Das Interesse unserer Forschungsgruppe galt im vorangestellten Sinne der Frage, ob homosexuelle oder „queere“ Elternschaft in unserer Gesellschaft als gleichwertige Familienkonstellation anerkannt wird. Trotz bedeutsamer rechtlicher Errungenschaften, wie dem Lebenspartnerschaftsgesetz, dem Ehegattensplitting für Verpartnerte, oder dem Recht auf Stiefkindadoption wie auch dem Recht auf sukzessive Fremdadoption für Homosexuelle, ist zu erahnen, dass Regenbogenfamilien im Alltag Ressentiments ausgesetzt sind. Anlass zu dieser Vermutung geben nicht zuletzt öffentliche Diskurse, wie die baden-württembergische Petition, gegen die Aufklärung von Schülern hinsichtlich gelebter sexueller Identitäten.
Um im Rahmen der qualitativen Forschung Aussagen darüber treffen zu können, wie sich das Erleben jener Familienangehörigen gestaltet, wird im Folgenden zunächst ein Überblick über die Fülle unterschiedlichster Lebenswelten gegeben, wie auch die Kontexte in denen die Individuen sich bewegen angeführt. Weitergehend wird der Blick der Interviewten auf die normative Gesellschaft herausgearbeitet, sowie deren angewandte Handlungsstrategien.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG UND AUSGANGSGEDANKE
2 SITUATION DER REGENBOGENFAMILIEN IN DEUTSCHLAND – EIN ABRISS
3 FORSCHUNGSVERLAUF
3.1 FINDUNG DER FORSCHUNGSFRAGE:
3.2 INTERVIEWLEITFADEN
3.3 FELDZUGANG, GEWINNUNG DER INTERVIEWPARTNER_INNEN
3.4 INTERVIEW
3.5 TRANSKRIPTION
3.6 OFFENE KODIERUNG, KERNCODE UND KATEGORISIERUNG
3.7 AXIALES UND SELEKTIVES KODIEREN
4 IM LAUFE DER FORSCHUNG GEFUNDENE KATEGORIEN
4.1 BESCHREIBUNG DER KATEGORIE – LEBENSWELTEN
4.2 BESCHREIBUNG DER KATEGORIE – KONTEXT
4.2.1 Kontext Jugendamt
4.2.2 Kontext Gesellschaft
4.3 BESCHREIBUNG DER KATEGORIE – HETERONORMATIVE VORSTELLUNGEN
4.4 VORSTELLUNG VON HETERONORMATIVITÄT
4.5 HANDLUNGSSTRATEGIEN
4.5.1 Defensive Handlungsstrategie
4.5.2 Offensive Handlungsstrategie
5 SCHLÜSSELKATEGORIE „AMBIVALENZ“
6 FAZIT
7 AUSBLICK
Zielsetzung & Themen
Diese qualitative Forschungsarbeit untersucht, wie Regenbogenfamilien in Deutschland gesellschaftliche Reaktionen auf ihre nicht-heteronormative Elternschaft erleben und welche Strategien sie im Umgang mit diesen Reaktionen sowie ihrem eigenen Selbstverständnis entwickeln.
- Erfahrungen und Wahrnehmung von Regenbogeneltern in einer heteronormativen Gesellschaft
- Identifikation und Bewältigung von gesellschaftlichen Barrieren und Vorurteilen
- Analyse von Handlungsstrategien im Alltag und gegenüber Institutionen
- Bedeutung von Anerkennung für das Selbstbild und die familiäre Stabilität
- Rolle der "Ambivalenz" im Spannungsfeld zwischen Wunsch nach Normalität und gesellschaftlicher Randgruppenposition
Auszug aus dem Buch
4.5.1 Defensive Handlungsstrategie
Die defensiven Handlungsstrategien zeigten sich teilweise in Vermeidung der Offenlegung des Familien- bzw. Lebensmodells, in der Geheimhaltung, Anwendung von Notlügen in verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten sowie einer intensiveren Planung des Familienkonstruktes zur Selbstversicherung. Hierfür finden sich eindeutige Zitate aus den geführten Interviews.
Die Gründe für die Zurückhaltung der tatsächlich gelebten Familienform werden sehr unterschiedlich von den Interviewpartner_innen ausgelegt. Mal wird die drohende Vermischung von Privat- und Berufsleben benannt, wie:
„Ich habe es jetzt NICHT betont, erzählt, aber auch nicht verheimlicht. Also wenn das Thema aufkam und ich direkt gefragt wurde, dann hab ich es gesagt. Ich glaub aber der Faktor, warum ich es nicht explizit gemacht habe, war gar nicht die Angst vor ner Reaktion, sondern das meine Zeit im Theater bei mir den Wunsch hinterlassen hat Beruf- und Privatleben SEHR zu trennen,…“ (Interview Adam, Z 319-323)
Dann wieder zeigt sich im ambivalenten Umgang zu der eigenen Familienkonstellation die entstehende Angst vor Verurteilung bzw. Ablehnung. Die eigene Vorstellung der Interviewpartner_innen von der heteronormativen Lebensform geht nicht mit der tatsächlich vorhandenen Lebensform einher. So wird auch hier ein Grund zum verbergen der eigenen Lebensform sichtbar, wie im folgenden Zitat.
„Fühle ich mich jetzt nicht herab gewertet. Äää in Bezug auf ein, auf die die Vaterrolle, also das kann man nicht sagen. Also, d, ehhm, natürlich ist man hhh, vielleicht aber das ist eher ein Ding von, was aus der, weil man so is wie man is, dass man selbst manchmal mehr Angst vor Reaktionen der andern hat, weil man irgendwie selbst im Kopf hat, dass das im Anführungsstrichen „nicht normal“ ist.“ (Interview Kiratli, Z. 428-433)
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG UND AUSGANGSGEDANKE: Einführung in die Thematik der Regenbogenfamilien und Formulierung der Forschungsfrage zur Wahrnehmung gesellschaftlicher Reaktionen auf queere Elternschaft.
2 SITUATION DER REGENBOGENFAMILIEN IN DEUTSCHLAND – EIN ABRISS: Überblick über die rechtliche und gesellschaftliche Lage sowie statistische Entwicklungen von gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften in Deutschland.
3 FORSCHUNGSVERLAUF: Dokumentation des methodischen Vorgehens, angelehnt an die Grounded Theory, inklusive Interviewführung und Datenauswertung.
4 IM LAUFE DER FORSCHUNG GEFUNDENE KATEGORIEN: Detaillierte Darstellung der durch die Analyse identifizierten Hauptkategorien, die das Erleben der Familien in verschiedenen Kontexten beschreiben.
5 SCHLÜSSELKATEGORIE „AMBIVALENZ“: Analyse der zentralen Kategorie „Ambivalenz“, die als Kernphänomen das Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach Anerkennung und den erlebten gesellschaftlichen Reaktionen verdeutlicht.
6 FAZIT: Synthese der Forschungsergebnisse, die den unbedingten Wunsch nach Anerkennung als wesentliche Triebfeder der Handlungsstrategien von Regenbogeneltern hervorhebt.
7 AUSBLICK: Zusammenfassende Betrachtung der gesellschaftlichen Notwendigkeit für Aufklärung und Offenheit, um Diskriminierung abzubauen und volle gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.
Schlüsselwörter
Regenbogenfamilie, Homosexualität, Heteronormativität, Anerkennung, Qualitative Forschung, Grounded Theory, Handlungsstrategien, Ambivalenz, Elternschaft, Diskriminierung, Familienkonstellation, Selbstbild, Integration, Alltag, Gesellschaftliche Diskurse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beleuchtet die Lebensrealität von Regenbogenfamilien in einer heteronormativ geprägten Gesellschaft und untersucht, wie diese mit gesellschaftlichen Erwartungen und Reaktionen umgehen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den Kernbereichen gehören Familienkonzepte, der Umgang mit Institutionen (wie Jugendämtern, Schulen, Ärzten), die Reaktionen des persönlichen Umfelds sowie die strategischen Handlungsweisen der Eltern.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die zentrale Forschungsfrage lautet: „Wie gehen Regenbogenfamilien mit gesellschaftlichen Reaktionen auf ihre Elternschaft um?“
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Forschungsarbeit basiert auf einer qualitativen Studie unter Anwendung der „Grounded Theory“, die durch leitfadengestützte Interviews mit Betroffenen gewonnen wurde.
Was steht im Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil analysiert die bei der Forschung identifizierten Kategorien (Lebenswelten, Kontext, heteronormative Vorstellungen) und stellt die unterschiedlichen Handlungsstrategien (defensiv und offensiv) gegenüber.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Neben dem Hauptthema „Regenbogenfamilie“ sind „Anerkennung“, „Ambivalenz“, „Heteronormativität“ und „Handlungsstrategien“ die definierenden Begriffe der Untersuchung.
Was zeichnet die „Ambivalenz“ als Schlüsselkategorie aus?
Die Ambivalenz beschreibt das innerpsychische und soziale Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach individueller Normalität und der gleichzeitigen Erfahrung, von gesellschaftlichen Normen als „anders“ wahrgenommen zu werden.
Welche Rolle spielt die Aufklärung durch die Familien selbst?
Die Familien übernehmen häufig selbst die Rolle von Aufklärenden, um Berührungsängste abzubauen, Missverständnisse zu beseitigen und die Akzeptanz ihres Familienmodells bei Behörden und im Umfeld aktiv zu fördern.
- Citation du texte
- Filipe Fürstenhöfer de Figueiredo e Silva (Auteur), Ayla Kiratli (Auteur), Doreen Adam (Auteur), Alexandra Graber-Schwarzrock (Auteur), Björn Ohnesorge (Auteur), 2014, "Regenbogenfamilie - NA UND ?!". Forschungsbericht auf Grundlage der "Grounded Theory", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284879