Kindheit in William Wordsworth's "Lucy Gray or Solitude"


Hausarbeit, 2014

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Die englische Romantik

Das Phänomen des Kindes in der englischen Romantik

Analyse des Gedichts „Lucy Gray or Solitude“

Fazit

Literaturverzeichnis

Die englische Romantik

Die Epoche der Romantik ist geprägt durch politischen und literarischen Individualismus. Die Dichter der Romantik suchen „im eigenen Selbst, seiner Imagination und seinem Gefühl, die Quelle von Ordnung und Glück“[1]. Dabei ist die poetische Individualität für diese bedeutend und diese hat ihren Ursprung in einer individuellen menschlichen Seele: „Der Sinn der natürlichen Existenz ist es deshalb, der eigenen Individualität, der eigenen Seele zu folgen.“[2] Verwirklicht wird sie in einem „meditativen, harmonischen, nicht von den Zwängen der Handlungswelt und ihren Rationalitätserwartungen geprägten Verhältnis zur Natur in einer Situation der Einsamkeit.“[3] Hierbei rückt der Dichter selbst in den Mittelpunkt seiner Lyrik und wird zur „Quelle der Wahrheit“[4]. Alle Erkenntnisse, die der Poet über seine eigene Person oder andere bezieht kommen nicht auf dem Weg der Vernunft, sondern auf dem Weg des Gefühls, der Herzens zu Stande.[5] Ein bedeutender Vertreter der englischen Romantik ist William Wordsworth. Während seine frühen Werke eher im Zeichen der topographischen Dichtung des 18. Jahrhunderts stehen, wendet er sich erst später der Dichtung über den einfachen Mann zu. Er passt sowohl die Sprache als auch die Thematik seiner Werke den einfachen Menschen an.[6] In den Jahren 1797 und 1807 entstehen seine bedeutendsten poetischen Werke, zu denen auch die Lyrical Ballads zählen, welche er gemeinsam mit seinem Freund Samuel Coleridge veröffentlicht. Diese Art der Dichtung handelt von der Natur, sowohl im Sinne von Landschaft als auch der Natur der Menschen, die eine Prägung durch eine natürliche Umgebung erfahren haben.[7] Als Grundlage seines Schaffens setzt er „den lebendigen Bezug des Dichters zu seiner Vergangenheit voraus. Die Trennung von der Lebensquelle der Kindheit und Jugend bedeutet die Erstarrung des inneren Lebens des Dichters, den Tod im Leben.“[8] Da für Wordsworth die Zeit der Kindheit elementar war, soll nachfolgend das Gedicht Lucy Gray or Solitude aus den Lyrical Ballads analysiert werden. Dazu wird zunächst der Begriff der Kindheit beziehungsweise die Bedeutung des Kindes in der Romantik allgemein und bei Wordsworth im Speziellen dargestellt. Anschließend folgt eine Analyse des Gedichts. In einem abschließenden Fazit werden die Ergebnisse rekapituliert und zusammengefasst.

Das Phänomen des Kindes in der englischen Romantik

For scholar interested in the cultural and literary history of the Romantic period, the figure of the “Romantic Child” has often been seen as central to the delineation of what has been called the “Romantic self,” that private, interior and natural version of subjectivity, identity and individual growth considered the ideological invention of the major Romantic writers.[9]

Das Kind als Objekt erlebt im Zeitalter der Romantik ein großes Maß an Interesse. Grund der Beschäftigung mit diesem Thema, war die Frage, was es eigentlich bedeutet, ein Kind zu sein.[10] Als literarisches Symbol wird die Bedeutung des Kindes als die eines „naturhaften und unverbildeten Elementarzustandes des menschlichen Geschlechts, [...] Symbol der Unschuld [...]. “[11] beschrieben. Damit bietet es die ideale Projektionsfläche für „eine Ambivalenz gegenüber der sich strukturierenden bürgerlichen Gesellschaft.“[12] Vor dieser intensiven Beschäftigung wurden Kinder eher als Miniaturausgaben von Erwachsenen betrachtet, die keine großen Unterschiede erkennen lassen.[13] Aber plötzlich wurde das Kind zum Gegenstand vielfacher Untersuchung und:

The new continent of childhood – as a domestic colony, a remembered internal real, an accessible otherness – opens up creative space for a number of writers, notably Romantic conservatives like Wordsworth, De Quincey, and Lamb.[14]

Die Andersartigkeit von Kindern bewog manche gar Schriftsteller gar dazu, sie als eigene Spezies anzusehen.[15] Die Kindheit wurde in dieser Zeit als eine eigene Welt „or at least a treasure island apart“[16] angesehen:

Childhood, in fact, operates both as an adult imaginary kingdom and as an adult research institute. As imaginary kingdom, it is almost always figured as a lost garden paradise presided over by a child-redeemer or child-idol.[17]

Die Schriftsteller waren in der Lage, eine Diskussion aus verschiedensten Teilen über die Kindheit zusammenzustellen, in deren Verlauf „The Child“ als „normative human being and also the fetishized ‘sublime object’ that deploys multiple cultural fantasies” dargestellt wurde.[18] Der romantische Diskurs hat das Kind als ein zeitloses Wesen der essentiellen Kindheit inszeniert.[19]

This essential timeless figure is principally produced by two initiatives: the identification of childhood with Nature – both as Law and as the green world – and the attribution to children of an autonomous, unitary consciousness.[20]

Bei der Identifikation mit der Natur verkörpert das Kind „the evolutionary being of our species“ und in einem Zeitalter, das von lebendigen, biologischen Ideen dominiert wird, werden Kinder häufig als „the indigenes of nature“ bezeichnet.[21] Sie sind die ursprüngliche Modelle der idealen Natur, eine unbefangene und unabhängige Abbildungen der natürlichen Schönheit und unbezähmbaren „engines of vital power“.[22] Ebenso wichtig ist der mentale Aspekt der Kindheit. Nach Schopenhauer ist jedes Kind zu einem bestimmten Grad ein Genie und jedes Genie zu einem bestimmten Grad ein Kind. [23] Auch Kant war dieser Ansicht: „Every child can be seen in important ways already as a creative genius, a solitary idealist fashioning a visionary world of its own.“[24]

Mit dieser Beschreibung gehört das Kind eher in den Bereich der Natur und wird erst mit seiner Entwicklung Teil der Gesellschaft:

The equation of childhood with the ancient and abiding realm of nature universalizes and essentializes the child as a figure of nature rather than culture who is therefore the guardian of human nature.[25]

Die Romantik sieht das Kind als ein Wesen das dem tiefsten natürlichem Gesetz gehorcht und dem eine unbegrenzte mentale Kapazität zur Verfügung steht. Es versöhnt den Erwachsenen mit der Natur, bildet ein Bindeglied, das es dem Menschen ermöglicht, durch die Liebe zur Natur die Liebe zum Menschen zu finden. Aus diesem Grund vermittelt die Romantik den Ansatz „to submit to the childhood’s law rather than to break the child’s will.“[26]

Als einer der wichtigsten Figuren im Zusammenhang mit dem Phänomen des „Romantic Child“ gilt William Wordsworth: „This is simply to make the obvious point that Wordsworth remains the touchstone and origin figure in discussion of Romantic Childhood.“[27] Es war Wordsworth, der sagte: „The Child is father of the man“ und darauf verwies, dass alles, was im reifsten Erwachsenen gesehen wird und im Erwachsenenalter Früchte trägt, seinen Ursprung im frühsten Kindesalter hat, und dass der Keim für alles, was der Mensch später vollbringt, in der Kindheit liegt.[28] Wordsworths große Liebe zur Natur entwickelte sich in seiner eigenen Kindheit, als er in den „lake districts“ zu Hause war. Laut Wordsworth befindet sich der Mensch in seiner Kindheit in einer Zeit der Freiheit, sowohl der körperlichen als auch der geistigen. Aber diese Freiheit wird bedroht durch den Druck der normalen Entwicklung zum Erwachsenen und der Reife, die man aus Erfahrungen erlangt.[29] Die Natur fungiert als „tabula rasa“ im jungen Verstand und arbeitet über die Sinne des Kindes und seinen unbeschränkten Geist.[30] Für das Interagieren mit der Natur herrschet bei Wordsworth die Notwendigkeit der Einsamkeit vor: „As in so many of Wordsworth’s „nature“ poems, solitude is an essential element in communion with the spirit of nature.”[31] Diese ist wichtig, um überhaupt mit der Natur in Kontakt zu treten.

Aber selbst Wordsworth war sich nicht sicher, wie genau dies vonstatten geht: „The exact process of interaction remains a mysterious, evasive one even for Wordsworth himself, but he is firmly convinced of its results, which are both moral and creative.“[32] Somit ist die Kindheit die entscheidende Phase im Leben jedes Menschen weisungsgebend und in allen Belangen beeinflusst von der Natur:

We have seen that for Wordsworth childhood is a virally important period in life because the child’s mind is particularly sensitive tot he highly formative influences of nature or, as the critic Nicola Trott has described it, „an immaculate openness to natural influence”.[33]

Das Kind nach Wordsworth ist sowohl schön als auch nützlich, „an agent of adult pedagogy and self-improvement“[34]. Aber da die Kindheit durch den Lauf der Zeit unweigerlich endet, führt diese zeitliche Begrenzung auch zum Dilemma Wordsworths:

[...] childhood is literally a beautiful period of innocence and intimacy with the spirit of nature, ist significance for adults is, resignedly, only a metaphorical one. In other words, we discover too late the great power and moral joy of childhood, and it exists as a constant reminder of our unwelcome fall from thos condition.[35]

Dieser Zustand bewog ihn dazu, viele Werke über die Kindheit im Zusammenspiel mit der Natur, Kultur und dem Erwachsenwerden zu schreiben. Eines dieser Gedichte ist Lucy Gray or Solitude, mit dem sich diese Arbeit befasst. In der nachfolgenden Analyse soll das Verhältnis des Mädchens Lucy zur Natur, zum Älterwerden und der Gesellschaft als Vertretung ihrer Eltern dargestellt werden.

Analyse des Gedichts „Lucy Gray or Solitude“

Das Gedicht Lucy Gray or Solitude wurde 1799 verfasst und in dem Gedichtband Lyrical Ballads von William Wordsworth und Samuel Taylor Coleridge 1800 veröffentlicht. Bestehend aus 16 Strophen mit je vier Versen ist das Gedicht in Balladenform verfasst und lässt sich in drei Abschnitte aufteilen. Im ersten Abschnitt erzählt das lyrische Ich im Präsens von dem Mädchen Lucy einem „solitary child“ (LG V.4)[36], das niemals mehr gesehen wird. In den Versen vier bis 14 erhält Lucy einen Auftrag von ihrem Vater: Sie soll ihrer Mutter mit einer Lampe entgegengehen, um sie sicher durch einen aufziehenden Schneesturm zu geleiten. Im weiteren Verlauf wird Lucys erfolglose Suche nach ihrer Mutter und ihr spurloses Verschwinden thematisiert. Dieser Teil des Gedichts ist in der Vergangenheitsform verfasst. Im letzten Abschnitt, den Strophen 15 und 16, erfolgt ein erneuter Wechsel der Zeitform zurück in die Gegenwart. In diesem letzten Teil werden Vermutungen über ihr Schicksal angestellt, aber eine endgültige Auflösung des Rätsels erfolgt nicht. In der nachfolgenden Analyse soll dargestellt werden, wie das Element der „Childhood“ in Lucy Gray dargestellt wird.

[...]


[1] Hans Ulrich Seeber, Englische Literaturgeschichte, 5th ed. (Stuttgart: J.B. Metzler, 2012) 243.

[2] Seeber 243.

[3] Seeber 243.

[4] Seeber 243.

[5] Seeber 243.

[6] Seeber 252.

[7] Seeber 252.

[8] Seeber 255.

[9] Ann Wierda Rowland, Romanticism and Childhood: The Infantilization of British Literary Culture (New York: Cambridge Univerity Press, 2012) 25.

[10] Stephanie Metz,“Romanticism and the Child: Inventing Innocence“, 23.September 2014, <http://web.utk.edu/~gerard/romanticpolitics/childhood.html>.

[11] Günter Butzer, Joachim Jacob, Metzler Lexikon literarischer Symbole, 2nd ed. (Stuttgart/Weimar: J.B. Metzler,2012) 214.

[12] Marion Schmaus, “’Meike Sophia Bader: Die romantische Idee des Kindes und der Kindheit.Auf der

Suche nach der verlorenen Unschuld,” 24.September 2014, <http://edoc.hu

berlin.de/hostings/athenaeum/documents/athenaeum/1997-7/schmaus-marion

259/PDF/schmaus.pdf>.

[13] Vgl. Metz.

[14] Judith A Plotz., Romanticism and the Vocation of Childhood, (New York: Palgrave, 2001) 2.

[15] Plotz 2.

[16] Plotz 3.

[17] Plotz 3.

[18] Plotz 5.

[19] Plotz 5.

[20] Plotz 5.

[21] Plotz 6.

[22] Plotz 6.

[23] Plotz 6.

[24] Plotz 6.

[25] Plotz 6.

[26] Plotz 7.

[27] Plotz 45.

[28] Vgl. Plotz 2.

[29] John Blades, Wordsworth and Coleridge: Lyrical Ballads (Houndmills, Basingstoke [u.a.]: Palgrave Macmillan, 2004) 41.

[30] Blades 41.

[31] Blades 40.

[32] Blades 41.

[33] Blades 40.

[34] Plotz 46.

[35] Blades 41.

[36] William Wordsworth, "Lucy Gray.” Lyrical Ballads, and Other Poems, 1797-1800. Eds. James Butler and Karen Green (Ithaca: Cornelll UP, 1992) 170 ff., V. 4. Nachfolgend werden Zitate dieses Gedichts anhand der Sigle LG und den entsprechenden Versnummern kenntlich gemacht.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Kindheit in William Wordsworth's "Lucy Gray or Solitude"
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
15
Katalognummer
V285587
ISBN (eBook)
9783656855415
ISBN (Buch)
9783656855422
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kindheit, william, wordsworth, lucy, gray, solitude
Arbeit zitieren
Lena Prinzing (Autor), 2014, Kindheit in William Wordsworth's "Lucy Gray or Solitude", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/285587

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