Beim Studium einer Sprache werden die einzelnen Gebiete meist streng von einander getrennt. Die Linguisten grenzen sich häufig stark von den Literaturwissenschaftlern ab, und die Philosophie wird davon meist völlig separat abgehandelt. Deswegen ist es besonders interessant, einmal ein Thema wie das Übersetzen, das man sowohl der Literatur- als auch der Sprachwissenschaft zuschreiben könnte, aus philosophischer Sicht zu betrachten. Ortega, den man wahrlich als hervorragenden Literaten bezeichnen kann, setzt sich in seinem Buch Miseria y esplendor de la traducción intensiv damit auseinander, wie problematisch das Übersetzen sei, welche Möglichkeiten aber auch darin verborgen liegen. Zunächst werde ich mich mit Ortegas Auffassung, das Übersetzen sei ein utopisches Unterfangen, beschäftigen, bevor ich dazu übersetzungstheoretische Überlegungen in Betracht ziehen werde. Im Anschluss wird seine These, alles, was der Mensch tut, sei utopisch, auf den Prüfstand gelegt werden, bevor es zur Erläuterung seiner Überlegungen über das Sprechen einer Sprache allgemein und dann basierend auf linguistische Ansätze kommen wird. Nach all diesen eher theoretischen Abhandlungen soll es dann abschließend noch um Ortegas Auffassung, was für Vorzüge das Übersetzen habe, gehen.
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
I. La miseria – das Elend – der Übersetzung
I.1. Grundproblematik: Übersetzen ist ein utopisches Unterfangen
I.2. Übersetzungstheoretische Überlegungen hinsichtlich Ortegas Standpunkt
II. Los dos utopismos – Die zwei Utopismen
II.1. Der Mensch erreicht nie, was er sich vornimmt, doch das muss nicht negativ sein
II.2. Der Mensch kann doch erreichen, was er will, und kann sich auch über andere Dinge freuen
III. Sobre el hablar – Über das Sprechen
III.1. Sobre el hablar y el callar: Über das Sprechen und das Schweigen
III.2. No hablamos en serio
III.3. Linguistische Überlegungen zur Utopiehaftigkeit der Sprache
IV. El esplendor – der Glanz – der Übersetzung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das philosophische Werk "Miseria y esplendor de la traducción" von José Ortega y Gasset, um die These des Autors zu prüfen, dass das Übersetzen ein utopisches Unterfangen darstellt. Dabei wird analysiert, inwiefern menschliches Handeln und insbesondere das sprachliche Ausdrucksvermögen grundsätzlich mit Unzulänglichkeiten verbunden sind und ob eine perfekte Übersetzung möglich ist.
- Die philosophische Einordnung des Utopiebegriffs bei Ortega y Gasset.
- Die Analyse des Sprechens und Schweigens als notwendige Selektionsprozesse.
- Linguistische Betrachtung semantischer Lücken und kulturspezifischer Nuancen.
- Diskussion über das Spannungsfeld zwischen Idealismus und Realität im Streben nach Perfektion.
- Die Rechtfertigung des Übersetzens als notwendiges, wenn auch unvollkommenes Medium.
Auszug aus dem Buch
I.1. Grundproblematik: Übersetzen ist ein utopisches Unterfangen
Der Ausgangspunkt der Überlegungen zur Übersetzung ist die Behauptung einiger Wissenschaftler, dass gewisse (deutsche) Denker übersetzbar seien, andere hingegen nicht. Dem zu Grunde liegt die Annahme, es gebe Philosophen oder ganz allgemein Schriftsteller, die man übersetzen könne. Ortega hingegen sieht dies anders. Er vertritt die Auffassung, dass alles, was der Mensch unternimmt, utopisch sei. Er vertrete diese These aber nicht, da er sich als Moralapostel aufspielen wolle, sondern da er überzeugt sei, aufzeigen zu müssen, dass der Mensch stets zum Scheitern verurteilt sei und nichts dafür könne. Für Ortega bedeutet also utopisch sein, ein Ziel zu verfolgen, das nicht erreicht werden kann. Dabei verwendet er diesen Begriff eher so, wie es in der Volkssprache üblich ist, als gemäß der strengeren Definition der Philosophie: So wird allgemein utopisch als ,, unerfüllbar, unwirklich; wirklichkeitsfremd“ (Ahlheim: 1966, 741)1 verstanden.
Ortega begründet seine Auffassung dadurch, dass jedes Tier von Natur aus eine bestimmte Ausstattung habe. Im Gegensatz zu allen anderen Tieren sei der Mensch melancholisch, da er sich Ziele stecke, die er nicht erreichen könne, er verfolge also ,,Wahnideen“ (Ortega: 1956, 113), sei ,,maniático“ (S.10). Und dies sei bei allen Dingen der Fall, weswegen er auch beim Übersetzen nie vollkommene Perfektion erreichen könne. Schriftsteller hielten nämlich nicht immer die Normen ihrer Sprache ein, sondern handelten oft zuwider der geltenden Grammatik und Konventionen. Übersetzer hingegen würden dies oft nicht wagen und anstatt gewisse Nuancen beizubehalten, würden sie lieber auf die sichere Seite gehen und die Regeln kleinlichst beachten.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema ein, das Übersetzen aus einer philosophischen Perspektive zu betrachten und Ortegas Buch "Miseria y esplendor de la traducción" als Grundlage für die Untersuchung zu nutzen.
I. La miseria – das Elend – der Übersetzung: Dieses Kapitel erläutert Ortegas These des utopischen Unterfangens des Übersetzens sowie die theoretischen Herausforderungen, die sich durch unterschiedliche Stile und Kulturen ergeben.
II. Los dos utopismos – Die zwei Utopismen: Hier wird zwischen einem negativen Utopismus und einem erstrebenswerten Streben nach Zielen unterschieden, wobei die Autorin Ortegas Ansichten zur menschlichen Leistung kritisch hinterfragt.
III. Sobre el hablar – Über das Sprechen: Das Kapitel untersucht das Sprechen als utopische Handlung, bei der das Schweigen und die Unfähigkeit, alles auszudrücken, als essenzielle Bestandteile der Sprache identifiziert werden.
IV. El esplendor – der Glanz – der Übersetzung: Das abschließende Kapitel rechtfertigt die Bedeutung des Übersetzens als notwendiges Hilfsmittel, das trotz seiner Unvollkommenheit eine neue Welt eröffnet und eine eigene wissenschaftliche Disziplin verdient.
Schlüsselwörter
Ortega y Gasset, Übersetzungstheorie, Utopismus, Sprachphilosophie, Semantik, Pragmatik, Sprachlicher Stil, Kultur, Lexikalische Lücken, Bedeutungswandel, Übersetzungsprozess, Menschliches Handeln, Sprachliche Normen, Diskurs.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert philosophische und linguistische Aspekte des Übersetzens anhand des Werks von José Ortega y Gasset, um dessen These vom "utopischen Unterfangen" zu prüfen.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum der Arbeit?
Zentrale Themen sind die Philosophie des Utopischen, die Grenzen der Sprache, das Verhältnis von Sprechen zu Schweigen und die praktischen Hürden einer perfekten Übersetzung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, Ortegas Behauptung, dass jedes menschliche Bemühen – und insbesondere das Übersetzen – zum Scheitern verurteilt ist, zu untersuchen und auf Basis linguistischer Ansätze kritisch zu bewerten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Analyse von Fachliteratur sowie die Anwendung semantischer und pragmatischer Konzepte, ergänzt durch die kritische Auseinandersetzung mit der Argumentation Ortegas.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Übersetzungs-Utopien, die Analyse des Sprechens als utopisches Handeln (unterstützt durch Semantik und Pragmatik) und die finale Rechtfertigung der Bedeutung des Übersetzens.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Ortegas Utopismus, Übersetzungstheorie, semantische Lücken, Sprachwandel und die Philosophie der Sprache.
Wie bewertet die Autorin Ortegas These zur Unerreichbarkeit von Zielen?
Die Autorin stimmt Ortega teilweise zu, widerspricht ihm jedoch in der Verallgemeinerung, dass alle menschlichen Ziele unerreichbar seien, und führt Beispiele aus Sport und Schule an, in denen Spitzenleistungen durchaus realisierbar sind.
Was kritisiert die Autorin an der deutschen Übersetzung von Kilpper?
Die Autorin bemängelt die Übersetzung der Kollokation "hablar en serio" als "im Ernst sprechen", da diese Wendung im Deutschen unnatürlich wirkt und die beabsichtigte philosophische Tiefe nicht präzise wiedergibt.
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- Christina König (Author), 2004, José Ortega y Gasset: Miseria y esplendor de la traducción, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28636