Der in den letzten Jahren zu verzeichnende Anstieg an globalen Migrationsströmen hat erhebliche Auswirkungen auf die weltweite Kirche. Gemeinden afrikanischer, lateinamerikanischer und asiatischer Christen findet man heutzutage in fast jeder größeren europäischen Stadt. Im Gegenzug gibt es aber auch deutsch-, niederländisch- oder schwedischsprachige Auslandsgemeinden in vielen Teilen der Welt. Im Jahr 2008 wurde zum Beispiel eine deutschsprachige evangelische Gemeinde in den Vereinigten Arabischen Emiraten gegründet. Neben diesen klassischen Migrationsgemeinden gibt es sogenannte Minderheitengemeinden. Ihre Mitglieder sind überwiegend Angehörige nationaler ethnischer Minderheiten. Was bewegt Christen solche Migrations- und Minderheitengemeinden (Diasporagemeinden) zu gründen oder ihnen beizutreten? Was sind die Herausforderungen für solche Gemeinden? Welche Chancen haben sie? Wie sind solche Gemeindeformen aus biblisch-historischer Sicht zu beurteilen? Um diese Fragen soll es in diesem Band aus der Reihe NETS Theological Research Papers gehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Gründe für die Mitgliedschaft in Diasporagemeinden
2.1 Sprachliche Gründe
2.2 Kulturelle Gründe
2.3 Gesellschaftliche Gründe
2.4 Theologische Gründe
2.5 Missiologische Gründe
3. Herausforderungen für Diasporagemeinden
3.1 Missiologische Herausforderungen
3.2 Gesellschaftliche Herausforderungen
3.3 Geografische Herausforderungen
3.4 Rekrutierung von Mitarbeitern als Herausforderung
4. Diasporagemeinden aus biblisch-historischer Sicht
5. Lösungsansätze
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Beweggründe von Christen für die Gründung von oder den Beitritt zu Migrations- und Minderheitengemeinden (Diasporagemeinden) sowie die damit verbundenen Herausforderungen und Chancen. Dabei wird analysiert, wie diese spezifischen Gemeindeformen aus einer biblisch-historischen Perspektive zu bewerten sind und welche Lösungsmodelle für die praktischen Hürden bestehen.
- Multidimensionale Beweggründe für die Mitgliedschaft in Diasporagemeinden
- Analyse missiologischer, gesellschaftlicher und geografischer Herausforderungen
- Biblisch-historische Einordnung des Gemeindeverständnisses
- Evaluation verschiedener Organisations- und Sprachmodelle im Gemeindeleben
- Reflexion über das Verhältnis von kultureller Identität und kirchlicher Mission
Auszug aus dem Buch
Diasporagemeinden aus biblisch-historischer Sicht
Während die Mitglieder von Diasporagemeinden in der Regel den gleichen sprachlichen und/oder kulturellen Hintergrund haben, ist das Bild, das der Evangelist Lukas in der Apostelgeschichte von den ersten christlichen Gemeinden und der Missionsarbeit des Apostel Paulus zeichnet ein ganz anderes. Nach Lukas waren die ersten christlichen Gemeinden multikulturelle Gemeinschaften. Dies trifft sowohl auf die Urgemeinde in Jerusalem als auch auf die Gemeinde in Antiochia und die paulinischen Gemeindegründungen zu.
Jerusalem, im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt, war ohne Zweifel eine mehrsprachige und multi-kulturelle Stadt. Die Haupverkehrssprachen waren Aramäisch und Griechisch. Es wird geschätzt, dass zwischen zehn und zwanzig Prozent der Bevölkerung im Alltag Griechisch und der Rest Aramäisch und Hebräisch sprachen. Hinzu kam Latein, das von den Angehörigen der römischen Besatzungsmacht gesprochen wurde. Der griechische Einfluss in Jerusalem war groß. In der Stadt gab es griechische Schulen, Sportstätten und sogar eine Pferderennbahn. Der Großteil der jüdischen Bevölkerung Jerusalems waren Migranten aus anderen Gegenden des römischen Reiches.
Als die erste christliche Gemeinde zu Pfingsten Gestalt annahm bestand sie fast ausnahmslos aus Gläubigen jüdischer Abstammung. So schreibt Lukas im zweiten Kapitel: ‘Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel’ (2,5). Abgesehen von einigen ‘Judengenossen’ (2,11) erwähnt er keine Heiden, die vom Heiligen Geist erfüllt wurden und anfingen in anderen Sprachen zu predigen (2,4). Obwohl Lukas also keinen Zweifel daran lässt, dass es sich bei der Jerusalemer Urgemeinde um eine ‘christlich-jüdische’ Gemeinde handelte, stellt er sie nicht als eine homogene Gemeinschaft dar.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den Anstieg globaler Migrationsströme und deren Auswirkungen auf die weltweite Kirche, wobei zwischen klassischen Migrationskirchen und Minderheitengemeinden unterschieden wird.
2. Gründe für die Mitgliedschaft in Diasporagemeinden: Das Kapitel kategorisiert die vielschichtigen Motive für den Anschluss an Diasporagemeinden in sprachliche, kulturelle, gesellschaftliche, theologische und missiologische Beweggründe.
3. Herausforderungen für Diasporagemeinden: Hier werden die spezifischen Hürden wie der Verlust des missionarischen Blicks, Integrationsfragen bei Migranten auf der Durchreise, das Problem der zweiten Generation und geografische Distanzen erörtert.
4. Diasporagemeinden aus biblisch-historischer Sicht: Dieses Kapitel prüft anhand der Apostelgeschichte, ob das Modell der Diasporagemeinde mit dem neutestamentlichen Bild multikultureller christlicher Gemeinschaften korrespondiert.
5. Lösungsansätze: Der Autor stellt vier verschiedene Modelle vor, wie deutschsprachige Diasporagemeinden mit den Herausforderungen umgehen, von strikter Beibehaltung der Muttersprache bis hin zur Öffnung für die Nationalsprache.
Schlüsselwörter
Diasporagemeinden, Migration, Minderheitengemeinden, Gemeindegründung, Evangelisation, Interkulturalität, Muttersprache, Homogenitätsprinzip, Gemeindearbeit, multikulturelle Kirche, Integration, Auslandsgemeinden, Missionswissenschaft, Gemeindebau, Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Publikation grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den vielfältigen Phänomenen von Migrations- und Minderheitengemeinden, die als Diasporagemeinden bezeichnet werden, und analysiert deren Funktion sowie Problemlage im globalen Kontext.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf den Gründen für die Entstehung solcher Gemeinden, den missiologischen und sozialen Herausforderungen sowie der biblisch-historischen Einordnung ihrer Strukturen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Beweggründe für die Existenz dieser Gemeinden zu verstehen, die bestehenden Herausforderungen (wie Rekrutierung oder Assimilation) zu identifizieren und Lösungsmodelle für eine nachhaltige Gemeindearbeit aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Die Arbeit stützt sich auf eine missiologische und praktisch-theologische Analyse, die durch biblische Exegese (insbesondere der Apostelgeschichte) und empirische Fallbeispiele untermauert wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Motiven (sprachlich, kulturell etc.), die kritische Reflexion von Herausforderungen (geografisch, personell) und eine Typologie praktischer Lösungsansätze.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die zentralen Charakteristika sind Diaspora, Migration, kulturelle Identität, missionarischer Auftrag, Homogenitätsprinzip und die Integration in die weltweite Kirche.
Wie bewertet der Autor das „Homogenitätsprinzip“?
Er beschreibt es als ein wichtiges, aber zugleich sehr umstrittenes Element, da es zwar kurzfristig das Wachstum fördern kann, aber der biblischen Vision von einer multikulturellen Kirche potenziell entgegensteht.
Welche Bedeutung kommt der „zweiten Generation“ in Migrationsgemeinden zu?
Dies wird als eine der größten Herausforderungen identifiziert, da die Gefahr besteht, dass diese Generation aufgrund kultureller Assimilation den Bezug zur Migrationsgemeinde verliert.
Warum spielt die Geografie bei diesen Gemeinden eine besondere Rolle?
Durch die oft extreme geografische Ausdehnung der Gemeindebezirke entstehen hohe Anforderungen an die Mobilität, finanzielle Belastungen und Erschwernisse bei der Pflege einer intensiven christlichen Gemeinschaft.
Was ist das Ergebnis der biblisch-historischen Betrachtung?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass das neutestamentliche Modell bei Lukas eher multikulturell geprägt war, was eine kritische Reflexion der heute oft homogenen Struktur von Diasporagemeinden nahelegt.
- Citation du texte
- Dr. Thorsten Prill (Auteur), 2014, Evangelische Diasporagemeinden und die Weltweite Kirche, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/285613