Gedanken zum Nach- und Weiterdenken. Philosophische Essays eines Autodidakten


Essay, 2014
70 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

Philosophie - Die Kunst des Denkens

Gedanken zu Bildung und Ausbildung

Über Abtreibung

Der Mensch und sein Körper

Erster Text über Wahrheit:

Nihilismus, Erkenntnisoptimismus und Ignoranz

Zweiter Text über Wahrheit:

Zum Diskurs über Wahrheit und Wissen

Auseinandersetzung mit dem Existenzialismus Basierend auf Sartres „Zum Existenzialismus – Eine Klarstellung“

Umgangssprachlicher Idealismus

Quellen und weiterführende Medien
Philosophie – Die Kunst des Denkens
Gedanken zu Bildung und Ausbildung
Über Abtreibung
Der Mensch und sein Körper
Erster und zweiter Text über Wahrheit
Auseinandersetzung mit dem Existenzialismus
Umgangssprachlicher Idealismus

Einführung

Dieses Buch ist sowohl Aufforderung als auch Herausforderung. Wie der Titel bereits verrät, handelt es sich hierbei um keinen zusammenhängenden Text, der ein be-stimmtes Thema mit all seinen Facetten bis zur Gänze durchleuchten, ausleuchten und beleuchten soll, sondern um mehrere Essays mit verschiedenen, zunächst vollkommen unabhängigen Themen. Eines haben jedoch alle Texte gemeinsam: Sie beinhalten Philosophie.

Beim Begriff der Philosophie wird es sofort kompliziert, insbesondere wenn es darum geht, was Philosophie ist und für wen Philosophie ist. In meiner Empfindung gibt es auf diese Fragen zwei Antworten, die sich erstaunlich diametral verhalten. Es gibt auf der einen Seite unter den gewöhnlichen Erwerbstätigen, Schülern oder Rentnern viele derjenigen, welche die Übersetzung des Wortes philosophia aus dem Griechischen ausserordentlich ernst nehmen; Diese lautet sinngemäss „Liebe zur Weisheit“. Bei diesen „Weisheitsliebenden“ wird die Philosophie häufig äusserst offen ausgelegt; Das ganze Leben ist Philosophie, jeder Gedanke ist Philosophie oder einer klaren Lebens-einstellung folgen und diese mit den kunstvollsten rhetorischen Mitteln rechtfertigen, das ist Philosophie. Dieses Verständnis von Philosophie führt anschliessend zu riesigen Weltbildkonstruktionen, die jeglicher fundierten Grundlage entbehren. Manche sprechen von unsichtbaren Kräften und übernatürlichen Gestalten und erlegen sich übermenschliche Verhaltensregeln auf, andere fantasieren von teuflischen Welt-verschwörungen, von den Mächtigen und Reichen, die sich heimlich wider das einfache Volk richten, um allesamt zu geistlosen, unterwürfigen Zombies zu konditio-nieren oder gar die ganze Welt zu zerstören. Geistseher und Verschwörungstheoretiker begreifen sich oft selbst als diejenigen, welche die Weisheit schon besitzen und lieben sie deswegen auch. Dies sind zweifelsfrei die radikalsten Beispiele und ich kann versprechen, dass es in diesem Buch keinerlei solcher Auswüchse geben wird. Ohnehin dürften die meisten Weisheitsliebenden grundsätzlich gemässigter daher-kommen. Sie sind an ehrlicher Philosophie interessiert, haben eventuell riesige Erwar-tungen und finden keinen geeigneten Zugang, können weder Methode noch Struktur im philosophischen Wirrwarr verorten, weil ihnen auch die elementarste begriffliche Stütze fehlt. Mit diesen Gemässigten möchte ich in diesem Buch sympathisieren. Es soll konkretes Beispiel und Ermutigung für sie sein und soll allgemein beweisen, dass seriöse Philosophie auch von Laien betrieben werden kann.

Es gibt allerdings noch eine weitere Auffassung darüber, was Philosophie ist. Ein be-deutender Teil der Personen, die das Wort Philosophie im Mund führen, erkennen Philosophie als strenge Wissenschaft, deren Instrument das systematische, stringente Denken ist. Ich tituliere diese von Staat und Öffentlichkeit offiziell als Philosophen anerkannten Personen hier verständnishalber als Akademiker. Der Begriff der Weisheit wird in diesen Kreisen vornehmlich vermieden. Eine gehörige Anzahl dieser Akademiker analysieren die Werke alter Philosophen, artikulieren sich in einer Sprache, die für den Ottonormalverbraucher wie ein ausserirdischer Dialekt anmutet und wirken teilweise wie eine geschlossene Elite, die zufrieden und manchmal ein bisschen hochnäsig in ihrem Elfenbeinturm sitzt. Sie diskutieren darüber, ob es so etwas wie die „Rotheit an sich“ oder das „Rotsein an sich“ tatsächlich in der Welt gebe oder ob dies lediglich Begriffe sind, um alle roten Eigenschaften zusammenzufassen. Sie wirken nur selten realitätsnahe und einige Aussenstehende stellen die Sinnhaf-tigkeit ihrer Tätigkeit infrage. Auch solch eine Art der Philosophie werde ich im vor-liegenden Buch nicht betreiben. Doch auch den Gemässigten dieser Warte soll etwas geboten werden. Als Autodidakt fehlt mir schlicht die Ausbildung, um dem Ideal der Akademiker zu entsprechen. Die stets pingelig korrekte Anwendung des fachlichen Vokabulars, die detailreichen Einsichten in die Gedanken aller philosophischen Klassiker und umfassende Kenntnisse über den allerneusten Stand der akademischen Forschung kann ich nicht bieten. Ausserdem empfinde ich die zunehmende Distanzie-rung der akademischen Philosophie von den Themen und der Sprache, welche auch die Busfahrerin oder den Sekretär anzusprechen vermag, als töricht. Sie begeben sich damit freiwillig ins Abseits und berauben sich damit sukzessiv ihrer gesellschaftlichen und kulturellen Bedeutung.

Für die Erdichtung von irgendwelchen monströsen Weltbildern liebe ich die Suche nach Wahrheit zu sehr, was den ständigen Gebrauch des Kritischen Rationalismus miteinschliesst, das ist flüchtig erklärt die aufrichtige Suche nach Selbstwiderlegung.

Was ist denn nun zu erwarten? Und wieso ist das Buch Aufforderung und Herausfor-derung?

In den nachfolgenden Texten möchte ich das Experiment des Mittelweges wagen. Einerseits soll den wahrhaft interessierten Laien ein unmittelbarer Einstieg in die Philosophie ohne langweilige und langwierige Theorie angeboten werden, andererseits soll den studierten Philosophen in der Methode des kritischen und bedächtigen Vorgehens entsprochen werden, ohne deshalb riesige Luftschlösser zu konstruieren oder übertriebene Wortakrobatik zu betreiben.

Die Konzeption dieses Werks sieht also folgendermassen aus: Die Essays sind nach anwachsender Komplexität der Thematik und zunehmender Akkuratesse der Unter-suchung geordnet. Dies soll dazu dienen den Einstieg für voraussetzungslose Neulinge zu erleichtern. Wichtige Begriffe der Philosophie, die für das Verständnis der behan-delten Thematik unbedingt von Bedeutung sind, werden grösstenteils direkt im Text erläutert bzw. „ausgedeutscht“. Dennoch wird es kein Zuckerschlecken für Personen sein, die sich nicht gewöhnt sind, solche Texte zu lesen. Für sie liegt die Heraus-forderung primär darin sich ohne theoretische Vorbildung ein System zu erarbeiten, wie diese ganzen Informationen zu ordnen sind, um den Überblick nicht zu verlieren. Es ist allerdings auch eine Aufforderung, besonders Begriffe, die nicht auf Anhieb verstanden werden und womöglich wiederholt auftreten, selbstständig zu recherchieren. Es werden zudem einige Namen von berühmten Philosophen erwähnt werden, die es ebenfalls wert sind, nachgeschlagen zu werden.

Für diejenigen, welche sich im Bereich der akademischen Philosophie auskennen, wird das Lesen dieser Essays keine erheblichen Mühen bereiten. Die Herausforderung für sie und die Anforderung an sie wird vor allem sein, sich auf die teilweise unkonven-tionellen Gedankengänge und Formulierungen einzulassen, trotz ihrer Kenntnis meines autodidaktischen Status. Es genügt dementsprechend eine einladende Aufge-schlossenheit gegenüber der Arbeit eines Dilettanten, um möglicherweise eine wertvolle Quelle der Inspiration in diesen Niederschriften zu entdecken. Es sei zudem vorsichtig darauf hingewiesen, dass Philosophen der ersten Stunde kein Philosophie-studium kannten und auch andere Grössen wie Jean-Jacques Rousseau, Johann Wolfang von Goethe oder Friedrich Nietzsche niemals einen universitären Philoso-phentitel machten – Nicht dass ich mir anmassen wollte, mein Tun mit deren Meister-werken zu vergleichen.

Letztlich soll dieses Buch sowohl für den Amateur als auch für den Akademiker lediglich eine Inspiration sein. Die Gedankengänge sollen überprüft, auseinander-genommen, korrigiert, zitiert, weitergezogen werden. Da es sich stets um relativ kurze Denkschriften handelt, liegt es mir fern, einen Anspruch auf Vollkommenheit zu reklamieren. Wie es der Titel des Buches offenbart, lade ich alle Leser dazu ein, die dargebotenen Ideen, Theorien und Definitionen zu hinterfragen, sie nachzudenken, über sie nachzudenken und sie bei Interesse sogar weiterzudenken. Auf jeden Fall muss mitgedacht werden. Zum Ende des Anfangs möchte ich vor allem für die Laien noch auf das ausführliche Quellenverzeichnis hinweisen, das einige äusserst ansprechende Empfehlungen beinhalten könnte.

Ich danke an dieser Stelle allen Teilnehmern des „Salon des Grisons“ für die fabelhaften und anregenden Diskussionen, insbesondere Claudio Brot für sein geflissentliches Lesen aller meiner philosophischen Erzeugnisse und seine konstruktive und aufrichtige Kritik. Ausserdem danke ich allen, die mein eher unkonventionelles Hobby ernst nahmen und mich in meinem Vorhaben begleiteten und bestärkten.

Philosophie - Die Kunst des Denkens

Eine Rede in Allegorien

Die Definition des Kunstbegriffs ist generell schwierig zu fassen und in aktueller Zeit ist es schwieriger denn je. Doch stets, und daran gibt es kaum Zweifel, war Kunst et­was Wertvolles in der Menschheitsgeschichte. Sie faszinierte, sie weckte Gefühle sie inspirierte und animierte die Menschen zu neuen Handlungen. Immer offenbarte sich Kunst in verschiedenen Formen: bildnerisch, musikalisch, plastisch, lyrisch, tänze­risch, theatralisch, architektonisch und – dies möchte ich behaupten – auch philoso­phisch.

Kunst ist etwas, das nicht selbstverständlich ist. Nicht jeder macht Kunst, wenn er malt, nicht jede macht Kunst, wenn sie singt und genauso macht nicht jeder Kunst, wenn er denkt.

Hinter jedem Kunstwerk steckt ein Gedanke oder ein Gefühl, vielleicht sogar ein kompletter Gedanken- und Gefühlskomplex.

Kunst scheint zudem nur wenigen zugänglich. Viele verstehen Kunst nicht, können oder wollen ihren Wert nicht anerkennen. Dies gilt ebenso für die Philosophie. Alle­samt, sowohl die traditionellen Künste (Malerei, Musik, Theater, Tanz usw.) als auch die Philosophie, haben sich im Lauf der Menschheitsgeschichte und vor allem seit der Moderne stark verändert. Dennoch gibt es markante Unterschiede zwischen den tradi­tionellen Künsten und der Philosophie.

Malerei füllt riesige Museen, Musik zieht tausende Menschen in gigantische Stadien, Tanz und Schauspiel bekommen ihre Resonanz in Opern und Theatern, gute Literatur fin­det Leser auf der ganzen Welt. Philosophie hingegen nicht; Sie ist in Kleinstadtbü­chereien allzu oft untervertreten, wenn man sich zu Gemüte führt, wie viele philoso­phische Bücher es eigentlich gäbe, und wandert dementsprechend nur selten über die Ladentheke. Spätestens seit Immanuel Kant und den folgenden Idealisten steht die Philosophie in einer vollkommen neuen Tradition. Sie gilt seither als weitgehend un­verständlich, abstrakt, phantastisch oder sogar als abgehoben und weltfremd. Und ge­nauso wenig, wie sie heutzutage rezipiert wird, wird sie auch als Kunstform wahrge­nommen.

Ihr fehlt, so könnte man vorhalten, ein sehr wichtiges Moment, welches den anderen Kunstformen immanent ist. Es ist das Moment der Ästhetik. Doch ist dies tat­sächlich der Fall?

Die traditionellen Künste funktionieren grösstenteils direkt: So intuitiv, so körperlich wie der Künstler seinen Gedanken oder sein Gefühl erlebt, genauso intuitiv versucht er es in die Sprache seines Mediums zu übersetzen. Schönheit oder Hässlichkeit dieses Erlebens, exakt wie es erlebt wird, in anderer Form und für andere wahrnehmbar zu machen, darin liegt die ganze Kraft der Kunst. Denn dank unserer biologischen Grundausstattung sind uns Gefühle wie Schmerz, Freude, Sehnsucht, Liebe, Hass, Mitleid, Missgunst, Erhabenheit und Unterlegenheit wohlbekannt, doch alle erleben wir sie anders, eingebettet in unseren eigenen Kontext des Lebens. Wir alle kennen diese Gefühle. Sie verbinden uns, genauso wie die Ideen von Freiheit, Gerechtigkeit, Unsterblichkeit, Güte und Bosheit. Und es ist die Kunst, die eine einzigartige Verbin­dung schafft zwischen dem Erleben des Künstlers und dem Erleben des Rezipienten.

Solche Brücken zu bauen, vermag nicht jeder und eben darin liegt auch die umgangs­sprachliche Bedeutung des Kunstbegriffes. Im Alltag wird häufig einer Tätigkeit zuge­sprochen, Kunst zu sein, die nur wenige Menschen zu leisten im Stande wären. Und genau an diesem Punkt wird auch die Philosophie zur Kunst, denn auch sie baut Brü­cken, wo andere scheitern.

Obwohl der Mensch, ebenso wie er ständig fühlt, auch ständig denkt, handelt es sich dabei nicht automatisch um Kunst. Das Denken begleitet uns, wie das Fühlen und At­men.

Gleich einem Fluss fühlt und denkt „es“ in uns kontinuierlich und dynamisch, ohne dass wir wahrhaft Notiz davon nehmen müssen. Erst wenn sich der Lauf des Flusses plötzlich erweitert oder verengt, die Strömung also sanfter oder turbulenter wird, ergibt sich eine Spannung zwischen dem Normalzustand des unwillkürlich fliessenden Fühlens und Denkens und diesem veränderten Fliesszustand. Diese Spannung fällt uns auf, lässt uns diesen Fluss als Zeichen unsere Lebendigkeit bewusst werden. Je nach­dem wie der Fluss sich in dem Moment verhält, in dem wir geflissentlich in uns hin­einhor­chen und ihn wahrnehmen, geben wir dem Strömungsverhalten einen Namen. Dies ist der Geburtsaugenblick eines bewussten Gefühls oder eines bewussten Gedan­kens. Es ist, als würden wir in den Fluss hineingreifen und eine Handvoll des Wassers entnehmen und indem wir es entnehmen, kristallisiert sich der Gedanke oder das Ge­fühl in unse­ren Händen heraus.

Bis hierhin ist die Kunst noch nicht von Belang. Dies ist ein versinnbildlichter Vor­gang, welcher der menschlichen Seinsweise eigen ist. Es bieten sich anhand dieser Allegorie zwei Möglichkeiten an, um daraus Kunst zu machen. Die eine habe ich be­reits erwähnt: Es ist die Möglichkeit das auskristallisierte Gefühl oder den auskristalli­sierten Gedanken direkt in eine neue Form zu übersetzen, um es materiell manifestiert zu untersuchen oder auch anderen mitzuteilen. Vielleicht werden die Kristalle neben­einandergelegt und ihre gegenseitige Beeinflussung beschrieben, die vom Künstler erlebt wird. Vielleicht werden auch nur Facetten, Eigenschaften und Farbtöne der Kristalle in die sinnlich-wahrnehmbare Welt übersetzt. Ich stelle mir vor, dass diese Technik grosso modo für die traditionellen Künste zutreffend ist.

Die zweite Möglichkeit, die ich primär, aber nicht exklusiv der Philosophie attestieren würde, ist diejenigen, aus den kristallisierten Gedanken und Gefühlen innerlich etwas zu konstruieren. Somit gleicht die Philosophie der Kunstform der Architektur, mit dem signifikanten Unterschied, dass der philosophische Architekturvorgang immateriell vonstattengeht. Der schreibende Philosoph bemüht sich das resultierende Konstrukt an­schliessend in Worten mitzuteilen, um einerseits zu präsentieren, welche komplexen Figuren zu bauen möglich sind, andererseits um abzugleichen, ob andere schon ähnli­che, ausgefeiltere, identische oder praktischere Komplexe konstruiert haben.

Dieses Gestalten von Gedankengebäuden ist vom einfachen Fluss des Fühlens und Denkens insofern zu unterscheiden, als dass die philosophische Gestaltung absolut willkürlich und bewusst vor sich geht. Daher auch der Ausspruch: Nicht jedes Denken ist Kunst, ist Philosophie.

Um es ausserhalb unserer Allegorie zu artikulieren:

Es ist vielmehr der Prozess, der Akt, des systematischen, bewussten und reflektieren­den Denkens, der zur Kunst wird. Die akkurate Überprüfung jedes Begriffes, jeder Idee, das Kehren und Wenden aller Aussagen, Behauptungen und Konventionen, das Vergleichen und Ermitteln von Bedeutungen der Gedanken und der Gefühle, kurz des Erlebens, des Lebens an sich.

So ist auch weniger das geschriebene Werk des Philosophen, also die materielle Mani­festation seines Denkens, als Kunst zu bezeichnen, sondern der Inhalt des Werkes, das gedachte Konstrukt.

Die Ästhetik in der Philosophie ist daher nicht in den geschriebenen Worten selbst zu suchen, wie dies in der Lyrik oft der Fall ist, sondern in den komplexen Vernetzungen und Verbindungen der Gedanken, Gefühle, Ideen, Ideale, Werte, Maximen, die hinter die­sen Worten liegen, die Ursprung dieser Worte sind. Somit ist das geschriebene Wort des Philosophen lediglich eine Anleitung, ein Bauplan, welcher vom Rezipienten zum inneren Nachbau des geistigen Konstrukts verwendet werden soll. Erst wenn dies vollbracht ist, wird es ihm möglich, die Ästhetik im Werk des Philosophen zu erbli­cken und zu geniessen. Gleichermassen wie offensichtlich nicht der simple, und für sich betrachtet, äusserst langweilige Strich auf der Leinwand das Bildnis zur Kunst macht, sondern der Gedanke/das Gefühl dahinter. Dasselbe gilt für die Philosophie: Die Kunst liegt nicht in den syntaktisch komplizierten, bis in die Unverständlichkeit in sich verschachtelten Sätze, sondern darin was diese Sätze aussa­gen wollen.

Und zur Verteidigung der zugegebenermassen teilweise äusserst abstrakten Werke der Philosophie: Sind nicht auch die traditionellen Künste seit dem letzten Jahrhundert von Abstraktheit geprägt?

Die um sich greifende Abstraktionsbewegung mag den Nachteil aufweisen, dass die Kunstrezeption insgesamt abnimmt, doch ihr unbestreitbarer Vorteil besteht im Um­stand, dass jene Leute, die sich noch an Kunst heranwagen, viel tiefgreifender darüber sinnie­ren können, sich tiefgreifender damit befassen müssen. Um das kolossale Ge­danken­bauwerk, also Kunstwerk, hinter Immanuel Kants Texten zu erblicken, braucht es da­her dieselben Eigenschaften wie zum Ersinnen der Bedeutung im Werk eines Gerhard Richter oder eines Salvador Dali, nämlich Geduld, Leidenschaft und Faszina­tion. Der entscheidende Unterschied besteht in der wahrgenommenen Reihenfolge von Bedeutung und Ästhetik; In den traditionellen Künsten folgt die Bedeutung auf die ästhetische Empfindung, in der Philosophie liegen die Begriffe, die Bedeutung vor dieser. Man könnte etwas polemisch formulieren: Die traditionellen Künste werfen den reizvolleren Köder nach Rezipienten aus.

Es konnte bis hierhin gezeigt werden, dass sich auch in der Philosophie ein Moment der Ästhetik finden lässt. Eine Ästhetik freilich, die nicht wie im ursprünglichen Sinne des Wortes über die reine Wahrnehmung ersichtlich ist, sondern erst im Geist aufblüht, sich erst im Geist überhaupt sichtbar machen lässt. Weiterhin wurde offenbar, dass sowohl das philosophische als auch das künstlerische Fundament aus Gedanken und Gefühlen besteht und sowohl Philosophie als auch die Kunst versuchen, ebendiese Gedanken und Gefühle in die Welt zu tragen und andersartig erlebbar zu machen.

Trotz dieser vielen Gemeinsamkeiten lassen sich auch Differenzen aufzeigen, die pri­mär in der gesellschaftlichen Handhabung und im Selbstverständnis von Kunst und Philosophie zu suchen sind:

Die Philosophie wurde im Gegensatz zur Kunst bis zur Gänze akademisiert. Die ver­breitete Meinung scheint zu sein, dass Philosoph nur sein könne, wer auch studiert hat. Zwar kann traditionelle Kunst heute ebenfalls an Universitäten gelernt werden, doch ist das Studium nicht notwendige Bedingung dafür, als Künstler anerkannt zu werden.

Philosophie bemühte sich in den letzten Jahren enorm darum, Wissenschaft zu sein und dies legitimierte die Annahme, Philosophie betreiben könne nur der Studierte. Dies mag nicht vollkommen verkehrt sein, denn durch die ca. 2500 Jahre der Philoso­phiegeschichte hat sich ein riesiger Schatz an Erfahrungen angesammelt, der von heuti­gen Philosophen dazu verwendet wird, die zum Einsturz verdammten Konstrukte nicht erneut zu bauen. Das Studium soll also dem angehenden Philosophen helfen, sich die­sem ungeheuren Erfahrungsschatz gewahr zu werden. Greifen wir zum besseren Ver­ständnis dieses Sachverhaltes auf unsere vorherige Allegorie zurück:

Die Philosophen haben im Laufe der Jahre erkannt, welche Gedanken- und Gefühl­steine aufeinanderpassen, welche gemeinsam in bestimmter Form ein haltbares Kon­strukt ergeben. Die Summe aller entdeckten Regeln des geistigen Konstruierens wird Logik genannt. Diese Regeln gelten für die traditionellen Künste nicht unbedingt, da diese einer­seits Gedanken oder Gefühle direkt in ihr Medium übersetzen und anderer­seits auch fehlgeschlagenen Konstrukte übersetzen dürfen, ohne des­wegen ihre Repu­tation einzubüssen.

Es ist also der jahrtausendealte Anspruch der Wissenschaftlichkeit, der der Philosophie das gesell­schaftliche Verständnis als Kunst verwehrt. Allein durch diesen Anspruch wurde sie auch partiell wissenschaftlich, hat Methoden der Naturwissenschaften nicht nur übernommen, sondern auch selbst entworfen.

Die obige Darlegung macht dennoch eindeutig erkennbar, dass Philosophie neben den wissenschaftlichen Elementen auch künstlerische Elemente birgt, ergo irgendwo auf der Grenze zwischen Wissenschaft und Kunst einzuordnen ist. Wenn das künstlerische Moment in der Philosophie nicht geleugnet wird, so spricht nichts dagegen, ebenfalls einzugestehen, dass es dem Laien durchaus möglich ist, zu philosophieren. Tut er dies nämlich mit künstlerischer Ungezwungenheit und ehrlicher Reflektiertheit, wird er seine Verstösse gegen die Regeln der Logik auch ohne Studium einsehen und der Re­zipient wird ihm gegenüber ebenso tolerant sein, wie dem Künstler gegenüber.

Ausserdem kann es sogar wünschenswert sein, dass der Laie philosophiert, da doch der geistige Konstruktionsprozess für sich ein künstlerischer Vorgang darstellt und Kunst, die stets nach den etablierten Regeln produziert wird, nichts Neues hervorzu­brin­gen vermöchte, langweilig würde.

Durch dilettantischen Leichtsinn könnte der Laie neue Regeln und Gesetzmässigkeiten entdecken, die dem studierten Philosophen wegen des akkuraten Verfolgens der etab­lierten Regeln verwehrt bleiben. Man denke dabei an Friedrich Nietzsche, der kein Philosophiestudium absolvierte und dennoch oder womöglich genau deshalb als einer der grössten Philosophen der Geschichte angesehen werden darf. Er rückte das Kunstmoment in der Philosophie wie kein Zweiter ans Tageslicht, um es in seiner vollkommenen Pracht zu präsentieren.

Philosophie verlangt also eine Balance, ein Mittel zwischen Kreativität und De­strukti­vität, zwischen geistigem Liberalismus und Konservatismus, zwischen künstle­risch und wissenschaftlich, zwischen Synthetik und Analytik.

Um diese Überlegungen mit dem Denkspruch eines grossen Philosophen abzuschlies­sen, welcher der Philosophie das intuitive Moment der Kunst trefflich nahelegt, soll nun Platon das letzte Wort haben:

Wartest du auf eine Gelegenheit zum Philosophieren,

so hast du sie schon verpasst.1

Gedanken zu Bildung und Ausbildung

Ein Differenzierungsversuch

Die folgenden Überlegungen zur Unterscheidung von Bildung und Ausbildung wurden inspiriert von einer bekannten Festrede des Philosophen und Schriftstellers Prof. Dr. Peter Bieri, die er im Jahr 2005 an der Pädagogischen Hochschule Bern hielt. Herr Bieri ist den meisten wohl eher unter seinem Pseudonym Pascal Mercier ein Begriff, unter welchem sein Roman „Nachtzug nach Lissabon“ erschien. Ich werde zu Beginn die überschaubare Einleitung seiner Rede mit dem Titel „Wie wäre es, gebildet zu sein?“ heranziehen, um anschliessend anhand seiner Äusserungen meine eigenen Gedanken zum Thema Bildung und Ausbildung einzubringen. Dieser Text wird vor allem in seinem Fokus von demjenigen Peter Bieris divergieren; während Peter Bieris Rede sich besonders der Beschreibung der Bildung widmet, wird im Folgenden wesentlich ein Vergleich von Bildung und Ausbildung im Mittelpunkt stehen.

»Bildung ist etwas, das Menschen mit sich und für sich machen: Man bildet sich. Ausbilden können uns andere, bilden kann sich jeder nur selbst. Das ist nicht Wortklauberei, kein spitzfindiges Geplänkel eines Rabulisten. Sich zu bilden ist tatsächlich etwas ganz anderes als ausgebildet zu werden. Eine Ausbildung durchlaufen wir mit dem Ziel, etwas zu können.

Wenn wir uns dagegen bilden, arbeiten wir daran, etwas zu werden – wir streben danach, auf eine bestimmte Art und Weise in der Welt zu sein. « 2

Die Differenzierung von Ausbildung und Bildung ist zweifelsfrei ein schwieriges Un­terfangen, das wird jeder feststellen, der dies einmal ernsthaft beabsichtigt. Trotzdem trifft Bieri mit diesen wenigen Sätzen den Nagel einige Male auf den Kopf. Ob der Nagel damit vollends und an der richtigen Stelle eingeschlagen ist, wage ich dennoch zu be­zweifeln.

Meine Skepsis trifft vor allem seine Unterscheidung der Zieldefinitionen von Ausbil­dung und Bildung, nämlich dass Ausbildung lediglich anstrebe, eine gewisse Fertigkeit zu erlangen („etwas zu können“), Bildung hingegen sein eigenes Sein, seine eigene Befindlichkeit zu modifizieren und zu entwickeln („etwas zu werden“ oder „auf eine bestimmte Art und Weise in der Welt zu sein“).

Wird „wer wir sind“ nicht ebenso massgeblich davon bestimmt, was wir können? Oder um es in aristotelischer Manier auszudrücken: Macht die Fähigkeit Schuhe herzustellen den, der diese Fähigkeit besitzt, nicht automatisch (auch) zum Schuhmacher?

Nach meiner Meinung liegt der signifikante Unterschied zwischen Ausbildung und Bildung weniger im erhofften Resultat als in Weg und Tempo bis zur Erreichung des festgelegten Ziels. Im Speziellen liegt er darin, wer die Entscheidungsgewalt über Weg und Tempo innehat.

Die These von Peter Bieri, dass man ausgebildet wird, sich aber nur selbst bilden kann, würde ich daher sofort unterschreiben, weil sie, kombiniert mit meinem Verständnis, impliziert, dass bei der Ausbildung Route und Geschwindigkeit fremdbestimmt sind; vom Ausbildenden festgelegt und dem Auszubildenden aufoktroyiert werden.

Im Prozess der Bildung sind die einzelnen Durchführungen der Teilschritte auf eine intrinsische Motivation zurückzuführen und die Etappen-, also Teilziele, können nach eigenem Ermessen gesteckt werden. Im Prozess der Ausbildung ist im besten Fall der Eintritt in die Ausbildung auf eine intrinsische Motivation zurückzuführen, danach werden die Etappen und die Maximalzeiten zur Absolvierung derselben extern bestimmt. Die Motivation wird zur Notwendigkeit, um das nötige Tempo halten zu können. Ausbildung beinhaltet daher auch immer die Unter­ordnung, das „Sich-führen-Lassen“ durch eine Autorität, die den allgemein besten Weg für alle Geführten zu kennen beansprucht.

Mithilfe dieser Überlegungen offenbart sich ein weiterer Aspekt der Ausbildung, nämlich ihre eigentliche Unabhängigkeit vom auszubildenden In­dividuum. Dieses kann nämlich ohne grössere Umstände ersetzt werden. Fällt jedoch der Instrukteur oder die tragende Institution der Ausbildung, fällt auch die Ausbildung selbst.

Somit gleicht die Ausbildung metaphorisch dem Angebot einer Bergführung, während die Bildung der Tätigkeit des freien Wanderers ähnlicher ist.

Für den geführten Wanderer und den freien Wanderer kann das Ziel identisch sein, nämlich den Gipfel des Berges zu erreichen, jedoch werden sich ihre Wege, ihre Laufzeiten, die Anzahlen ihres Innehaltens zum Bestaunen der Landschaft, ja ihre gesamten Erfahrungs­werte erheblich unterscheiden. Hinzu kommt die Tatsache, dass der geführte Wanderer ohne den Bergführer zunächst hilflos dastünde, weil er die Fähigkeit richtungweisende Orientierungspunkte selbstständig auszumachen, erst erlernen muss. Wir können also konstatieren, dass die Bildung ein unabhängiger, eindeutig individueller Prozess darstellt, wohingegen die Ausbildung einem theoretisch allen zugänglichen, unpersönlichen Angebot entspricht. Mit dem Begriff des Angebots tasten wir uns vom Sinnbild zur Erfahrungsrealität zurück: Ein Angebot unterliegt zumindest in liberalen Staaten den Regeln des freien Marktes. Wenn die Aus­bildung aber dem Markt unterworfen ist, dann birgt sie in Konkurrenzmoment, muss also stän­dig vermarktet, verbessert und unter allen Umständen verkauft werden (teilweise unabhängig von ihrer Qualität).

Diesen Aspekt der Konkurrenz in Bezug auf die Ausbildung verpackte der Ast­rophysiker und Philosoph Harald Lesch einmal in eine amüsante Metapher. Er verglich die Ausbildung mit einem Hunderennen3, wo sich alle auf vorgegeben Bahnen das Letzte abverlangen. Mein sinnbildliches Korrelat zur Bildung gleicht dementsprechend dem freien Tollen auf der Wiese.

Mit der Erkenntnis, dass Ausbildung den Gesetzmässigkeiten des Marktes gehorcht, während sich zwischen Bildung und Wirtschaft keine unmittelbare Kohärenz finden lässt, können wir nun die mannigfachen Metaphern hinter uns lassen und uns direkt auf die realen gesellschaftlichen Gegebenheiten beziehen.

Die Schule: Sie ist das früheste Ausbildungsangebot auf dem Weg zum Arbeitsmarkt und dient einerseits selbstverständlich zur geistigen Schulung der Schüler, andererseits aber auch zu ihrer Klassifizierung. Mit steigendem Schulniveau steigt der Druck sich zu beweisen, sich in der Klassifizierung höher zu platzieren. Ausbildung weist dem­nach auch ein Prestigemoment auf; Man wird danach beurteilt und bekommt Achtung und Auszeichnung dafür. Frankreich mit seinen Eliteschulen ist dafür ein passables Beispiel: Erreicht, aus gesellschaftlicher Perspektive, hat man dort erst wirklich etwas, wenn man es an die „Grande école“ schafft. Jedoch auch in der Schweiz drängen sich lau­fend mehr Studierende in die Universitäten, weil – so die Vorstellung – gute Ausbil­dung auch guten Ruf, gute Arbeit und gute Bezahlung bedeutet. Die pragmatisch fundierten Motive dominieren offenkundig.

Ausbildung im schulischen Sinne verschafft den Lernenden also eine gesellschaftlich anerkannte Auszeichnung, die ihnen erlaubt, einen vermeintlich adäquaten Preis für ihre Dienste verlangen zu können.

Im Vergleich dazu das Fallbeispiel des Schülers, dem die meisten schulischen Fächer überhaupt nicht liegen, der jedoch in einem speziellen Fach mit seinem Genie glänzt. Innert kürzester Zeit hat er sich selbst, mit seinen eigenen Mitteln und in seinem eigenen Tempo, also qua Bildung, ein enormes Wissen darüber angeeignet. Die Schule wird er deswegen trotzdem nicht bestehen. Seine Auszeichnung oder eben das Fehlen seiner Auszeich­nung macht ihn auf dem Arbeitsmarkt de jure wertlos.

Daraus wird ersichtlich, dass Bildung keinen kompetitiven Wert aufweist und daher, wer diese „praktiziert“, wahrscheinlich lediglich geringe Intentionen verspürt, sich zu messen. Zum Thema Schule und der begleitenden Problematik desselben Angebots für tausende un­terschiedliche Schüler äusserte sich einst der renommierte Neurowissenschaftler Wolf Singer. Seiner Ansicht nach sollte man die Kinder von klein auf beobachten und sie ihren natürlichen Anlagen entsprechend fördern.4

Betrachtet man die Berufsausbildung, wird die ganze Angelegenheit wieder etwas ver­zwickter: Gesetzt, wir haben die schulische Ausbildung dermassen gut abgeschlossen, dass wir in diejenige Berufsausbildung einsteigen können, welche unseren Interessen und unseren Anlagen entspricht, und gesetzt, man besitzt im zarten Alter von 14 oder 15 Jahren bereits die geistige Kompetenz, seine wahren Interessen und Anlagen angemessen zu reflektieren, obwohl man doch seit jüngster Kindheit primär darauf eingestimmt wurde, die Interessen und Anlagen des Lehrers zu studieren und ihnen zu entsprechen. In diesem Fall könnten Bildung und Ausbildung ver­mutlich ausgezeichnet koexistieren. Es ist zwar evident, dass wir trotzdem noch dem Plan des Ausbildners folgen, die Pflichten gegenüber dem Ausbildner erfüllen und die Prüfungen der Ausbildung bestreiten müssen, aber gleichzeitig können wir in dem Be­ruf brillieren, uns enthusiastisch in den Stoff stürzen und für Gesellschaft und uns selbst Bereicherung sein, ohne mit den einzuhaltenden Etappenzeiten ins Hadern zu kommen. Freilich handelt es sich dabei um einen Idealfall.

Häufiger vorkommen dürfte, dass die Bildung in die Freizeit verlegt werden muss, weil der Job uns zwar gefällt, aber nicht vermag, unser existenzielles Interesse zu we­cken. Dies könnte wiederum ein Grund dafür sein, dass man heutzutage Arbeits- und Freizeit so strikt trennt; an und für sich ein junges Phänomen. Mit dem Begriff der Freizeit assoziiert man in der gegenwärtigen Zeit allerdings in erster Linie die Vorstel­lung von Entspannung und „Sich-etwas-Gönnen“, was dazu führen kann, dass man auf die freie, freiwillige Bildung verzichtet.

Was nun klar geworden sein sollte, ist, dass Peter Bieri absolut Recht behält mit seiner Aus­sage, Bildung sei etwas, dass man mit sich und für sich mache. Ausbildung dagegen macht man mit anderen und zu einem gewissen Teil auch für andere. Sie ist sozusagen die messbare Version der Bildung, die benötigt wird, um einen übersichtlichen Ar­beitsmarkt zu schaffen. Denn ein Markt kann nur dort zustande kommen, wo man den Waren einen Wert und vorzugsweise einen Preis zuschreiben kann. In der Konsequenz würde das bedeuten, dass die Ausbildung ein gesellschaftliches Instrument darstellt, um Menschen relativ gesicherte Qualitäten zuzusprechen, die per Auszeichnung beglaubigt werden. Diese Auszeichnung zeigt wiederum an, ob das Individuum für diesen oder jenen Posten genügt. Die Bildung indessen ist zur reinen Privatsache geworden, die man höchstens betreibt, um sich selbst zu genügen.

Zum Schluss bleibt noch eine bemerkenswerte Analogie aufzudecken: Der Umgang und der Wert der Bildung zeigen in der aktuellen Zeit Ähnlichkeiten mit der Religion: Bildung ist heute wie Religion etwas Privates. Man darf sich bilden und man darf religiös sein, aber man darf nicht verlangen, dass man aufgrund seiner Bildung oder seiner Religiosität anders behandelt wird. Beides wurde ins Innere des Menschen verbannt, beides zu etwas Un­messbaren, daher Transzendentem oder gar Inexistentem verrufen. Ihre Interaktion mit der Aussenwelt ist zwar erlaubt, aber wird mit Misstrauen, Skepsis oder blauäugiger Neugier wahrgenommen.

Praktisch betrachtet, dienen Religion und Bildung wohl dazu, dass wir uns selbst bes­ser erfahren und einschätzen, die Ausbildung dagegen hilft anderen uns einzuschätzen. Und um den Kreis mit Peter Bieri zu schliessen: „Sich zu bilden ist tatsächlich et­was ganz anderes als ausgebildet zu werden.“

Über Abtreibung

Eine moralphilosophische Kritik

Die Abtreibung, politisch korrekter Schwangerschaftsabbruch genannt, ist in der Schweiz seit den 70er Jahren, das heisst seit der politischen Emanzipation der Frau, legalisiert und gilt weitestgehend als legitim.

Damit hat sie auch gesellschaftlich ihren schlechten Ruf einigermassen hinter sich ge­lassen, den sie vor allem – so könnte man meinen - der christlichen Kirche verdankte. Es wird heute in den westlichen Ländern anerkannt, dass jeder Mensch über seinen eigenen Körper autonom bestimmen darf. Dieser Grundsatz ist einerseits negativ als Verbot der Leibeigenschaft5 in der Menschenrechtserklärung und andererseits positiv als Selbstbestimmungsrecht festgehalten worden.

Was die Meinung der liberalen, individualistischen Gesellschaft zu die­ser Thematik auszeichnet, ist ganz offensichtlich eine Toleranz, welche dennoch einige Grenzen aufweist. So scheint ein Konsens darüber zu herrschen, dass mehrmaliger Schwanger­schaftsabbruch aufgrund von Unachtsamkeit – polemisch als „verspätete Verhütung“ diffamiert - eine verwerfliche Handlungsweise darstellt. Wenn eine Abtreibung er­folgt, obwohl das Paar auf solider finanzieller Grundlage steht, kann es ebenfalls zu Kopf­schütteln kommen und die grösste Empörung erzeugt wahrscheinlich die erzwungene Abtreibung durch Verwandte, religiöse Gemeinschaften oder den Geschlechtspartner. Unter letzteren Umständen wäre ein Schwangerschaftsabbruch in der Schweiz auch nicht legal, doch ist nur schwierig zu überprüfen, ob tatsächlich solche vorliegen.

Als besonders legitim gelten meist jene Fälle von Schwangerschaftsabbrüchen, bei denen die Erziehung des Kindes problematisch werden könnte; Wenn die Eltern zu jung, zu arm, finanziell bereits ausgelastet sind oder an starken psychischen oder physischen Defi­ziten leiden.

Da in der jetzigen Zeit, in den meisten westlichen Ländern kein Zweifel mehr über die gesellschaftliche und rechtliche Legitimität der Abtreibung besteht, jedoch Sex und alles Dazugehörige nach wie vor mit einem Tabucharakter belastet sind, zusätzlich auch das bewusste Fragen nach Moralität langsam in den Hintergrund gerückt wird, möchte ich dieses Essay dafür nutzen, über die Vereinbarkeit von Moral und Abtrei­bung zu sinnieren. Dies nicht zuletzt weil der Monetarismus, also die moralische Ar­gumentation zentralisiert auf die finanziellen Sachverhalte, immer offensichtlicher zur Konvention wird. Greift dieses Verhalten ungehindert auf die Problematik der Abtrei­bungsfrage über, eben wegen des unangenehmen Beigeschmacks der Sexualthemen, so besteht das Risiko, dass dem Leben ein Geldäquivalent gegenübergestellt wird. Ich hoffe man wird mir zustimmen, wenn ich behaupte, dass dies verheerende Folgen ha­ben könnte und dass zumindest das Leben nicht käuflich beziehungsweis verkäuflich sein darf.

Dieser Text soll letztlich keine kategorische Lösung für die behandelte Problematik bieten, sondern lediglich einige Gedanken dazu zum Ausdruck bringen.

Die Moralität der Abtreibung mit den Werkzeugen aller Moralphilosophien einer stringenten Prüfung zu unterziehen, möchte ich nicht wagen und zudem wäre dies ein Unterfangen, mit welchem man mindestens ein Buch füllen könnte. Dennoch möchte ich die Kernaussagen der bekanntesten Moralitätslehren zunächst eingeengt auf eine egozentrische Perspektive der schwangeren Frau herbeiziehen, um die Vereinbarkeit eines Schwangerschaftsabbruchs in diesen egozentrischen Moralitätsbegriffen zu überprüfen.

Die Quintessenz des Hedonismus beispielsweise ist die Lust oder der Genuss. Sein Grundsatz lautet deshalb folgerichtig: Gut ist, was mir Lust beziehungsweise Genuss verschafft.

Gülte dieser Satz, und darüber soll hier auch überhaupt nicht diskutiert werden, so wäre der Akt der Abtreibung für sich genommen mit Gewissheit ein Übel. Trotz mei­nes Geschlechts bin ich näm­lich der festen Überzeugung, nachvollziehen zu können, dass ein Schwangerschaftsab­bruch bei einem psychisch-gesunden Wesen niemals Lust hervorbringt oder eine Lust auf irgendeine Weise befriedigt. Ob das Leben der be­troffenen Frau anschliessend ohne Kind lust- oder genussvoller ist, wäre möglich, muss aber nicht sein. Tatsache bleibt: der Schwangerschaftsabbruch an sich stellt im egozentrischen Hedonismus eine unmoralische Handlung gegenüber sich selbst dar.

Richtete man sich nach dem Eudämonismus, der wie es der Name bei spärlichen Alt­griechisch-Kenntnissen schon verrät6, die Glückseligkeit als das Gute ansieht, so lau­tete unser Grundsatz also:

Gut ist, was mich glücklich macht. „Glücklich“ selbstverständlich im Sinne der Glück­seligkeit. Auch hier strahlt uns die Unvereinbarkeit von Eudämonismus und Abtrei­bung förmlich ins Gesicht. Dass eine Abtreibung für sich genommen nicht glücklich macht, halte ich für unbestreitbar. Selbst wenn man nach dem Eingriff vielleicht glücklich wäre, dass dieses Ereignis nun der Vergangenheit angehört, kann doch der Vorgang an sich niemals glücklich machen. Die Vorstellung davon käme ja einer ma­kabren Szene einer schwarzen Komödie gleich. Lässt man einmal den Vorgang der Abtreibung ausser Acht und fixiert sich ausschliesslich darauf, ob nicht die Folgen der Abtreibung uns letztlich glücklich machen könnten, so muss man sich eigentlich nur eines fragen: Ist es tatsächlich noch möglich, einen Zustand der Glückseligkeit zu er­reichen, in dem Wissen, dass man einst ein potenzielles Leben frühzeitig seines Poten­zials lebendig zu sein beraubt hat? Ich bin da skeptisch, obwohl es dabei freilich auf sehr individuelle Merkmale ankommt. Es kann selbstverständlich auch darüber disku­tiert werden, ob die Erreichung eines glückseligen Zustandes überhaupt möglich ist. Damit wird die Argumentation vom eudämonistischen Standpunkt aus zunächst ausgehebelt.

Die Pflichtethik, wie Immanuel Kant sie einst darlegte, kann wahrlich auch nicht zur Rechtfertigung der Abtreibung herbeigezogen werden. Sein wohl berühmtester Kate­gorischer Imperativ7, der uns dazu anhält, stets allein nach demjenigen Willen zu han­deln, von dem wir wollen können, dass alle Menschen nach ihm handeln, zeigt uns den Widerspruch.

Können wir die Handlung nach dem Willen zur Abtreibung zum allgemeinen Gesetz erheben? Gesetzt, der Fortbestand des Menschen liegt uns irgendwie am Herzen, ist uns dieser Wille unmöglich.

Auch hier fällt die Abtreibung durch eine erste oberflächliche Prüfung.

Zieht man den Stoizismus herbei, dessen Prinzip zwar nicht so eindeutig feststeht, wie bei den bislang betrachteten Moralphilosophien, kann man ebenfalls stutzig werden. Der Stoizismus rät uns nämlich, die äusseren Gegebenheiten nicht mit Gewalt zu ver­ändern, sondern sich ihnen stattdessen anzupassen. Soll wohl heissen: Wenn du schwanger bist, mach das Beste daraus. Freilich könnte dies den Schwangerschaftsab­bruch beinhalten.

Auf keinen Fall soll bestritten werden, dass diese obigen Analysen mithilfe der traditi­onellen Moralprinzipien unvollständig sind. Für jede dieser Untersuchungen müssten eigene Arbeiten verfasst werden. Jedoch ver­anschaulicht dies fabelhaft, dass Abtrei­bung nicht selbsterklärend legitim ist, es also einem breiteren Dialog bedürfte. Eine in­teressante Erweiterung der Untersuchung wäre möglich, indem die obersten Maximen der genannten Ethiken nicht allein auf die abtreibende Person bezogen würden. Wenn sie also vom egozentrischen Standpunkt gelöst und ebenfalls das Moment der Aussen­stehenden oder des heranwachsenden Kindes berücksichtigt würde. Letzteres ge­schieht wahrscheinlich ziemlich häufig.

[...]


1 Ich bin mir nicht sicher, ob diese Sentenz tatsächlich aus einem platonischen Dialog stammt. Ich bin im Internet darauf gestossen ohne weitere Quellenangabe. Den Link habe ich im [Quellenverzeichnis] angegeben.

2 Siehe „Wie wäre es, gebildet zu sein“ eine Festrede von Prof. Dr. Peter Bieri an der Pädagogischen Hochschule Bern im Jahr 2005. [Quellenverzeichnis]

3 Siehe die Sendung „Lesch&Co – Bildung und Ausbildung“ [Quellenverzeichnis]

4 Siehe „Wolf Singer, Ein neues Menschenbild? – Gespräche über Hirnforschung“ [Quellenverzeichnis]

5 Ein Abtreibungsverbot käme, so die Argumentation, einem Geburtszwang gleich, würde den Körper in diesem Belangen also einer äusserlichen Gewalt unterstellen und daher das Kriterium der Leibeigenschaft erfüllen. [Link zur Menschenrechtserklärung im Quellenverzeichnis]

6 Ευδαιμονια, in lateinischen Buchstaben Eudaimonia, bedeutet auf Deutsch sinngemäss so viel wie Glückseligkeit oder erfolgreiches Leben – Aristoteles, Nikomachische Ethik [Quellenverzeichnis]

7 Kants wohl berühmteste Formulierung des Kategorischen Imperativs in der Universalformel stammt aus seiner Kritik der praktischen Vernunft und lautet: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ [Quellenverzeichnis]

Ende der Leseprobe aus 70 Seiten

Details

Titel
Gedanken zum Nach- und Weiterdenken. Philosophische Essays eines Autodidakten
Autor
Jahr
2014
Seiten
70
Katalognummer
V284890
ISBN (eBook)
9783656848875
ISBN (Buch)
9783656848882
Dateigröße
1274 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Essay, Philosophie, Autodidakt, Idealismus, Abtreibung
Arbeit zitieren
Samuel Tscharner (Autor), 2014, Gedanken zum Nach- und Weiterdenken. Philosophische Essays eines Autodidakten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/284890

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