Die Metaphysik Schopenhauers und die drei Triebfedern des menschlichen Handelns. Egoismus, Bosheit und Mitleid

Die Mitleids-Ethik bei Arthur Schopenhauer


Seminararbeit, 2015

12 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das metaphysische Fundament der Ethik
2.1 Die Metaphysik Schopenhauers
2.2 Die drei Triebfedern: Egoismus, Bosheit und Mitleid
2.3 Ist Mitleid moralisch?

3 Handlung, Charakter und Freiheit

4 Die Aufgabe der Ethik

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Arthur Schopenhauers Beitrag zur philosophischen Ethik lässt sich wohl mit dem Begriff Mitleids-Ethik recht gut umreißen, welche er in den folgenden zwei Werken darlegt[1]: Ersteres in seinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung. Zweiteres in zwei kleinere Preisschriften, nämlich in Über die Freiheit des menschlichen Willes und Über die Grundlage der Moral. Während Schopenhauer in seinem Hauptwerk die Mitleids-Ethik aus seiner Metaphysik folgen lässt, so gelangt er in der Preisschrift Über die Grundlage der Moral über eine Kritik der Kantischen praktischen Philosophie zu derselben. Resultierend daraus, bietet es sich also für diese Arbeit an einem der beiden Wege in der Herleitung der Schopenhauerschen Ethik zu folgen. In bezug genommen wurde hier der Weg des Hauptwerks und das aus gutem Grund, denn Schopenhauer selbst spricht davon, dass seine Philosophie „nicht völlig verstanden werden kann, ohne daß schon das Ganze vorher verstanden sei“ (Schopenhauer 1977: 7f.). Denn ohne zumindest die Grundlage der Willensmetaphysik mit ein zu beziehen, kann die Mitleids-Ethik Schopenhauers wohl nicht vermittelt werden. Die Leitfrage dieser Arbeit wird also sein: Wie entwirft Schopenhauer, ausgehend von seiner Metaphysik, ein ethisches System, das auf dem Mitleid basiert?

Der Aufbau dieser Arbeit lässt sich folgendermaßen darstellen: Zuerst einmal wird eine kurze Darstellung der Schopenhauerschen Metaphysik erfolgen. Darauf aufbauend werden sich die drei Triebfedern des menschlichen Handelns darstellen lassen, nämlich Egoismus, Bosheit und Mitleid. Ihre Zusammenwirkung wird im darauf folgenden Kapitel näher beleuchtet. Zusätzlich wird hier der Ort sein, in der die Freiheit des Willens kurz angesprochen wird. Abschließend wird geklärt, worin Schopenhauer eigentlich die Aufgabe der Ethik sieht und zuletzt werden die wichtigsten Ergebnisse dieser Arbeit noch einmal zusammengefasst dargestellt.

2 Das metaphysische Fundament der Ethik

2.1 Die Metaphysik Schopenhauers

„Die Welt ist meine Vorstellung.“ (Schopenhauer 1977: 29) Ein auf Kant und Berkeley zurückgehende Erkenntnis ist der Ausgangspunkt des Schopenhauerschen Philosophie. Streng genommen unterscheidet er zwischen dem Subjekt der Erkenntnis und den Objekten derselben, wobei allerdings das „Objekt überhaupt nur für das Subjekt daist“ (ebd.: 38), heißt also bloß in dessen Vorstellung. Die Welt, wie sie im phänomenalen Raum wahrgenommen wird, ist zunächst nur die Welt der Objekte. Wie schon für Kant sind für Schopenhauer Zeit und Raum die Bedingungen der Möglichkeit der vorgestellten Objekte. Allerdings lässt Schopenhauer von den 12 Kategorien der Kantischen Transzendentalphilosophie nur die Kausalität gelten (ebd.: 38). Sein metaphysisches System errichtet Schopenhauer aufbauend auf die Erkenntnistheorie. Als „Schlüssel“ dient ihm dazu der Leib. Auf der einen Seite ist er als Vorstellung im phänomenalen Raum wie alle übrigen Objekte gegeben, zugleich jedoch unterscheidet sich die Vorstellung vom Eigenleib fundamental von allem anderen Vorstellungen, insofern, „daß der Leib noch in einer ganz anderen, toto genere verschiedener Art im Bewußtsein vorkommt, die man durch das Wort Wille [Hervorhebung P.H.] bezeichnet“ (ebd.: 147). Ausgehend vom Eigenleib schließt Schopenhauer nunmehr auf das ganze Wesen der Welt. Dabei trifft er einen Analogieschluss, nach dem nicht nur dem Menschen, sondern der ganzen Welt der Wille zugrunde liegt (vgl. Sperling 2002: 66). So heißt es, die Welt ist an sich Wille:

Er ist das Innerste, der Kern jedes Einzelnen und eben so des Ganzen: er erscheint in jeder blindwirkenden Naturkraft: er auch erscheint im überlegten Handeln des Menschen; welcher Beiden große Verschiedenheit doch nur den Grad des Erscheinens, nicht das Wesen des Erscheinenden trifft. (Schopenhauer 1977: 155)

Die Welt ist also zugleich Wille und Vorstellung. Hierbei fällt der Doppelsinn des Begriffs Erscheinung auf, auf welchen in der Rezeptionsgeschichte vielfach hingewiesen wurde. Die Objekte der Welt erscheinen einerseits dem wahrnehmenden Subjekt in Raum und Zeit und zugleich erscheinen die Dinge der Welt als Manifestation des Weltwillens (vgl. Spierling 2002: 65). Diese sogenannte Dualität von Wille und Vorstellung ist zentral für die Begründung der Ethik Schopenhauers.

2.2 Die drei Triebfedern: Egoismus, Bosheit und Mitleid

Wie schon erwähnt liegt die Welt als Vorstellung in Raum und Zeit. Daher eignet ihr das prinzipium individuationis: „so nenne ich Raum und Zeit, in der Hinsicht, daß sie die Vielheit möglich machen“ (Schopenhauer 1977: 308). Spierling betont, dass dieser Begriff Schopenhauers von zentraler Bedeutung für seine Ethik ist und bezeichnet eine „abgrundtiefe Endsubstantialisierung“ (Spierling 1994: 94) alles Individuellen, denn auf den Willen als Substanz der Welt trifft dieses Prinzip eben nicht zu. Da er jenseits von Raum und Zeit ist und es ohne Raum und Zeit keine Vielheit gibt, ist der Wille einzig und ungeteilt. Heißt also, ein einziger Wille liegt der ganzen Welt zugrunde:

Die Vielheit der Dinge im Raum und Zeit, welche sämtlich seine Objektivität sind, trifft daher ihn nicht und er bleibt, ihrer ungeachtet, unteilbar. Nicht ist etwa ein kleinerer Teil von ihm im Stein, ein größerer im Menschen […]. (Schopenhauer 1977: 175)

An sich ist also alles eins; ein und derselbe Weltwille liegt allem zugrunde. Dies ist eine zentrale der Schopenhauerschen Willens-Metaphysik. Ebenfalls kein geringerer Grund ist für das Mitleid verantwortlich. Denn der mitleidige Mensch erkennt, dass an sich alles eines ist: er hat „die ganze dunkle Ahnung, dass ihm jedes Alles jedoch wohl eigentlich so fremd nicht ist“ (ebd.: 441). Dem mitleidenden Menschen geht das Leid des anderen deshalb so nahe, weil er im Anderen denselben Willen erahnt, der in ihm wirkt. In der Welt der Vorstellung durch das, wie schon zuvor angesprochene, principium individuationis getrennt, ist der Mensch an sich mit allen anderen Menschen vereint. Anders formuliert, das Leid des Anderen ist an sich also das eigene Leid. Jener Gedanke ist jedoch nicht ganz unproblematisch, worauf auch Zoltan Daroczi hinweist, so argumentiert er:

Das Leiden ist körperlich bestimmt. Daraus folgt, daß das Leiden eines Individuums niemals das Leiden eines anderen Individuums sein kann, weil beide einen anderen Körper haben. In der Welt der Erscheinung, wo Leiden entsteht, ist keine Identität möglich. Auf der Ebene des Dinges an sich, wo Identität besteht, ist aber kein Leiden möglich.“ (Zoltan 1998: 160)

Wenn sich also der mitleidige Mensch mit dem anderen Menschen identifiziert, dann betrifft dies gar nicht das Leiden des Anderen, da dieser dem Anderen nur als Vorstellung zukommt, er sich aber eben nicht mit dem Anderen als Vorstellung identifizieren kann. Schopenhauer hat leider keine Lösung für dieses Problem parat. Zudem stellt er sich selbst die Frage, ob sich die Erkenntnis der Einigkeit der Welt überhaupt theoretisch mitteilen lässt, gleichwohl es „Erkenntnis ist: die eben weil sie nicht abstrakt ist, sich auch nicht mittteilen läßt, sondern Jedem selbst muß, die daher ihren eigentlichen adäquaten Ausdruck nicht in Worten findet, sondern ganz allein in Thaten, im Handeln, im Lebenslauf des Menschen“ (Schopenhauer 1977: 459). Es ist also „kein ethischer Intellektualismus“ (Rudolf 1988: 90) den Schopenhauer vertritt. Gewisse Ansätze seiner Mitleids-Ethik sieht er indes bereits im Christentum, sowie bei Jean-Jacques Rousseau (vgl. Dagobert 1975), vor allem aber den fernöstlichen und indischen Religionen verwirklicht. Gleichwohl erkennt die Einigkeit der Welt nicht Jeder und auch nicht immer. Zumeist handeln die Menschen so, als bestünde ein gewaltiger Unterschied zwischen Ich und Nicht-Ich, sie verhalten sich egoistisch, bisweilen sogar boshaft (vgl. Schopenhauer 1977: 305ff.). Wie Malter es auch beschreibt, macht jedes Individuum den Anderen „zu einem partikulären Ansichseienden“ (Malter 1988: 89). Das heißt einer im Wesen verschiedenen Entität. Das rührt daher, dass sie gefangen sind im prinzipium individuationis, dass ihr Blick getrübt ist durch den „Schleier der Maja“ (Schopenhauer 1977: 438), wie Schopenhauer es so schön umschreibt. Jeder sieht sich also als Zentrum der Welt, als Subjekt, von dem alle Objekte als Vorstellung abhängen. Nur dadurch, dass die Welt als Vorstellung erscheint, erklärt es sich das jedes in der grenzenlosen Welt grundsätzlich verschwindende und zu Nichts verkleinerte Individuum dennoch sich zum Mittelpunkt der Welt mach, seine eigene Existenz und Wohlseyn, vor allem Anderen berücksichtigt, ja, auf dem natürlichen Standpunkte, alles Andere dieser aufzuopfern bereit ist, bereit ist, die Welt zu vernichten, um nur sein eigenes Selbst, diesen Tropfen im Meer, etwas länger zu erhalten.“ (ebd.: 441)

Zwar gibt es nur einen Willen, doch der objektiviert sich in der Welt. Er zerfällt in die Mannigfaltigkeit der Welt. In dieser Mannigfaltigkeit werden alle Objektivationen des Willens getrieben vom Willen; dem Willen, der nur will und das grundlos und ziellos.

So sehen wir in der Natur überall Streit, Kampf und Wechsel des Sieges, und werden eben darin weiterhin die dem Willen wesentliche Entzweiung mit sich selbst deutlicher erkennen. Jede Stufe der Objektivation des Willens macht der anderen die Materie, den Raum, die Zeit streitig. (ebd.: 197)

Auch beim Menschen zeigt sich dieser Kampf, im schrankenlosen Egoismus nämlich, der die Handlung der allermeisten Menschen bestimmt oder wie Schopenhauer es umschreibt: „Die Haupt- und Grundtriebfeder im Menschen, wie im Thieren, ist der Egoismus, d.h. der Drang zum Dasyen und Wohlseyn“ (ebd.: 235). Schopenhauer erkennt also den Egoismus als die bedeutendste Triebkraft des Lebens an. Daneben existiert nur das Mitleid und als drittes die Bosheit (vgl. ebd.: 294). Der Bosheit ist das fremde Leid Zweck an sich, es ist also die „uneigennützige Freude am fremden Leiden“ (ebd.: 452). Durch seine Taten, indem er ohne eigentlichen Vorteil fremdes Leider verursacht, erhofft sich der boshafte Mensch, Milderung des eigenen Leides. Hiermit ist die größtmögliche Trennung zwischen Ich und Nicht-Ich verwirklicht. Die Bosheit stellt somit die höchste Form der Befangenheit im principium individuationis dar. Dabei gipfelt sie in der Grausamkeit, dem unverzeihlichsten aller Verbrechen, nicht zu verzeihen deshalb, weil „Grausamkeit das gerade Gegenteil des Mitleids ist“ (ebd.: 272).

[...]


[1] Dazu gehören eigentlich auch die Pererga und Paralipomena und darin Aphorismen zur Lebensweisheit zur Ethik Schopenhauers. Da in dieser Arbeit jedoch der Fokus auf die Mitleids-Ethik gerichtet ist, kann darauf nicht näher eingegangen werden.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Die Metaphysik Schopenhauers und die drei Triebfedern des menschlichen Handelns. Egoismus, Bosheit und Mitleid
Untertitel
Die Mitleids-Ethik bei Arthur Schopenhauer
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Veranstaltung
Moralphilosophie in der Neuzeit
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
12
Katalognummer
V287012
ISBN (eBook)
9783656875758
ISBN (Buch)
9783656875765
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mitleidsethik, Schopenhauer
Arbeit zitieren
Pascal Haas (Autor:in), 2015, Die Metaphysik Schopenhauers und die drei Triebfedern des menschlichen Handelns. Egoismus, Bosheit und Mitleid, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/287012

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