Psychologie der sozialen Rolle. Warum wir alle Theater spielen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
27 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Zum Unterschied zwischen Soziologie, Psychologie und ihr Bezug zur Theaterwissenschaft

III. Die soziale Rolle und ihre psychologischen Mechanismen
1. Der Begriff der sozialen Rolle
2. Die soziale Rolle auf der Bühne des Lebens
2.1. Darstellung
2.2. Dramatische Gestaltung
2.3. Vorder- und Hinterbühne Exkurs: Warum Selbstdarstellung funktioniert
2.4. Das Bühnenbild
2.5. Regie
2.6. Sonderrollen

IV. Schluss

Literatur- und Quellenverzeichnis

I. Einleitung

Was ist Theater? - Eine scheinbar einfache Fragestellung, die sich bei näherer Betrachtung als ein komplexes Geflecht aus verschiedenen Theorieansätzen entpuppt. Theater ist nicht nur Kunstform, sondern auch soziale Institution; es ist nicht nur subventioniertes Haus, sondern auch Kommunikationsplattform für kulturellen, aktualitätsbezogenen Austausch. Kotte drückt aus, dass das Theater als „prozessuale[s] Gebilde nur als Leerstelle zwischen Wörtern, Begriffen und Aspekten [existiert]“1 und macht damit unmissverständlich klar, wie unzulänglich Definitionen von Theater zwangsläufig sind. Die thematische Schwerpunktlegung einer Theorie und ihre Perspektive auf das Theater formen letztlich Definitionsansätze und sind daher so divers wie ihre Entwickler selbst. Für diese Arbeit ist in jedem Fall wichtig, dass das Theater ein Medium mit eigener Ästhetik und Semiotik ist.

Ein grundlegendes Charakteristikum dieses Mediums ist der Aspekt der Performativität. Von Linguist John Austin im Rahmen seiner Sprechakttheorie 1955 als Neologismus eingeführt, wurde der Begriff Performativität konstant weiterentwickelt und in Bereiche wie Pädagogik und Theater implementiert. Austins Begriff verweist dabei auf einen Handlungsvollzug, der nur durch das Aussprechen bestimmter Sätze geschieht. „Ich erkläre Sie zu Mann und Frau“ ist ein solches Beispiel. Diese Sprechakte sind selbstreferentiell und wirklichkeitskonstituierend. Sie verändern allein durch ihren sprachlichen Ausdruck die Realität. Erika Fischer-Lichte ist es, die die Kriterien des Begriffs auch auf das Körperliche anwendet und ihn mit dem Aufführungsbegriff assoziiert. Die Handlungen in Aufführungen haben schließlich die Fähigkeit „eine - wie auch immer geartete - Transformation der Künstlerin und der Zuschauer herbeizuführen.“2 Die Performativität des Körperlichen im Rahmen der Aufführer- Zuschauer-Dichotomie besteht also in einer Transformation, die vor und auf der Bühne geschieht. Begründet wird dieser Prozess mit der autopoietischen Feedbackschleife, die das Phänomen der gegenseitigen Beeinflussung von Darsteller und Publikum beschreibt. Mit anderen Worten: Das Schauspiel des Darstellers bewirkt eine Publikumsreaktion, die sich ihrerseits wieder auf das Schauspiel des Darstellers auswirkt.

Auch Judith Butler definiert „den Prozess der performativen Erzeugung von Identität als einen Prozess von Verkörperung“. Hier trifft sie auf Austin und ermöglicht so eine Brücke zur Performance: „Performativität führt zu Aufführungen bzw. manifestiert und realisiert sich im Aufführungscharakter performativer Handlungen“.3

Wir schlussfolgern: Der Schauspieler ist immer Performer, seine Handlungen haben Aufführungscharakter. Sein Körper ist Medium für innere und äußere Handlungen, die sich auf den Zuschauer transformieren und eine Reaktion bewirken. Doch ist dieses Prinzip nicht nur auf das Theater zu reduzieren. Fußballspieler, die in einem vollen Stadion ein Tor „aufführen“, bewirken ebenfalls eine eindeutige Reaktion bei den Zuschauern: Euphorisches Jubeln oder schockiertes Entsetzen. Ein Arzt, der den Angehörigen eines Patienten die traurige Nachricht seines Todes mitteilt, wird ebenso eine entsprechende Reaktion auslösen. Auch die Mutter, die ihrem Kind ein verdrecktes Spielzeug aus der Hand nimmt und seinen Spielspaß verhindert, wird auf Abwehr stoßen. All diese Reaktionen werden wiederum bei den Auslösern eine Reaktion auslösen usw.

Doch sind die genannten Personen Performer, sind sie Schauspieler? Definitiv sind sie es nicht auf der Bühne eines Theaters oder einer Performance-Show - sie sind Schauspieler auf der Bühne des Lebens.

Die vorliegende Arbeit setzt sich zum Ziel diese Bühne des Lebens genauer zu betrachten und ihre sozialen Rollen unter sozialpsychologischen Gesichtspunkten zu hinterfragen. Warum und wie handelt der Mensch gemäß einer an ihn gesellschaftlich gestellten Erwartungshaltung und wie vereint er mehrere solcher Erwartungshaltungen? Dabei ergibt sich die für diese Arbeit wichtigste Fragestellung: Welche Problemfelder ergeben sich in Anbetracht aufeinandertreffender sozialer Rollen?

[...]


1 Andreas Kotte, „Theatralität: Ein Begriff sucht seinen Gegenstand“ (In: Günter Ahrends (Hg.). Forum modernes Theater, Tübingen: Gunter Narr, 1998), 117-133.

2 http://www.onleihe.de/static/content/suhrkamp/20120912/978-3-518-78541-6/v978-3-518-78541-6.pdf [aufgerufen am 28.08.2014].

3 http://icem-www.folkwang-uni.de/icem-web/wp-content/uploads/2001/01/mattil_kapitel1.pdf [aufgerufen am 28.08.2014].

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Psychologie der sozialen Rolle. Warum wir alle Theater spielen
Hochschule
Universität Bayreuth
Veranstaltung
Theatertheorie
Note
2,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
27
Katalognummer
V283483
ISBN (eBook)
9783656835547
ISBN (Buch)
9783656835554
Dateigröße
700 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Goffman, Theatertheorie, Psychologie, soziale Rolle, Sozialpsychologie, Theaterwissenschaft
Arbeit zitieren
Alexander Löwen (Autor), 2014, Psychologie der sozialen Rolle. Warum wir alle Theater spielen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/283483

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