Spielerische Werteerziehung im Sportunterricht


Akademische Arbeit, 2001

31 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I. Einleitung
1. Vorüberlegungen und Umsetzung
1.1. Methodische Vorüberlegungen
1.2. Werteerziehung durch Gespräche im Sportunterricht
1.3. Spiele und Übungsformen zur Realisierung sozialen Lernens
2. Abschließende Bewertung der Sequenz

II. Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur)

I. Einleitung

Der Lehrplan spricht von praxisorientierter Sozialerziehung, d.h. beim Tun sollen die Schüler Erfahrungen sammeln und Einsichten gewinnen, die auf längere Sicht zu gewünschten Verhaltensweisen und Einstellungen führen. Die kognitive Diskussion abstrakter Werte soll im Hintergrund stehen und nur an konkreten Beispielen und aktuellen Unterrichtssituationen erfolgen, was auch entwicklungspsychologisch in dieser Altersstufe sinnvoll ist[1]. Bei der Erziehung zu verantwortlichem Handeln kommt es darauf an, „dass die allgemeinen Prinzipien ‚in kleine Münze umgewechselt’ werden“ (S. 20). Dies soll in dieser Arbeit geschehen, indem einzelne Aspekte prosozialen Verhaltens in spielerischer Art gefördert werden, ohne dass die Schüler es ständig merken. In Spielen und in Reflexionen zu gemachten Erfahrungen sollen die Schüler zu den gewünschten Zielen gebracht werden.

1. Vorüberlegungen und Umsetzung

1.1. Methodische Vorüberlegungen

Obwohl es unzählige Bücher aus dem Bereich der allgemeinen und Sportpädagogik gibt, die einen erzieherischen Optimismus hinsichtlich der Effizienz der Werteerziehung durch Spiele verbreiten, darf man nicht blauäugig an diese anspruchsvollen Ziele, die ja seit 1997 explizit vom neuen Hauptschullehrplan gefordert werden, herangehen. Es wäre naiv zu glauben, dass der pädagogische Erfolg durch den Kauf einer einschlägigen Spielesammlung und deren Anwendung erreicht werden könnte. Diese kann lediglich dem Sportlehrer (zusätzliches) Material zur Verfügung stellen, das Gelingen ist jedoch neben persönlichen Faktoren von seiner methodischen Planung abhängig, sofern eine Werteerziehung durch Spiele denn überhaupt gelingen kann. Der Einsatz jedes einzelnen Spiels muss vorüberlegt sein und sollte nach dem Einsatz kritisch hinterfragt werden („Wozu hat der Einsatz angespornt? Was habe ich damit erreicht?“).

Wenn eine Sequenz zur positiven Beeinflussung sozialer Verhaltensweisen erfolgreich sein soll, kommt der Strukturierung und Planung durch die Lehrkraft eine besondere Bedeutung zu; die Verantwortung ist hier ungleich größer, da durch Fehlplanungen, falsches Verhalten (z.B. Dulden von nicht akzeptierbaren Verhaltensweisen; laxe Thematisierung von auftretenden Problemen) oder sogar negatives Vorbild der Einsatz der Spiele auch kontraproduktiv werden kann. Kinder lernen sehr schnell, dass instrumentelle Aggression und egozentrisches Verhalten zum Erfolg führen können, dagegen sehr langsam den Wert kooperativen bzw. fairen Verhaltens (und auch erst viel später in ihrer individuellen Entwicklung). Dieses Lernen kann sowohl durch „Modelle“ geschehen als auch durch eigenes Erleben und Ausprobieren (und einer damit verbundenen Form positiver Verstärkung).

Da das Lernen unerwünschter sozialer Verhaltensweisen bei den Kindern auf zweierlei Art erfolgt bzw. schon erfolgt ist, sollten auch die positiven auf beide Arten vermittelt werden. Beim Lernen am Modell kommt dem Lehrer eine herausragende Bedeutung zu, es müssen aber auch bzw. noch mehr positive Modelle aus der „peer-group“ besonders herausgehoben werden. So können einerseits die positiven Verhaltensweisen einiger Schüler verstärkt werden und andererseits die Handlungsweisen thematisiert werden, ohne dass der Lehrer weit hergeholte Beispiele oder gar selbst demonstriertes Verhalten bemühen muss. Die Situation ist somit viel „natürlicher“ und auch spielnäher, so dass der Unterricht weniger in Gefahr kommt, vom Lehrer „zerredet“ zu werden und Unterbrechungen weniger aufgezwungen wirken.

Von außerordentlicher Bedeutung ist, dass nicht der Wert der Fairness vom Lehrer doziert wird, sondern dass die Erziehung nur über das eigene Wahrnehmen und erfahren geschehen kann. Sie führt vom praktischen Tun zum Erkennen und Verstehen. Abstrakte moralische Wertbegriffe können nach dem entwicklungspsychologischen Modell des Moralpsychologen Kohlberg[2] in dieser Altersstufe ohnehin noch nicht vermittelt werden. Vielmehr sollten positive Verhaltensweisen zur Gewohnheit werden, weshalb selbstverständlich die Werteerziehung nach dieser Sequenz nicht abgeschlossen sein kann. Wie kann aber die verbale Bewusstmachung der Bedeutung der Fairness erfolgen, ohne den Sportunterricht zu entfremden?

Selbstverständlich kann die Werteerziehung nicht isoliert durch Gespräche oder durch Spiele und Übungsformen erfolgen. Dies muss und ist in der praktischen Umsetzung Hand in Hand geschehen, wird aber der Übersichtlichkeit halber in dieser Arbeit in zwei Teilen dargestellt.

1.2. Werteerziehung durch Gespräche im Sportunterricht

Vorüberlegungen:

Entscheidend für den Erfolg der Werteerziehung ist die Art und Weise, wie die Schüler über die gebotene bzw. mangelnde Fairness oder Kooperation ins Gespräch gebracht werden. Ging man früher davon aus, dass Sport an sich eine sozialisierende Funktion hat, weiß man heute, dass durch die stärkere Leistungsbetonung vor allem im Leistungssport immer mehr das „elfte Gebot“ zur herrschenden Maxime wurde. Dieses würde sich natürlich auch als Gesprächsanlass für eine Diskussion über den Fairnessgedanken anbieten.

Die nationalen olympischen Verbände aus der Schweiz und aus Deutschland bieten eine Fülle an Material für Gesprächsanlässen, das sich vor allem in zwei Hauptkategorien teilen lassen:

a) Gedanken zum Gehalt von Fair Play
b) Dilemma-Situationen

Diese externen Gesprächsanlässe können sehr wertvolle Diskussionen auslösen und Denkimpulse liefern, sind jedoch aufgrund ihres Zeitaufwands nicht leicht im Sportunterricht einzuarbeiten, ohne dass die Schüler demotiviert würden und man so eher das Gegenteil des eigentlichen Ziels erreichte (negative Assoziationen zu Fairness würden beim Schüler entstehen). Es bietet sich natürlich an, diese Gespräche fächerübergreifend durchzuführen. Zum einen sind ja Fairness bzw. Kooperation Verhaltensweisen, die nicht nur im Sport erwünscht sind, sondern als übergeordnete Bildungsziele gelten, zum anderen gibt es Verknüpfungspunkte zu weiteren Fächern (Deutsch; Religion; GSE), so dass sich ein Aufgreifen des Themas im fächerübergreifenden Unterricht geradezu aufdrängt. Das durchaus sinnvoll einzusetzende Material des Schweizerischen Olympischen Verbands und der Deutsche Olympischen Gesellschaft ist jedoch nicht schulartspezifisch und altersbezogen differenziert, weshalb nur ein Beispiel exemplarisch angefügt wird (siehe Anlage B). Sie sind auch vom Zeitaufwand kaum im Sportunterricht zu bewältigen und eignen sich eher fächerübergreifend für den Einsatz im Deutschunterricht.

Auch der „gewöhnliche“ Sportunterricht bietet genügend Anlässe, das Thema Fairness und Kooperation aufzugreifen und zwar in den verschiedensten Aspekten dieser weitläufigen Begriffe, z.B.:

- Emotionen beim Verlieren
- Emotionen beim Antreten gegen einen scheinbar übermächtigen Gegner

oder spontan aus dem Unterrichtsgeschehen heraus:

- Regelwidrigkeiten, um sich einen Vorteil zu verschaffen (instrumentelle Verstöße mit/ ohne Aggression)
- Beschimpfen/ Beleidigen/ Auslachen des Gegners im oder nach dem Spiel
- Mannschaftsbildungsverfahren
- Eigensinnigkeit beim Spiel bzw. mangelnde Kooperation
- Foulspiel aus den verschiedensten Motiven
- Ansprechen von best. Situationen hinsichtlich der Fairness/ Kooperation und Besprechen im Sitzkreis
- Beobachtungsaufgaben für Einzelne und Gruppen

Bei all diesen Gesprächsanlässen ist unbedingt zu beachten, dass nicht der Lehrer die Ergebnisse vorgibt bzw. den Schülern „in den Mund legt“, da sonst nur ein lehrerangepasstes Verhalten (vgl. 1.2. formelle Fairness) entstehen würde. Der Lehrer kann aber Gesprächsimpulse liefern, die eine Ausweitung der Sichtweise ermöglichen, da die Schüler sonst (wahrscheinlich gerade, wenn es um Sport geht) sehr schnell am Ende der Diskussion angelangt sind. Auch kontraproduktiv wäre ein reines Sanktionieren unerwünschten Verhaltens bei spontanen Gesprächsanlässen. Die Schüler sollen den Sinn des positiven Verhaltens verstehen, nicht das negative nur aus Angst vor Strafe vermeiden.

Gesprächsanlässe sollten meiner Meinung nach auch im Sportunterricht aufgegriffen werden und dies nicht nur in ausgewählten Stunden (wie es hier der Fall ist), sondern ein fester Bestandteil des erzieherischen Wirkens sein, das aus Gründen, die bereits weiter oben genannt wurden, im Sportunterricht besondere Chancen hat.

Erfahrungsbericht :

Die verschiedenen Möglichkeiten, Gespräche über soziale Verhaltensweisen (insbesondere über Fairness und Kooperation) mit den Schülern zu führen, lieferten ein sehr unterschiedliches Bild bezüglich der Ergebnisse, der Motivation und der Nachhaltigkeit.

Der Sitzkreis in der Hallenmitte wurde schnell als Organisationsform des Sportunterrichts eingeführt. Hier fanden die verschiedensten Gespräche statt: kurze Belehrungen und längere Diskussionen; situationsabhängige und –unabhängige Gespräche; Gespräche mit verschiedenen Gruppengrößen.

Obwohl dies nur am Rande Gegenstand der Arbeit war, führte ich unter den Schülern eine formlose Umfrage durch, um zu erfahren, welches Verständnis sie denn vom Begriff „fair“ hätten. Fast erwartungsgemäß beschränkten sich fast alle Definition von „fair“ auf Aussagen wie „Wenn einer nach den Spielregeln spielt“ oder Zirkelschlüsse wie „Wenn einer nicht unfair spielt“ (analog dazu „unfair“). Eine Untersuchung des Wandels im Schülerverständnis hätte den Rahmen dieser Arbeit gesprengt; es ließ sich aber erkennen, das einzelne Aussagen in den Sitzkreisen auf eine Erweiterung der Sichtweise schließen lassen. Des öfteren waren Schülermeinungen zu hören, die Aspekte der informellen Fairness beinhalteten, obwohl diese Unterschiede nie thematisiert wurden[3].

a) situationsunabhängige Gespräche

Es wurden im Laufe der praktischen Umsetzungen mehrmals Gespräche über das Thema „Fairness“, „Kooperation“, „Gefühle beim Spielen“ und „Notwendigkeit von Regeln“ geführt. Dabei lässt sich allgemein sagen, dass die Form des Sitzkreises sich sehr gut bewährt hat und schnell angenommen wurde, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Als schwierig erwiesen sich die Versuche, die Schüler zu ehrlichen, nicht lehrerangepassten Diskussionen anzuregen. Zum einen war nur ein Teil der Schüler bereit, sich zum Thema zu äußern; nach wenigen Minuten schon war dieser Teil auch noch sehr geschrumpft. Die Kinder brannten darauf zu spielen und wollten nicht diskutieren, was auch leicht nachzuvollziehen ist. Abstrakte Gespräche über Werte und Einstellungen sind in diesem Alter (und wahrscheinlich in dieser Schulform) nicht möglich, was sich darin zeigte, dass nur wenige Schüler eher stereotype Aussagen über faires Verhalten machten. Diese wirkten reproduziert und stammten scheinbar nicht aus reflektierten eigenen Erfahrungen, da sich in anschließenden Spielen oft gerade bei diesen Schülern diese Verhaltensweisen nicht erkennen ließen.

Fruchtbarer waren konkrete Erfahrungsberichte aus dem Vereinssport, z.B. Fußball, Basketball, Handball (ein brutales Foul, „Schwalben“, „Was würdest du tun, wenn du im Endspiel...?“). Glücklicherweise waren in dieser Sportgruppe einige Vereinssportler aus Ballsportarten mit verschiedenen „Härtegraden“ (Basketball è Fußball è Handball), die Erfahrungen aus den Wettkämpfen (auch im Erwachsenenbereich) und die „heimliche“ Regelauslegung beitragen konnten. Dabei stellte sich heraus, dass Regelwerk und Einhaltung nicht immer konform sind und eine fruchtbare Diskussion über die formelle Fairness (natürlich wurde dieser Begriff nicht explizit so genannt) wurde geführt. Leider beteiligten sich nicht alle Schüler in gleichem Maße daran; dieser Anspruch wird jedoch wohl nur in den seltensten Fällen erfüllt werden können. Ein sehr günstiger Zufall war, dass in dieser Sportklasse ein verhaltensauffälliger Schüler in einer Karategruppe teilnimmt. Diese Form der Selbstverteidigung wird in den Schülerkreisen noch immer als brutaler Kampfsport angesehen, in dem es darum geht, ohne Regeln einen Gegner möglichst schnell unschädlich zu machen, was wohl an der undifferenzierten Verarbeitung von Actionfilmen mit Kampfsportelementen liegt. Hierbei konnten einige ein echtes „Aha-Erlebnis“ verbuchen, als dieser Schüler über die strengen Regeln beim Kampf, die vorrangige Rolle der Selbstdisziplin und den Ablauf eines Karatetrainings, in dem niemand geschlagen wird, informiert wurden. Ein glücklicher Zufall war, dass der Sportlehrer selbst auch eigene Erfahrungen dazu beitragen konnte und so das Bild noch um den Erwachsenenbereich erweitern konnte. Für die Schüler war es zuerst kaum zu glauben, dass Karate die höchsten Anforderungen an Sozialverhalten, Disziplin, Einhaltung von Regeln usw. von den besprochenen Sportarten an den Sportler stellt.

b) situationsabhängige Gespräche

Diese Gesprächsform war die häufigere und bis auf die oben beschriebene Ausnahme auch die wesentlich fruchtbarere. An Anlässen dazu herrschte kein Mangel; vielmehr musste darauf geachtet werden, nicht übereifrig jede Gelegenheit zu einem Gespräch wahrzunehmen und so den Sportunterricht zu verfremden und den Schülern den Spaß daran zu nehmen, was dem Klima und damit auch wieder den Gesprächen abträglich gewesen wäre. Die Kinder wollen zum Großteil nicht über Verhalten im Sport reden, sondern dies praktizieren. Deshalb wurde großer Wert darauf gelegt, nur bei ergiebigen aktuellen Anlässen aus dem Spiel oder aus der Übung heraus eine Unterbrechung zu schaffen und im Sitzkreis das (Fehl-)Verhalten anzusprechen. Solche Anlässe waren verschiedener Natur, z.B.:

[...]


[1] vgl. Kohlberg 1978, S. 107ff

[2] Kohlberg 1978, S. 107ff

[3] vgl. „Mattenschleudern“ (III. 1.3. C)

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Spielerische Werteerziehung im Sportunterricht
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
31
Katalognummer
V284226
ISBN (eBook)
9783656837084
ISBN (Buch)
9783668140448
Dateigröße
807 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
spielerisch, Werteerziehung, Sportunterricht, Sozialerziehung
Arbeit zitieren
Udo Kroack (Autor), 2001, Spielerische Werteerziehung im Sportunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284226

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