Die Standardisierung der Kreolsprachen aus soziolinguistischer Perspektive


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Relevanz des Themas

2 Status Quo der Verschriftlichung

3 Gründe der mangelnden Standardisierung
3.1 Einstellung der Sprecher
3.2 Sprachpolitik
3.3 Wirtschaftliche Aspekte

4 Konsequenzen der mangelnden Verschriftung

5 Vorschläge für orthographische Systeme und deren Vor- und Nachteile
5.1 Etymologische Schreibweise
5.2 Phonologische Schreibweise
5.3 Neuere Ansätze

6 Ausblick

7 Bibliographie

1 Relevanz des Themas

Heutzugabe spielt die Schrift aufgrund neuer Medien wie bspw. dem Internet eine sehr große Rolle. Dies führt leicht dazu, dass rein mündlichen Sprachen voreilig der Status „Sprache“ aberkannt wird und ihre Existenz in Frage gestellt wird (vgl. Hazaël-Massieux 1999: 133). Da es sich dabei allerdings trotz aller Vorurteile um Sprachen handelt (vgl. Hazaël-Massieux 1999: 158), haben diese – und v.a. ihre Sprecher – ebenso ein Recht auf Verschriftlichung wie andere Sprachen auch (vgl. Hazaël-Massieux 1999: 136f.).

Ziel dieser Arbeit ist es, eine Sensibilisierung für ein Thema zu erreichen, dessen schwerwiegende Konsequenzen viel zu selten behandelt und diskutiert werden. Einleitend soll deshalb zunächst der aktuelle Stand der Verschriftung der französischen Kreolsprachen skizziert werden. Im darauf folgenden Kapitel werden dann Gründe für die mangelnde Verschriftung und im Anschluss in Kapitel 4 deren Konsequenzen dargestellt. Danach sollen die bereits bestehenden Orthographiesysteme und ihre Vor- und Nachteile diskutiert werden.

2 Status Quo der Verschriftlichung

Obwohl bereits im 17. Jahrhundert vereinzelt erste Schriftstücke in créole von Missionaren, Reisenden und Schriftstellern verfasst wurden, gibt es – außer auf Haiti[1] – bis heute keine fixierte Orthographie der französischen Kreolsprachen (vgl. Valdman 1978: 98). Stattdessen beziehen sich kreolische Schriftsteller häufig auf individuelle Systeme; die Mehrheit der Bevölkerung verwendet die französischen Kreolsprachen allerdings immer noch überwiegend mündlich (vgl. Hazaël-Massieux (a): 1).

Bei bisherigen Versuchen der Verschriftlichung handelt es sich fast ausschließlich um Transkripte, die die gesprochene Sprache unter rein phonetischen Gesichtspunkten wiedergeben. Hierbei orientieren sich die Schreiber nicht an einer auf die Bedürfnisse und die soziolinguistische Situation der Kreolsprachen angepassten Orthgraphie, sondern an Systemen wie dem Internationalen Phonetischen Alphabet (vgl. Hazaël-Massieux (a): 1f.). Ein bekanntes Beispiel ist die von „Le Groupe d’Etudes et de Recherches en Espace Créolophone“ (GEREC) erarbeitete gleichnamige Graphie, die auf den Kleinen Antillen weit verbreitet ist und anderen Ländern bei der Erarbeitung einer eigenen Schrift als Grundlage diente (vgl. Strobel-Köhl 1994: 63).

Kritisch zu sehen an diesen rein phonetischen Systemen ist allerdings, dass sie Distanz schaffen: Das Gehörte ist subjektiv und kann u.U. regional und sozial bedingt sein und somit dazu führen, dass sich Sprecher unterschiedlicher Varietäten schriftlich nicht mehr verständigen können. Außerdem verwandelt es das Kreolische in eine Sprache, deren schriftlicher Gebrauch sich auf Linguisten und die einheimische gebildete Oberschicht beschränkt. Diese Systeme lassen sich somit nicht als „Orthographie“ im eigentlichen Sinn bezeichnen, da sie keine Standards festlegen und häufig keine Varietät als Grundlage der geschriebenen Sprache bestimmt wird (vgl. Hazaël-Massieux (a): 1). Um aus dem créole eine geschriebene Sprache zu machen, wird statt einer reinen Wiedergabe der Aussprache ein Orthographiesystem benötigt, das neben den soziolinguistischen Bedürfnissen vor allem die Anforderungen erfüllt, die an eine Schriftsprache gestellt werden. Eine bedeutende Rolle spielt Redundanz, die in der geschriebenen Sprache anders erzeugt wird als in der gesprochenen, da sie die Lektüre und die korrekte Rezeption eines geschriebenen Textes erleichtert (vgl. Hazaël-Massieux 1993: 40f.). Da die Graphie nach dem phonologischen Prinzip diesen Anforderungen nicht ausreichend Rechnung trägt, bleibt die ausschließlich nach diesem System fixierte Sprache in ihren Strukturen und insbesondere im Bewusstsein der Sprecher eine gesprochene Sprache (vgl. Hazaël-Massieux 1999: 144).

Jüngste Vorschläge, wie bspw. von Marie-Christine Hazaël-Massieux, berücksichtigen auch morphologische und lexikalische Gegebenheiten, um die Lektüre der geschriebenen Sprache zu erleichtern und sie allen Bewohnern der Kleinen Antillen zugänglich zu machen (vgl. Hazaël-Massieux 1993: 62ff. und Strobel-Köhl 1994: 82ff.).

3 Gründe der mangelnden Standardisierung

3.1 Einstellung der Sprecher

Vorschläge der Linguisten unterliegen grundsätzlich der Zensur der Sprecher, d.h. sie sind abhängig von deren Urteil und davon, ob sie das Orthographiesystem akzeptieren und anwenden (vgl. Hazaël-Massieux 1993: 17). Aus diesem Grund ist es wichtig, dass eine Orthographie zumindest teilweise deren Erwartungen erfüllt (vgl. Hazaël-Massieux (a): 2). Um Ziele definieren, Anforderungen und mögliche Reaktionen antizipieren zu können, sind tief greifende soziolinguistische Studien erforderlich, deren Ergebnisse anschließend bei der Erarbeitung eines Systems berücksichtigt werden (vgl. Chaudenson 1979: 156.). Die Sprecher des créole haben grundsätzlich zunächst eine negative Einstellung zur Verschriftung der Kreolsprachen, da sie es nicht gewohnt sind in ihrer Muttersprache zu schreiben und Vorurteile haben (vgl. Hazaël-Massieux 1999: 159): « Un sentiment commun à la plupart des créolophones, avant toute réflexion sur le sujet, est que le créole ne peut pas s’écrire » (Hazaël-Massieux 1993: 11). Außerdem vertreten viele die Auffassung, dass eine Sprache entweder gesprochen oder geschrieben ist (vgl. Hazaël-Massieux (a): 1).

Die bisherigen Versuche stoßen – Hazaël-Massieux zufolge – weitgehend auf Widerstand (vgl. Hazaël-Massieux 1993: 39). Grund hierfür ist u.a., dass die Sprecher sich nicht mit der Graphie identifizieren können und Texte, die nach den Regeln phonologischer Schreibsysteme verfasst sind, aufgrund der mangelnden Redundanz als unlesbar und schwer zu schreiben empfunden werden. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass die schriftliche Kommunikation zwischen Sprechern unterschiedlicher Varietäten nicht möglich ist (vgl. Hazaël-Massieux 1993: 22). Diese überwiegend ablehnende Einstellung gegenüber den bisherigen Versuchen schafft eine eher negative Atmosphäre hinsichtlich neuer Versuche bzw. einer Verschriftlichung der Kreolsprachen allgemein (vgl. Hazaël-Massieux (a): 2.).

Ein weiterer Grund ist, dass soziologische Aspekte wie der Status der Sprache, die unterschiedlichen Einstellungen der sozialen Schichten zum créole und die Situation und Relation sonstiger verwendeter Sprachen untereinander bisher nicht ausreichend berücksichtigt wurden. Die Kreolsprachen werden vom Großteil der Bevölkerung als minderwertige Sprache der Einheimischen empfunden und mit Armut, Sklaverei und Kolonialismus in Verbindung gebracht (vgl. Valdman 1978: 110). Diese Geringschätzung zeigt sich auch in den häufig verwendeten Bezeichnungen „patois“ und „français déformé“ (vgl. Strobel-Köhl 1994: 30). Hinzu kommt, dass das créole aufgrund der geringen Distanz zum Französischen und der negativen Einstellung von Seiten der Sprecher häufig nicht als autonome Sprache, sondern als untergeordneter Dialekt der prestigereichen Sprache der ehemaligen Kolonialherren gesehen wird (vgl. Sebba 1997: 237). Strobel-Köhls Untersuchungen auf Martinique ergeben, dass die französischen Kreolsprachen vor allem im Verhältnis zur Metropole abgewertet, im Zusammenhang mit der einheimischen Kultur hingegen durchaus als positiv und identitätsstiftend gesehen werden (vgl. Strobel-Köhl 1994: 30).

Das geringe Ansehen der Sprache wirkt sich auch auf den Gebrauch des créole aus, wird aber andererseits zugleich teilweise durch diesen bedingt. In den meisten kreolsprachigen Gebieten lässt sich die Funktionsverteilung der beiden Sprachen als diglossisch[2] beschreiben (vgl. Strobel-Köhl 1994: 29.): Außer auf Haiti und den Seychellen[3] haben die französischen Kreolsprachen keinen offiziellen Status, weshalb ihre Verwendung auf die alltägliche Kommunikation innerhalb der Familie beschränkt ist (vgl. Hazaël-Massieux (b): 2). Obwohl es sich i.d.R. um die erste Sprache handelt, die ein Kind lernt,[4] und – außer in den französischen Überseedepartements – ein großer Teil der Bevölkerung immer noch einsprachig ist, wird in der Öffentlichkeit fast ausschließlich Französisch gesprochen (vgl. Hazaël-Massieux (b): 2). Aufgrund des niedrigen Prestiges ihrer Muttersprache kommunizieren viele Mitglieder der Oberschicht auch in solchen Domänen auf Französisch, die eigentlich den Kreolsprachen vorbehalten sind, um sich so vom Rest der Bevölkerung abzugrenzen. Hinzu kommt, dass Französisch als Voraussetzung für sozialen und beruflichen Aufstieg gesehen wird (vgl. Sebba 1997: 235ff.). Diese Abkehr der oberen Gesellschaftsschichten von der eigenen Muttersprache führt zu einem weiteren Prestigeverlust und einem einseitigen und eng begrenzten Sprachgebrauch, der sich auch auf die Entwicklung der Kreolsprachen v.a. hinsichtlich des Vokabulars negativ auswirkt (vgl. Hazaël-Massieux (b): 2).

[...]


[1] Die 1979 per Dekret eingeführte Rechtschreibung auf phonologischer Basis (McConnell-Laubach-Graphie) wird allerdings bis heute nicht von allen Sprechern akzeptiert. Für ausführlichere Informationen siehe Strobel-Köhl (1994): S. 60ff.

[2] Definition Diglossie: Es handelt sich um die Koexistenz zweier oder mehrerer Sprachen oder Varietäten einer Sprache, die nicht gleichberechtigt sind. Je nach Niveau des Ausbaus und ihrem Prestige wird eine als „high variety“ und die andere als „low variety“ bezeichnet wird. Je nach Situation wird eine der beiden Varietäten verwendet (vgl. Metzler 2000: Diglossie).

[3] In beiden Ländern sind die Kreolsprachen gemeinsam mit dem Französischen bzw. auf den Seychellen parallel mit Englisch und Französisch Amtssprache (vgl. Leclerc: 1).

[4] Hierin unterscheidet sich der Gebrauch der Kreolsprachen von dem der Minderheitssprachen in Frankreich, die i.d.R. nur noch von der älteren Generation gesprochen und verwendet werden (vgl. Hazaël-Massieux (b): 2)

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Standardisierung der Kreolsprachen aus soziolinguistischer Perspektive
Hochschule
Universität Mannheim  (Romanisches Seminar)
Veranstaltung
HS: Die französischen Kreolsprachen
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
15
Katalognummer
V28414
ISBN (eBook)
9783638302005
ISBN (Buch)
9783656560951
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Standardisierung, Kreolsprachen, Perspektive, Kreolsprachen
Arbeit zitieren
Christina Stojek (Autor), 2004, Die Standardisierung der Kreolsprachen aus soziolinguistischer Perspektive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28414

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