Wie berechtigt ist die Kritik am Gendering? Argumente und Gegenargumente zur feministischen Sprachkritik


Seminararbeit, 2014

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Entwicklung der feministischen Sprachkritik
2.1 Feminismus und feministische Linguistik
2.2 Feministische Sprachkritik
2.3 Kritik an der feministischen Linguistik

3 Geschlechtergerechte Sprache
3.1 Generisches Maskulinum
3.2 Partielle Feminisierung
3.3 Generisches Femininum

4 Schlussbemerkung

5 Bibliografie

1 Einleitung

“Frauen sind nicht der Rede wert“[1]. Mit dieser und vielen weiteren provokativen Äußerungen eröffneten feministische Linguistinnen in den 1980er Jahren einen Diskurs, dem seitdem viel Aufmerksamkeit in der Sprachwissenschaft und in der Öffentlichkeit zuteilwurde. Es wird untersucht, ob und inwiefern Frauen in der Sprache benachteiligt werden. Die feministische Linguistik sieht einen Zusammenhang zwischen Sprachgebrauch und der Wahrnehmung von Gender[2]. Dem gegenüber stehen kritische Stimmen, die an der Hypothese einer organisch gewachsenen Sprache und der Inkongruenz von Genus und Sexus festhalten.

In dieser Arbeit sollen deshalb die Argumente der feministischen Linguistik und Sprachkritik sowie die jeweiligen Gegenargumente genauer betrachtet werden. In einem ersten Schritt soll eine Basis geschaffen werden, indem die feministischen Disziplinen und die Standpunkte der Feminismuskritik erläutert werden. Auf dieser Grundlage soll die Diskussion um „geschlechtergerechte Sprache“ untersucht werden. Hierfür soll auf verschiedene Personenbezeichnungen eingegangen werden, die im Gendering eine Rolle spielen. Beginnend mit der herkömmlichen Form des generischen Maskulinums über Möglichkeiten der partiellen Feminisierung bis hin zum generischen Femininum sollen Methoden der geschlechtergerechten Sprache verschiedenen Ausmaßes einbezogen werden. Es soll abschließend beantwortend werden, ob Frauen durch den Sprachgebrauch tatsächlich benachteiligt werden und ob die Kritik am Gendering berechtigt ist.

2 Entwicklung der feministischen Sprachkritik

Zunächst soll ein Überblick über den Feminismus und der feministischen Linguistik gegeben werden. Auf dieser Grundlage wird auf die feministische Sprachkritik sowie die Gegenstimmen dieser linguistischen Teildisziplin eingegangen.

2.1 Feminismus und feministische Linguistik

In der Forschung bestehen viele verschiedene Definitionen des Feminismus. Laut der Soziologin Ute Gerhard ist das Ziel des Feminismus, „Frauen in allen Lebensbereichen […] gleiche Rechte und Freiheiten sowie gleiche Teilhabe an politischer Macht und gesellschaftlichen Ressourcen zu verschaffen“[3]. Um dies zu erreichen, sei ein „grundlegende[r] Wandel der sozialen und symbolischen Ordnung – auch in den intimsten und vertrautesten Verhältnissen der Geschlechter“[4] notwendig. Der Linguistin Ingrid Samel zufolge umfasst der Begriff „zum einen die Theorie, die den ‚patriarchalischen Gehalt aller kulturellen Hervorbringungen des Mannes […] kritisiert‘ […] und zum anderen die Neue Frauenbewegung selbst“[5]. Die Neue Frauenbewegung entsprang der „Studentenbewegung und der außerparlamentarischen Opposition (APO) 1967/68“[6]. Während der folgenden Jahre untersuchten Feministinnen, „wie die verschiedenen Mechanismen der Unterdrückung von Frauen funktionieren, und wurden sich darüber klar, daß die Gesellschaft auf Kosten der Frauen funktioniert“[7]. Karin Kusterle macht in ihren Ausführungen auf die Heterogenität innerhalb der Gruppe „Frau“ aufmerksam:

„Auch wenn also sicher nicht alle Frauen in der gleichen Weise benachteiligt werden und sich die Art der Benachteiligung in den letzten Jahren verändert hat, bedeutet die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe nach wie vor beachtliche Nachteile vieler Art, die durch feministische Bestrebungen, realisiert beispielsweise durch politische Maßnahmen, abgeschafft werden können.[8]

Zu diesen Maßnahmen zählen laut Kusterle auch Veränderungen innerhalb der Sprache, „die von der Benachteiligung einer Gruppe ausgehen und die Heterogenität innerhalb der Gruppe manchmal schwer berücksichtigen können“[9]. Laut Samel spielte auch in der Neuen Frauenbewegung die Sprache sehr bald eine große Rolle, da „die Frauen erkannten, daß die herkömmlich herrschenden sprachlichen Ausdrucksmittel von männlichem Denken und Empfinden geprägt sind“[10] und sie sich fragten, „welche Möglichkeiten für den Ausdruck von Weiblichkeit bestehen“[11]. Sie schließt, dass „männliche Herrschaftssicherung über Sprache und Sprechen“[12] gelinge.

Aus diesen Gründen wurde die feministische Linguistik und Sprachkritik vorangetrieben. Ein früher Versuch patriarchalischer Sprache entgegenzuwirken wurde von Verena Stefan unternommen. In ihrem 1975 veröffentlichtem Buch „Häutungen“ führt sie das kleingeschriebene ‚frau‘ ein. Sie begründet dies in ihrem Vorwort: „Mit dem wörtchen ‚man‘ fängt es an. ‚man‘ hat, ‚man‘ tut, ‚man‘ fühlt […]. entlarvend sind sätze, die mit ‚als frau hat ‚man‘ ja…‘ beginnen. ‚man‘ hat als frau keine identität. frau kann sie nur als frau suchen.“[13] Die feministische Linguistik wurde im deutschsprachigen Raum vor allem durch Sprachwissenschaftlerinnen wie Senta Trömel-Plötz und Luise F. Pusch institutionalisiert. So stellt Pusch in ihrem Buch Alle Menschen werden Schwestern eine Definition der feministischen Linguistik auf und grenzt diese von anderen feministischen Wissenschaften ab[14]. Gegenstand sei in der feministischen Sprachwissenschaft nämlich nicht die Frau an sich, sondern „Bezeichnungen für Frauen – und Männer“[15]. Sie ordnet diese Teildisziplin in die Systemlinguistik ein, welche die „‚muttersprachliche Kompetenz‘, d.h. Fähigkeit, grammatisch korrekte Sätze als solche zu identifizieren“[16] behandelt. Aufgabe der Systemlinguistik ist es, diese Kompetenzen zu beschreiben, da sie bei Muttersprachlern soweit internalisiert sind, dass sie nicht mehr als solche wahrgenommen werden[17]. Um diese internalisierten grammatischen Regeln aufzudecken, werden Regelbrüche verwendet. So wird an dem Beispiel „ich singte“ bewusst, dass singen ein unregelmäßiges Verb ist[18]. Die „Methode der gezielten Regelverletzung“[19] wird laut Pusch auch in der feministischen Linguistik angewandt, da somit die „zahllosen ‚geronnenen Sexismen‘ in unseren Sprachen“[20] aufgedeckt werden. Die feministische Linguistik geht jedoch in Puschs Definition noch einen Schritt weiter als die herkömmliche Systemlinguistik, da sie die „Patriarchalismen in den Sprachsystemen“[21] nicht nur aufzeigen, sondern auch bewerten, kritisieren und letztendlich abschaffen möchte[22]. Mit dieser sprachpolitischen Komponente verfolgt die feministische Sprachwissenschaft das Ziel einer „gründliche[n] Entpatrifizierung und partielle[n] Feminisierung, damit aus Männersprachen humane Sprachen werden“[23]. Ähnlich wie in der Sprache Regelapparate internalisiert werden, sei dies auch für andere Kompetenzen der Fall[24]. Die internalisierte patriarchalische Kompetenz verdeutlicht Pusch an einem Beispiel:

Wir [die Autorin und ihre vierjährige Nichte] spielten mit einem Auto und Plastikfiguren. Ich setzte eine Frau ans Steuer und einen Mann auf den Beifahrersitz. „Das geht nicht“, erklärte sie mir. „Der Mann muß ans Steuer und die Frau daneben.“ (Ihre Mutter fährt Auto und nimmt sie oft mit. Ist meine Nichte aber mit beiden Eltern unterwegs, fährt meist der Vater. […] [Ich] fragte sie nach dem Warum – da lachte sie mich nur aus. Es war doch alles klar – wie konnte ich nur so dumm fragen![25]

Entsprechend funktioniere es auch in der Sprache, sobald Regelverstöße vorgenommen werden. So sei beispielsweise der Satz „Mama und Papa sind aber tolle Autofahrerinnen!“[26] eine Irritation des Sprachgefühls. Darin sieht Pusch die Aufgabe der feministischen Linguistik: „Wenn wir über diese bewußtlosen Kompetenzen hinausgelangen wollen, brauchen wir linguistisches bzw. feministisches Training“[27]. Durch gezielte Regelverletzungen sollen die patriarchalischen Kompetenzen irritiert und schließlich aufgehoben werden.

2.2 Feministische Sprachkritik

Der Begriff der „feministischen Sprachkritik“ wird nicht nur mit der feministischen Linguistik, sondern vor allem auch mit der allgemeinen Sprachkritik verbunden[28]. So sei bereits in der frühen Sprachkritik „so manche feministische Argumentation vorweg[genommen]“[29] worden. Der Linguist Jan Baudoin de Courtenay beispielsweise „vermutete, daß die Erniedrigung der Frauen von den sprachlichen Eigentümlichkeiten bestimmter Sprachen abhängig sei, etwa vom Genussystem einer Sprache“[30]. Er schreibt in einem 1929 publizierten Aufsatz:

Diese in der sprache zum vorschein kommende weltanschauung, nach welcher das männliche als etwas ursprüngliches und das weibliche als etwas abgeleitetes aufgefaßt wird, verstösst gegen die logik und gegen das gerechtigkeitsgefühl.[31]

Die feministische Sprachkritik setzt solche Überlegungen fort. „Diese Sprachreflexion bewertet zunächst nicht, dies geschieht erst dann, wenn sie in der Form von Kritik geäußert wird“[32]. Sowohl allgemeine als auch feministische Sprachkritik äußert sich häufig mittels Sprachglossen[33]. Luise Pusch beispielsweise vermittelt ihre Sprachkritik vor allem in dieser journalistischen Form[34].

2.3 Kritik an der feministischen Linguistik

Feminismus und feministische Linguistik werden häufig kritisiert. Die Kritik richtet sich dabei an verschiedene Aspekte, die mit den feministischen Wissenschaften in Verbindung stehen. So wird von einigen Autoren die Benachteiligung der Frau in Frage gestellt. Tomas Kubelik listet in seinem Buch Genug gegendert! Eine Kritik der feministischen Sprache Lebensbereiche auf, in denen Frauen Vorteile gegenüber Männern genießen[35]. Beispielsweise nennt er die Frauenquote, die eine „gesetzlich verankerte Schlechterstellung von Männern“[36] zur Folge habe. Fernand Kartheiser bezeichnet Feminismus sogar als eine Ideologie mit „sexistische[r] Ausrichtung und Demokratie gefährdende[r] Wirkung“[37]. Weiterhin wird auch das Konzept der „political correctness“ kritisiert. Ihre Funktion sei „nichts anderes als Zensur: eine autoritäre Entscheidung darüber, in welcher Weise öffentlich über Themen gesprochen werden darf“[38]. Somit wird auch der Eingriff in den Sprachgebrauch durch die feministische Sprachkritik thematisiert, da diese das Ziel habe, „durch das Aufstellen von Sprachvorschriften das Bewusstsein der Menschen langfristig zu manipulieren und in Folge dessen Veränderungen in der sozialen Realität zu erwirken“[39]. Kartheiser bemängelt weiterhin, dass das Eingreifen in den Sprachgebrauch widernatürlich sei, denn die Sprache sei „ein gewachsenes Kommunikationsmittel zwischen Menschen, Männern und Frauen, die alle an ihrer Entstehung im lebendigen Dialog mitwirkten und die vor allem über die Mütter an die nächste Generation weitergegeben wird“[40]. Auch sei Sprache „ein zu pflegendes, zu schützendes und zu achtendes Kulturgut, mit ihrer eigenen Ästhetik und Logik“[41].

Im Folgenden sollen exemplarische Bemühungen der feministischen Sprachkritik im Bereich des Gendering veranschaulicht werden. Parallel wird die Kritik an der feministischen Linguistik an den genannten Beispielen vertieft.

3 Geschlechtergerechte Sprache

Die prominenteste Forderung der feministischen Sprachkritik ist die Etablierung einer geschlechtergerechten Sprache. Diese zeige sich darin, „Frauen in der sprachlichen Ausdrucksweise nicht nur mitzumeinen, sondern auch als eigenständige Individuen zu nennen“[42]. Pusch skizzierte 1989 ein Modell, wie geschlechtergerechte Sprache erreicht werden könne und welche Stationen das Deutsche bis zu diesem Ziel durchlaufen müsse[43]. Der erste Schritt sei die Ablehnung des generischen Maskulinums, gefolgt von der partiellen Feminisierung, die sich jedoch letztendlich nicht durchsetzen könne. Als letzte Station müsse die Sprache ein Stadium der „Totalen Feminisierung“[44] durchlaufen, um letztendlich geschlechtergerecht werden zu können. Im Folgenden soll genauer auf die verschiedenen Personenbezeichnungen eingegangen werden. Dabei werden Standpunkte von Pusch und anderen feministischen Linguistinnen sowie die jeweiligen Gegenargumente berücksichtigt.

3.1 Generisches Maskulinum

„Die Benachteiligung der Frauen durch das generische Maskulinum ist zentraler Gegenstand der […] feministischen Sprachkritik“[45]. Folglich wird von Kritikern der feministischen Linguistik das generische Maskulinum häufig verteidigt. Eine Definition des Begriffs liefert die Sprachwissenschaftlerin Elke Heise:

Unter generischen Maskulina werden grammatisch maskuline Nomen verstanden, die in geschlechtsneutralem Sinne zur Referenz sowohl auf männliche als auch weibliche Personen verwendet werden. Wenn also z. B. in einem Fachbuch „der Leser“ angesprochen wird oder auf „die Wissenschaftler“ verwiesen wird, sollen auch Leserinnen und Wissenschaftlerinnen mitgemeint sein.[46]

[...]


[1] Pusch 1990, 86.

[2] Vgl. Kusterle 2011, 7.

[3] Gerhard 2009, 6.

[4] Ebd., 6f.

[5] Samel 2000, 17.

[6] Ebd., 16.

[7] Ebd., 18.

[8] Kusterle 2011, 16.

[9] Kusterle 2011, 17.

[10] Samel 2000, 19.

[11] Ebd., 19.

[12] Ebd., 20.

[13] Stefan 1981, 4.

[14] Puschs Definition der feministischen Linguistik nähert sich bereits der feministischen Sprachkritik an. Diese wird in Abschnitt 2.2 genauer untersucht.

[15] Pusch 1990, 14.

[16] Ebd., 11.

[17] Vgl. ebd. , 11.

[18] Vgl. Pusch 1990, 12.

[19] Ebd., 13.

[20] Ebd.,13.

[21] Ebd., 12.

[22] Vgl. ebd., 13.

[23] Ebd., 13.

[24] Vgl. ebd., 15.

[25] Ebd., 15.

[26] Ebd., 15.

[27] Pusch 1990, 16.

[28] Vgl. Samel 2000, 50.

[29] Ebd., 50.

[30] Ebd. 50.

[31] Baudouin de Courtenay 1929, 231f.

[32] Samel 2000, 51.

[33] Vgl. ebd., 51.

[34] Sammlungen ihrer Glossen finden sich unter anderem in ihren Publikationen Das Deutsche als Männersprache oder Alle Menschen werden Schwestern.

[35] Vgl. Kubelik 2013, 7.

[36] Ebd., 7.

[37] Kartheiser 2007, 7.

[38] Kubelik 2013, 16.

[39] Ebd. 2013, 16.

[40] Kartheiser 2007, 20.

[41] Ebd., 20.

[42] Brunner 1998, VII.

[43] Vgl. Pusch 1990, 94f.

[44] Ebd.

[45] Schmidt 2002, 234.

[46] Heise 2000, 4.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Wie berechtigt ist die Kritik am Gendering? Argumente und Gegenargumente zur feministischen Sprachkritik
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Germanistisches Seminar)
Veranstaltung
Sprachkritik als Teil der Sprachwissenschaft?
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
18
Katalognummer
V284380
ISBN (eBook)
9783656844624
ISBN (Buch)
9783656844631
Dateigröße
440 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sprachkritik, feminismus, gendering, geschlechtergerechte sprache
Arbeit zitieren
Dennis Wegner (Autor), 2014, Wie berechtigt ist die Kritik am Gendering? Argumente und Gegenargumente zur feministischen Sprachkritik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284380

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