Regionalismen aus der Küferei in der Lexikographie des 17. Jahrhunderts

Unter besonderer Berücksichtigung der langues d'oil


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
41 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsangabe:

Abkürzungsverzeichnis:

Zeichenerklärung

1. Einleitung

2. Standardsprache, Regionalismen und Fachlexik im 17. Jh.
2.1 Ausbreitung der französischen Standardsprache
2.2 Regionalismen und Fachsprache im metalinguistischen Diskurs des 17. Jh.
2.2.1. Malherbes Bedeutung
2.2.2. Die Bedeutung Vaugelasʼ und der Académie française

3. Regionalismen, Fachwörter und Fachsprachen in der Linguistik

4. Das Küferhandwerk in Frankreich bis zum 17. Jh.

5. Lexikographie des 17. Jahrhunderts (und Regionalismen)

6. Regionalismen aus der Küferei in der Lexikographie des 17. Jahrhunderts
6.1 Lexeme, die sich auf den Zapfen und den Spund des Fasses beziehen
6.1.1 TAPON
6.1.2 TAPER
6.1.3 DETAPPER
6.1.4 VERTAPER
6.1.5 DEVERTAPER
6.2 Lexeme, die Bestandteile des Fasses bezeichnen
6.2.1 DOUVE, DOUVELLE, DOVELLE, DOUELLE
6.3 Lexeme, die Werkzeuge von Küfern bezeichnen
6.3.1 TREFONT DE TONNELIER
6.3.2 BIRONNE
6.3.3 VILLE (WILLE), VILLETTE
6.3.4 VINBREQUIN, VIREBREQUIN, LIBRICQUIN

7. Schluss

8. Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis:

Zeichenerklärung:

1. Einleitung

In dieser Arbeit sollen französische Regionalismen[1] untersucht werden, die in französischen Wörterbüchern des 17. Jh. Erwähnung finden. Der Hauptschwerpunkt bleibt somit im Rahmen der Lexikographie[2]. Ausgangspunkt war hierbei HEYMANNs (1903) Arbeit Französische Dialektwörter bei Lexikographen des 16. bis 18. Jahrhunderts, von diesem aus wurden die Nachweise in ihren jeweiligen Wörterbüchern aufgesucht, in modernen etymologischen Wörterbüchern, vornehmlich dem FEW und dem DHLF, belegt und in Fachwörterbüchern nachgeprüft. Die Okzitanismen, die sich zu diesem Bedeutungsfeld bei LEIP 1921 finden ließen, wurden anmerkend und vergleichend den hier behandelten Regionalismen gegenübergestellt. Es sei an dieser Stelle an Heymanns Ansatz erinnert von allgemeinen historischen Wörterbüchern auszugehen, wird doch noch nach einem Jahrhundert von CHAMBON (2006, 36) dazu aufgerufen.

Thematisch soll in dieser Arbeit ein Schwerpunkt gelegt werden auf einige Bezeichnungen aus dem Brauerei- und dem Küfereiwesen, die Wörterbüchern aus dem 17. Jh. entnommen sind. Die Herstellung von Fässern, die Tätigkeit des Küfers also, diente natürliche nicht nur der Aufbewahrung des Bieres, sondern auch jener des Weines. In erster Linie soll die sprachliche Weitergabe von Regionalismen im Vordergrund stehen.

Man könnte hierbei auf die Lebendigkeit dieser Regionalismen eingehen, wie es BALDINGER (1957, 69) tat, der sich die Frage stellte, ob diese nun bspw. nur bei einigen Autoren, nur bei den Autoren der Wörterbücher, nur regional, nur bei einigen Gesellschaftsschichten, bei einigen Berufssprachen, oder auch in der alltäglichen Sprache fortlebten.[3]

All diese Zusammenhänge können in vorliegender Arbeit nicht erschlossen werden, der ein oder andere Aspekt, wie die Problematik der Berufssprachen, wird jedoch durchaus angeschnitten. Im Zentrum stehen soll hingegen das Vorkommen der jeweiligen Regionalismen in den verschiedenen Wörterbüchern. Es soll herausgearbeitet werden, ob es sich um authentische Angaben handelt, die für die jeweilige Region charakteristisch sind. Eine Gegenüberstellung mit eventuellen Standardformen in den verschiedenen Wörterbüchern bot sich an, besonders eine Überprüfung in den normativen Wörterbüchern Cor 1694 und DAF 1694. Das Fehlen an Sekundärliteratur zu diesem Ansatz hat die Arbeit natürlich erschwert.[4] Nichtsdestotrotz konnte ich auf einzelne Artikel und Aufsätze bei der jeweiligen Fragestellung zurückgreifen. Zu Beginn wird ein Gesamtbild dargeboten über den Prozess der Sprachnormierung des Fr. während des 17. Jh.. Bei der Darstellung des Sprachausbaus wird zudem die Problematik des von SCHMITT diesbezüglich definierten Substandards angesprochen, genauer die Grundstellung gegenüber Regionalismen und Fachbegriffen. Nach diesem Zugang wird an das Küferhandwerk angeknüpft und danach, bevor die Regionalismen dargestellt werden, die einzelnen Lexikographen und deren Bedeutung für die Thematik kurz skizziert.

2. Standardsprache, Regionalismen und Fachlexik im 17. Jh.

2.1 Ausbreitung der französischen Standardsprache

Bis zum 16. Jh. bildete die Standardsprache lediglich bei einem kleinen Personenkreis (weniger als 1 %) die Grundlage – die Bewohner des Zentrums ausgenommen –, der sich schriftlich auf Französisch auszudrücken vermochte. Die Ausbreitung des Standards gegenüber den Dialekten, richtete sich vor allem gen Osten (Champagne), gen näheren Süden und Süd-Westen (unteres Loire-Tal) (vgl. BERSCHIN [u.a.] 22008/1978, 213f.).[5] Nach VÖLKER (2006, 1184) sorgten das zentrale Verwaltungssystem und der Merkantilismus dafür, dass die Schriftsprache nun auch im Süden beträchtliche Fortschritte machte.

GOSSEN konstatiert, dass im 17. Jh. von den rund 30 Mio. Einwohnern in Frankreich ca. 1 Mio. Einwohner „die Hochsprache in Wort und Schrift beherrschten“ (1957, 437). 1634 veranlasst Richelieu die Gründung der Académie française, die für die französische Sprachnormierung prägend sein sollte (vgl. VÖLKER 2006, 1184b). Bereits aus den Statuten der Akademie ging hervor, dass ein Wörterbuch geplant war, das mit der Normierung somit einhergehen sollte. Die normierte Sprache musste hierbei – wie aus den Richtlinien des Akademiewörterbuchs hervorgeht – als Sprache betrachtet werden, die im Gebrauch der honnestes gens war, v.a. auch der Redner und Dichter. Dies sollte dann auf das große Ziel hinauslaufen, eine Sprache festzulegen, die sich letztlich nach jener des Adels richten sollte, wie aus dem Vorwort zur ersten Auflage hervorgeht, wo es heißt „Ce qui comprend tout ce qui peut servir à la Noblesse et à lʼElegance du discours“ (vgl. POPELAR 1976, 3-6).[6]

Die überregionale Verbreitung innerhalb des Adels, ist natürlich bedingt durch dessen Abhängigkeit vom König. Die französische Standardsprache ist hierbei im Süden und in den Dialektgebieten des Nordens wenig ausgebreitet, so berichten Reisende von Verständigungsproblemen im Midi (vgl. BERSCHIN [u.a.] 22008/1978, 214; siehe hierzu ebenfalls: GOSSEN 1957, 437), wie auch im Norden, so bspw. in der Bretagne (vgl. CHASSÉ 1921, 261).[7] Hinzu muss man in Betracht ziehen, dass ferner ein Stadt-Land-Gegensatz bestand, der sich aus der späteren Aufgabe des ruralen Dialektes auf dem Land ergab und aus einem konservativen Wortschatz des semantischen Bereichs der Landwirtschaft. Neben dieser diatopischen Komponente sei noch die diastratische erwähnt, sprich jene der sozialen Schicht, denn in der Bourgeoisie breitete sich das Französische schließlich früher als in der unteren Schicht (couche populaire) aus. Schließlich festigt sich um 1500 ein auf Diglossie mit dem Französischen als Prestigesprache basierender Gegensatz (vgl. GREUB / CHAMBON 2008, 2513b f.).[8] Im Jahre 1673 berichtet HOWELL im Einführungstext zu einer neuen Ausgabe des engl.-fr. Wörterbuchs von Cotgrave (1611) über „the modern French that now is spoken in the Kings Court, in the Courts of Parliment, and in the Universities of France“. Selbst dem großen französischen Dramatiker des 17. Jh. Pierre Corneille, der in Rouen (Normandie) aufwuchs und dort lange gelebt hat, wurde von Zeitgenossen nachgesagt, er beherrsche die französische Sprache nicht (Vigneul-Marville, Mélanges d’histoire et de littérature, 1699, 159-161, zit. in: MONGRÉDIEN 1972, 348) oder er spreche einen normannischen Dialekt („patois normand“) (vgl. Carpentariana, 1724, 110, zit. in: MONGRÉDIEN 1972, 366). Dies erstaunt umso mehr, wenn man bedenkt, dass er Mitglied der Académie française war.

2.2 Regionalismen und Fachsprache im metalinguistischen Diskurs des 17. Jh.

Seit Anfang des 17. Jh. sprach man sich verstärkt gegen Italianismen, Archaismen, Neologismen, Regionalismen und soziolektal markierten Wörtern mit niedrigem Status aus, wobei man zuletzt keine klaren verbietenden Richtlinien gegen diese hatte und sich zunächst noch keine eindeutige Kodifizierung durchsetzte. Eine Abneigung gegen Regionalismen in der Standardsprache trat bereits bei Philologen und Grammatikern aus dem 16. Jh. zu Tage, weshalb man die Entwicklung im 17. Jh. als Fortführung vorher bestehender Diskussionen betrachten könnte (vgl. SCHMITT 1977, 255), dies im

Sinne einer „systematischen Markierung des diatopischen Substandards“ (SCHMITT 1986, 136). So sind Regionalismen im 17. Jahrhundert als nicht zum „bon usage“ gehörend zu betrachten und somit nicht Bestandteil des zu erarbeitenden Akademiewörterbuchs.[9]

2.2.1. Malherbes Bedeutung

„Malherbe hat zur Herausbildung der französischen Standardsprache insofern beigetragen, als er zahlreiche Variationen im morphosyntaktischen und syntaktischen Bereich (Artikelsetzung, Modusgebrauch, Verwendung der Personalpronomina, Wortstellung) rigoros beschnitt“ (WINKELMANN 1990, 339f.).

Bezüglich der konkreten Sprachregelungen ist zu sagen, dass jene, die die Syntax betrafen, zwar bereits Anfang des 16. Jh. Erwähnung gefunden hatten, nun aber erstmals kodifiziert wurden. Was konkret die Lexik angeht, so wurden Wörter, die nicht unbedingt von Klarheit und Verständlichkeit zeugten, ersetzt, bestimmte Neologismen und auch Verkleinerungsformen sollten aufgegeben werden und, was von zentraler Bedeutung war, die im 16. Jh. noch haufenweise gebrauchten Latinismen, Gräzismen und Dialektismen wurden nun als problematisch angesehen, was auch für die in einem gehobenen Gespräch als unpassend angesehenen technischen Fachausdrücke (bspw. aus Seemanns- und Medizinersprache, sowie auch aus den Naturwissenschaften) galt, für Wörter, die Bereichen aus den unteren Schichten entstammten, sowie für die als „mots sales et bas“ bezeichneten unanständigen Wörter (vgl. GECKELER / DIETRICH 52012/1995, 239f.; vgl. NIEDEREHE 1982, 67).[10]

Besonders erkennbar bleibt sein Vorhaben die Hofsprache von Gaskonismen zu befreien, weshalb der Ausdruck „dégasconner la cour“ als sein Leitspruch in Erinnerung bleiben sollte. Hierbei sollten selbstverständlich nicht nur Gaskonismen aus der Standardsprache wegfallen, sondern allgemein alle Wörter regionalsprachlicher Herkunft (vgl. SCHMITT 1977, 224; siehe daselbst Beispiele).[11] Malherbes Verdienst ist es zudem, eine Synonymendifferenzierung angestrebt zu haben, die ebenfalls auf Klarheit begründet sein und semantische Unklarheiten vermeiden sollte (vgl. GECKELER / DIETRICH 52012/1995, 240).[12] Neben Malherbe gab auch Pierre de Deimier in seinem Werk Académie de l`art poétique neue lexikalische Vorgaben, die unabdingbar waren für eine „bonne façon dʼécrire“, und zwar sollten Archaismen, Neologismen, fremde oder dialektale Wörter, schließlich die mots bas gemieden werden (vgl. GEMMINGEN-OBSTFELDER 1982, 121).

2.2.2. Die Bedeutung Vaugelasʼ und der Académie française

Nach dem Vorbild der Accademia della Crusca in Italien gelang es Richelieu die Gründung der Académie française im Jahre 1635 zu veranlassen, die sich den Vorstellungen seines Mitglieds Chapelain folgend der Aufgabe annahm, die Arbeit an einem Wörterbuch, einer Grammatik, einer Rhetorik und einer Poetik in Angriff zu nehmen (vgl. GECKELER / DIETRICH 52012/1995, 240).

„Einer der eifrigsten Mitarbeiter der Académie française [er war am Akademiewörterbuch beteiligt, A-I] war seit ihrem Beginn Claude Favre de Vaugelas (1585-1650). Seine Remarques sur la langue françoise von 1647 stellen eine ungegliederte Sammlung von Beobachtungen zum mündlichen Sprachgebrauch am Hofe dar, zu Aussprache, Syntax, Wortwahl und Bedeutungsdifferenzierung“ (GECKELER/ DIETRICH 52012/1995, 241).

Der Sprache, die außerhalb der gesellschaftlichen Elite und des Hofes gesprochen wird, gehört der „mauvais usage“ an. Zwar führte Vaugelas die Linie Malherbes fort, doch im Gegensatz zu ihm untersuchte er nicht die Sprache der Dichtung, sondern jene die von seinen Zeitgenossen geschrieben und gesprochen wurde (vgl. WINKELMANN 1990, 340a). Eine große Rolle spielte bei Vaugelas des Weiteren die gegenseitige Verständlichkeit, weshalb Begriffspräzisierungen in seinen Remarques einen großen Platz einnehmen. Mit Malherbe, der ja eine konkrete Synonymdifferenzierung ausarbeitete, verband Vaugelas auch die Abneigung gegenüber Archaismen und Neologismen, die die gegenseitige Verständlichkeit beeinträchtigten, aber auch die Regionalismen, weshalb Vaugelas schließlich von einem längeren Aufenthalt in der Provinz abriet, weil der bon usage dadurch korrompiert würde (vgl. WINKELMANN 1990, 341b).[13] Schließlich schien ihm eine „contagion des Provinces“[14] die größte Gefahr für die Sprache eines honnête homme zu sein, weil dadurch die Reinheit der französischen Sprache auf dem Spiel stand (vgl. MARZYS 2009, 30).

Festzuhalten ist des Weiteren, dass Vaugelas keine Norm festlegt, die die Prinzipien des bon usage klar zu definieren hat (vgl. GECKELER / DIETRICH 52012/1995, 242). Dennoch kann man aus seiner Festlegung Unterkategorien ableiten, die nicht zum bon usage gehören und als klare Definierung eines Substandards zu betrachten sind, das u.a. das fr. populaire, das fr. provencial oder dialectal, das fr. familier und auch die Berufssprachen miteinschloss (vgl. SCHMITT 1986, 143-146).

Von letzteren, die als sogenannte Fachsprachen und Technolekte oder als Gruppensprachen dem Substandard zuzurechnen sind, wie es bspw. für die Seemannssprache gilt, hebe sich der honnête homme letztlich ab. Da diesem sowohl körperliche als auch geistige Arbeit fremd war, musste ihm auch der berufsbezogene Fachwortschatz unbekannt sein (vgl. SCHMITT 1986, 145; 149; vgl. hierzu auch: MARZYS 2009, 33f.).[15] KALVERKÄMPER 1999 bemerkt hierzu, dass „[d]ie FACHLICHKEIT als Thema und die FACHSPRACHLICHKEIT als Kommunikationsform, folglich fachsprachliche Texte […] dabei nicht im Blick, sondern geradezu ausgeschlossen“ sind (KALVERKÄMPER 1999, 2539b). Unterhaltungsstücke aus jener Zeit, wie jenes eingangs erwähnte des Pédant joué von Bergerac bspw., in welchem der Fachvokabular gebrauchende Sprecher Granger veralbert wird, waren als konditionierende Meinungsverbreiter für den gezähmten Adel natürlich zeitgemäß.[16] Denn die Adligen, die Ludwig XIV. an seinem Hofe versammelte, durften keiner Tätigkeit nachgehen und sollten in finanzieller Abhängigkeit an sein Hof gebunden werden, was letztlich zur Folge hatte, dass der Stand des Bürgertums sich allmählich der ehemaligen administrativen Aufgaben (ebenso jener der Rechtsprechung) des Adels annahm, eine Tendenz, die sich bereits im 16. Jh. auszuzeichnen begann (vgl. hierzu: ELIAS 31977/1969, 201; 232; 236-239). In ELIASʼ bekannten Werk Die höfische Gesellschaft wird, indem der preußische Hof mit jenem französischen verglichen wird, auf diese Problematik hingewiesen:

„In Deutschland setzt sich offenbar schon von der Reformationszeit ab in Adelskreisen eine gewisse Tendenz zum juristischen Studium und zur Ämterlaufbahn durch. In Frankreich dagegen war und blieb der Adel traditionsgemäß ein nicht-arbeitender Kriegerstand“ (ELIAS 31977/1969, 284).

Während in Deutschland einst die Bildung mit ihrem Fachwissen im Vordergrund stand, waren es in Frankreich die Verhaltensetikette einer höfischen Gesellschaft, die nun von Belang waren (vgl. ELIAS 31977/1969, 285). Diese eigenständige Entwicklung des französischen Hofes sollte sich natürlich auch in Standardisierungskonzeptionen und -entwicklungen der französischen Sprache niederschlagen. So weist KALVERKÄMPER 1999 auf die abneigende Haltung des Hofes gegenüber Fachsprachen hin:

Es muss andererseits auch berücksichtigt werden, dass fachsprachlicher Wortschatz auch einfach aus Platzgründen in das Akademiewörterbuch nicht mitaufgenommen werden konnte, wofür schließlich Spezialwörterbücher vorgesehen waren (vgl. POPELAR 1976, 3).

3. Regionalismen, Fachwörter und Fachsprachen in der Linguistik

BALDINGER 1957 betont, indem er zunächst auf Dauzat 1927 eingeht, dass dialektale Wörter einen bedeutenden Beitrag zur Ausbildung von Fachsprachen geleistet haben. Er schlussfolgert dann wie folgt: „La vitalité de ces régionalismes techniques ou scientifiques est donc limitée à une langue de groupe, à une langue de métier ; d’autres termes sont limités à une certaine couche sociale, tels les mots d’argot“ (BALDINGER 1957, 68). Hieraus wird deutlich, dass diese Regionalismen gewissermaßen Teil einer Berufsgruppensprache sein können, während es andere gibt, die diastratisch markiert und als Argotwörter festzuhalten sind (vgl. BALDINGER 1957, 68). MÜLLER 1985 betont ebenfalls die Bedeutung von Regionalismen im Fachvokabular (siehe auch Anm. 3 dieser Arbeit).[17]

„Les emprunts faits par le français commun aux dialectes (niveau 3 a) [[18] ] s`observent dans toutes les régions, mais dans des proportions différentes, à des époques différentes, dans des domaines lexicaux différents. La langue générale a surtout adopté des mots techniques, désignants des objets, des professions, des produits spécifiques des régions, mais ayant débordé le cadre régionale“ (MÜLLER 1985, 141).

Einige Dialekte stellen somit in gewisser Hinsicht eine Art Monopol für bestimmte Entlehnungen dar, weil diese jeweils aus ganz bestimmten Bereichen stammen. Das Normannische hielt besonders für Bezeichnungen aus der Seemannssprache her („vocables relatifs à la mer et à la navigation“), das Pikardische für jene aus der Textilindustrie, das Pikardische weiterhin und das Wallonische für jene aus dem Bergbau, die Dialekte des Ostens und Süd-Ostens (lorrain, bourguignon) für Agrarprodukte, das Franko-Provenzalische für jene der alpinen Lebenswelt (vgl. MÜLLER 1985, 141).

Wirft man einen Blick auf die Lexik des heutigen (bzw. jenen des letzten Viertels des 20. Jh.) français régional (Regionalfranzösisch),[19] so fällt bspw. die starke Präsenz von Regionalismen aus dem Weinanbau auf (Bsp. aus Dauphiné, Burgund, Champagne), v.a. zur Benennung von Krankheiten im Weinanbau, für die Normandie ferner solche, die sich auf die Herstellung des Calvados beziehen (vgl. OFFORD 1990, 151-153). Neben typischen lokalen landwirtschaftlichen Anbaumethoden spielen bei der Beibehaltung regional markierter Wörter wohl auch die gruppenspezifischen Komponenten eine Rolle. Hierzu wäre bspw. die Zugehörigkeit zu einer als soziologisch aufgefassten Eigen- und Fremdgruppe oder das Wahrnehmungskonzept von Teilgruppe und Gesamtgesellschaft zu nennen, worunter auch die Berufssprachen zugeordnet werden könnten (vgl. MÖHN 1998, 170a). Im Falle der Berufsgruppe der Fassbinder bspw. ist die Kollektivbildung einer Teilgruppe v.a. durch die Exklusivität der Zunftorganisation gegeben, ein Umstand, der für das Fortbestehen einer gewissen Berufssprache als Gruppensprache einer in sich straff organisierten Zeremonien und Ordnungen tragenden Gruppe eine bedeutende Rolle spielt und womöglich für das Weiterbestehen von Regionalismen förderlich war (siehe hierzu weiter Kap. 4 dieser Arbeit). Es stellt sich allerdings die Frage, ob die Küfersprache nun als Fach- oder Gruppensprache ausdifferenziert werden kann. Es sei darauf hingewiesen, dass hierzu spezifischere Terminologiedifferenzierungen u.a. von Wandruszka 1979 und von Henne 1986 vorgenommen wurden (vgl. MÖHN 1998, 170a). Auf diese kann in vorliegender Arbeit nicht explizit eingegangen werden, es sei lediglich erwähnt, dass wir es bei der fachinternen Kommunikation der Fassbinder/Küfer wohl eher mit einem „Technolekt“ zu tun haben. Allgemein betrachtet wäre sie einerseits mehr „Fachsprache“ als „Sondersprache“ (vgl. MÖHN 1998, 174f.). Andererseits könnte sie jedoch auch als Gruppensprache angesehen werden, wenn man vom gemeinschaftlichen Aspekt der Handwerkersprache mit ihrer bindenden Funktion ausgeht (siehe hierzu: MÖHN 1998, 175b). „Letztlich erweist sich „Berufssprache“ auf dem Hintergrund des einheitlichen spezialisierten Kommunikationsbereichs als Begriff, der fach- und sondersprachliche Anteile zusammenzieht“ (MÖHN 1998, 176b). Der Gebrauch von Regionalismen hängt natürlich auch davon ab, wie eng sprachliches Handeln dann auch räumlich einer bestimmten Situation zugeordnet werden kann (vgl. MÖHN 1998, 177a).

4. Das Küferhandwerk in Frankreich bis zum 17. Jh.

Das Handwerk der Küferei geht höchstwahrscheinlich auf die Gallier zurück. Die Fässer dienten dabei als Behältnisse für Bier, später, bedingt durch die Romanisierung Galliens, erfüllten Fässer neben der Aufbewahrung des Biers, v.a. den Zweck der Weinaufbewahrung und des Weintransports (vgl. MARLIÈRE 2001, 186f.).[20] Natürlich dienten Fässer auch zur Lagerung anderer Flüssigkeiten und Materialien und im Laufe der Zeit kamen auch weitere neue Güter hinzu.[21] „[Z]um Hilfsgewerbe des Handels wurden sie durch die Produktion von Tonnen, die als universelles Verpackungsmaterial im MA und in der frühen NZ sehr gefragt waren“ (BAUM 101983/1981, 490).[22] Fassbinder (=Küfer) waren in Zünften organisiert.

Bezüglich der Zünfte der Küfer ist zu sagen, dass diese – sie existierten in Frankreich wohl seit dem 9. Jahrhundert und waren an religiöse Bruderschaften gebunden[23] – ab dem 15. Jh. den Statuten des Königs unterlagen, sodass von jenem Moment an Lehrlingsaufnahmen freizügiger waren und Sitzungen in den Zünften nicht ohne Anwesenheit eines königlichen Offiziers gehalten werden durften, was letztlich im Allgemeinen zu einem Zuwachs des Küferberufes führte (vgl. TARANSAUD 1976, 51).[24] Durften vorher nur Söhne von Küfermeistern oder von Küfergesellen oder auch Verwandte von diesen in den Dienst des Lehrlings treten, so änderte sich dies im 15. Jh. durch Statute Ludwig XI. (vgl. TARANSAUD 1976, 52f.). Aus Statuten aus dem Jahre 1671, die für Küfermeister aus Chaalons en Champagne bestimmt waren, geht u.a. hervor, dass Küfermeistern nicht gestattet war, Gesellen einzustellen, die nicht drei Jahre lang in Chalons, oder zumindest zwei davon, als Lehrlinge zuvor tätig waren (vgl. TARANSAUD 1976, 206, Statuts et reglements por les maîtres tonneliers de la ville et banlieue de Chaalons an Champagne, Art. V, [1671] ).[25]

Für die Stadt Auxerre in Burgund liefert STELLA 1996 ein Beispiel für einen Lehrlingsvertrag (aus dem Jahre 1496) zwischen einem Lehrling aus Courson (Normandie) und einem Küfer, der zugleich Winzer ist und aus Auxerre stammt. Dieser verpflichtet sich dabei für die Ausbildung des Lehrlings zu sorgen „tant au mestier de tonnelerie que des vignes, et aussi aller à Paris, à Rouan et ailleurs, là où il plaira audit Malines de lʼenvoyer“ (STELLA 1996, 35). Das Besondere an der Ausbildung des Küferlehrlings war, dass nach Beendigung der Gesellenneuling drei bis vier Jahre lang, sozusagen als Wandergeselle in den verschiedensten Regionen Frankreichs umherreisen musste, um die verschiedensten Einzelheiten des Berufes zu lernen. Während dieser Wanderlehrjahre konnte man dabei auch einer Gruppe von Wandergesellen, sogenannten „Compagnons du Tour de France“ beitreten, wobei in diesem Falle die Küfertätigkeit als Wandergewerbe auch fünf, sechs Jahre oder auch länger dauern konnte (vgl. TARANSAUD 1976, 54).

Letztlich sei noch daran erinnert, dass das Küferhandwerk eng mit dem Weinhandel, bzw. Weintransport, und mit der Bierbrauerei in Verbindung gebracht werden kann, denn schließlich mussten die Getränke ja gelagert und befördert werden. „Darstellungen von Faßbindern bei der Arbeit finden sich zuerst und während des MA am häufigsten in Zyklen von Monatsbildern. Gewöhnlich gehen sie Abbildungen der Weinlese und des –abfüllens (bisweilen solchen des Kelterns, des Wein- transportes, des Weinzapfens) voraus“ (BUSCH / WIRTH 1981, 497). Diese zuletzt genannten Tätigkeiten sind dabei nicht unbedingt als völlig von der Küferei abgekoppelte Bereiche zu betrachten. Denn „[ü]ber die Pflege der Weine im eigenen Keller und in denen von Kunden gelangten zahlreiche B[öttcher], […] zum Weinhandel und -zapf“ (BAUM 101983/1981, 491). Für Paris[26] bspw. ist belegt, dass am Weinhandel beteiligte Küfer, die „meist mit den Weinverladern korporativ vereint waren, mit Pflege und Ausbau der Weine“ ebenso vertraut waren (BAUM 101983/1981: 491). So waren Küfer als Weinverlader („Tonnelier déchargeur de vin“) keine Seltenheit, historisch fassbar ist das bspw. mit dem vom frz. König Karl VII. an die Küfer zugesprochenen Privileg, Weinfässer in den Häfen entladen zu dürfen, schließlich konnten sie am besten mit diesen umgehen und bei Bedarf konnten sie beschädigte Fässer gleich vor Ort reparieren und waren somit für die gute Verfassung der Transportbehälter von Nutzen (vgl. BOUCARD 2008, 618a). Später unter Colbert, waren die als Beamte geltenden déchargeurs de tonneaux, die die Fässer von den Schiffen bis ans Land rollten, noch belegt (vgl. KUHN 1931, 19).

In der Normandie sorgte womöglich zu Beginn des 16. Jh. das Aufkommen des Cidre zu einem erhöhten Bedarf an Fässern, da dieser für die Region exportfähiger geworden war.[27]

5. Lexikographie des 17. Jahrhunderts (und Regionalismen)

Man kann zwar davon ausgehen, dass die Geburt der französischen Lexikographie im 16. Jh. stattfand (vgl. HUCHON 1988, 47), doch „[d]ie zweisprachigen Wörterbücher und die Grammatiken des 16. Jahrhunderts verfolgten in erster Linie keinen normativen Zweck – nicht Präskription, sondern ordnende Bestandsaufnahme stand im Vordergrund“ (WINKELMANN 1990, 338b). Im ausgehenden 17. Jh. erscheint dann mit dem Akademiewörterbuch ein normatives Wörterbuch, wobei noch durchaus in der Tradition des vorherigen Jh. stehende Wörterbücher herausgegeben werden, wie bspw. jene bilingualen von Cotgrave 1611 und Oudin 1640. Für das Akademiewörterbuch ist in unserer Darstellung von Belang, dass es keine Kategorie für Regionalismen besitzt, „il ne respecte que la langue de la ville de Paris qu’il regroupe d’après des critères sociologiques“ (SCHMITT 1977, 225). Ebenso hat es keine Fachlexik aufzuweisen, dieser Aufgabe nimmt sich das unten aufgeführte Wörterbuch von Corneille (Cor 1694) an. Ganz anders sind die Wörterbücher im 16. Jh. erarbeitet, denn damals galt noch die Devise die französische Sprache durch Fachvokabular zu bereichern. Dieses schöpfte man dabei aus verschiedenen Wissensbereichen, es sind „médecine, mathématiques, histoire (morale) et, jusqu’à un certain point, la «philosophie», c.à.d. non pas seulement la philosophie dans le sens que nous attribuons aujourd’hui à ce mot, mais aussi les sciences naturelles, la chimie, la physique, la géologie, la zoologie, et la botanique“ (NIEDEREHE 1982, 67). Im Folgenden seien Wörterbücher aus dem 17. Jh. in chronologischer Reihenfolge kurz vorgestellt und besonders hinsichtlich ihrer Regionalismen beschrieben.[28]

Nicot (Nic 1606)

Das 1606 erschienene Wörterbuch Thresor de la langue françoyse tant ancienne que moderne von Jean Nicot ist noch nicht ganz als einsprachiges Wörterbuch anzusehen, obgleich es auch einsprachige französische Artikel aufweist. Er zieht nämlich Vergleiche zu anderen romanischen Sprachen und nimmt auch weiterhin auf das Lat. Bezug, indem er die Rubriken aus Estiennes lat.-frz. Wörterbuch aus dem 16. Jh. noch direkt übernimmt (vgl. HUCHON 1988, 48).

Allgemeines zur Struktur des Wörterbuchs und den Quellen von Nicot in LÉPINETTE 1987, die bspw. konstatiert, dass Nicot deswegen auf die romanischen Sprachen und die französischen Dialekte zurückgreift, um die lateinische Etymologie französischer Wörter besser beschreiben zu können. Allerdings ist bezüglich der französischen Wörter germanischen Ursprungs zu sagen, dass sich Nicot, von historischen Tendenzen geleitet, in die Tradition Estiennes (1549) und Thierrys (1564) stellt, die jeglichen germanischen Ursprung abstreiten (vgl. LÉPINETTE 1987, 340f.).[29]

Wie der vollständige Titel des Thresor (siehe Literaturliste) zu erkennen gibt, nimmt er neben älteren nicht mehr aktuellen Bezeichnungen v.a. auch Fachwörter aus der Seefahrt, der Jagd und der Falknerei auf. Der somit in gewisser Hinsicht durchaus auch enzyklopädisch gestaltete Thresor Nicots weist nach HEYMANN (1903, 5) 162 Regionalismen (Heymann benutzt hierfür die Bezeichnung Patoiswörter) auf, die, außer 14 neu hinzugenommenen, bereits bei Thierrys Wörterbuch (1564) zu finden sind.[30]

Hulsius (Hul 31607)

Nach HEYMANN (1903, 7f.), der sich auf die vierte Auflage von 1614 bezieht, ist Hulsius‘ Wörterbuch keine besondere Quelle für Regionalismen. Von 64 Regionalismen sind 62 bereits bei Thierry und Nicot belegt. Die in dieser Arbeit behandelten Regionalismen sind wahrscheinlich aus Nicot entnommen.

Cotgrave (Cot 1611)

Cotgrave, der 1611 A dictionarie of the French and English tongues herausgibt, verzeichnet nach HEYMANN (1903, 6) in diesem 392 Wörter als dialektal, davon sind 114 höchstwahrscheinlich aus Nicot übernommen (siehe hierzu auch: SMALLEY 1948: 64; zu den lexikographischen Quellen: 56-102). Der Rest, 274 Lexeme also, kommt in den vorherigen Wörterbüchern nicht vor. Er soll alte und neue, und in allen Dialekten verfasste Bücher gelesen haben,[31] woraus sich wohl die große Anzahl von bei Thierry 1564 und Nicot 1606 noch nicht vorkommenden Dialektalismen erklären (vgl. HEYMANN 1903, 6). Unter diesen Regionalismen sind besonders solche aus der Normandie stark vertreten, aber auch solche aus der Pikardie, weshalb sein Werk als ausgiebige Quelle für Regionalismen des 16. und 17. Jh. gelten kann (vgl. HEYMANN 1903, 7). Bei Cotgrave treten darüber hinaus auch zu jenem Zeitpunkt nicht belegte Okzitanismen auf (vgl. BALDINGER 1957, 69). Doch Cotgraves Wörterbuch zeichnet sich besonders dadurch aus, dass er Fachbegriffe aus den verschiedensten Bereichen aufnimmt, z.B. aus dem naturwissenschaftlichen Bereich, wofür er auf etliche Natur- und Tierbeschreibungen, Medizin- und Agrarbücher aus dem 16. Jh. zurückgriff (vgl. SMALLEY 1948, 103-159; 183-186; vgl. BROCHARD 1990), und aus dem politisch-rechtlichen Bereich, wofür er politische und rechtswissenschaftliche Schriften aus dem 16. Jh. und Anfang 17. Jh. benutzte (vgl. SMALLEY 1948, 160-182).

Oudin (Oud 1640)

Auf Oudin, der unter Ludwig XIV. jahrelang Gesandter in Italien war, geht das zweisprachige Wörterbuch Recherches italiennes et françoises ou dictionnaire italien et françois zurück, das 1640 in Paris herausgegeben wurde. Es gilt als besonders puristisches Werk und besitzt nur 7 Regionalismen, von welchen 2 bereits bei Cotgrave belegbar sind. Dies zeigt, dass Oudin ein strenger Purist war und Regionalismen keinen Platz einräumte. Überdies war in seinem Wörterbuch eine ganz andere Zielsetzung gegeben.

Ménage (Mé 1650, Mé 21694)

Gilles Ménage, der 1613 in Angers, der Hauptstadt von Anjou geboren wurde, gab im Jahre 1650 ein – wie bereits aus dem Titel ersichtlich – historisches Wörterbuch heraus, das Les origines de la langue française betitelt wurde. In diesem etymologischen Wörterbuch werden Regionalismen meist zur Erklärung der Herkunft eines Wortes herangezogen. Insgesamt gibt er HEYMANN (1903, 9) zufolge 233 Regionalismen aus Nordfrankreich, von denen 47 bereits aus vorherigen Wörterbüchern (hauptsächlich aus Thierry und Nicot übernommen) bekannt waren. Besonders viele neue Regionalismen fließen dabei aus seiner Region Anjou ein, weiter aus der Pikardie und der Normandie (vgl. HEYMANN 1903, 9f.). HORIOT konnte in ihrer diachronisch ausgerichteten Arbeit zu den Regionalismen aus Anjou feststellen, dass Ménages Wörterbuch hierfür als verlässliche und sichere Quelle gelten kann (1995, 242f.).

Im Jahre 1694, zwei Jahre nach Ménages Tod, wird die zweite Auflage unter dem Titel Dictionnaire étymologique ou Origines de la langue françoise herausgegeben. P. Jacob und P. Simon fügten dieser Ménages hinterlassene Zusätze hinzu, die sie mit Zeichen erkenntlich machten. Insgesamt weist die zweite Auflage 537 Regionalismen auf, von welchen 31 bereits in anderen Wörterbüchern attestiert sind. Regionalismen aus Anjou machen den größten Teil aus, danach folgen jene normannischen (vgl. HEYMANN 1903, 15f.). „Die neuen als normannisch angegebenen Wörter stammen zum grossen Teil von P. Simon, der selbst in Lettre écrite a Mr Ménage l’ainé, neveu de l’auteur, sagt, dass er Wörter aus seiner Heimatprovinz (die er nicht nennt), zugefügt habe“ (HEYMANN 1903, 16f.).

Borel (Bo 1655)

Borel, der Medizin studierte und sich mit Naturwissenschaft beschäftigte, war seit 1674 Mitglied der Akademie. Sein Trésor des recherches et antiquitez gauloises et françoises, das als historisches Wörterbuch angesehen werden kann, wird 1655 in Paris herausgegeben (vgl. HEYMANN 1903, 10f.). Auf die Sprache des 16. Jh. hinweisend, versucht er etymologisch die Nähe der diatopischen Varietäten der Languedoc und der Provence zum Französischen und zu ein und demselben Ursprung zu beweisen (vgl. VON GEMMINGEN 1995, 64f.). Sein Werk ist für Regionalismen von geringer Bedeutung, insgesamt hat es 41 solcher, von denen 12 in älteren Wörterbüchern belegt sind (vgl. HEYMANN 1903, 10f.).

Richelet (Rich 1680)

Noch vor der Ausgabe der ersten Auflage des Akademiewörterbuchs 1694 publiziert Pierre Richelet 1680 seinen Dictionnaire françois, ein Wörterbuch, das sich, wie in seinem Vorwort beschrieben, nach der Sprache der honnêtes gens, also jener der gebildeten Stände, richten sollte. Obgleich es als puristisches Werk anzusehen ist, erscheinen darin einige der oben angesprochenen (siehe Kap. 2) zu tabuisierenden Bereiche, dies ist auch bei der ersten Auflage des Akademiewörterbuchs der Fall (vgl. POPELAR 1976, 17; QUEMADA 1998, 58). In der Tat merkt VON GEMMINGEN-OBSTFELDER an, dass das Wörterbuch von Richelet nicht als ausschließlich puristisches Werk aufzufassen ist, da Archaismen, Entlehnungen, mots bas… aufgenommen wurden, diese jedoch als solche für den Leser erkenntlich gemacht werden (1982, 122-127). Dasselbe stellt sie für das Wörterbüch der Académie française fest (vgl. VON GEMMINGEN-OBSTFELDER 1982, 128-131) und kommt zu folgender Bemerkung : „Le dictionnaire en tant quʼouvrage de consultation et dʼinformation oblige Richelet ainsi que l`Académie à trouver un compromis entre une conception puriste et une description de la réalité linguistique“ (VON GEMMINGEN-OBSTFELDER 1982, 131). Die Tatsache, dass das Wörterbuch Richelets Lexeme des Substandards konkret aufzeigt, verleiht ihm somit einen deskriptiven Charakter mit stilistischen, rhetorischen, soziolinguistischen und metalinguistischen Hinweisen (vgl. QUEMADA 1998, 62f.). Obgleich dies dem Wörterbuch einen authentischen Charakter verleiht, da eben die Kompilation auf gepflegten Sprachgebrauch ausgerichtet war, liegt es auf der Hand, dass es als Quelle von Regionalismen nicht herhalten kann. Im Ganzen weist es nach Heymann knapp 10 Regionalismen auf, neben 56 wohl zum diastratisch bestimmbaren Pariser français populair gehörenden Lexemen (vgl. HEYMANN 1903, 12).

[...]


[1] Diese Bezeichnung fehlt im Dictionnaire de linguistique von Dubois [u.a.] 1973. Nach GADET kann ein Regionalismus wie folgt definiert werden: „Le terme régionalisme désigne une forme spécifique à une région, en principe inconnue des autres zones francophones“ (2003, 128). Die Verwendung der Bezeichnungen dialectalisme und provencialisme und deren Gleichsetzung mit dem Terminus régionalisme in verschiedenen sprachwissenschaftlichen Arbeiten kann in dieser Arbeit nicht problematisiert werden. In vorliegender Arbeit wird der Terminus Regionalismus gebraucht.

[2] „La lexicographie est la technique de confection des dictionnaires et lʼanalyse linguistique de cette technique“ (DUBOIS [u.a.] 1973, 289).

[3] Für die heutigen Regionalismen des Französischen im français régional stellt OFFORD (1990, 148) fest, dass jene die mit lokalen Handwerkstechniken, Objekten und Pflanzen zusammenhängen, sich eher durchsetzen, bzw. unabhängig von jenen von ihm dargelegten, die durch mehrere Sprachfilter passieren, Gebrauch finden. So nennt OFFORD als ein Charakteristikum des Regionalfranzösischen die Tatsache, dass „regional French often includes a number of technical, professional terms“ (1990, 148).

[4] Studien zu Regionalismen im 17. Jh., einige Beispiele: Es sei im Folgenden auf Studien hingewiesen, die ausschließlich Regionalismen aus dem 17. Jh. – nicht nur die Lexikographie betreffend – zum Inhalt haben. Als ausgiebige Arbeit kann hierbei jene von BALDINGER 1957 angesehen werden und jene von HEYMANN 1903. Der Aufsatz von ROQUES 1982 befasst sich ebenfalls mit Regionalismen im 17. Jh.. Indem er neben Nicots Thresor (Ni 1606) auch Wörterbücher aus dem 16. Jh. miteinbezieht, arbeitet er u.a. in den Wörterbüchern fälschlicherweise als Regionalismen bezeichnete Lexeme und unerkannte Regionalismen heraus. Bezüglich der Architektur der Sprache und der sozio-historischen Relevanz der Regionalismen im 17. Jh. findet sich erst bei SCHMITT 1977 und 1986 Ausgiebiges. Ansonsten sei noch GLESSGEN 2008 erwähnt, der darauf hinweist, dass es an historischen Studien von Regionalismen fehle. „La recherche sur les régionalismes lexicaux du français s’est intensifiée depuis la dernière décennie du XXe s. à commencer par la description de la variation actuelle; mais elle connaît encore de nombreux desiderata, notamment dans leur évolution historique“ (GLESSGEN 2008, 2971a). Was die lexikographische Tradition anbelangt, berücksichtigt Heymanns Arbeit aus dem Jahre 1903 hauptsächlich die diatopische Dimension. Folglich hat er auch nicht das Wörterbuch der Académie française benutzt, das keine Rubrik für Dialektalismen kennt. BALDINGER 1957 untersucht verschiedene Regionalismen, indem er von der diatopischen Dimension ausgeht und nach Wortfeldern einteilt, dies vom FEW ausgehend. HORIOT 1995 behandelt die Angévinismen (Lexik, Phonetik, Morpho-Syntax) im Werk von Ménage. Beiläufig weist BIEDERMANN-PASQUES (1992, 151-165) in ihrer Untersuchung zur Orthographie des 17. Jh. auf vorkommende Regionalismen hin. Einige theoretische Überlegungen zu Regionalismen in Franche-Comté gibt BONNOT 2003 indem er von Grammatiken und Abhandlungen aus dem 17. und 18. Jahrhundert ausgeht. Weiteres zu Kommentaren in linguistischen Werken von Grammatikern des 16. und 17. Jh. in: PASQUES, Liselotte / BADDELEY, Suzan (1989), Alternances vocaliques de type sociolinguistique aux XVIe et XVIIe siècles, in: BADDELEY, Suzan [u.a.], La variation dans la langue en France du XVIe au XIXe siècle, Paris, Centre national de recherche scientifique, 61-71. CHAURAND 2007 untersucht Regionalismen, die in Urkunden aus der Ost-Pikardie vorkommen. Es handelt sich um Begriffe, die hauptsächlich aus dem ländlichen Bereich stammen. CHAURAND unterteilt dabei in folgende semantische Wortfelder: „I. Lʼhabitation dans le paysage; II. Du côté de la cuisine; III. Nos ancêtres à table; IV. Le mobilier; V. Regards sur le vêtement et la parure; VI. Compagnons et outil de travail“ (CHAURAND 2007, 170). GONON 1976 untersucht eine Inventarliste eines Händlers und Müllers aus Lyon, die im 17. Jh. von einem Gerichtsdiener in Lyon verfasst wurde und mit zahlreichen Regionalismen gespickt ist, die sich auf den Haushalt und auf Objekte in der Mühle beziehen. Die Liste, die auch in vollständigen texten eine Bestandsaufnahme macht, soll letztlich ein Zeugnis für ein damals bestehendes français régional sein, das von der Autorin als français local bezeichnet wird (vgl. ebd., 285, 295). Ansonsten gibt uns MECKING (2004, 102-104) nur beiläufig – neben anderen Sprachbesonderheiten – auch einige von der französischen Lexikographie unberücksichtigte Regionalismen bekannt, die er als solche im praktischen Text Hospital des fols incurables auffand, einem Werk welches 1620 vom Italienischen ins Französische übersetzt worden ist (it. Hospidale de’ pazzi incurabili (1586)). Zuletzt sei gesagt, dass SCHMITTs Arbeiten die Thematik vom soziolinguistischen Standpunkt aus erstmals als Ganzes beleuchtet, da er u.a. auch von der Architektur der französischen Sprache ausgeht. Die rezentere Arbeit von WIONET 2005 liefert zwar interessante meta-sprachliche Informationen aus dem 17. Jh., jedoch wird keine klare Unterscheidung zwischen langues régionales und dialectes (die sich heute zu einem français régional hin entwickelt haben) (vgl. hierzu: MÜLLER 1985, 137f.; OFFORD 1990, 145; 160ff.; GADET 2003, 125-130) gemacht, bzw. der erstere Terminus wird, obgleich so manches Mal im richtigen Sinne gebraucht, andernorts auch synonym mit dem zweiten Terminus verwendet. Was literarische Texte anbelangt, liefert VAGANAY 1934 eine kleine Untersuchung über die pikardischen Regionalismen in Molières Werk Monsieur de Pourceaugnac (dt. Der Herr aus der Provinz). VAGANAY 1934 verweist hierzu auf DAUZAT, A. (1927) Les Patois, Paris, Delagrave, 37-46. Es sei hierzu angemerkt, dass Stücke – wie in diesem Falle jene von Molière –, die vorgetragen werden müssen, wesentlich ärmer an dialektalen Elementen sind als in einer realen Sprachsituation und überwiegend der Komik dienen, da von solchen stärker durchsetzte Texte, wie jener oben erwähnte, von den Zuschauern sonst nicht verstanden worden wären (vgl. GONDRET 1989, 14f.). Weiter wäre die Arbeit von SCHMITT 2000 zu nennen, in der er u.a. auf die wohl vermeintlich als Regiolekt anzusehende Sprache des Bauern Gareau als Mittel zur Erzeugung von Komik in der Komödie Le pedant joué von Cyrano de Bergerac eingeht.

[5] Die Ausbreitung des Französischen geht schnell von statten und betrifft zuerst die Paris umgebenden Regionen. In der Champagne passiert dies Mitte 14. Jh., im Orléaunais, Vendômois, in der Bretagne, Anjou, Maine, Touraine und Berry Ende des 14. Jh. (vgl. WALTER 1998, 86). In der Normandie und Pikardie, die eine gewisse sprachliche Unabhängigkeit genossen, begann dieser Einfluss erst im 19. Jahrhundert stärker zu werden (vgl. OFFORT 1990, 157f.).

[6] Vaugelasʼ Postulat es handele sich um die Sprache der „plus saine partie de la Cour“ impliziert diesen Tatbestand natürlich, waren es doch vornehmlich Adlige, die am Hofe zugegen waren. Eine Ausnahme bilden neben den Adligen die Poeten als Träger dieser Sprache, aber auch all jene, die am Hofe residieren, auch solche, die als „personnes de la ville où le prince réside“ an der politesse der gens de la Cour teilhaben und mit diesen in Kommunikation treten, wie es Vaugelas in seinen Remarques ausdrückt (vgl. Vaugelas, zit. in: BRUNOT 1966/1909, 27; vgl. POPELAR 1976, 203; vgl. MARZYS 2009, 21). Somit wäre diese Restriktion mit der Residenzstadt Paris einerseits diatopisch, mit der Erwähnung des Hofes andererseits diastratisch markiert (vgl. hierzu: MARZYS 2009: 21; 23-26). Nach Janik 1984 sei unter dieser Formulierung ein Gegensatz von Minderheit und Mehrheit zu verstehen: „Die Formulierung Vaugelas’ wird von einem Franzosen als Superlativ aufgefasst. Dadurch entsteht der Eindruck, bei la plus saine partie de la Cour handele sich um eine sehr kleine, elitäre, tonangebende Gruppe. Der lateinische Ausdruck sanior pars meint jedoch zunächst nur, dass es sich um eine Minderheit, freilich eine herausragende Minderheit, im Verhältnis zu einer Mehrheit handelt“ (Janik 1984, zit. in: MARZYS 2010, 195). Hieran anknüpfend sei eine interessante Bemerkung aus Furetière, die unter dem Eintrag ville zu finden ist und im Akademiewörterbuch fehlt. Bei Fu 1690 steht Folgendes: „On appelle aussi la ville, le Corps des Officiers qui regissent la Police de la ville, qui tiennent le conseil de ville.“ Wenn man auf der Internetseite des „Centre National de Ressources Textuelles et Lexicales“ nach dieser administrativen Bedeutung des officiers sucht, dann erscheint sie zunächst bei Ni 1606, im Akademiewörterbuch erst in der 5. Aufl. von 1798, ansonsten bei Féraud 1787/1788 (vgl. http://www.cnrtl.fr/dictionnaires/anciens/ [letzte Konsultation Jan. 2014]). Jedenfalls sind im obigen Bsp. von Fu 1690 zunächst einmal Amtsträger gemeint, die mit einem staatlichen Posten betraut sind, aber auch solche, die als Ordnungshüter ihre Funktion haben. Als konkrete Gebrauchsbeispiele führt Fu 1690 fortsetzend an: „On a assigné ce Marchand de bois à la ville, cʼest à dire, au Bureau de lʼHostel de ville. La ville a été au devant du Roy, pour dire, le Prevost des Marchands les Eschevins […].“ In diesen wird ville als Synekdoche benutzt.

[7] „On raconte par exemple quʼà Uzès [Ort bei Avignon], au XVIIe siècle, Racine avait dû mêler des mots d’italien et d’espagnol pour se faire comprendre des habitants. De même, La Fontaine n’avait pas pu retrouver son chemin entre Bellac et Limoges, faute de pouvoir communiquer avec les habitants du pays“ (WALTER 2012, 146). Für die Basse Bretagne ist aus dem 17. Jh. überliefert, dass das Französische in den großen Städten zwar bekannt war, man aber in den Dörfern und auf den Straßen auf niemanden treffen würde, der es sprechen könne (vgl. CHASSÉ 1921, 261).

[8] Im 16. Jh. setzt GREUB 2008 dann die Herausbildung eines Regionalfranzösischen an, wobei man zunächst von einem diatopisch determinierten Einfluss des Standards ausgehen muss, ein diastratisch weitläufigerer Einfluss findet in den folgenden Jahrhunderten statt. Es fehlen Studien, die eine Darstellung des damaligen Regionalfranzösisch bieten, womöglich ist dieses mit jenem aus dem 21. Jh. vergleichbar (vgl. GREUB 2008, 2554f.). Siehe ebenso : GREUB, Yan (2003), Les mots régionaux dans les farces françaises : étude lexicologique sur le Recueil Tissier (1450 - 1550), Strasbourg, Société de Linguistique Romane.

[9] Die erste Auflage des Akademiewörterbuchs (1694) besitzt keine Kategorie für Dialektismen/ Regionalismen, in den weiteren aus dem 18. Jh. treten sehr selten einige auf, diese sind jedoch als Ausnahmen anzusehen (vgl. RÉZEAU 1998, 262f.).

[10] Im 17. Jh. entstehen gleichzeitig separat konzipierte Fachwörterbücher, bzw. Glossare als Anhänge von einzelnen Abhandlungen, die sich auf die folgenden Bereiche beziehen: Seefahrt, Recht, Chemie, Jagd, Architektur und Kunst, Gartenkunde, etc., gegen Ende des 17. Jh. medizinische Fachwörterbücher (vgl. QUEMADA 1998, 52-54; 56).

[11] Interessant erscheint des Weiteren, dass auch die Mode-Italianismen, die im 16. Jh. in die französische Sprache Eingang gefunden hatten, nun ausgeschlossen werden, was besonders in der Schrift Henri Esti ennes Deux dialogues du nouveau langage françois italianize et autrement deguize aus dem Jahre 1579 zum Ausdruck kommt (vgl. WIONET 2005, 236). Malherbe, der Beispiele aus dem Normannischen anführend – obgleich er von Vaugelas in den Remarques selbst in dieser Hinsicht direkt und indirekt angesprochen wird –, sich strikt gegen Regionalismen ausspricht, wendet sich, wie bereits gesagt, gegen sprachliche Phänomene, die aus den langues régionales des Gaskognischen und des Provenzalischen herrühren, die er mit „dialectes éloignées“ gleichsetzt, bevor er auf den ausländischen Einfluss des Italienischen zu sprechen kommt (vgl. WIONET 2005, 236).

[12] Weiteres in: BRUNOT 1966/1909, III, 1-9.

[13] Ausnahmen gibt es allerdings, so ist bspw. das normannische haro, das noch im Gegenwartsfranzösischen im politischen Diskurs in der Form crier haro vorkommt, von der Akademie aufgenommen worden, dies wohl deswegen, weil es anscheinend dem eher gepflegteren Sprachgebrauch der Jurisdiktion zugehörte (vgl. SCHMITT 1986, 149).

[14] Vaugelas, zit. in: MARZYS 2009, 30. Einige seiner remarques beziehen sich auf Regionalismen. Diese werden nicht immer lokalisiert. Die meisten von ihnen sind jedoch aus dem Süden Frankreichs, die Normandie ist hier ebenfalls stark vertreten (vgl. MARZYS 2009, 31, Anm.

[15] Auflistung eines Notationssystems des Fachwortschatzes in: SCHMITT 1986, 150f. .

[16] Als absolute Maxime des Hofes ist die Identifizierung mit der elitären Kerngruppe zu betrachten, „die Identifizierung des Einzelnen mit der sozialen Schicht oder Gruppe im weiteren Herrschaftsgebiet, der er entstammt, sei es mit Dorf, Stadt oder Stamm, sei es mit Berufs- oder Standesgruppen, wird schwächer oder erlischt“ (ELIAS 31977/1969, 188).

[17] Zum Diskurs über die Aufnahme von Fachbegriffen siehe auch ROSSET, der die Ansichten des Jesuiten Bouhours diesbezüglich thematisiert (1908, 42ff.). Bouhours, der im 17. Jh. lebte, ist bspw. der Ansicht gewesen, dass jene Fachbegriffe, die auch im allgemeinen Sprachgebrauch vorkommen wie paysagiste für einen bestimmten Maler (vgl. Vaugelasʼ Ansichten hierzu, diese sind hier nicht so einschränkend, vgl. ROSSET 1908, 46), von solchen, die bspw. nur unter Matrosen gebraucht werden, unterschieden werden müssen (vgl. ROSSET 1908, 42f.).Was die Aufnahme von Dialektismen in den Gemeinwortschatz anbelangt, so ist diese, wie die folgende kurze Aufzählung zeigt, gegenüber den fremdsprachlichen Einflüssen stets geringer: „17. Jh.: 29 [Dialektalismen] ([gegenüber] 88 [Fremdwörtern]), 18. Jh. : 40 (172), 19. Jh. : 74 (331), 20. Jh. : 21 (78)“ (STEFENELLI 1981, 238). Interessant erscheint des Weiteren, dass sich im 17. Jh., auch wenn die Zahl gegenüber dem 16. Jh. geringer ist, eine hohe Anzahl an Italianismen gehalten hat, die überwiegend auf das fachsprachliche Vokabular der Malerei, der Musik und des Theaters anzusiedeln sind und mit 192 Lexemen an der Zahl die 90 Okzitanismen – diese stellen überwiegend Vokabular für Fischfang und Schifffahrt, seit dem 17. Jh. aber auch für Industrie und Technik – weit übertreffen (vgl. STEFENELLI 1981, 235-237).

[18] MÜLLER 1985 unterscheidet neben der langue commune – bei GEBHARDT (1973, 35) wird durch die Nomenklatur langue nationale die Nation hervorgehoben –, die dem Niveau 1 zuzurechnen ist, ferner zwischen français régionaux (Niveau 2), den dialectes français, „regroupant les parlers locaux dy type d`oïl (niveau 3 a)“ und den „langues régionales, ou langues ethniques non françaises (occitan, italien, catalan, basque, breton, parlers germaniques) (niveau 3 b)“ (kursiv v.A., MÜLLER 1985, 137; vgl. hierzu Schaubild auf S. 138).

[19] Das Regionalfranzösische unterscheidet sich vom Standardfranzösischen allen voran durch die Unterschiede in der Lexik, die Dialekte außerdem noch durch ihre phonetischen und syntaktischen Eigenheiten. Darüber hinaus besteht ein unterschiedliches Sprecherbewusstsein. Jenes des Regionalfr. zeichnet sich dadurch aus, dass die Sprecher sich oft nicht bewusst sind, dass sie eine Variante des Standards benutzen, wohingegen dies bei Dialektsprechern der Fall ist (vgl. OFFORD 1990, 147).

[20] „Holz-.F[ässer] sind keltischen Ursprungs, sie kamen anscheinend im cisalpinen Gallien und in Illyrien auf […]. Griechen und Römer der republikanischen Zeit kannten sie noch nicht“ (BUSCH / WIRTH 1981, 500).

[21] „Ihre Ordnungen, bis ins 19. Jh. relativ gleich, unterscheiden oft Großbinder (Faßbinder, Schwarzbinder, Küf[n]er, die Wein-F[ässer] herstellten (sich vielfach aber auch auf Weinpflege und –handel verlegten […], und Kleinbinder (Wannenbinder, Scheffler, Büttner, Kübler), Verfertiger von Holzgeräten für den Haushalt“ (BUSCH / WIRTH 1981, 497).

[22] Fässer „dienten als Lager- und Transportbehältnisse ebenso für flüssige Stoffe (vor allem für Getränke: Wein, Bier, Wasser, Spirituosen) wie für feste, die vor Feuchtigkeit geschützt werden sollten (Salz, Kalk, Pech, Schießpulver usw., sogar für Bücher)“ (BUSCH / WIRTH 1981, 496).

[23] „In einem Glasgem. aus dem 2. Dr. 13. Jh. in der Kath[edrale] zu Chartres erscheint der Faßbinder unter den (dort in einer Gilde zusammengeschlossenen?) Handwerkern, die mit Beil und Hobel Holz bearbeiten und sich dem Patronat des hl. Julian unterstellt haben“ (BUSCH / WIRTH 1981, 498).

[24] In der Folgezeit wurden diese Statute erweitert. „Les statuts furent encore confirmés et complétés en septembre 1556 par Henri III, puis en janvier 1637 sous Louis XIII et en 1651 sous Louis XIV“ (vgl. TARANSAUD 1976, 52).

[25] „Il sera fait défense à tout maître tonnelier de recevoir aucun compagnon qui ne fut auparavant apprenti dans lʼespace de trois ans sous un Maître Tonnelier de Chalons, à savoir deux ans sous contrat passé par un acte devant un notaire et un an éventuellement sous un autre maître Tonnelier de Chalons ou d’ailleurs. […]“ (vgl. TARANSAUD 1976, 206, Statuts et reglements por les maîtres tonneliers de la ville et banlieue de Chaalons an Champagne, Art. V, [1671] ).

[26] 26 „Les tonneliers composent à Paris une communauté d’environ deux cents maîtres qui prennent la qualité de maîtres tonneliers-déchargeurs de vin“ (Jaubert, Dict. des Arts et Métiers, 1773, zit. in: BOUCARD 2008, 618a).

[27] Die Herstellung von Bier war in der Normandie zu Beginn des 16. Jh. jener des Cidres gewichen, wie Paulmier 1573 in seinem Traité du Sidre berichtete. „Et nʼy a pas cinquante ans, quʼà Rouen et «en tout le pays de Caen, la bière était le boire commun du peuple, comme est de précisent le sidre; mais il était bien raisonnable que la bière cédât à une liqueur si plaisante et si salutaire quʼest le sidre; comme il faudra qu'étant connu par les médecins, quʼil prenne jour par toute la France“ (Paulmier 1573, zit. in: DENIS-DUMONT 1883, 127).

[28] Zu den Regionalismen aus den Langue-dʼoc-Sprachen und aus dem Fr.-prov. in der Lexikographie aus dem 17. Jh. siehe Einführungstext in LEIP 1921.

[29] Zu den historischen Tendenzen bezüglich der Etymologie französischer Wörter im metalinguistischen Diskurs des 16. und 17. Jh., darunter auch Estiennes Stellungnahme, siehe: COHEN, Paul (2005), „La Tour de Babel, le sac de Troie et la recherche des origines des langues : philologie, histoire et illustration des langues vernaculaires en France et en Angleterre aux XVIe-XVIIe siècles“, in : Études Épistémè 7, Science(s) et littérature(s) I, 31-52.

[30] ROQUES 1982, der neben Nicots Thresor auch Wörterbücher aus dem 16. Jh. miteinbezieht, arbeitete in seiner Arbeit u.a. in den Wörterbüchern fälschlich als Regionalismen bezeichnete Lexeme und unerkannte Regionalismen heraus.

[31] BROCHARD 1990 geht bspw. auf den Einfluss von Jouberts populärwissenschaftlichem Ernährungsratgeber und Medizinbuch Erreurs populaires aus dem Jahre 1578 als Quelle für Cotgrave ein. In ihrer lexikalischen Aufzählung listet sie dabei ebenso Regionalismen auf – wobei nicht alle auch bei Cotgrave aufzufinden sind –, die üblicherweise Körperteile und -bau, Früchte und Pflanzen und Ernährung bezeichnen (vgl. BROCHARD 1990, 240-249).

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Regionalismen aus der Küferei in der Lexikographie des 17. Jahrhunderts
Untertitel
Unter besonderer Berücksichtigung der langues d'oil
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Romanisches Seminar)
Veranstaltung
Les variétés régionales
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
41
Katalognummer
V287348
ISBN (eBook)
9783656876977
ISBN (Buch)
9783656876984
Dateigröße
1229 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Regionalismen, Küferei, Lexikographie, 17. Jahrhundert, Fass, Böttcherei
Arbeit zitieren
Paolo Parisi (Autor), 2012, Regionalismen aus der Küferei in der Lexikographie des 17. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/287348

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