"Regenbogenfamilie - NA UND ?!". Forschungsbericht auf Grundlage der "Grounded Theory"


Forschungsarbeit, 2014
60 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung und Ausgangsgedanke

2 Situation der Regenbogenfamilien in Deutschland – ein Abriss

3 Forschungsverlauf
3.1 Findung der Forschungsfrage:
3.2 Interviewleitfaden
3.3 Feldzugang, Gewinnung der Interviewpartner_innen
3.4 Interview
3.5 Transkription
3.6 Offene Kodierung, Kerncode und Kategorisierung
3.7 Axiales und selektives Kodieren

4 Im Laufe der Forschung gefundene Kategorien
4.1 Beschreibung der Kategorie – Lebenswelten
4.2 Beschreibung der Kategorie – Kontext
4.2.1 Kontext Jugendamt
4.2.2 Kontext Gesellschaft
4.3 Beschreibung der Kategorie – Heteronormative Vorstellungen
4.4 Vorstellung von Heteronormativität
4.5 Handlungsstrategien
4.5.1 Defensive Handlungsstrategie
4.5.2 Offensive Handlungsstrategie

5 Schlüsselkategorie „Ambivalenz“

6 Fazit

7 Ausblick

8 Abbildungsverzeichnis

9 Anhang:

1 Einleitung und Ausgangsgedanke

(Alexandra Graber-Schwarzrock & Björn Ohnesorge)

Im öffentlichen Leben sind die Begriffe Schwule, Lesben, Bisexuelle, Transidente, In-tersexuelle und Regenbogenfamilien in zunehmendem Maße zu vernehmen. Die Emanzipation dieser, zahlenmäßig betrachtet, gesellschaftlichen Randgruppe, schreitet unaufhörlich voran. Sie hat seit der Jahrtausendwende deutlich mehr gesellschaftliche Anerkennung generieren können, als in den zurückliegenden 70 Jahren des 20. Jahr-hunderts. Politisch und medial erfährt die Existenz dieser Menschen zunehmende Aufmerksamkeit, im Zuge der fortschreitenden Pluralisierung der Lebenswelten scheint ihre gesellschaftliche Integration unanfechtbar. Unstrittig scheint in diesem Zusam-menhang aber auch die Gleichsetzung von Homosexualität mit Kinderlosigkeit. Dabei ist der Wunsch nach Familie und Kindern in lesbischen Frauen und schwulen Männern genauso vorhanden, wie bei Heterosexuellen oder anderen Identitäten.

Insofern setzen die biologischen Hürden „lediglich“ gezieltere Maßnahmen auf dem Weg zur Elternschaft voraus, oder!?

Regenbogenfamilie – NA UND?!

Das Interesse unserer Forschungsgruppe galt im vorangestellten Sinne der Frage, ob homosexuelle oder „queere“ Elternschaft in unserer Gesellschaft als gleichwertige Familienkonstellation anerkannt wird. Trotz bedeutsamer rechtlicher Errungenschaften, wie dem Lebenspartnerschaftsgesetz, dem Ehegattensplitting für Verpartnerte, oder dem Recht auf Stiefkindadoption wie auch dem Recht auf sukzessive Fremdadoption für Homosexuelle, ist zu erahnen, dass Regenbogenfamilien im Alltag Ressentiments ausgesetzt sind. Anlass zu dieser Vermutung geben nicht zuletzt öffentliche Diskurse, wie die baden-württembergische Petition, gegen die Aufklärung von Schülern hinsicht-lich gelebter sexueller Identitäten (vgl. http://www.spiegel.de/politik/deutsch land/homosexualitaet-im-unterricht-jan-fleischhauer-zur-debatte-a-943799.html).

Darüber hinaus, setzen gewählte Volksvertreter Zeichen, indem sie den Gesetzesbe-schluss zur sukzessiven Fremdadoption durch homosexuelle Paare - vom obersten Gericht in Karlsruhe im Februar 2013 erlassen - erst mit Fristsetzung im Juni 2014 politisch umsetzen wollen.

Die gleichgeschlechtliche Lebensweise erfährt heutzutage offensichtlich ein gewisses Maß an Toleranz seitens der Gesellschaft, kann sich jedoch mitnichten allseitiger Akzeptanz erfreuen.

Anlässlich dieses Mangels, soll in der vorliegenden Untersuchung das Hauptaugenmerk auf die Erfahrungen der Zielgruppe, sowie deren Selbstverständnis gerichtet werden. Es soll erforscht werden, wie die Betroffenen ihre Rolle als Eltern in einer heteronormativen Gesellschaft wahrnehmen, welche Reaktionen ihnen begegnen und wie sie mit selbigen umgehen? Im Zentrum der Aufmerksamkeit wird die Frage danach stehen, wie die gesellschaftlichen Reaktionen auf die nicht heteronormative Elternschaft erlebt werden.

Um im Rahmen der qualitativen Forschung Aussagen darüber treffen zu können, wie sich das Erleben jener Familienangehörigen gestaltet, wird im Folgenden zunächst ein Überblick über die Fülle unterschiedlichster Lebenswelten gegeben, wie auch die Kon-texte in denen die Individuen sich bewegen angeführt. Weitergehend wird der Blick der Interviewten auf die normative Gesellschaft herausgearbeitet, sowie deren angewandte Handlungsstrategien.

2 Situation der Regenbogenfamilien in Deutschland – ein Abriss

(Björn Ohnesorge & Alexandra Graber-Schwarzrock)

Der Begriff Regenbogenfamilie kommt aus der Community, welche sich aus den einleitend erwähnten Personengruppen zusammensetzt. Als gemeinsames Sinnbild dient die Regenbogenfahne, wovon sich ferner die Bezeichnung Regenbogenfamilie abgeleitet hat. Da diese Namensgebung aus der Community selbst kommt, geht mit ihr keine Diskriminierung einher, auch wenn sie von vielen Personen als stark klischeehaft empfunden wird.

Während mit dem Begriff vordergründig eine gleichgeschlechtliche Lebensweise assoziiert wird, gerät die tatsächliche Mannigfaltigkeit außer Acht. Denn Kinder aus Regenbogenfamilien wachsen nicht nur in Einelternfamilien oder in Paarbeziehungen auf, sondern auch als „gemeinschaftlich geplante Projekte“ in sogenannten „Queer-Families“. Diese entsprechen einem Mehrelternmodell, das dadurch gekennzeichnet ist, dass neben den biologischen Eltern zusätzliche soziale Elternrollen eingenommen werden (vgl. Sozialministerium Baden-Württemberg: 20). Mithin variiert die reale Zusammenstellung der Familienkonstellationen ebenso stark wie die Individualität der Entstehungsgeschichten der Sprösslinge. Der Ausdruck Regenbogenfamilie fungiert somit als Oberbegriff und bedarf im Einzelfall genauerer Betrachtung.

Laut Mikrozensus 2012 gibt es in Deutschland rund 73.000 gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften. Obgleich die Statistik davon ausgeht, dass es eine hohe Dunkelziffer gibt, zeigt das folgende Schaubild, dass in den letzten zwei Jahrzehnten ein erheblicher Anstieg gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften statistisch belegt worden ist.

Abb. 1 http://www.statistik.baden-wuerttemberg.de/BevoelkGebiet/Fafo/Familien_in_BW/R20132.pdf

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

„Im Mai 2011 gab es in Deutschland knapp 34.000 eingetragene (gleichgeschlechtliche) Lebenspartnerschaften, davon waren rund 40 % Lebenspartnerschaften von Frauen. Insgesamt lebten 5.700 Kinder in Familien, deren Eltern eine eingetragene Lebenspartnerschaft führten, die meisten davon (86 %) in Lebenspartnerschaften von Frauen“ (DStatis 2011).

Dem Umstand, dass homosexuelle Partnerschaften mit Blick auf die Erwartungen an die Beziehung heterosexuellen in nichts nachstehen, hat der Gesetzgeber durch Schaffung des Lebenspartnerschaftsgesetzes (LPartG) Rechnung getragen. Die behördlich erfasste Lebenspartnerschaft, umgangssprachlich auch mit dem Ausdruck Homo-Ehe bedacht, ist am 1. August 2001 in Kraft getreten und regelt Rechte und Pflichten der Lebenspartner. In vielen Bereichen wurden eheähnliche Bedingungen geschaffen, die mit zahlreichen Verweisungen auf Maßgaben der Ehe einhergehen (vgl. Kornmacher: 13). Seit Einführung des Gesetzes wurden zunehmend begünstigende Novellierungen vorgenommen. Eine bedeutende Ausnahme bildet heute jedoch immer noch das Adoptionsrecht.

Seit 2005 besteht zwar die Möglichkeit der Stiefkindadoption, d.h. ein/e LebenspartnerIn kann ein leibliches Kind des/der anderen LebenspartnerIn annehmen (§9 Abs. 7 LPartG), aber eine gemeinschaftliche Fremdadoption ist lediglich Ehepaaren vorbehalten (vgl. §1741 Abs. 2 Satz 2 BGB). In Zuge der Überarbeitung der Lebenspartnerschaftsrechte hat der Gesetzgeber in Frage gestellt, warum „§ 9 Abs. 7 LPartG die Stiefkindadoption leiblicher Kinder, nicht aber die Sukzessivadoption adoptierter Kinder ihres Partners ermöglicht hat“ (BVerfG 2013). Denn wer nicht verheiratet ist, was alle Partner in eigetragenen Lebensgemeinschaften inkludiert, kann ein Kind nur allein annehmen (vgl. §1741 Abs. 2 Satz 1 BGB). Insofern hat das Bundesverfassungsgericht am 19.02.2013 festgestellt, dass:

Indem § 9 Abs. 7 des Lebenspartnerschaftsgesetzes die Möglichkeit der Annahme eines adoptierten Kindes des eingetragenen Lebenspartners durch den anderen Lebenspartner (Sukzessivadoption) verwehrt, wohingegen die Möglichkeit der Annahme eines adoptierten Kindes des Ehepartners und die Möglichkeit der Annahme eines leiblichen Kindes des eingetragenen Lebenspartners (Stiefkindadoption) eröffnet sind, werden sowohl die betroffenen Kinder als auch die betroffenen Lebenspartner in ihrem Recht auf Gleichbehandlung verletzt (Art. 3 Abs. 1 GG) (BVerfG 2013).

„Nicht formalisierte Lebensgemeinschaften können Kinder […] weder gemeinschaftlich adoptieren, noch kann das Kind des Partners/ der Partnerin als Stiefkind angenommen werden“ (Funcke, D./ Thorn P. 2010: 117).

Der Ursprung der Kinder liegt ohnehin mehrheitlich nicht in einer Adoption, sondern ferner in:

früheren heterosexuellen Partnerschaften,

Pflegschaftsverhältnissen,

der Reproduktionsmedizin,

sowie erweiterten Familienformen mit mehreren Elternteilen, der sog.

QueerFamily (LSVD 2008).

Das Bundesministerium für Justiz hat 2006 beim Staatsinstitut für Familienforschung an der Universität Bamberg eine Studie zur Erforschung der Rahmenbedingungen, in denen Kinder aus Regenbogenfamilien aufwachsen, in Auftrag gegeben(vgl. Rupp Martina 2009: 9). Die Ergebnisse der Studie besagen, dass 52% aller Paare als Motivation zur Schließung einer eingetragenen Lebenspartnerschaft die Familiengründung mit der Option einer Stiefkindadoption angaben. Für 31% stand die rechtliche Absicherung der Kinder, für 28% der Befragten die allgemeine rechtliche Absicherung der Familie im Vordergrund.

Vor allem die Tatsache, dass die Umsetzung des Kinderwunsches in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, als auch die sexuelle Orientierung nicht der heteronormativen Gesellschaft entsprechen, hat Einfluss auf den Umgang der Betroffenen mit ihrer Identität in der Öffentlichkeit. Folgende Grafik soll diesen Problemaufriss zunächst abschließend veranschaulichen.

Abb. 2 http://www.statistik.baden-wuerttemberg.de/BevoelkGebiet/Fafo/Familien_in_BW/R20132.pdf

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3 Forschungsverlauf

(Doreen Adam & Filipe Fürstenhöfer)

Im Rahmen der Forschungswerkstatt wurden wir gebeten, nach individuellem Forschungsinteresse Gruppen zu bilden, um einer Forschungsfrage zu folgen. Die Gruppen aus ca. vier Studierenden sollten dieser Frage nachgehen, wir als „Rumpelstilzchen“ bestanden erst aus sieben Personen; im Laufe der Zeit reduzierte sich die Anzahl der Teilnehmer_innen aus unterschiedlichsten Gründen auf fünf.

Ziel war es eine qualitative Studie durchzuführen. Dazu erhielten wir von Prof. Dr. A. Schmidt-Wenzel wissenschaftliches Material und Input während der Präsenzzeiten. Hier wurde unter anderem der Unterschied zwischen einer quantitativen und qualitativen Forschung erarbeitet. Die in diesem Rahmen angewandte „Grounded Theory“ nach Strauss/Corbin ist ein Teil der empirischen Sozialforschung. (vgl. A. Strauss, J. Corbin, 2010)

Den gesamten Forschungsprozess memorierten wir in einem Forschungstagebuch.

3.1 Findung der Forschungsfrage:

Aufgrund unserer ausgewählten Thematik Regenbogenfamilien, wie einleitend schon beschrieben, entwickelten wir unsere erste Forschungsfrage: „Wie erleben Regenbogenfamilien gesellschaftliche Reaktionen auf ihre Elternschaft?“ Diese veränderte sich im Laufe der Forschung noch einmal zu: „Wie gehen Regenbogenfamilien mit gesellschaftlichen Reaktionen auf ihre Elternschaft um?“

3.2 Interviewleitfaden

Um Antworten auf die oben genannte Forschungsfrage zu erhalten, sollten wir Interviews führen. Um unseren Interviews einen Rahmen und eine Orientierung mit vergleichbaren Parametern geben zu können, nutzten wir die leitfadengestützte Interviewtechnik. (vgl. Friebertshäuser 1997: 371-395) Dieser Leitfaden sollte die erlebten Reaktionen von Regenbogenfamilienmitgliedern auf ihre Elternschaft zutage fördern. Dazu stellten wir offene Fragen zu folgenden Lebensbereichen:

- Familienentwicklung und Beziehung zum Kind
- Alltag
- Umfeld/Institutionen
- Selbstbild

Als erstes näherten wir uns der Entstehungsgeschichte der Familienform. Es galt vorerst zu erfragen, welche Personen im engeren Sinne zum Familienkonstrukt gehörten. Woher kam das Kind? Als zweites erfragten wir den beruflichen Kontext, die Kinderbetreuung, Freizeitgestaltung etc. Daraufhin ging der Leitfaden auf die Reaktionen aus dem Umfeld der Regenbogenfamilien ein. Abschließend wurde das Rollenverständnis der Interviewpartner_innen behandelt. Nach dem ersten Interview wurde der Bedarf einer Ergänzung und Veränderung des Leitfadens für die folgenden Interviews deutlich. Der komplette Interviewleitfaden in letzter Anwendungsform kann dem Anhang entnommen werden.

3.3 Feldzugang, Gewinnung der Interviewpartner_innen

Die Forschungsgruppe entwarf einen Aushang welcher Regenbogenfamilienmitglieder für die Interviews ansprechen und gewinnen sollte. Der Kontaktbogen wurde im „Regenbogenfamilienzentrum“ in Berlin ausgehängt. Darauf erfolgte vorerst keine Reaktion. Auf unser Bitten verschickte die Leiterin des Zentrums den Aufruf mittels Email an die ihr zugängliche Verteilerliste. Zeitnah meldeten sich ausreichend Interessierte. (siehe Anhang)

3.4 Interview

Für das erfolgreiche Führen von Interviews bedurfte es einer guten Vorbereitung. Dazu erarbeiteten wir uns die Grundlagen (richtige Raumgestaltung, angenehme Atmosphäre, Ort privater oder öffentlicher Natur, Durchführung, Teilnehmer, zeitlicher Rahmen, …) nach H. Hermanns (vgl. Flick, von Kardorff, Steinke, 2000: 360-368) Das Interview fand immer zwischen zwei Personen statt (Interviewer_in & Regenbogenfamilienmitglied). Um die Interviews führen zu können bedurfte es einer Einverständniserklärung, kraft derer wir die Daten digitalisieren und für die Forschung verwenden durften (Beispiel siehe Anhang). Die Gespräche wurden mittels Smartphone digital aufgenommen. Es wurden insgesamt sechs Interviews geführt.

3.5 Transkription

Mit Hilfe der Software „F4“ haben wir die Interviews transkribiert. Dabei hielten wir die Transkriptionsregeln in Anlehnung an Dresing und Pehl ein. (vgl. Transkriptionsregeln 2013) Es wird das Gesprochene in Textform gebracht. Dabei werden alle Laute, vorhandene Dialekte, Störgeräusche, Unverständlichkeiten, längere Pausen, Ausrufe, „Wortverschleifungen“ (Transkriptionsregeln 2013) und Zeitpunkte der Aussagen verschriftlicht.

3.6 Offene Kodierung, Kerncode und Kategorisierung

Im Rahmen der Auswertung der transkribierten Interviews nutzten wir die Methode des offenen Codierens. Das Codieren dient einer besseren Vergleichbarkeit und Verdichtung des gesagten Sinninhaltes. Dazu nutzten wir das zur Verfügung gestellte Codierformular, welches unterteilt war in „Zeilen“, „Paraphrase“, „Code“ und „Memo“. „So versteht sich das offene Kodieren als ein erstes Aufbrechen der Daten, wobei zu Tage tretende Phänomene in Begriffe gefasst und auf ihre Eigenschaften und Dimensionen untersucht werden, um schließlich einen für die jeweilige Fragestellung relevanten Oberbegriff bzw. eine Kategorie gruppiert zu werden.“ (Schmidt-Wenzel 2007: 2)

Die „Analysemethode der ständigen Vergleiche“ (Glaser & Strauss 1967: 101-116 zit. n. A. Strauss, J. Corbin 2010: 44) dient der Präzision und Spezifizierung der Konzepte der Grounded Theory und somit des Forschungsinhaltes. (vgl. A. Strauss, J. Corbin 2010: 44) Durch das Kodieren der Interviews fand sich schnell der jeweilige Kerncode. Die jeweiligen Kerncodes waren:

Der erste Kerncode hieß „Ambivalenz“. Dieser stellte sich im Verlauf als unsere Schlüsselkategorie heraus.

3.7 Axiales und selektives Kodieren

Im Gegensatz zur Ergründung lokalspezifischer, emischer kultureller Konzepte stellt die Grounded Theory auf die Entwicklung gegenstandsbezogener Theorien ab. Dies tut sie ausgehend von Phänomenen, an welche nach Anselm Strauss und Juliet Corbin (1996) verschiedene Fragen gerichtet werden:

Was sind die ursächlichen Bedingungen des Phänomens?

Was ist der Kontext?

Was sind die intervenierenden Bedingungen?

Was sind die Handlungs- und interaktionalen Strategien?

Was sind die Konsequenzen?

Diese Fragen bringen das so genannte Kodierparadigma zum Ausdruck, welches das axiale Kodieren innerhalb der Grounded Theory anleitet und ausgehend von einem Phänomen systematisch versucht, unterschiedliche Kodes/Kategorien miteinander in Beziehung setzen. Dieses In-Beziehung-Setzen unterschiedlicher Kodes und Kategorien ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Entwicklung einer gegenstandsbezogenen Theorie. (Universität Wien 2011)

Während des komparativen Analysierens, dem axialen und selektiven Kodierens der kodierten Interviews fanden wir intervenierende und kontextuelle Bedingungen, welche sich auf das zentrale Phänomen „Streben nach Anerkennung in der Gesellschaft“ beziehen. Als kontextuelle Bedingungen zeigten sich „Lebenswelten/Vielfalt“, „offensive“- und „defensive Handlungsstrategien“. Als intervenierende Bedingungen kristallisierten sich die „Kontexte, in denen Regenbogenfamilien Reaktionen erfahren“ heraus, sowie die „Heteronormativen Vorstellungen der Interviewpartner_innen“. (siehe Anhang, Poster) Das selektive Kodieren dient einer Verdichtung der gefundenen Inhalte, hieraus wird „das Kernphänomen resp. die Schlüsselkategorie der Untersuchung generiert.“ (Schmidt-Wenzel 2007: 3)

Schlussendlich zeigte sich in der Auseinandersetzung mit der Erstellung einer graphischen Darstellung der vorläufigen Forschungsergebnisse, dass der zuerst gefundene Kerncode „Ambivalenz“ sich als zentrales Phänomen herausstellte. Das „Streben nach Anerkennung“ wandelte sich zum Fazit der Studie. Mit diesem Ergebnis überprüften wir unsere Forschungsfrage und veränderten sie in: „Wie gehen Regenbogenfamilien mit gesellschaftlichen Reaktionen auf ihre Elternschaft um?“

Die Forschungsgruppe entwarf die Visualisierung der Ergebnisse in Form eines DIN A0 Plakates. Das Motiv eines rudernden Menschen in „Schwimmweste“ fand einheitlich Zustimmung.

Die Ergebnisse wurden anhand des Posters während des letzten Präsenzwochenendes der „Forschungswerkstatt“ von der Gruppe präsentiert. Daraufhin folgte die Erarbeitung des hier vorliegenden Forschungsberichtes.

Im folgenden Kapitel führen wir die Kategorien im Einzelnen auf, beschreiben diese und belegen sie mit Zitaten.

4 Im Laufe der Forschung gefundene Kategorien

Im Verlauf der Forschung wurden Kategorien ersichtlich, welche für unsere Forschungsfrage relevant und für die Regenbogenfamilienmitglieder von Bedeutung sind. Der Interviewleitfaden griff diese in Folge auf (siehe Anhang). Die Kategorien lauten:

Lebenswelten (Familienformen)

Kontext (Gesellschaft | Schule | KITA | Familie | Arbeit …)

Heteronormative Vorstellungen

Handlungsstrategien (defensive | offensive)

Im Folgenden werden diese anhand an Zitaten aus den Interviews näher erläutert.

4.1 Beschreibung der Kategorie – Lebenswelten

(Doreen Adam)

Die Vielfalt an Familienkonzepten der Interviewpartner_innen, die uns während des Forschungsprozesses begegneten, veranlasste uns eine Kernkategorie „Lebenswelten“ zu nennen. Wir trafen auf verschiedenste Formen der Elternschaft. Die Bandbreite zog sich, wie in Punkt zwei schon erwähnt, über die Konstellationen:

Klassische Paarbeziehung

Elternschaft zu dritt

Elternschaft zu viert, über

Die Einelternfamilie.

Im Folgenden finden sich Zitate für die Beschreibung der Lebenswelten unserer Interviewpartner_innen.

Vorstellung der Familienkonzepte und Umgang mit den Kindern: die erste Interviewpartnerin lebt mit ihrer verpartnerten Lebensgefährtin die „Klassische Paarbeziehung“, ihre Tochter ist acht Monate Sie entscheidet sich gemeinsam mit ihrer Lebenspartnerin ganz bewusst gegen eine Vaterfigur in der Familie.

„…Familiengründung meinten Sie die Planung unserer Tochter, also wir haben eine Tochter. Ehm, wir haben also grundsätzlich als wir uns kennengelernt haben war immer klar, dass wir eine Familie woll´n. Also sowohl meine Partnerin als auch ich haben schon bevor wir uns kennengelernt haben immer gewusst, wir woll´n Mal eine Familie, in welcher Form auch immer das sein soll….“ (Doreen Adam, Z16-20)

„…noch mal alle Möglichkeiten durch die es überhaupt gibt. Sprich Freunde fragen, entfernter Familienkreis, ehm inserieren etc. und ehm war´n aber dann, sind wieder genau da gelandet, wo wir am Anfang war´n. Haben uns dann aber besser gefühlt weil wir dachten ok, jetzt haben wir ja wirklich alles noch mal durchgespielt und ich glaube die Grundfrage ehm war für uns immer diejenige, in welcher Form möchte man eine Familie gründen. Also wollen wir quasi eine gemeinsame Tochter und woll´n zu dritt sein unter uns oder woll´n wir eine Patchworkfamilie gründen oder eine Regenbogenfamilie in der ein Vater involviert ist, der entweder mit einem Mann, mit einer Frau, selber Kinder hat, wie auch immer das sein kann und für uns war eigentlich klar, dass wir das alles nicht woll´n. Sondern das wir einfach uns als Kernfamilie mit Mutter-Mutter, nicht Mutter-Vater, sondern Mutter-Mutter-Vater oder Sohn eben ehm haben woll´n….“ (Interview Adam, Z. 24-35)

Auffällig ist die genaue Planung und das Bedürfnis alles RICHTIG machen zu wollen. Die Interviewpartnerin betonte sehr häufig, dass alles NORMAL sei.

Zu der Entwicklung ihrer Tochter sowie den Umgang mit ihr beschreibt sie:

„…Also sie entwickelt sich gut, also wir sind aber auch ein Paar glaub ich die relativ entspannt sind, die schon auf die Gesundheit achten, die aber ehm also ich bin jetzt nicht ein Kind äh ne Mutter die jetzt fünf Termine in der Woche hat und zum Kinderyoga geht und zum Pekipkurs und zum irgendwie. Also ich war bei meiner Rückbildung, da hab ich andere Mütter mit Babies kennengelernt. Ehm meine Hebamme kommt noch. Ich geh zu allen U Untersuchungen und das sind aus diesen Parametern entsteht mein Bauchgefühl wie sich meine Tochter entwickelt…“ (Interview Adam, Z. 137-143)

Hierbei ist ihr wichtig, nicht den Eindruck einer „Übermutter“, die Pekipkurs und Kinderyoga absolvieren, zu hinterlassen.

Des Weiteren interviewten wir einen homosexuellen, verpartnerten Mann, der zwei Pflegesöhne (10 & 11 Jahre alt) und eine volljährige Tochter aus ehemaliger Pflegschaft hat.

„…zu der Familiengründung kam es, weil mein Partner ist Erzieher, ich bin von Hause aus Sozialarbeiter, aber das spielt vielleicht nicht sone Rolle. Wir haben schon ganz lange eine Beziehung und ehm, haben viele Kinder in der Verwandtschaft, bei Familie bei Freunde, bei Geschwister. Und da ham wir gesagt, das könne wir auch. Eigentlich fühlen wir uns stabil genug, um ein Kind aufzunehmen und ham dann erst mal Kurzzeitpflege ehm gemacht, weil ein eigenes Kind sag mal biologisch eigenes Kind das wollten wir beide nicht.“ (Interview Graber-Schwarzrock, Z. 15-22)

Hier wird deutlich, dass die Familien in der Verwandtschaft und im Freundeskreis (Heteronormativität) als Vorbild gesehen wurden und das Zutrauen in eine eigene Elternschaft vorhanden ist.

Er entscheidet sich gemeinsam mit seinem Partner bewusst gegen leibliche Kinder, welches folgende Zitat belegt.

„…es gibt genügend Kinder die eigentlich sag mal ehm irgendwo wohnen und ein zu Hause brauchen.“ (Interview Graber-Schwarzrock, Z. 15-22 / 24-25)

Das Paar nahm erst Kinder in die Kurzzeitpflege, stellte dann jedoch fest, dass die emotionale Belastung durch die Trennung zu stark ist. Diese Bewusstheit veranlasste sie Langszeitpflegeeltern zu werden.

„…es isisnich schön wenn man ein Kind ein halbes Jahr hat un dann wieder sagen muss, so das war jetzt schön, jetzt Tschüß. Das hat wa bei ein, zwei, drei, vier Kinder ungefähr und in Berlin hamwa dann gesagt, (unv.) wollen Langzeitpflege machen, sprich wir wollen Kinder länger behalten.“

„Und das macht es für die Familie wesentlich einfacher. Man hat, kann man sich auf längere Sicht sag mal da, ehm festlegen auch selber auch gefühlsmäßig festlegen.“ (Interview Graber-Schwarzrock, Z. 30-33 / 36-38)

„…dann tat uns das auch wieder leid und dann wa dann auch noch ein zweites genommen, also insofern das dritte Kind dann so.“ (Interview Graber-Schwarzrock, Z. 40-42)

Eine Alltagssituation im Umgang mit den Kindern, sowie die vermutete Außenwahrnehmung wird wie folgt beschrieben.

„Wir muss wissen, wenn man mit zwei Männern läuft mit, mit wie gesagt ein weißes Kind und eine schwarzes Kind gut das kann sowieso nich sein, aber wenn einer mit ein schwarzes Kind laufe, dass die Leute schon so und so schon denken, naja, was wolln die denn mit dem Kind so ungefähr. Gut ich denk, jetzt würde man sehn das Kind gehört zu uns, weil (lacht) es immer am Arm hängt bei uns noch. Also ich denk da man inzwischen sag mal sehn, wie da da muss man sich mit auseinandersetzen, das man weiß ich werd dann gesehen. Du sitzt im Restaurant, ich sitze mit zwei Männern und zwei Kinder, das wird wahrgenommen logischerweise. Und ich finde da muss man mit umgehen und sagen, ja das ist dann so.“ „Weil du kannst nicht s sag n ganz normale (betont) Familie wie immer die denn auch aussehen mag, sind wir einfach dann nicht. Wir sind nicht Mann Frau mit zwei Kinder, sondern wir sind zwei Männer ein weißes Kind, ein schwarzes Kind, da sehen die schon da is irgendwie was anderes.“ (Interview Graber-Schwarzrock, Z. 798-813)

Folgender homosexueller Interviewpartner lebt allein und hat zwei Kinder, die bei der Mutter leben. Die Mutter wiederum lebt mit ihrer verpartnerten Lebensgefährtin zusammen. In ihm wuchs der Wunsch eigene Kinder zu bekommen. Hier beschreibt er, wie dieser Wunsch für ihn in Erfüllung ging.

„...innerhalb 6 Monaten bin ich von 4 Frauen gefragt worden möchtest du Vater werden und so und nan habe ich gleich an 2 nein gesagt der dritter hab ich nein gesagt weil sie aus Hamburg kam und ich wollte ich hab gesagt ich möchte was vom Kind haben vom Leben des Kindes und so (...) UND ähhh dann von Clara und Anna. Clara hat ne Mail geschrieben und daran kann ich mich gar nicht mehr erinnern worin sie mich gefragt hat und so dann haben wir halt diskutiert also wir kannten einander nicht so sehr gut damals und ähh da saßen wir dann halt zu dritt und haben denn unsere Erwartungen ähh am Tisch gelegt und äh eigentlich mal miteinander gesprochen was wir erwarten was wir möchten und (unv., Pfeifgeräusch im Raum) stellen uns vor I: Mhm B: und haben dann festgestellt ok ähhm das was wir wünschen sind ähnlich…“ (Interview Fürstenhöfer, Z. 31-45)

Die Planung des zweiten Kindes.

„…und wir saßen wieder zu dritt und Anna wollte nicht. sie hat gesagt naja sie äh seit dem sie 18 war hat sie denn Kinder erzogen weil sie war mal verheiratet und ist Mutter von 3 Kindern 2 wohnen zu Hause bei denen und einer wohnt bei dem Papa nhh“ (…) „dann haben wir den Kompromiss abgeschlossen haben gesagt ok einmal…“ (Interview Fürstenhöfer, Z. 82-90)

Im Umgang mit seinen Kindern betont der Interviewpartner seine Freiheit jederzeit die Kinder besuchen zu können, wie sie zu einer Familie geworden sind, dass gemeinsame Reisen gemacht werden, und dass er Fahrdienste übernimmt. Durch die örtliche Trennung und seine besondere Stellung in der Familie sucht er Nischen, um seine Vaterrolle ausfüllen zu können.

„Samstag bis Sonntag je nachdem. ALLERDINGS is es halt so das ich denn ich (...) kann frei kommen ehh also dorthin gehen und die Kinder besuchen so wie ich will ich kann soger solange bleiben wie ich will ähm ich hab auch dort übernachtet…“ (Interview Fürstenhöfer, Z. 157-162)

„…ok was ich sagen kann ähhm das ähhhm das sie dann meine Familie geworden sind ne das wir dann ähhm wir machen jetzt schon seit vier fünf Jahren fahren wir denn äh erste Woche ähhm in den großen Ferien im Sommer fahren wir dann alle an die Ostsee nach Polen und einmal kamen die Großeltern aus Cottbus mit und letztes Jahr war die Oma dabei…“ (Interview Fürstenhöfer, Z. 465-469)

„Tim singt im Dom- und Stadtchor und äh die die haben Proben am Montags und Mittwochs und da haben wir das wir wechseln uns ab weil der er geh von der Schule muss in Grünau mit der S-Bahn bis Spichernstrasse hinfahren und äh wenn ich kann hol ich ihn ab und bring ich ihn hin und dann bring ich ihn anschließend nach Hause. Und ähh je nachdem was für einen Dienst ich am nächsten Tag habe oder wie es mir geht dann bleib ich zum Abendbrot und bring em dann die Kinder mit ins Bett…“ (Interview Fürstenhöfer, Z. 163-169)

Die nächste Interviewpartnerin lebt getrennt von ihrer Frau. Das Kind lebt bei ihr.

„Ähm, also zu unserer kleinen äh Minifamilie – wir differenzieren das ein bisschen – zu unserer Kleinfamilie gehören M., S. und ich. Also wir sind beides die Mütter und M. ist meine Frau. Nebenbemerkung wir leben aber mittlerweile getrennt, aber trotzdem bezeichnen wir uns als Familie. Und ähm tja ich würde sagen das ist unsere Familie. Und wir zählen zu unserer Familie im weiteren Sinne unsere Eltern und Geschwister dazu und habn auch n sehr engen Draht zu nem Paar unserer Freunde, die wir aber trotzdem nicht als Familie bezeichnen.“ (Interview Ohnesorge, Z. 12-18)

[...]

Ende der Leseprobe aus 60 Seiten

Details

Titel
"Regenbogenfamilie - NA UND ?!". Forschungsbericht auf Grundlage der "Grounded Theory"
Hochschule
Fachhochschule Potsdam
Note
1,3
Autoren
Jahr
2014
Seiten
60
Katalognummer
V284879
ISBN (eBook)
9783656851363
ISBN (Buch)
9783656851370
Dateigröße
1662 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Regenbogenfamilie, Sexualität, Gender, Forschungsbericht, 2014, Zeitgeist, Interviews, Methodik, Teilhabe, Integration, Gruppenarbeit, Fragebogen, Poster, Plakat
Arbeit zitieren
Filipe Fürstenhöfer de Figueiredo e Silva (Autor)Ayla Kiratli (Autor)Doreen Adam (Autor)Alexandra Graber-Schwarzrock (Autor)Björn Ohnesorge (Autor), 2014, "Regenbogenfamilie - NA UND ?!". Forschungsbericht auf Grundlage der "Grounded Theory", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284879

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