Mythos „Neue Väter“. Eine sanfte Revolution bedingt durch die Differenz zwischen Anspruch und Realität


Bachelorarbeit, 2012

50 Seiten, Note: 1,1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Rollentheoretische Grundlagen
2.1 Soziale Rolle nach Dahrendorf
2.2 Neukonstruktion von Rollenvorschriften
2.3 Geschlechterrolle

3. Wandel der Familie
3.1 Der Familienbegriff
3.2 Entstehung der „Normalfamilie“
3.3 Kriseder„Normalfamilie“

4. DerVater
4.1 Vaterschaftsmodelle
4.2 NeueVäter
4.3 NeueVäter-alte Muster

5. Strukturelle Barrieren
5.1 Elternzeit
5.2 Einkommensverhältnisse
5.3 Berufstätigkeit des Mannes
5.4 Mangelnde Väterfreundlichkeit der Unternehmen

6. Intrafamiliäre Barrieren
6.1 Tradierte Rollenbilder
6.2 Wollen Mütter den neuen Vater?
6.3 Macht und Kontrolle
6.4 Weichensteller-Funktion der Mutter
6.5 Das Bild der „guten Mutter“
6.6 F ehlende Vorbilder

7. Zusammenfassung - der Weg zu einer „neuen Elterlichkeit“

8. Literaturverzeichnis

,, Wie ließe sich verhindern, dass sich vor allem die Jungs auf der Suche nach Halt immer wieder verirren oder sich in Rollen pressen lassen, die für ihre männlichen Vorfahren, so weit wir nur zurückschauen können, unausweichlich waren?

Die Antwort ist so einfach, dass man sie gar nicht aussprechen mag: Sie müssten jemanden finden, am besten eine Mutter oder einen Vater, der sie vorbehaltlos annimmt. Idealerweise beide, und zwar so, wie sie sind. Ohne die Absicht, irgend­etwas aus ihnen machen zu wollen. Ohne geheime Wünsche, was aus ihnen wer­den sollte. Ohne die Erwartung, etwas von ihnen zu bekommen, ohne das Gefühl, sie zu brauchen, ohne Vorurteile, ohne Zweck. Nicht als Objekte, nicht als Res­sourcen, sondern als Suchende, von solchen Eltern, die selbst Suchende sind und Suchende bleiben wollen.

Diese besondere zwischenmenschliche Beziehung, die nichts von ihnen will, die den kleinen Jungen das Gefühl tiefer Verbundenheit schenkt und die sie in jedem Moment immer wieder einlädt, ermutigt und inspiriert, sich als kleine Weltentde­cker und Gestalter ihrer eigenen Lebenswelt und ihres eigenen Selbst auf den Weg zu machen und dabei doch gleichzeitig aufs Tiefste verbunden zu bleiben, hat ei­nen Namen: Sie heißt Liebe.“

Gerald Hüther 2009 in: „Männer - Das schwache Geschlecht und sein Gehirn“

1. Einleitung

„Wie schnell werden Sie nach der Geburt Ihres Kindes wieder Ihren Beruf auf­nehmen?“, lautet eine der provokanten Frage, in dem von prominenten Frauen aus Politik und Wissenschaft formulierten offenen Brief an den SPD- Parteivorsitzen­den Sigmar Gabriel, in dem sie ihn dazu auffordern Anspruch auf Elternzeit zu nehmen und so „das Leitbild einer partnerschaftlichen Familie öffentlich wirksam vorzuleben und ihm damit neue Wege zu bahnen.“ (vgl. Schmollack 2012).

So polemisch dieser Artikel auch wirken mag, steht er doch stellvertretend für die Differenz der allgegenwärtig proklamierten und sich besonders an die Väter rich­tenden egalitären Partner- und Elternschaft und der gelebten Wirklichkeit.

Die Diskussion um „Väter“ ist heute im wissenschaftlichen wie öffentlichen Raum wesentlich präsenter als noch vor zwei Jahrzehnten, als Wassilios Fthenakis 1985 zwei Bände zur „Vater-Kind-Beziehung“ veröffentlichte. Lange Zeit verges­sen geglaubt, sind Väter verstärkt Gegenstand der Wissenschaft und die Bedeu­tung der Väter in der Sozialisierung von Kindern mittlerweile erkannt, erforscht und proklamiert. Auch die sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit Vater­schaft, Rollenerwartungen und Rollenverhalten nahm in den letzten Jahren zu (vgl. Cyprian, 2007). Relativ neu ist hingegen die Debatte darum, dass nicht nur Frauen, sondern auch Männer bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie vor Herausforderungen gestellt sind. Das dominierende Motiv, welches den aktuellen politischen wie wissenschaftlichen Vaterschaftsdiskurs in Deutschland bestimmt, ist die Loslösung von der einseitigen Orientierung am Leitbild des Vaters als Er­nährer und Oberhaupt der Familie hin zu einer „neuen und aktiven Vaterschaft“. Doch wie genau gestaltet sich diese? Wer sind sie, die „neuen Väter“? Gibt es sie überhaupt? Auf der Einstellungsebene lassen sich anhand von Studienergebnissen sehr wohl „neue Väter“ belegen, laut denen sich rund 28% der Väter dem Kon­zept der „neuen Väterlichkeit“ zuordnen lassen (vgl. Bambey/Gumbinger 2006, S. 27). Die Einstellungen der Väter zu einer “Neuen Vaterschaft”, die sich vor allem durch ein hohes familiäres Engagement und eine egalitäre Aufteilung der Eltern­rollen (vgl. Werneck 2001) kennzeichnet, sind zunehmend positiver. Doch dieser vergleichsweise offenen Grundhaltung steht, wie inzwischen ausführlich er­forscht, die Realität gegenüber „bei der von einem gleichhohen Anteil der Mütter und Väter an familiären Belangen keine Rede sein kann.“ (Werneck 2001). Auf­grund dieser erkenntniswissenschaftlichen Basis wird das Phänomen der „neuen Väter“ deshalb häufig als Mythos bezeichnet. Mythos meint in diesem Zusam­menhang die Glorifizierung und „Verklärung von Personen, Sachen, Ereignissen oder Ideen zu einem Faszinosum von bildhaftem Symbolcharakter“ (Dudenredak­tion 2010, S. 690) oder einfach eine „falsche Vorstellung“, die jedoch auch etwas Wahres enthält (ebd.).

Was hindert die Väter daran ihren Wünschen nachzukommen? Welche Faktoren erschweren den Wandel der Väter? Kann die Differenz zwischen normativer Ori­entierung und faktischem Verhalten von Vätern ausschließlich mit den unverän­derten, bzw. einem nur geringen Wandel unterliegenden institutionellen Rahmen­bedingungen erklärt werden? (vgl. Born/Krüger 2002). Oder sind die Beweggrün­de tief in der Gesellschaft, dem Rollenverständnis von Mann und Frau, Väterlich­keit und Mütterlichkeit und der Institution der Familie verankert? Welche Rolle spielen diejeweiligen Faktoren?

Für die Diskrepanz zwischen den Orientierungen und Wünschen der Väter und der Umsetzung finden sich in der Vaterforschung je nach theoretischem Zugriff verschiedene Erklärungen, wobei die meisten Arbeiten auf gesellschaftliche Rah­menbedingungen verweisen. Born und Krüger (2002, S. 117) argumentieren, dass Väter, die sich mehr Engagement innerhalb der Familie wünschen und bereit sind ihre berufliche Position zu vernachlässigen, nach wie vor auf die hinderlichen Grenzen der Arbeitswelt treffen. Eine „neue Väterlichkeit“ und damit einherge­hende Verantwortungsbereiche „müssen nicht nur normativ gewünscht, sondern faktisch geformt durchgesetzt werden - gegen eine bestehende Struktur, die die veränderte Vaterschaft nur so weit hinnimmt, wie sie nicht die Arbeitsmarktver­fügbarkeit des Mannes betrifft.“ (ebd. S. 138). Innerhalb der Forschung ist dies mittlerweile gut belegt (vgl. zusammenfassend Meuser 2007, S. 62f.). Weitaus weniger Interesse gilt dem Umstand, dass aktive Vaterschaft auch innerhalb ge­festigter Familienstrukturen, dem etablierten Rollenverständnis von Mutter und Vater und damit einhergehenden Aufgaben- und Machtbereichen auf manifestierte Barrieren trifft. Wolde (2007, S. 51) stellt fest, dass „damit eine Möglichkeit der weiteren Dynamisierung von Erklärungen der Diskrepanz zwischen Einstellung und Handlung verfehlt“ wurde. Ausgangspunkt dieser Arbeit ist daher die These, dass allein strukturelle Bedingungen zur Erklärung des nicht vollzogenen Wan­dels hin zu einer „neuen Vaterschaft“ nicht genügen - es sind auch tief verankerte

Rollenerwartungen, welche die Umgestaltung erschweren. Um dieser Behauptung nachgehen zu können, ist es notwendig, die innerhalb unserer Gesellschaft mani­festierten Geschlechterunterschiede herauszuarbeiten. Der Fokus dieser Arbeit liegt, obwohl sich europaweit Veränderungen bezüglich der Geschlechterverhält­nisse und dem Verständnis von einer neuen, engagierten Vaterschaft abzeichnen, auf den Entwicklungen und Hindernissen in Deutschland, ohne dabei jedoch nä­her auf Milieu- oder Bildungsbedingte Unterschiede einzugehen.

Mit einer Auseinandersetzung des rollentheoretischen Ansatzes nach Dahrendorf soll im zweiten Kapitel wegebreitend eine Annäherung an das Thema erfolgen. Abgeleitet von dem Begriff der sozialen Rolle werden die besonderen Charakte­ristika der Geschlechterrolle vorgestellt.

Da die Verhältnisse und Ungleichheiten der Geschlechterrollen in der Institution der Familie besonders deutlich zum Ausdruck kommen, steht im Mittelpunkt des dritten Kapitels der Wandel der Familie, insbesondere die Entstehung und Um­brüche der bürgerlichen Familie als „Normalfamilie“.

Das vierte Kapitel widmet sich der Figur des Vaters. In Abgrenzung zur traditio­nellen Vaterrolle wird ein Verständnis von „neuer Vaterschaft“ und ihren Grenzen erarbeitet.

Die folgenden Kapitel fragen nach den Ursachen für einen nicht vollzogenen Wandel hin zu den „neuen Vätern“. Dabei wird in strukturelle Hindernisse {Kapi­tel 5) und in Blockaden durch tradierte Rollenbilder innerhalb der Familie {Kapi­tel 6) unterschieden.

Wünschenswertes Ziel dieser Arbeit ist es, einen Beitrag dazu leisten zu können, dass traditionelle Geschlechterrollenbilder und Aufgabenverteilungen bewusst hinterfragt und aufgebrochen werden, um „neue Väter“ und Paare, die sich fr­eine egalitärere Gestaltung der Familienverantwortung entscheiden, zu stärken und eventuell in eine neue Bewegung zu bringen, hin zu einer neuen Elternschaft.

2. Rollentheoretische Grundlagen

Da die breite Auswahl an Literatur zur Rollentheorie unterschiedliche Akzente und Schwerpunkte setzt, sollen die Betrachtungen und Begrifflichkeiten des „Homo Sociologicus“ exemplarisch vorgestellt werden. Mit dem Aufsatz „Homo Sociologicus“ wurde der Rollenbegriff von Ralf Dahrendorf 1958 in der deut­schen Soziologie eingeführt. Dahrendorfs Ansätze bieten eine durchaus klassi­sche, wenn auch äußerst rigide Darstellung. Es soll an dieser Stelle keineswegs argumentiert werden, dass der Mensch nur Homo Sociologicus ist und schon vor­ab darauf hingewiesen werden, dass das Individuum unter anderem aus Sicht des methodologischen Individualismus die Rollenausübung selbst gestalten muss und nicht nur durch die Rolle bestimmt ist.

Auf die Beschreibung der sozialen Rolle folgt eine kurze Betrachtung der Schritte, die für eine Neukonstruktion von Rollenvorschriften notwendig sind, um im wei­teren Verlauf der Arbeit nachvollziehen zu können, weshalb der Wandel der Va­terrolle in gesellschaftliche Vorgänge eingebettet ist und sich nur nach und nach vollziehen kann.

Anschließend wird, aufbauend auf den Kriterien der sozialen Rolle, die Kategorie Geschlecht vorgestellt.

2.1 Soziale Rolle nach Dahrendorf

„Am Schnittpunkt des Einzelnen und der Gesellschaft steht homo sociologicus, der Mensch als Träger sozial vorgeformter Rollen. Der Einzelne ist seine sozialen Rollen, aber diese Rollen sind ihrerseits die ärgerliche Tatsache der Gesellschaft.“ (Dahrendorf 1977, S.20). Nach Dahrendorf muss das Individuum sich vorgegebe­ner Rollenmuster bedienen um sozial zu handeln und ist somit in der Interaktion mit anderen nur als Rollenträger denkbar. Der Einzelne kann den Rollenerwartun­gen nicht entkommen, wodurch die Gesellschaft, welche Dahrendorf als ein Netzwerk sozialer Positionen und den entsprechenden sozialen Rollen beschreibt, zu einer „ärgerlichen Tatsache“ wird. Er hat dabei jedoch nicht berücksichtigt, dass der/die einzelne Akteur_in sich wiederum nur durch die Gesellschaft zu ei­nem besonderen Individuum entwickeln kann (vgl. Schäfers 2006, S. 34).

Schäfers (1995, S. 262) definiert ähnlich wie Dahrendorf Rolle als ein „Bündel normativer Verhaltenserwartungen, die von einer Bezugsgruppe oder mehreren Bezugsgruppen an Inhaber bestimmter sozialer Positionen herangetra­gen werden. Sie sorgen für ein regelmäßiges, vorhersagbares Verhalten als Vo­raussetzung für kontinuierlich planbare Interaktionen und erfüllen somit eine all­gemeine soziale Orientierangsfunktion.“

Das soziale Handeln eines jeweiligen Individuums ist immer an die vorgeformten Handlungserwartungen anderer Menschen geknüpft. Personen „spielen“ ihre sozi­ale Rolle im Rahmen einer Vielzahl von Normalitätserwartungen und verhalten sich „rollenkonform“ als Mutter, Lehrerin oder Patientin.

Soziale Rollen sind an Verlässlichkeit, Dauerhaftigkeit und Voraussichtlichkeit geknüpft. Sie sind sozial vorgegeben, bewertet und kulturell abhängig (vgl. Kreft/Mielenz 1996, S. 466f.). Folglich sind sie zum einen die Gesamtheit der Erwartungen, die alter (Andere) an ego (das eigene Verhalten) hat und außerdem die Verfestigungen von Normen zu bestimmten Verhaltenskomplexen (vgl. Schä­fers 2006, S.33). Eine Norm ist ein verbindlicher Verhaltensstandard innerhalb einer Gesellschaft, der mit einer sozialen Bewertung einher geht. (vgl. Fuchs­Heinritz 2007, S. 460).

Die Rollen entstehen dadurch, dassjede Person eine soziale Position innerhalb der Gesellschaft einnimmt. Positionen sind Orte in einem sozialen Gebilde (wie einer Gruppe oder Organisation) die anzeigen, welche Beziehungen aufgebaut werden können und mehr oder weniger festlegen, „was wann wie zu tun ist“ (vgl. Schä­fers 2006, S.34). Dahrendorf (1977, S.30) beschreibt soziale Positionen als prinzi­piell vom Einzelnen unabhängig denkbar. Individuen nehmen gleichzeitig (z. B. kann ein Mensch Tochter, Mutter und Kundin zugleich sein) und nacheinander verschiedene soziale Positionen ein. Dabei sind Rollen und Positionen immer komplementär und abhängig voneinander: die Elternrolle ist ohne die Rolle des Kindes nicht möglich.

Im Zuge von Interaktions- und Sozialisationsprozessen werden Rollen entweder selbst erworben, gelernt und übernommen oder zugeschrieben (vgl. (Kreft/Mielenz 1996, S. 466f.). In diesem Zusammenhang bezeichnet Sozialisati­on den „Prozess der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in wechsel­seitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und materiel­len Umwelt“ (Hurrelmann 2002, S.15). Durch die dauerhafte Übernahme von so­zialen Rollen im Laufe der Sozialisation und die damit einhergehende gesell- schaftliche Anerkennung als Person, der diejeweiligen Rollen zugesprochen wer­den, formt sich die Identität eines Menschen (vgl. Fuchs-Heinritz u.a. 2007, S. 283).

Die Rolle ist nach Dahrendorf an drei wesentliche Merkmale geknüpft:

- Der Rollenbegriff weist eine Tendenz zur Verallgemeinerung auf und abs­trahiert die zugeschriebenen individuellen Merkmale, um so die soziale Gebundenheit individuellen Verhaltens zu verdeutlichen.
- Die Inhalte der Rollen werden von der Gesellschaft bestimmt und verän­dert, sind also durchaus wandelbar.
- „Wer seine Rolle nicht spielt, wird bestraft; wer sie spielt, wird belohnt, zumindest aber nicht bestraft.“ (Dahrendorf 1977, S. 35). Abweichungen vom zu erwartenden Verhalten werden sanktioniert und somit sozial kon­trolliert.

Laut Dahrendorf gibt es unterschiedlich gewichtete Rollenerwartungen, deren Nichteinhaltung entsprechende Sanktionen nach sich ziehen: die strikte „Muss­Erwartung“ (Sanktion könnte z. B. eine gerichtliche Bestrafung sein), die flexible­re „Soll-Erwartung“ (Fehltritte könnten den sozialen Ausschluss bedeuten) und lockere „Kann-Erwartung“ (die bei Nichteinhaltung mit Antipathie gewertet wer­den könnte) (ebd.).

Neben der Kontrolle des Rollenverhaltens durch Sanktionen werden Rollen im Laufe der Sozialisation verinnerlicht, so dass die äußere Kontrolle durch eine in­nere ergänzt wird.

Da Personen zumeist Träger unterschiedlicher Rollen sind, kommt es auf Grund der verschiedenen Erwartungen, die sich nicht immer miteinander vereinbaren und gleichzeitig erfüllen lassen, häufig zu Rollenkonflikten. Dahrendorf unter­scheidet in den Intra-Rollenkonflikt und den Inter-Rollenkonflikt. Von einem Intra-Rollenkonflikt ist die Rede, wenn die verschiedenen Erwartungen, die an eine Rolle gestellt werden, sich widersprechen (z. B. die Erwartung der Ehefrau an den Vater und die Erwartung des Kindes an den Vater). Ein Inter­Rollenkonflikt liegt vor, wenn die Erwartungen mehrerer unterschiedlicher Rollen einer Person miteinander in Widerspruch stehen (z. B. die Rolle des Familienva­ters und die des erwerbstätigen Mannes) (ebd. 76 ff.).

2.2 Neukonstruktion von Rollenvorschriften

Dahrendorf formuliert als wichtiges Kriterium die Wandelbarkeit von Rollen. Die Gesellschaftshistorikerin Tamara Kern Hareven, die sich eingehend mit der Ge­schichte der Familie und den Auswirkungen gesellschaftlicher Veränderungen auf die Familie beschäftigte, beschreibt weiterführend 5 Phasen, die zu einer Neukon­struktion von Rollen und Handlungserwartungen in der Gesellschaft führen (Hareven 1985, zit. n. Zimbardo 1988, S.64):

1) Individuen nehmen die sich verändernden Erfahrungen in ihrer unmittelba­ren Lebenswelt bewusst war.
2) Fachleute beobachten diesen Wandel und hinterfragen, analysieren und dokumentieren die maßgeblichen Ursachen.
3) Die „Alltagskultur“ und Massenmedien beziehen sich auf den Diskurs und greifen ihn in der Öffentlichkeit auf.
4) Staatliche Instanzen entwickeln eine neue Rechtsprechung und beauftra­gen Institutionen, sich mit den gegebenen „Herausforderungen“ auseinan­der zu setzen und die Rechte der Betroffenen zu schützen.
5) Erst wenn diese gesellschaftlichen Initiativen einen wesentlichen Einfluss auf die Betroffenen üben, so dass neue Normen entstehen, ist der Entwick­lungskreislauf abgeschlossen.

Während viele Rollen im Laufe des Lebens erworben, verändert und wieder „ab­gelegt“ werden können, gibt es auch Rollen, die zugeschrieben werden und zeit­lich zumeist immer vorhanden sind. Zu ihnen gehört die Geschlechterrolle, auf die im Folgenden näher eingegangen wird.

2.3 Geschlechterrolle

„Die beiden Geschlechter stehen in einer zu engen Verbindung, sind voneinander zu abhängig, als dass Zustände, die das eine treffen, das andere nicht berühren sollten.“ (Rosa Mayreder, 1905)

Die Geschlechterrolle ist eine askriptive Rolle, die auf dem zugeschriebenen Merkmal des biologischen Geschlechts (sex) als Körpermerkmal basiert und scheinbar unvermeidlich Voraussetzung für das soziale Geschlecht (gender) wird. Gender beschreibt die gesellschaftlich und kulturell vermittelten Bilder und nor­mativen Erwartungen an Männer und Frauen (vgl. Focks 2002, S.14f.). Wie selbstverständlich wird das anatomische Geschlecht dabei in männlich und weib­lich, Mann und Frau unterschieden und daraus eine soziale Einteilung abgeleitet (vgl. Gern 1992, S. 13). Die Zweigeschlechtlichkeit gilt in unserer Gesellschaft unkritisch als Grundannahme: „Niemand kann sich der strikt binären Klassifikati­on entziehen, dem rigorosen ,Entweder-Oder. (...) Die binäre Klassifikation ist der kategoriale Rahmen alltagsweltlichen Denkens: so werden Geschlechter iden­tifiziert und gedacht“ (Gildemeister 1988, S. 495f. zit. n. Bublitz 2003, S. 86). Gegenwärtig lassen sich allerdings erste kleine Veränderungen und seit längerer Zeit eine durchaus kritische Auseinandersetzung mit der Zweigeschlechtlichkeit in der Öffentlichkeit beobachten. In den Bereichen der Mode und Kunst gibt es sogar schon länger Versuche sich über die Zuschreibungen des vermeintlichen „Entweder-Oder“ hinwegzusetzen und Grenzen aufzuzeigen und zu lösen.

Der Soziologe Eckert (vgl. 1979, S. 236 zit. n. Tyrell 2008, S. 145) deutet auf die jeweils unterschiedlichen Annahmen bezüglich des Verhaltens von Männern und Frauen hin, woraus sich Geschlechterrollen seiner Meinung nach ergeben. Hage- mann-White (1984) verweist an dieser Stelle auf die Problematik, die sich aus der selbstverständlichen Alltagsannahme von Geschlecht als Resultat kultureller Zu­schreibung ergibt. Sie beschreibt die unterschiedlichen Geschlechterrollen und entsprechende Sozialisation von Mann oder Frau als ein Ergebnis von sich ständig wiederholenden Ein- und Zuordnungen im Sozialisationsprozess. Durch diese immerwährende Internalisierung entsteht der Eindruck von Geschlechterrollen als Natur gegebenen Tatsachen, der sich schließlich in einem unterstützenden Habitus äußert. Auch Gildemeister und Wetterer (1992) betonen, dass Geschlechter kon­struiert und nicht „natürlich“ sind. Geschlechterrollen sind demzufolge die „kultu­relle Ausformung eines biologischen Imperativs“ (Connell 1999, S. 72). Sie wer­den zumeist schon vor der Geburt zugeschrieben, aber auch aktiv in der alltägli­chen Interaktion erworben. Die von der Gesellschaft vorgegebene Differenz der Geschlechter wird allerdings zugleich auch von Männern und Frauen neu herge­stellt, bestätigt oder verändert (doing gender) (vgl. Focks 2002, S.28).

Alle Bereiche des Lebens werden im Sinne der Zweigeschlechtlichkeit von ge­schlechtsspezifischen und geschlechtshierarchischen (hinsichtlich einer unter­schiedlichen Wertung der Geschlechter, besonders aber der patriarchalischen Ab- wertung des weiblichen Geschlechts) Dimensionen durchzogen, strukturiert und konstruiert. In Folge dessen lässt die Übernahme von Geschlechterrollen „die ge­schlechtshierarchische Arbeitsteilung der Gesellschaft als selbstverständliche und funktional erscheinen“ (Böhnisch 2003, S.74). Im traditionellen Verständnis der Zweigeschlechtlichkeit schließen sich nicht nur Weiblichkeit und Männlichkeit, sondern auch Mütterlichkeit und Väterlichkeit gegenseitig aus.

Parsons (1999, S. 57f.) beschreibt die komplementär entworfenen Rollen des Va­ters und der Mutter als instrumentell-adaptiv und expressiv-integrativ. Nach dieser Unterscheidung sind instrumentelle Rollen vor allem auf die Verwirklichung von Systemzielen gerichtet (z. B. kommt dem Vater die instrumentelle Führerschaft zu, indem er das Geld für die Familie verdient), expressive auf die Integration der Gruppe (z. B. ist es die Verantwortung der Mutter, für den emotionalen Zusam­menhalt der Familie zu sorgen). Parsons sieht hierin „die Hauptachse der Diffe­renzierung von Geschlechtsrollen in allen Gesellschaften.“ (ebd. S. 58). Die unter­schiedlichen Rollenbündel der Geschlechter kann daher auf die geschlechtsspezi­fische Arbeitsteilung zurückgeführt werden (vgl. Weinbach/Stichweh 2001, S. 44f.). Die erwachsene weibliche Geschlechterrolle ist primär im Inneren der Fa­milie angelegt, während die erwachsene männliche Rolle durch die Berufswelt determiniert wird und die Familie Status gebend nach außen repräsentiert (vgl. Meuser 2012, S. 67).

Die Beziehungen zwischen den Geschlechtern sind zudem mit anderen Kategorien sozialer Strukturierung eng verbunden. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die soziale Beziehung zwischen Männern und Frauen maßgeblich verändert und die Grenzen „traditioneller“ Geschlechterrollen sind verschwommen. Wichtige Bereiche für die Analyse eines Wandels sind die Vergesellschaftungsformen von Arbeit, Generativität und Sexualität (vgl. Knapp/Wetterer 1992, S. 295) und damit einhergehenden Strukturen der Exklusion und Inklusion, der Über- und Unterord­nung (vgl. Wolde 2007 S. 25).

Inwiefern sich Geschlechterrollen in der Gesellschaft, insbesondere bezüglich der Arbeitsteilung manifestieren und äußern, aber auch gewandelt haben, soll am Bei­spiel der Familie verdeutlicht werden.

3. Wandel der Familie

Im alltäglichen wie wissenschaftlichen Diskurs wird sich immer wieder unkritisch auf die bürgerliche Familie als „Normalfamilie“ bezogen, was auch daran liegt, dass der Begriff Familie zu dieser Zeit, Mitte des 18. Jahrhunderts, in Deutsch­land erstmals aufkam und sich als Modell ausbreitete (vgl. Richter 2008, S.66f.). Unter anderem Lenz (vgl. 2002, S. 149) kritisiert den üblichen Verweis auf die bürgerliche Familie als „Normalitätsfolie“ und erachtet ihn als einseitig und sehr problematisch. Für die Frage nach den „neuen Vätern“ ist es daher bedeutend den Wandel der Familie eingehender zu betrachten und traditionelle Rollenbilder, die sich im bürgerlichen Familienmodell manifestieren, zu beschreiben, um im nächs­ten Schritt das „Neue“ oder aber auch „Alte“ herauszuarbeiten und abgrenzen zu können.

3.1 Der Familienbegriff

Das enge Verständnis von Familie mit der bestimmten Rollenstruktur von Mutter, Vater und Kind(ern), welches mit einer eindeutigen Aufgabenverteilung innerhalb der Institution Ehe einhergeht, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark ver­ändert.

„Seit den späten 1970er Jahren wird [...] die strukturelle Pluralisierung und Aus­differenzierung [der Familie] als Interpretationsfolie genutzt [...] Dabei werden die einzelnen Familienarrangements hauptsächlich in Kontrast zur bürgerlichen Familie betrachtet und als Zersplitterung und Fragmentierung derselben gedeutet, die als Lebensform stark an Selbstverständlichkeit und Verbindlichkeit verloren hat.“ (Lange/Lettke 2007, S. 18, zit. n. Böllert 2012, S. 19).

Während dieses Modell noch bis in die 1970er Jahre vorherrschend war, ist es heute nur noch eine von vielen, pluralen Familienformen (vgl. Peter 2012, S. 19f.). Die Unmöglichkeit einer allgemeingültigen Definition von Familie steht stellvertretend für deren Wandel und die unterschiedlichen Lebensformen. Dies verdeutlicht aber auch, dass es die Familie nicht gibt und nie gegeben hat (vgl. Böhnisch/Lenz 1999); Familie keine „überzeitliche Konstante“ darstellt und stets von kulturellen Wandlungsprozessen beeinflusst wird (vgl. Lenz 2002, S.159).

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Ende der Leseprobe aus 50 Seiten

Details

Titel
Mythos „Neue Väter“. Eine sanfte Revolution bedingt durch die Differenz zwischen Anspruch und Realität
Hochschule
Universität Potsdam  (Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät)
Note
1,1
Autor
Jahr
2012
Seiten
50
Katalognummer
V288455
ISBN (eBook)
9783656889168
ISBN (Buch)
9783656889175
Dateigröße
701 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Neue Väter, Familie, Elternzeit, Väter, Rollen, Geschlechterrollen, Normalfamilie, Gender
Arbeit zitieren
Carolin Sauer (Autor:in), 2012, Mythos „Neue Väter“. Eine sanfte Revolution bedingt durch die Differenz zwischen Anspruch und Realität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288455

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