Ausgangspunkt dieser Arbeit ist die These, dass allein strukturelle Bedingungen zur Erklärung des nicht vollzogenen Wandels hin zu einer „neuen Vaterschaft“ nicht genügen - es sind auch tief verankerte Rollenerwartungen, welche die Umgestaltung erschweren. Um dieser Behauptung nachgehen zu können, ist es notwendig, die innerhalb unserer Gesellschaft manifestierten Geschlechterunterschiede herauszuarbeiten. Der Fokus dieser Arbeit liegt, obwohl sich europaweit Veränderungen bezüglich der Geschlechterverhältnisse und dem Verständnis von einer neuen, engagierten Vaterschaft abzeichnen, auf den Entwicklungen und Hindernissen in Deutschland, ohne dabei jedoch näher auf Milieu- oder Bildungsbedingte Unterschiede einzugehen. Mit einer Auseinandersetzung des rollentheoretischen Ansatzes nach Dahrendorf soll im zweiten Kapitel wegebreitend eine Annäherung an das Thema erfolgen. Abgeleitet von dem Begriff der sozialen Rolle werden die besonderen Charakteristika der Geschlechterrolle vorgestellt. Da die Verhältnisse und Ungleichheiten der Geschlechterrollen in der Institution der Familie besonders deutlich zum Ausdruck kommen, steht im Mittelpunkt des dritten Kapitels der Wandel der Familie, insbesondere die Entstehung und Umbrüche der bürgerlichen Familie als „Normalfamilie“. Das vierte Kapitel widmet sich der Figur des Vaters. In Abgrenzung zur traditionellen Vaterrolle wird ein Verständnis von „neuer Vaterschaft“ und ihren Grenzen erarbeitet. Die folgenden Kapitel fragen nach den Ursachen für einen nicht vollzogenen Wandel hin zu den „neuen Vätern“. Dabei wird in strukturelle Hindernisse (Kapitel 5) und in Blockaden durch tradierte Rollenbilder innerhalb der Familie (Kapitel 6) unterschieden. Wünschenswertes Ziel dieser Arbeit ist es, einen Beitrag dazu leisten zu können, dass traditionelle Geschlechterrollenbilder und Aufgabenverteilungen bewusst hinterfragt und aufgebrochen werden, um „neue Väter“ und Paare, die sich für eine egalitärere Gestaltung der Familienverantwortung entscheiden, zu stärken und eventuell in eine neue Bewegung zu bringen, hin zu einer neuen Elternschaft.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Rollentheoretische Grundlagen
2.1 Soziale Rolle nach Dahrendorf
2.2 Neukonstruktion von Rollenvorschriften
2.3 Geschlechterrolle
3. Wandel der Familie
3.1 Der Familienbegriff
3.2 Entstehung der „Normalfamilie“
3.3 Krise der „Normalfamilie“
4. Der Vater
4.1 Vaterschaftsmodelle
4.2 Neue Väter
4.3 Neue Väter – alte Muster
5. Strukturelle Barrieren
5.1 Elternzeit
5.2 Einkommensverhältnisse
5.3 Berufstätigkeit des Mannes
5.4 Mangelnde Väterfreundlichkeit der Unternehmen
6. Intrafamiliäre Barrieren
6.1 Tradierte Rollenbilder
6.2 Wollen Mütter den neuen Vater?
6.3 Macht und Kontrolle
6.4 Weichensteller-Funktion der Mutter
6.5 Das Bild der „guten Mutter“
6.6 Fehlende Vorbilder
7. Zusammenfassung – der Weg zu einer „neuen Elterlichkeit“
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht das Phänomen der sogenannten „neuen Väter“ vor dem Hintergrund der Diskrepanz zwischen gesellschaftlichen Ansprüchen an eine egalitäre Elternschaft und der gelebten Realität. Die Forschungsfrage fokussiert dabei auf die strukturellen und intrafamiliären Barrieren, die einem tatsächlichen Rollenwandel bei Vätern entgegenstehen.
- Rollensoziologische Grundlagen von Familie und Geschlecht
- Historische Entstehung und Transformation des Familienbildes
- Analyse moderner Vaterschaftsmodelle und des Konzepts „neue Väter“
- Identifikation struktureller Hindernisse in Arbeitswelt und Politik
- Untersuchung intrafamiliärer Dynamiken und tradierter Rollenbilder
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
„Wie schnell werden Sie nach der Geburt Ihres Kindes wieder Ihren Beruf aufnehmen?“, lautet eine der provokanten Frage, in dem von prominenten Frauen aus Politik und Wissenschaft formulierten offenen Brief an den SPD- Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel, in dem sie ihn dazu auffordern Anspruch auf Elternzeit zu nehmen und so „das Leitbild einer partnerschaftlichen Familie öffentlich wirksam vorzuleben und ihm damit neue Wege zu bahnen.“ (vgl. Schmollack 2012).
So polemisch dieser Artikel auch wirken mag, steht er doch stellvertretend für die Differenz der allgegenwärtig proklamierten und sich besonders an die Väter richtenden egalitären Partner- und Elternschaft und der gelebten Wirklichkeit.
Die Diskussion um „Väter“ ist heute im wissenschaftlichen wie öffentlichen Raum wesentlich präsenter als noch vor zwei Jahrzehnten, als Wassilios Fthenakis 1985 zwei Bände zur „Vater-Kind-Beziehung“ veröffentlichte. Lange Zeit vergessen geglaubt, sind Väter verstärkt Gegenstand der Wissenschaft und die Bedeutung der Väter in der Sozialisierung von Kindern mittlerweile erkannt, erforscht und proklamiert.
Auch die sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit Vaterschaft, Rollenerwartungen und Rollenverhalten nahm in den letzten Jahren zu (vgl. Cyprian, 2007). Relativ neu ist hingegen die Debatte darum, dass nicht nur Frauen, sondern auch Männer bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie vor Herausforderungen gestellt sind.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die aktuelle Thematik der „neuen Väter“ ein und verdeutlicht die Diskrepanz zwischen dem gesellschaftlichen Ideal einer egalitären Elternschaft und der gelebten Realität.
2. Rollentheoretische Grundlagen: Dieses Kapitel erläutert soziologische Ansätze zur sozialen Rolle nach Dahrendorf und stellt die geschlechtsspezifische Konstruktion von Rollenvorschriften dar.
3. Wandel der Familie: Es wird die historische Entstehung sowie die Krise des Modells der „Normalfamilie“ beleuchtet und der Wandel des Familienbegriffs diskutiert.
4. Der Vater: Dieser Abschnitt analysiert verschiedene Vaterschaftsmodelle und hinterfragt das Konzept der „neuen Väter“ kritisch auf seine Entstehung und aktuelle Bedeutung.
5. Strukturelle Barrieren: Das Kapitel widmet sich den äußeren Hindernissen wie der Ausgestaltung der Elternzeit, Einkommensunterschieden und unternehmensseitigen Barrieren, die ein neues Väterbild erschweren.
6. Intrafamiliäre Barrieren: Hier werden die innerfamiliären Faktoren wie tradierte Rollenbilder, die Kontrolle der Mutterrolle und der Einfluss der „guten Mutter“ als Blockaden für einen Rollenwechsel untersucht.
7. Zusammenfassung – der Weg zu einer „neuen Elterlichkeit“: Die Arbeit schließt mit einer Synthese der Ergebnisse und einem Plädoyer für ein umfassenderes Verständnis von Elternschaft, das über die bloße Väterforschung hinausgeht.
Schlüsselwörter
Neue Väter, Vaterschaft, Elternzeit, Familienmodell, Rollenwandel, Geschlechterrolle, Vereinbarkeit, Normalfamilie, Sozialisation, Elternschaft, strukturelle Barrieren, Erwerbsarbeit, Väterforschung, Familienpolitik, Egalität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das soziologische Phänomen des Wandels der Vaterrolle und analysiert, warum das Ideal der „neuen Väter“ in der Realität oft an Barrieren scheitert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Arbeit fokussiert auf rollentheoretische Grundlagen, den Wandel der Familie, spezifische Vaterschaftsmodelle sowie sowohl strukturelle als auch intrafamiliäre Hindernisse für eine egalitäre Elternschaft.
Welches Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist es, ein Bewusstsein für die Mechanismen zu schaffen, die den Wandel hin zu einer partnerschaftlichen Aufteilung der Familienverantwortung blockieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf einer umfassenden Literaturanalyse sowie der Auswertung bestehender Studien und sozialwissenschaftlicher Diskurse basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die historischen und theoretischen Rahmenbedingungen des Väterbildes dargelegt und systematisch die äußeren (strukturellen) und inneren (familiären) Barrieren für den Rollenwechsel von Vätern untersucht.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind neben der „neuen Vaterschaft“ vor allem „Strukturelle Barrieren“, „Tradierte Rollenbilder“, „Normalfamilie“ und der Wandel der Geschlechterrollen.
Warum wird Vaterschaft im 19. Jahrhundert als Referenzpunkt genutzt?
Die Autorin nutzt das 19. Jahrhundert, um die Entstehung der bürgerlichen Kleinfamilie und die damit einhergehende strikte Trennung von Erwerbs- und Familienarbeit zu verdeutlichen, die bis heute unser Verständnis von „männlicher“ und „weiblicher“ Rolle prägt.
Welche Rolle spielt das Konzept der „Weichensteller-Funktion“?
Das Konzept beschreibt, dass Mütter durch ihr Verhalten (oft unbewusst) das Ausmaß des väterlichen Engagements steuern oder begrenzen, was als ein intrafamiliärer Faktor für den verlangsamten Wandel identifiziert wird.
Was ist das zentrale Ergebnis in Bezug auf die „neuen Väter“?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass die „neuen Väter“ oft ein Mythos sind, da trotz positiver Einstellungen auf individueller Ebene die strukturellen und kulturellen Rahmenbedingungen einen tatsächlichen Rollenwechsel häufig verhindern.
Welcher Ausblick wird für die „neue Elterlichkeit“ gegeben?
Die Arbeit plädiert dafür, den Fokus von einer reinen Väterforschung auf eine gesamtgesellschaftliche „neue Elterlichkeit“ zu verlagern, die Männer und Frauen gleichermaßen von starren Rollenzuweisungen befreit.
- Citation du texte
- Carolin Sauer (Auteur), 2012, Mythos „Neue Väter“. Eine sanfte Revolution bedingt durch die Differenz zwischen Anspruch und Realität, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288455