Im letzten Novellenzyklus Kellers wird vielerlei unterschwellige Kritik an Gesellschaftszuständen im deutschsprachigen Raum und an typischen zeitgenössischen Vertretern diverser Gesellschaftsschichten zu einem großen Teil über die Ironie transportiert. Vorkommen des ironischen Sprechens werden verknüpft mit Momenten narrativer Ironie und erscheinen eng an das Typusmotiv des Sonderlings geknüpft, das im „Sinngedicht“ wiederholt eingesetzt wird. Die Untersuchung orientiert sich daher insbesondere an den männlichen Vertretern der narrativ inszenierten Gesellschaftsordnung, deren Ironisierung oft erst bei näherer Hinsicht ins Auge fällt.
Nachdem Preisendanz Kellers Dichtkunst nachvollziehbar mit dem bürgerlichen Humor identifiziert, ergibt sich dennoch an vielen Stellen der Sinngedichtforschung die Wahrnehmung einer Ironie, deren genauere Untersuchung bisher jedoch ausgeblieben ist. So versteht sich die vorliegende Arbeit als eine Vertiefung der Einordnung des Keller-Werkes in die Kategorie des bürgerlichen Humors.
Thematisch erfolgt, neben der Konzentration auf die angesprochene Gesellschaftskritik, die Analyse ironischer Sequenzen auf dem Gebiet des Geschlechterdiskurses, mit dem sich ebenfalls Amrein, Bischof und Rácz in jüngerer Zeit auseinandergesetzt haben. Da ironische Elemente eine nicht unerhebliche Rolle in Figurendialogen – insbesondere auf der Ebene der Rahmenhandlung zwischen den beiden Hauptfiguren Reinhart und Lucie – zu spielen scheinen, kommen bei der Untersuchung verbalironischer Einheiten auch linguistische Theorien zum Einsatz. Hier orientiert sich die Vorgehensweise an Preukschat, der in seiner Monografie zum ‚Akt des Ironisierens’ (2007) eine dezidierte Untersuchung auch literarischer Werke mit sprachwissenschaftlichen Mitteln fordert. Auf diese Weise ist das Zusammenspiel von verbaler und epischer Ironie nachzuzeichnen, das als besonderes Dichtungsverfahren des Novellenzyklus aufgefasst werden kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ausgangslage, Untersuchungsgang und Methode
3. Verortung des Phänomens der Ironie
3.0 Erste Abgrenzung zu ähnlich gearteten Phänomenen
3.0.1 Lüge und Heuchelei
3.0.2 Sarkasmus und Zynismus
3.0.3 Das Komische
3.0.4 Der Witz
3.0.5 Humor
3.0.6 Die Satire
3.1 Klassische Auffassungen
3.2 Literarische Ironie
3.2.1 Prototypen der Ironie
3.2.2 Der Text als Spielraum des Ironischen
3.3 Linguistische Konzeptionen
3.3.1 Pretense Theory
3.3.2 Echoic Mention Theory
3.3.3 Allusional Pretense Theory
3.4 Die Zusammenschau im Integrationsmodell
4. Die Ironie in Gottfried Kellers „Sinngedicht“
4.1 Poetologische Verortung und epochale Zuordnung
4.1.1 Abgrenzung von den ‚Originalgenies’
4.1.2 Positionierung zum Naturalismus
4.1.3 Humor und Ironie in poetologischer Hinsicht
4.2 Architektur des Zyklus
4.3 Die Eröffnung des ironischen Spielraums: Stilironie im Eingangssatz
4.4 Der männliche Sonderling und sein Entwicklungspotenzial in Gestalt des Herrn Reinhart auf Basis seiner erzählerischen Darbietungen
4.4.1 Die Ironisierung des Erwin ironisierenden Herrn Reinhart durch den 0-Narrator: Verweislinien zwischen Reinharts Einstellungen, Lucies Dialogironie und dem Ironieopfer Erwin
4.4.1.1 Reinharts Fehltritt und Erwins Einkauf der Dienstmagd auf dem Boden deutscher Kultur
4.4.1.2 Reinhart als Fremdling in der moralischen Welt – Erwin als Fremdling auf dem Boden deutscher Kultur
4.4.2 Die vermittelte Ironisierung Brandolfs durch den 0-Narrator und Herr Reinharts erster Entwicklungsschritt
4.4.1.1 Äußeres verliert an Gewicht und Ökonomisches bleibt Kriterium bei der Brautwahl
4.4.1.2 Reinharts Wollschäfchen und Brandolfs Liebhaben dieses haushälterisch begabten Frauchens
4.5 Historische Transformationen: Correa,Thibaut und weitere Entwicklungsschritte Reinharts
4.5.1 Der erfolgreiche Vorläufer des guten Bürgersohnes
4.5.2 Der erfolglose Vorläufer des schlechten Bürgersohnes
4.6 Religionskritik und Liebe: Ironisierung der Glasglockenfamilie, Bigotterie und Scheinheiligkeit der Donna Feniza und des Leodegar
4.7 „Die Geisterseher“ als Spiegelachse und Rückschau gesellschaftlicher Disparitäten
4.8 Parabasisches Verfahren: Das überzeichnete Abschlussidyll als ironische Replik im Widerstreit der Kulturen
4.9 Typologischer Vergleich: „Sinngedicht“ und „Symposion“
5. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Dissertation untersucht die ironischen Strukturen in Gottfried Kellers Novellenzyklus „Das Sinngedicht“. Ziel ist es, durch eine detaillierte literaturtheoretische und linguistische Analyse aufzuzeigen, wie Ironie als Stilmittel und Strukturmerkmal zur kritischen Auseinandersetzung mit zeitgenössischen gesellschaftspolitischen Diskursen des 19. Jahrhunderts – insbesondere dem Geschlechterverhältnis und Fragen der Kultur – eingesetzt wird.
- Ironie als komplexes, mehrschichtiges Kommunikationsmittel im literarischen Text.
- Das Spannungsfeld zwischen Humor und Ironie im poetischen Realismus.
- Die Entwicklung des männlichen Protagonisten Reinhart im Spiegel ironischer Erzählverfahren.
- Intertextuelle Bezüge und die historische Einbettung des Werkes in den kulturellen Kontext.
Auszug aus dem Buch
Die Eröffnung des ironischen Spielraums: Stilironie im Eingangssatz
Durch Gerhard Kaiser sind wir bereits auf die Ironie der Eingangspassage aufmerksam geworden; Sie soll nun einer differenzierten Untersuchung unterzogen werden.
Unter Bezug auf die Naturwissenschaften erfolgt im ersten Satz eine relativ genaue Angabe, in welchem historischen Zeitraum die Handlung anzusiedeln ist. Der sog. ironische Spielraum eröffne sich laut Allemann bereits in den ersten Sätzen eines literarischen Textes, wie dies in Kapitel 3.2.2 bereits erörtert wurde. Das „Sinngedicht“ wird mit der Beschreibung der Ausgangssituation des Naturwissenschaftlers Reinhart eingeleitet, der sich mit Experimenten auf dem Gebiet der Optik beschäftigt:
Vor etwa fünfundzwanzig Jahren, als die Naturwissenschaften eben wieder auf einem höchsten Gipfel standen, obgleich das Gesetz der natürlichen Zuchtwahl noch nicht bekannt war, öffnete Herr Reinhart eines Tages seine Fensterläden und ließ den Morgenglanz, der hinter den Bergen hervorkam, in sein Arbeitsgemach, und mit dem Frühgolde wehte eine frische Sommermorgenluft daher und bewegte kräftig die schweren Vorhänge und die schattigen Haare des Mannes.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die literaturgeschichtliche Bedeutung Gottfried Kellers und die Zielsetzung der Arbeit, die Ironie im „Sinngedicht“ historisch und poetologisch zu verorten.
2. Ausgangslage, Untersuchungsgang und Methode: Überblick über den Forschungsstand und Erläuterung des hermeneutischen Verfahrens sowie der literaturwissenschaftlichen Kriterien für die Ironieanalyse.
3. Verortung des Phänomens der Ironie: Umfassende theoretische Grundlegung durch Abgrenzung der Ironie von benachbarten Begriffen wie Lüge, Sarkasmus und Humor sowie Darstellung linguistischer und literarischer Erklärungsmodelle.
4. Die Ironie in Gottfried Kellers „Sinngedicht“: Zentrale Werkanalyse, die die im Theorie-Teil erarbeiteten Modelle auf die Figuren, die Struktur und die thematischen Diskurse des Novellenzyklus anwendet.
5. Zusammenfassung: Synthese der Ergebnisse, die das Wechselspiel von ironischer Erzählhaltung und der Entwicklung des Protagonisten Reinhart resümiert.
Schlüsselwörter
Gottfried Keller, Das Sinngedicht, literarische Ironie, bürgerlicher Realismus, Geschlechterdiskurs, Kulturkritik, Poetologie, Humor, Pretense Theory, narrative Ironie, Textanalyse, 19. Jahrhundert, Sonderling, intertextuelle Bezüge.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Ironie als zentrales, aber oft subtiles Stil- und Strukturmerkmal in Gottfried Kellers „Sinngedicht“, um die zugrunde liegenden gesellschaftskritischen und poetologischen Ebenen des Werkes aufzudecken.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Untersuchung konzentriert sich primär auf den Geschlechterdiskurs, die Kulturkritik sowie das Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne im 19. Jahrhundert.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, das „Sinngedicht“ über die bisherige Einordnung als „bürgerlicher Humor“ hinaus als ein Werk zu begreifen, das durch Ironie komplexe gesellschaftliche Widersprüche reflektiert und kommentiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit kombiniert hermeneutische Literaturanalyse mit linguistisch-pragmatischen Ironietheorien (wie der Pretense Theory oder der Allusional Pretense Theory), um ein integratives Analysemodell zu schaffen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Untersuchung der Novellen, der erzählerischen Rahmenstruktur, dem Auftreten von Typen wie dem „Sonderling“ und der kritischen Beleuchtung der Naturwissenschaften im Werk.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Ironie, Gottfried Keller, Realismus, Genderdiskurs, Kulturkritik und Poetologie beschreiben.
Wie prägt der „Sonderling“ die ironische Kritik im Werk?
Der Sonderling fungiert als Typus, an dem Keller gesellschaftliche Normverstöße auf ironische Weise sichtbar macht, wobei sich die Kritik oft durch eine Distanz zwischen Erzähler und Figur manifestiert.
Welche Bedeutung kommt dem Eingangssatz des „Sinngedichts“ zu?
Der Eingangssatz etabliert durch ein Oxymoron ironisch-kritische Distanz zur zeitgenössischen Wissenschaftseuphorie und setzt den ironischen Grundton für den gesamten Zyklus.
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- André Schneider (Author), 2013, Die Ironie in Gottfried Kellers "Sinngedicht", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/283985