Gibt es eine „neue städtische Unterklasse“? Ausländerquartiere in Berlin


Hausarbeit, 2010

15 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Berlin und seine Zuwanderer – von damals bis heute

3. Soziale Segregation – Für und Wieder

4. Ursachen sozialer Segregation
4.1. Arbeitslosigkeit
4.2. Wohnungsangebot
4.3. Situation in den Schulen
4.4. Abwärtsspirale

5. Zukunftspläne der Stadtentwickler

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die großen Städte Europas entstanden durch immerwährende Zuwanderung und ihre Einwohner waren offen gegenüber Fremden. Großstädte heutzutage sind geprägt von einer geringen Integrationskraft sowie der Ausgrenzung einzelner Bevölkerungsteile. Sie kämpfen mit hohen Arbeitslosenzahlen und niedrigen Einkommen. Die Stadtverwaltung nimmt nur noch geringen Einfluss auf die Bildung sozialräumlicher Strukturen. (Häußermann und Kapphan, 2004, S.203)

Von dieser Entwicklung wurde auch Berlin nicht verschont. Im Laufe des 20. Jahrhunderts kamen viele Zuwanderer in die Stadt. Heute beziehen viele von ihnen ein niedriges Einkommen oder sind sogar arbeitslos. Aus den Ausländervierteln von damals wurden die Arbeitslosenviertel von heute. Daher kämpfen deren Einwohner mit vielen sozialen Problemen, die aber nur schwer zu beseitigen sind.

2. Berlin und seine Zuwanderer – von damals bis heute

Seit den 1960er Jahren konzentriert sich die Ansiedlung von Zuwanderern auf die innerstädtischen Altbaugebiete West-Berlins. Damals zogen viele Gastarbeiter, besonders aus der Türkei und Jugoslawien, mit ihren Familien zunächst befristet nach Berlin um hier zu arbeiten. Heute haben viele von Ihnen einen festen Aufenthaltstitel oder sogar die deutsche Staatsbürgerschaft. (Häußermann und Kapphan, 2002, S.203)

Mit Beginn der 1980er Jahre kamen vermehrt Flüchtlinge und Asylsuchende aus Ländern wie Polen, Iran, Vietnam, Libanon und Palästina. Obwohl die meisten von ihnen ein Aufenthaltsrecht bekamen, hatte dieses für viele Palästinenser und Libanesen nur eine zeitlich begrenzte Wirkung, was ihre Integrationschancen enorm verschlechterte. Sobald sich die Lage in ihren Ursprungsländern verbessert, müssen sie zurück gehen. (Häußermann und Kapphan, 2002, S.203/204)

Die 1990er Jahre brachten eine Wende in der Zuwanderungsentwicklung. Zunächst kamen viele Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion. Dann aber verringerte sich die Zahl der Zuwanderungen im Ganzen. Einen Großteil der zu dieser Zeit nach Berlin gezogenen Menschen bildeten Aussiedler aus Kasachstan und dem asiatischen Teil der russischen Förderation, von denen viele die deutsche Staatsbürgerschaft bekamen. Der Rest war besonders stark vertreten durch sowjetische Juden, denen im Normalfall lediglich ein internationaler Flüchtlingspass ausgestellt wurde. Ausgelöst durch den Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien, kamen von dort auch viele Flüchtlinge nach Berlin, aber sie bekamen ebenfalls nur eine temporäre Aufenthaltserlaubnis. Daher war auch eine politisch forcierte Rückwanderung der Zuwanderer zu beobachten. Weitere Zuwanderergruppen in dieser Zeit sind die libanesischen Flüchtlinge sowie die türkischen Asylbewerber, meist jedoch eher deren Familienangehörige, oder genauer gesagt Ehepartner bereits in Deutschland lebender Türken. (Häußermann und Kapphan, 2002, S.205/206)

Da Deutschland viele Verträge über die Beschaffung von Werkvertragsarbeitnehmern aus den östlichen Ländern, besonders aus Polen, geschlossen hat, kommen auch von dort viele Zuwanderer in die Stadt. Auch aus der restlichen EU, hauptsächlich aber aus Italien und Portugal, zieht es viele Menschen nach Berlin. Einige sind auf der Suche nach Arbeit, andere reizt das kulturelle Flair der Stadt. (Häußermann und Kapphan, 2002, S.206)

Die Zuwanderer verteilen sich seit jeher vorrangig auf die Stadtteile Kreuzberg, Wedding und Tiergarten. In 2009 waren die Bezirke mit dem höchsten Anteil der Einwohner ohne deutschen Pass Gesundbrunnen (35,8%), Neukölln (35%), Tiergarten (34,7%), Wedding (31,7%) und Kreuzberg (31%) (Schulz, Berliner Morgenpost, 2009). In den angrenzenden Gebieten verringert sich der Anteil der ausländischen Bewohner ein wenig und schwächt nach außen hin ab. Es ist zu beobachten, dass im Ostteil der Stadt nur wenige Zuwanderer leben und wenn dann ist es oft dem Vorhandensein von Wohnheimen geschuldet. Das resultiert besonders aus Angst vor Fremdenhass und Rassismus. So hatte Berlin Mitte 1997 den höchsten Ausländeranteil unter den östlichen Bezirken mit einem Prozentsatz von 12,4%.( Häußermann und Kapphan, 2002, S.208/212)

Verschiedene Konzentrationen der ethnischen Gruppen auf bestimmte Stadtteile entstanden dadurch, dass Zuwanderer zu bestimmten Zeiten nur Zugriff zu einem bestimmten Wohnungsmarktsegment hatten, welches sich, genau wie die Zuwanderergruppen, über die Jahre veränderte. Während der 1960er und 1970er Jahre fanden sie zum Beispiel hauptsächlich Wohnungen in Altbausiedlungen, in den 1990er Jahren dann eher in den Sozialwohnungen. (Häußermann und Kapphan, 2002, S.213)

So wohnen türkische Staatsbürger besonders in Gebieten mit ohnehin schon großem Ausländeranteil, also in Kreuzberg, Neukölln und Wedding, aber auch in Tiergarten und Schöneberg. Das sind also vorrangig die West-Berliner Altbausiedlungen, die in den 60er und 70er Jahren von den Gastarbeitern bewohnt wurden. (Häußermann und Kapphan, 2002, S.213)

Die polnische Bevölkerung verteilt sich über das gesamte Stadtgebiet mit Ausnahme der Rhinstraße in Lichtenberg wo eine höhere Konzentration zu finden ist. Ganz anders sieht es bei den ehemals sowjetischen Zuwanderern aus, denn dort ist die Segregation bedeutend höher. Sie siedelten sich besonders in zentralen Bereichen der Innenstadt, in Charlottenburg und in Wilmersdorf an. In all diesen Gebieten finden sich Siedlungen mit Sozialwohnungen. (Häußermann und Kapphan, 2002, S.213-215)

3. Soziale Segregation – Für und Wieder

„Ausgrenzung stellt einen Prozess dar, in dem Individuen oder Haushalte sich von den durchschnittlichen gesellschaftlichen Standards der Lebensführung entfernen bzw. entfernt werden.“ (Häußermann, 2000, S.13)

Die Ausgrenzung von Bevölkerungsgruppen misst „sich an den Normen und materiellen Möglichkeiten einer Gesellschaft, die allen Bürgern ein Mindestmaß an gleichen Lebenschancen verspricht, dieses Versprechen aber immer weniger einlösen kann.“ (Häußermann et al, 2004, S.22) Unterscheiden kann man dabei die ökonomische Ausgrenzung, die den Verlust des Zugangs zum Arbeitsmarkt einhergehend mit dem Verlust des Einkommens, des sozialen Ansehens und der sozialen Kontaktmöglichkeiten beschreibt. Des Weiteren gibt es die institutionelle Ausgrenzung, die die Abhängigkeit vom Staat beschreibt; die soziale Ausgrenzung, die gekennzeichnet ist durch den Abbau des Umgangs mit dem Rest der Bevölkerung und durch ein Leben in isolierter Umgebung; und die kulturelle Ausgrenzung, die für die Diskriminierung ethnischer Besonderheiten steht. (Häußermann et al, 2004, S.24)

Zu den Folgen der Ausgrenzung gehören Resignation, Apathie und Rückzug. Es ist zu beobachten, dass Quartiere entstehen mit Personen, die ähnlich diskriminiert und benachteiligt sind, was den ganzen Prozess der Ausgrenzung wiederum intensiviert. Geschuldet ist diese Quartiersbildung unter anderem der steigenden Wahlmöglichkeiten der Wohnstandorte für sozial stärkere Bevölkerungsteile. So ziehen sich kaufkräftigere Haushalte zurück und die Bevölkerung sortiert sich nach Einkommen und damit einhergehend auch nach Nationalität. (Häußermann, 2000, S.14) In fast allen Großstädten kennt man diesen Prozess und kämpft gegen die Entstehung so genannter sozialer Brennpunkte an beziehungsweise versucht die Probleme dieser Quartiere mit allen Mitteln zu lösen. So auch in Berlin.

Die räumliche Abgrenzung ethnischer Kolonien kann durchaus positive Eigenschaften besitzen. Beispielsweise wenn sie als Eingewöhnungs- und Übergangsorte fungieren, die eine Integration in die Gesellschaft erleichtern. Das heißt also sie können als Schutzraum angesehen werden, in dem sich die Zuwanderer langsam mit ihrer neuen Heimat auseinandersetzen und stückweise integrieren können. (Häußermann, 2000, S.18)

Ist die Kolonie allerdings schon soweit von der restlichen Bevölkerung ausgegrenzt, dass es fast keine Übergänge mehr gibt, verschwinden die positiven Merkmale. Welche Funktionen die Kolonie haben kann, ist abhängig davon ob ihre Bewohner freiwillig oder gezwungen dort leben, also davon ob die Menschen, die sich integrieren wollen, das überhaupt können. Leben die Zuwanderer also eher unfreiwillig in ihrem ethnischen Quartier resultiert daraus das Problem der gezwungenen Isolation. (Häußermann et al, 2004, S.27)

Für gemischte Wohnquartiere spricht die Förderung von Toleranz, durch das Auffassen anderer Lebens- und Verhaltensweisen, das Verhindern eines negativen Images des Quartiers und die Sicherung einer politischen Interessenvertretung. Im Gegensatz dazu zählen zu den Vorteilen getrennter Quartiere ein geringerer Druck sich an die deutsche Gesellschaft anzupassen, weniger Konfliktpotential und die Stabilisierung der eigenen Identität. (Siebel, 1997)

Siebel (1997) geht sogar soweit, dass er die Segregation der Zuwanderer als notwendigen Schritt zu einer funktionierenden Integration darstellt. Denn nur dann sei die ökonomische, soziale und psychische Stabilität gesichert, die eine notwendige Voraussetzung für gelingende Integration ist.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Gemeinschaft der ethnischen Kolonien den Zuwanderern Schutz und Sicherheit gibt, sowie die Identität und das Selbstwertgefühl des Einzelnen schützt. Die Zuwanderer können sich somit langsam an ihre neue Umgebung gewöhnen. Weiterhin garantiert sie eine optimale Interessenvertretung. Allerdings kann diese Gemeinschaft auch den Integrationsprozess verlangsamen und den Kontakt zu Bevölkerungsmitgliedern außerhalb der eigenen ethnischen Kolonie erschweren, was besonders für die Arbeitsplatzsuche hinderlich ist.

In den West-Berliner Altbausiedlungen ist neben der hohen Ausländerkonzentration auch ein hoher Arbeitslosenanteil und ein niedriges Einkommen aufzufinden. Dies betrifft aber nicht nur die Zuwanderer sondern genauso die deutschen Staatsbürger. Folglich ist also in den Ausländerquartieren auch eine hohe Armutskonzentration vorzufinden. Für die deutschen Einwohner dieser Gebiete wird der Zuzug von Zuwanderern als soziale Abwertung des Quartiers wahrgenommen. Sie haben Angst um ihren eigenen Status und entladen diese in Ausländerfeindlichkeit. (Häußermann und Kapphan, 2002, S.216)

Die schlechten sozialen und ökonomischen Aussichten können für viele Zuwanderer somit auch in Resignation und Rückzug in die Sicherheit ihrer ethnischen Gruppe enden. Das Leben spielt sich dann nur noch innerhalb des Wohnquartiers ab. Verfestigen sich diese Prozesse, wird die Isolation mehr und mehr voran getrieben und die ethnischen Quartiere verlieren ihre unterstützende Funktion zum Integrationsprozess. (Häußermann und Kapphan, 2002, S.217)

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Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Gibt es eine „neue städtische Unterklasse“? Ausländerquartiere in Berlin
Note
2,0
Jahr
2010
Seiten
15
Katalognummer
V284884
ISBN (eBook)
9783656848721
ISBN (Buch)
9783656848738
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gibt, unterklasse, ausländerquartiere, berlin
Arbeit zitieren
Anonym, 2010, Gibt es eine „neue städtische Unterklasse“? Ausländerquartiere in Berlin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284884

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