Die Fallgeschichte „Anna O.“ erschien 1895 im Gemeinschaftswerk „Studien über Hysterie“ von Josef Breuer und Sigmund Freud. Breuer hatte Bertha Pappenheimer alias Anna O. von Juli 1880 bis zum Juni 1882 behandelt. Die Krankengeschichte gilt als Grundsteinlegung für die Psychoanalyse. Der Text gliedert sich in sechs Teile. Der Erste ist eine Art Einleitung, der Anna O. als Hauptfigur gewissermaßen einführt . Die nächsten vier Teile hat Breuer selbst vorgezeichnet . Wie er jedoch selbst schreibt, hält er die Reihenfolge der Gliederung nicht ganz ein, er hat sie auch für den Krankheits- nicht für den Textverlauf geschrieben, sodass man den Teil A zwischen Teil B und Teil C einordnen müsste.
Außerdem sind Breuers Gliederung noch einige ergänzende Punkte hinzuzufügen: Im zweiten Teil wird außer Anna O.s Zustand bei Beginn der Behandlung und ihren ersten Symptomen die anfängliche Behandlung ihres Zustands durch Erzählen der Phantasien angedeutet . Daraufhin wird im dritten Teil, während Anna Os Behandlung auf dem Land und ihrer Rückkehr in die Stadt, vor allem die Besserung ihres Zustands durch die Talking Cure beschrieben. Im letzten Teil des von Breuer gegliederten Krankheitsverlaufs erläutert er detailliert das Verschwinden der Symptome durch Erzählen des traumatischen Ereignisses.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Strukturelle Gliederung der Fallgeschichte
3. Formale Analyse: Zeitordnung und Erzählstruktur
4. Erzähltheoretische Einordnung und Fokalisierung
5. Erzählstrategien und Spannungsaufbau
6. Spannungsfeld zwischen traditioneller Therapie und Psychoanalyse
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit verfolgt das Ziel, die Fallgeschichte „Anna O.“ aus dem Werk „Studien zur Hysterie“ einer fundierten erzähltheoretischen Untersuchung zu unterziehen, um die narrativen Besonderheiten und die Rolle von Josef Breuer als Erzähler und Arzt kritisch zu beleuchten.
- Strukturelle Analyse der textinternen Gliederung
- Untersuchung der Zeitgestaltung (Analepsen und Prolepsen)
- Analyse der Erzählerposition und Fokalisierung
- Reflexion über Erzählstrategien als Mittel der Wissenschaftsetablierung
- Kontrastierung von Breuers Vorgehen mit Freuds psychoanalytischen Theorien
Auszug aus dem Buch
Erzähltheoretische Untersuchung der Fallgeschichte „Anna O.“
Bei der Fokalisierung wird zum ersten Mal Breuers Doppelrolle als Erzähler und Figur deutlich. Der Text ist null-fokalisiert, da Breuer die Informationen, die der Leser über den Krankheitsverlauf und seine eigenen Gedanken bekommt reguliert. Teilweise hat Breuer typische Merkmale für eine null- fokalisierte Erzählung eingebaut, beispielsweise Anna O.s Charakterisierung und Beschreibung ihrer Empfindungen, die sich liest wie eine Exposition, obwohl Breuer ja bei dieser faktualen Geschichte nicht mehr über seine Patientin wissen kann, als diese selbst.
Eben dadurch, dass Breuer in diesem Text eine Figur ist hat man auch oft das Gefühl, man liest seine Mitsicht der Ereignisse. Die oft nicht chronologische, sondern eben nach Breuers Erleben geordnete, Reihenfolge der Handlung und seine persönliche Stellungnahme zur Wahrhaftigkeit der Hysterikerinnen erwecken ebenfalls den Eindruck einer Mitsicht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des Thesenpapiers zur erzähltheoretischen Untersuchung der Fallgeschichte von Josef Breuer und Sigmund Freud.
2. Strukturelle Gliederung der Fallgeschichte: Detaillierte Darstellung der sechs inhaltlichen Abschnitte und der organisatorischen Struktur des Berichts.
3. Formale Analyse: Zeitordnung und Erzählstruktur: Untersuchung von Erzählzeit und erzählter Zeit sowie der chronologischen Anordnung durch Analepsen und Prolepsen.
4. Erzähltheoretische Einordnung und Fokalisierung: Analyse der Erzählerperspektive und der komplexen Doppelrolle Breuers als Arzt und Erzähler.
5. Erzählstrategien und Spannungsaufbau: Reflexion über bewusste narrative Mittel, wie Auslassungen und die Markierung wichtiger Textstellen zur Etablierung wissenschaftlicher Autorität.
6. Spannungsfeld zwischen traditioneller Therapie und Psychoanalyse: Kritische Gegenüberstellung von Breuers Vorgehensweise mit den Ansätzen Sigmund Freuds, insbesondere hinsichtlich der Sexualtheorie.
Schlüsselwörter
Anna O., Josef Breuer, Sigmund Freud, Studien zur Hysterie, Psychoanalyse, Erzähltheorie, Fallgeschichte, Erzählstrategie, Fokalisierung, Hysterie, Talk-Cure, Zeitordnung, Wissenschaftsgeschichte, Narrativ, Trauma
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit einer erzähltheoretischen Analyse der berühmten Fallgeschichte „Anna O.“ aus dem Werk „Studien zur Hysterie“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Struktur des Textes, die Rolle des Erzählers Breuer, die Zeitgestaltung und das Spannungsverhältnis zur entstehenden psychoanalytischen Lehre.
Welches Ziel verfolgt die Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Breuer durch spezifische Erzählstrategien seine Autorität als Arzt untermauerte und den Text als wissenschaftliches Dokument gestaltete.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine erzähltheoretische und formale Textanalyse, die narratologische Kategorien auf einen Fallbericht anwendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Gliederung, die Zeitstruktur, die Fokalisierung und die bewussten Erzählstrategien des Autors im Hinblick auf ihre Wirkung beim Leser.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Psychoanalyse, Fallgeschichte, Erzähltheorie und das Spannungsfeld zwischen Breuer und Freud geprägt.
Wie unterscheidet sich Breuers Umgang mit Traumata von der späteren freudschen Lehre?
Breuer verzichtet auf die sexuelle Deutung der Traumata und die Traumdeutung, während Freud genau diese Elemente ins Zentrum seiner psychoanalytischen Therapie rückte.
Warum wirkt die Fallgeschichte laut der Autorin fast fiktional?
Durch den gezielten Aufbau von Spannung mittels Pro- und Analepsen sowie die persönlichen Kommentare des Erzählers Breuer erhält der medizinische Bericht einen erzählerischen Charakter.
- Citar trabajo
- Sophie Strohmeier (Autor), 2012, Erzähltheoretische Untersuchung der Fallgeschichte „Anna O.“ aus „Studien zur Hysterie“ von Josef Breuer und Sigmund Freud, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/287843