Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellungsweisen sowie die effektive Präsenz der Frau in der Kultur- und Literaturgeschichte, wobei insbesondere die Ursachen und Folgen der hierarchischen Geschlechterverhältnisse und der phallogozentrischen Praxis der Literaturwissenschaft analysiert werden sollen.
Nach einer soziohistorischen Einführung über den folgenschweren Paradigmenwechsel in der Geschlechterordnung zu Beginn des 19. Jahrhunderts und die Beschneidung der Frau durch Sigmund Freuds Mythos der kastrierten Frau, wird anhand von zwei Schlüsselautorinnen des Feminismus das Missverhältnis zwischen der Überrepräsentation imaginierter Frauenbilder in den Kulturproduktionen männlicher Autoren und der Absenz und Einflusslosigkeit der realen Frau in der Gesellschaft respektive in der (Literatur)Geschichte herausgearbeitet.
Anschließend werden die Ausgrenzungsmechanismen und Marginalisierungsstrategien der Frau aus der traditionellen Literaturgeschichte durch die Analyse von Literaturgeschichten für den Schul- und Universitätsgebrauch veranschaulicht und einem kritischen Blick unterzogen.
Die Tatsache, dass die Untersuchung unter einer stark feministisch geprägten Perspektive auf die Literaturgeschichte erfolgt, soll keinesfalls die Errungenschaften der Gender Studies übergehen, sondern erscheint mir angesichts des Untersuchungsfeldes marginalisierter Weiblichkeit lediglich als besonders produktiv und aussagekräftig.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Asymmetrische Geschlechterverhältnisse: männliche Macht – weibliche Ohnmacht – Wie kam es dazu?
2.1 Das Zwei-Geschlechter-Modell als Beschneidung der Frau
2.2 Sigmund Freud und der Mythos der kastrierten Frau als „Container“ männlicher Fantasien
3. Die Literaturgeschichte als Spiegel der weiblichen Repression
3.1 Virginia Woolfs Suche nach einer weiblichen Schreibtradition
3.2 Von der Diskrepanz zwischen „Schattenexistenz und Bilderreichtum“
4. Oppressive Repräsentation von Autorinnen in den Literaturgeschichten
4.1 Die Autorin als „Sonderkapitel“ der Literaturgeschichte
4.2 „Le lien masculin“
4.3 Biografismus als Entzug der Autorschaft nach Foucault
4.4 „Unter falschem Namen“
5. Nachwort
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die systemischen Mechanismen der Ausgrenzung und Marginalisierung von Frauen in der traditionellen Literaturgeschichtsschreibung sowie die zugrunde liegenden patriarchalen Machtstrukturen.
- Analyse des Zwei-Geschlechter-Modells als Instrument der Beschneidung weiblicher Autonomie.
- Untersuchung der psychoanalytischen Mythenbildung als Projektionsfläche männlicher Ängste.
- Kritische Betrachtung der Darstellung von Autorinnen in literaturgeschichtlichen Werken für den Schul- und Universitätsgebrauch.
- Identifikation der Mechanismen "Le lien masculin", "Biografismus" und geschlechtsspezifischer Sonderkapitel.
- Diskussion der Bedeutung von Virginia Woolf und Silvia Bovenschen für eine neue, weibliche Literaturgeschichtsschreibung.
Auszug aus dem Buch
2.2 Sigmund Freud und der Mythos der kastrierten Frau als „Container“ männlicher Fantasien
Zu einer ebenso wirkungsmächtigen Beschneidung der Frau kam es im Zuge der Freudschen Psychoanalyse, in welcher die Frau zur Sphinx, zum stummen Rätsel stilisiert wurde, dessen Lösung Freud ausschließlich als „Männergeschäft“ ansieht, eine Auffassung, die wiederum die weibliche Ohnmacht widerspiegelt: Selbst wenn es darum geht, den vermeintlich rätselhaften Charakter der Frau zu definieren, wird diese nicht in den Diskurs einbezogen, vielmehr wird ihr der Mund verboten, um sie weiterhin in ihrem stummen, abgeschotteten, machtlosen Dasein verharren zu lassen.
Es ist gerade diese ungelöste Rätselhaftigkeit, dieses fehlende Wissen über das Wesen der Frau, von welchem Freud seine folgenschwere These der kastrierten Frau ableitet – ein Mythos, der die Frau nicht nur anatomisch (die Klitoris galt als verkümmerter Penis), sondern auch kulturell beschneidet. Durch ihre Penislosigkeit wird sie lediglich als ein defizitäres Mangelwesen angesehen. Freuds Geschlechtermonismus und die damit einhergehende weibliche Unfähigkeit kulturelle Leistungen zu erbringen, rechtfertigt somit den Ausschluss der Frau aus den patriarchalischen Machtstrukturen.
Eine besonders interessante Gegenposition zu Freuds sich selbst verabsolutierenden Mythos der kastrierten Frau stellt Christa Rohde-Dachsers Studie Expedition in den dunklen Kontinent (1991) dar. Rückgreifend auf Simone de Beauvoir und Renate Schlesier, entschleiert sie den besagten Mythos als Abwehrphantasie des männlichen Subjekts. Die Frau dient dem Mann demnach als „Container“, als Projektionsfläche seiner unbewussten Fantasien und Ängste.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung skizziert das Untersuchungsfeld der geschlechtsspezifischen Ausgrenzung in der Literaturgeschichte und stellt die zentrale feministische Perspektive vor.
2. Asymmetrische Geschlechterverhältnisse: männliche Macht – weibliche Ohnmacht – Wie kam es dazu?: Das Kapitel analysiert die soziohistorischen Ursachen der Geschlechterhierarchie sowie die Rolle der Psychoanalyse Freuds bei der Konstruktion weiblicher Minderwertigkeit.
2.1 Das Zwei-Geschlechter-Modell als Beschneidung der Frau: Hier wird die biologische Fundierung der Geschlechtertrennung zu Beginn des 19. Jahrhunderts und deren Ausschlusswirkung für Frauen thematisiert.
2.2 Sigmund Freud und der Mythos der kastrierten Frau als „Container“ männlicher Fantasien: Dieses Kapitel erläutert, wie Freud die Frau zur Projektionsfläche für männliche Ängste machte und sie damit kulturell entmachtete.
3. Die Literaturgeschichte als Spiegel der weiblichen Repression: Dieses Kapitel verknüpft die theoretischen Grundlagen mit der Kritik an der traditionellen Literaturgeschichtsschreibung.
3.1 Virginia Woolfs Suche nach einer weiblichen Schreibtradition: Hier wird Woolfs materialistische Kunsttheorie dargelegt, die die Bedingungen für weibliche Autorschaft hinterfragt.
3.2 Von der Diskrepanz zwischen „Schattenexistenz und Bilderreichtum“: Dieses Kapitel analysiert die Kluft zwischen mythischen Frauenbildern und der tatsächlichen gesellschaftlichen Bedeutungslosigkeit der Frau.
4. Oppressive Repräsentation von Autorinnen in den Literaturgeschichten: Hier werden konkrete Marginalisierungstaktiken in der Lehre und Fachliteratur untersucht.
4.1 Die Autorin als „Sonderkapitel“ der Literaturgeschichte: Dieses Kapitel beschreibt das Phänomen, Autorinnen als Ausnahmeerscheinungen in "Frauenkapiteln" zu gettoisieren.
4.2 „Le lien masculin“: Hier wird die Strategie kritisiert, Autorinnen primär über ihre männlichen Verwandtschaftsverhältnisse zu definieren.
4.3 Biografismus als Entzug der Autorschaft nach Foucault: Dieses Kapitel beleuchtet, wie der Fokus auf die Biografie die literarische Leistung und damit die Autorschaft entwertet.
4.4 „Unter falschem Namen“: Hier wird die ungleiche Benennungspraxis analysiert, die weibliche Autorinnen als Abweichung von der männlichen Norm markiert.
5. Nachwort: Das Nachwort zieht ein Fazit über die Notwendigkeit einer alternativen Literaturgeschichte, die die Errungenschaften von Frauen angemessen würdigt.
Schlüsselwörter
Literaturgeschichte, Feminismus, Gender Studies, Patriarchat, Ausgrenzungsmechanismen, Geschlechterhierarchie, weibliche Autorschaft, Biografismus, Le lien masculin, Kanon, Marginalisierung, psychoanalytische Mythen, Virginia Woolf, Silvia Bovenschen, Frauenliteraturgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Frauen in der traditionellen Literaturgeschichte systematisch ausgegrenzt, marginalisiert oder in ihrer Autorschaft entwertet wurden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, die Konstruktion von Mythen durch die Psychoanalyse sowie die Darstellungspraktiken in Literaturgeschichtsbüchern.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Aufdeckung und Kritik patriarchaler Ausgrenzungsmechanismen in der Literaturwissenschaft und das Aufzeigen der Notwendigkeit einer geschlechtergerechten Rekanonisierung.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine feministisch geprägte Literaturwissenschaft, die theoretische Konzepte (z.B. von Foucault, Woolf, Beauvoir) auf literaturgeschichtliche Fallbeispiele anwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historischen Ursprünge der Geschlechterdifferenz und untersucht spezifische Strategien wie die Gettoisierung durch Sonderkapitel oder die biografische Abwertung von Autorinnen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die zentralen Begriffe sind Literaturgeschichte, Patriarchat, Marginalisierung, weibliche Autorschaft, Gender Studies und kanonkritische Forschung.
Wie wird "Le lien masculin" im Text definiert?
Es bezeichnet das Phänomen, schreibende Frauen in der Literaturgeschichtsschreibung primär über ihre verwandtschaftlichen Beziehungen zu Männern zu definieren, um sie so in eine abhängige Position zu rücken.
Warum stellt laut Autorin das "Sonderkapitel" eine Diskriminierung dar?
Weil Autorinnen dadurch nicht als integraler Teil der Literaturgeschichte behandelt werden, sondern als "Ausnahme" in ein weibliches Ghetto verbannt werden, das sie vom männlich besetzten Kanon abgrenzt.
- Citation du texte
- Barbara Spögler (Auteur), 2013, Anatomie als Schicksal. Die Ausgrenzung der Frau aus der traditionellen Literaturgeschichte, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/287347