleichen Chancen, denn Arbeiter [lassen] im Zweifelsfall eher den Sohn „etwas lernen“ als die Tochter, und auch bürgerliche Familien [investieren] lieber in die Berufsausbildung des Stammhalters. Begründet [wird] diese Prioritätensetzung mit dem Argument, die teure Ausbildung rentiere sich bei Frauen nicht, da sie den Beruf ohnehin bald aufgäben und heirateten.[23]

Obwohl es selbst in den bürgerlichen Schichten bereits normal ist, dass Frauen einer Erwerbstätigkeit nachgehen, herrscht in vielen Köpfen noch immer das Denken, dass der Beruf nur eine Übergangsstation zur Ehe ist. Im Jahr 1925 beträgt die Anzahl der angestellten Frauen in Industrie und Handel 65 Prozent, 94 Prozent sind ledig.[24] Im Fall einer Heirat kündigen die meisten Frauen oder werden von ihrem Arbeitgeber gekündigt. Siegfried Kracauer ist der Meinung, dass sich der Grund der vielen Frauen in den Angestelltenberufen, „im besonderen aus der Erhöhung des Frauenüberschusses, den wirtschaftlichen Folgen von Krieg und Inflation und dem Bedürfnis der neuen Frauengeneration nach wirtschaftlicher Selbstständigkeit“[25] erklären lässt. Die Arbeit, die von den Büroangestellten geleistet werden muss, ist in der Regel nicht besonders aufregend, sondern eher von Monotonie und Anstrengung gezeichnet. Es herrschen meist schlechte Arbeitsbedingungen und viele junge Mädchen müssen sich Belästigungen durch die Arbeitgeber gefallen lassen. Aufstiegsmöglichkeiten hat eine Frau in nur sehr geringen Fällen. In diesem Zusammenhang gewinnt die Großstadt eine große Bedeutung, denn die meisten der weiblichen Angestellten leben und arbeiten in der Großstadt.

2.3 Das Bild der Frau in der Literatur der 20er Jahre

Die aktuellen Themen der zwanziger Jahre, wie der Kampf der Frau um das Persönlichkeitsrecht, berufliche Emanzipation und Gleichberechtigung mit dem Mann, finden ihren Niederschlag auch in der Literatur. Der Kampf der Frau um ihre Rechte wird in den Romanen dieser Zeit immer wieder geschildert.

Realitätsspiegelnd präsentieren sich die modernen jungen Romanheldinnen als aktive und selbstbewusste, berufstätige Frauen, die die Wege und Ziele in ihren Lebensprojektionen bestimmen und die degagiert vorwärts schreiten, die den eigenen Lebensunterhalt verdienen, ihren Unterhaltungsbedürfnissen selbstsicher nachgehen und auch über ihre Liebe, über die Wahl ihrer sexuellen Partner eigenverantwortlich entscheiden.[26]

In den Romanen von Marieluise Fleißer (Mehlreisende Frieda Geier, 1931), Vicki Baum (Stud. chem. Helene Willfüer, 1928) und Irmgard Keun (Gilgi – eine von uns, 1931; Das kunstseidene Mädchen, 1932) vertreten die Heldinnen den Typus der jungen modernen Frau.

In ihren charakterlichen Zügen zwar differierend, repräsentieren diese Protagonistinnen musterhaft das erwachte und gelebte weibliche Selbstbewusstsein, zugleich exemplifizieren sie aber auch die Verstrickung in alte Rollen, den (drohenden) Rückfall in traditionelle Verhaltensformen der Passivität und Subalternität.[27]

In diesen Lebensbeschreibungen verschiedener weiblicher Schicksale stellt sich immer wieder die Frage danach, „wie sich Selbstständigkeit und Liebe vereinbaren lassen.“[28] Die jungen Frauen stoßen immer wieder an die Grenzen der Selbstständigkeit, denn tief in sich haben sie immer noch den Wunsch nach der großen Liebe und der Geborgenheit in einer Ehe. Im Gegensatz zu den beiden anderen Romanen gibt es in Vicki Baums Roman Stud. chem. Helene Willfüer ein Happy End, das Begeisterung beim zeitgenössischen Publikum, das selbst auf der Suche nach Glück ist, auslöst. Für den kritischen Leser wirkt das glückliche Ende unrealistisch und trivial, weshalb Kritiker in ihren Beurteilungen des Romans schwanken. Ein weiterer Roman, der die Entwicklungsgeschichte einer jungen Angestellten erzählt und 1928 erscheint, ist Das Mädchen George von Joe Lederer, in dem es jedoch, im Unterschied zu Vicki Baums Roman, kein gutes Ende gibt. In der Rezeption der beiden Romane stellt sich vor allem die Frage, inwieweit sie authentisch und repräsentativ sind[29], was in der Beurteilung der Romane der Zeit zu kontroverser Kritik führt. Doch festzuhalten ist, dass Vicki Baums Roman die aktuellen Themen der Zeit aufgreift, indem sie über den „Kampf um die geistige und soziale Emanzipation, [...] die berufliche Existenz einer intellektuellen jungen Frau, ungewollte Schwangerschaft, Abtreibungsproblematik, Suizidgefährdung [und] erotische Konflikte“[30] schreibt. Auch wenn es sich bei ihr um Einzelschicksale handelt, sind diese gezeichnet „vom krisengeprägten Zeitgeist und dem unsicheren Lebensgefühl der zwanziger Jahre.“[31] In den Romanen der zwanziger Jahre erleben die meist jungen, Protagonistinnen die Liebe als schwerlastende Frage nach der Identität. Die Liebe fordert von ihnen eine Existenzbestimmung in der Konfrontation mit dem männlichen Du, das dem weiblichen Ich machtvoll entgegentritt und es in Besitz zu nehmen droht. Neben allen Glückserfahrungen bedeuten so die Liebesbeziehungen für die Heldinnen eine große Gefährdung des Ichs.[32]

In den Romanen von Joe Lederer, Irmgard Keun und Marieluise Fleißer bleibt den Protagonistinnen nur noch die Loslösung vom geliebten Mann, um ihre Identität zu wahren. Die Mädchenfiguren in diesen Romanen „sind von Autorinnen gestaltet, die selbst noch der jungen Generation der Weimarer Republik angehören“[33] und somit nicht viel älter als ihre Protagonistinnen sind, was bedeutet, dass ihnen „die Träume, Wünsche, Fragen und Probleme junger Mädchen noch vertraut“[34] sind. „Die Mädchen erscheinen als Opfer, aber nicht als die namenloser Verhältnisse, sondern sie sind Opfer eigener jugendlich-naiver Illusion.“[35]

Ein Roman, der sich der „sehr aktuellen Existenzproblematik junger studierender Frauen widmet“[36], ist der Roman von Gertrud Grote Studentinnen, der 1927 erscheint. Auch die hier beschriebenen Romanheldinnen müssen zwischen einer höheren Bildung und dem Leben in einer Ehe wählen, was, im ersteren Fall, bedeuten würde, sich gegen althergebrachte Traditionen zu entscheiden. Das Thema der geistigen Frau wird ebenfalls behandelt in Klara Hofers Roman Sonja Kowalewsky, der 1926 erscheint.[37] Von vielen Autorinnen der Zeit wird durch ihre Romanprotagonistinnen das Bild vermittelt, dass die Frau ihr Glück nur finden kann, indem sie sich in die Traditionen und Konventionen der bürgerlichen Gesellschaft einordnet. Die Widerstände sind für viele Frauen zu groß, um sie allein überwinden zu können.

Im Versuch ihr Ich zu bewahren, richten sich die Desillusionierten in Enklaven ein, ziehen sich zurück in ihre Sehnsüchte und Träume. Andere wiederum springen hemmungslos und vergnügungsbegierig, im Gefühl, nichts mehr verlieren zu können, und mit dem Wunsch, aus der Monotonie des freudlosen Alltags auszubrechen, in das geldregierte und entseelte ‚Lebensgeschäft’, besinnen sich auf ihre ‚weiblichen Waffen’, benutzen die Sexualität, um ganz egoistisch für den eigenen Lebensgenuß zu sorgen.[38]

Ein immer wiederkehrendes Thema in der Literatur der zwanziger Jahre ist das Thema der ungewollten Schwangerschaft und damit verbunden, der Abtreibung, wie auch in Ilse Reickes Roman Das größere Erbarmen (1929), in dem es um die verheiratete Ärztin Irma Carus geht, die in der Zeit der neu entdeckten freien Liebe die dunkle Seite des Lebens erlebt, mit dem Elend der Frauen, die ungewollt schwanger werden oder von ihren Männern zu „ ‚Gebärmaschinen’ funktionalisiert werden.“[39] In Fragen wie „das Recht der Frau auf Liebe, das uneheliche Kind, der Umgang mit den moralischen Vorurteilen gegen freie Liebe und Mutterschaft“[40], die thematisiert werden, ist die Literatur der Realität in gewisser Hinsicht voraus.

In vielen Romanen der zwanziger Jahre gelingt es den Frauen nicht, sich nicht nur über den Mann zu definieren, um ein eigenes Ich auszubilden. Der über die Massenmedien verbreitete neue Typus einer unabhängigen ‚neuen’ Frau verselbstständigt sich zu „einer schillernden Modeerscheinung, [...] einem Ideal, einem Mythos“[41] Doch die Durchsetzung des weiblichen Ideals gestaltet sich für viele Frauen schwieriger als erwartet. Die äußerlichen Veränderungen der Frauen sind erste Versuche in diese Richtung. Die Fragen nach der Ausbildung einer neuen Identität werden von der Literatur aufgenommen und behandelt.

Das Bild der modernen ‚Neuen Frau’ wird vor allem auch von den weiblichen Angestellten geprägt, denn sie repräsentieren „als Massenphänomen berufliche Emanzipation, materielle Unabhängigkeit, Jugendlichkeit, Sportlichkeit, Sachlichkeit, modisches Bewusstsein und sexuelle Befreiung.“[42] Dieser Typus der ‚Neuen Frau’ wird zahlreich aufgegriffen und in den Romanen, Feuilletons, Erzählungen und Filmen dargestellt. „Die Schicksale der zumeist jungen und unverheirateten Berufstätigen zeugten von kollektiven Sehnsüchten und Träumen, Nöten und Verzweiflungen. Hoffnungen und Enttäuschungen waren eng miteinander verknüpft.“[43] Viele Träume und Illusionen der jungen Mädchen werden durch die Filme und Unterhaltungsromane der zwanziger Jahre geschürt, kollidieren aber mit der freud- und glanzlosen Wirklichkeit der meisten Angestellten, die sexuelle Belästigungen ertragen müssen, kaum Aufstiegsmöglichkeiten haben, wenig Geld verdienen und mit der ständig drohenden Entlassung rechnen müssen. Das leidvolle Schicksal der jungen Angestellten spiegelt der Roman Schicksale hinter Schreibmaschinen von Christa Anita Brück wider, der 1930 erscheint. „Autobiographisch gefärbt, ist das Buch ein eindringliches Zeugnis des Elends und der Not des Stenotypistinnen-Alltags.“[44] Das Ende des Romans bleibt offen, die Zukunft der Protagonistin bleibt ungewiss.

Die drückende Erfahrung einer rein funktionalen, entindividualisierten beruflichen Existenz gab kompensierenden Sehnsüchten, ‚etwas zu sein’, ‚etwas Besonderes darzustellen’ anerkannt, geachtet, bewundert zu werden [...] breiten Raum. Der Traum vom ‚Glanz’ fand hier seine Wurzeln.[45]

In den zwanziger Jahren ist die berufstätige Frau ein selbstverständliches Thema literarischer Auseinandersetzung. Nahezu jedes Berufsfeld wird in der Literatur aufgegriffen. „Sie ist mithin – was diese allgemeine Feststellung angeht – Ausdruck der sich verändernden gesellschaftlichen Verhältnisse.“[46]

Mit ihrem Roman Das Weib ist ein Nichts, erschienen 1929, gibt Mela Hartwig eine ungewöhnliche und provozierende Antwort auf die Frage nach der weiblichen Identität. In der Protagonistin Bibiana führt sie das Schicksal einer jungen Frau vor, die den Männern passiv und absolut hörig gegenübersteht, ganz im Gegenteil zu dem gängigen Bild der unabhängigen, selbstbewussten Frau. Auf Hartwigs Roman werde ich in meiner Analyse detaillierter eingehen.

In der Literatur der Weimarer Zeit ist zu beobachten, dass „der Typus der modernen ‚starken Frau’ “[47] in den Romanen männlicher Autoren stärker repräsentiert wird, als in den Romanen der weiblichen Autorinnen. „Aus den Werken der Schriftstellerinnen ist herauszulesen, dass die ungelöste Geschlechterproblematik ihnen zu gewichtig erschien, um sie mit (allzu) leichter Hand zu schematisieren und in Form simplifizierter Klischeebilder publikumsunterhaltend abzuhandeln.“[48]

Die ‚modernen Frauen’, die in den Romanen männlicher Autoren auftreten, figurieren Wunsch- und Schreckensbilder, sie präsentieren triviale und klischierte wie zeitcharakteristische und realitätskritische Porträts. Literarisch gestaltet, erscheinen die Frauen als künstliche und wirklichkeitstragende Figuren.[49]

[...]


[1] Vgl. Manja Seelen: Das Bild der Frau in Werken deutscher Künstlerinnen und Künstler der Neuen Sachlichkeit. Münster: Lit Verlag 1995, S. 6-7.

[2] Doris Rosenstein: Irmgard Keun. Das Erzählwerk der dreißiger Jahre. Frankfurt am Main [u.a.]: Peter Lang Verlag 1989, S. 48.

[3] Vgl. Rosenstein (1989): Irmgard Keun, S. 48.

[4] Gesa Kessemeier: Sportlich, sachlich, männlich. Das Bild der ‚Neuen Frau in den Zwanziger Jahren. Zur Konstruktion geschlechtsspezifischer Körperbilder in der Mode der Jahre 1920 bis1929. Dortmund: Ed. Ebersbach 2000, S. 23.

[5] Kessemeier (2000): Sportlich, sachlich, männlich, S. 1.

[6] Kessemeier (2000): Sportlich, sachlich, männlich, S. 1.

[7] Kerstin Barndt: Sentiment und Sachlichkeit . Der Roman der neuen Frau in der Weimarer Republik. Köln: Böhlau Verlag 2003, S. 10.

[8] Katharina Sykora et. al. (Hrsg.): Die neue Frau. Herausforderung für die Bildmedien der Zwanziger Jahre. Marburg: Jonas Verlag 1993, S. 30.

[9] Barndt (2003): Sentiment und Sachlichkeit, S. 10.

[10] Christiane Koch: „Sachlich, Sportlich, Sinnlich . “ In: Kristine von Soden und Maruta Schmidt (Hrsg.): Neue Frauen. Die Zwanziger Jahre. Berlin: Elefanten Press Verlag 1988, S. 16.

[11] Koch (1988): Sachlich, Sportlich, Sinnlich, S. 16.

[12] Koch (1988): Sachlich, Sportlich, Sinnlich, S. 16.

[13] Vgl. Koch (1988): Sachlich, Sportlich, Sinnlich, S. 17.

[14] Anne Fleig: „Musils Kritik am Geist des Sports.“ In: Michael Cowan und Marcel Sicks (Hrsg.): Leibhaftige Moderne. Körper in Kunst und Massenmedien 1918 bis 1933. Bielefeld: transcript Verlag 2005, S. 85.

[15] Janina Nentwig: „Akt und Sport. Anton Räderscheidts ‚hundertprozentige Frau’.“ In: Michael Cowan und Marcel Sicks (Hrsg.): Leibhaftige Moderne. Körper in Kunst und Massenmedien 1918 bis 1933. Bielefeld: transcript Verlag 2005, S. 97.

[16] Koch (1988): Sachlich, Sportlich, Sinnlich, S. 19.

[17] Koch (1988): Sachlich, Sportlich, Sinnlich, S. 19.

[18] Vgl. Christa Jordan: Zwischen Zerstreuung und Berauschung. Die Angestellten in der Erzählprosa am Ende der Weimarer Republik. Frankfurt am Main [u.a]: Peter Lang Verlag 1988, S. 24.

[19] Ute Frevert: „Kunstseidener Glanz. Weibliche Angestellte.“ In: Kristine von Soden und Maruta Schmidt (Hrsg.): Neue Frauen. Die Zwanziger Jahre. Berlin: Elefanten Press Verlag 1988, S. 25.

[20] Vgl. Frevert (1988): Kunstseidener Glanz, S. 26.

[21] Vgl. Fritz Croner: Soziologie der Angestellten. Köln: Kiepenhauer & Witsch 1896, S. 180.

[22] Croner (1896): Soziologie der Angestellten, S. 180.

[23] Frevert (1988): Kunstseidener Glanz, S. 27.

[24] Vgl. Frevert (1988): Kunstseidener Glanz, S. 27.

[25] Siegfried Kracauer: Die Angestellten. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1971, S. 12.

[26] Hartmut Vollmer: Liebes(ver)lust. Existenzsuche und Beziehungen von Männern und Frauen in deutschsprachigen Romanen der zwanziger Jahre. Oldenburg: Igel-Verlag 1998, S. 258-259.

[27] Vollmer (1998): Liebes(ver)lust, S. 259-260.

[28] Vollmer (1998): Liebes(ver)lust, S. 260.

[29] Vgl. Vollmer (1998): Liebes(ver)lust, S. 267.

[30] Vollmer (1998): Liebes(ver)lust, S. 269.

[31] Vollmer (1998): Liebes(ver)lust, S. 269.

[32] Vollmer (1998): Liebes(ver)lust, S. 271.

[33] Heide Soltau: Trennungs-Spuren. Frauenliteratur der zwanziger Jahre. Frankfurt: extrabuch Verlag 1984, S. 53.

[34] Soltau (1984): Trennungs-Spuren, S. 53.

[35] Soltau (1984): Trennungs-Spuren, S. 53-54.

[36] Vollmer (1998): Liebes(ver)lust, S. 273.

[37] Vgl. Soltau (1984): Trennungs-Spuren, S. 29.

[38] Vollmer (1998): Liebes(ver)lust, S. 277.

[39] Vollmer (1998): Liebes(ver)lust, S. 278.

[40] Soltau (1984): Trennungs-Spuren, S. 35.

[41] Vollmer (1998): Liebes(ver)lust, S. 281.

[42] Vollmer (1998): Liebes(ver)lust, S. 288.

[43] Vollmer (1998): Liebes(ver)lust, S. 288.

[44] Vollmer (1998): Liebes(ver)lust, S. 290.

[45] Vollmer (1998): Liebes(ver)lust, S. 293.

[46] Soltau (1984): Trennungs-Spuren, S. 10.

[47] Vollmer (1998): Liebes(ver)lust, S. 302.

[48] Vollmer (1998): Liebes(ver)lust, S. 302.

[49] Vollmer (1998): Liebes(ver)lust, S. 302.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Mela Hartwigs „Das Weib ist ein Nichts“ und das Frauenbild der zwanziger Jahre
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
35
Katalognummer
V283165
ISBN (eBook)
9783656823612
ISBN (Buch)
9783668140011
Dateigröße
588 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
mela, hartwigs, weib, nichts, frauenbild, jahre
Arbeit zitieren
Evelyn Fast (Autor), 2006, Mela Hartwigs „Das Weib ist ein Nichts“ und das Frauenbild der zwanziger Jahre, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/283165

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