Theoretische Reflexion und Praxis der Schulsozialarbeit


Akademische Arbeit, 2004

29 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1 Begriffsdefinitionen und geschichtlicher Hintergrund

2 Schulsozialpädagogische Profilbildung
2.1 Zielgruppen und Zielsetzung
2.2 Rechtliche Grundlagen
2.3 Aufgaben und Inhalte

3 Handlungsorientierung der Schulsozialarbeit
3.1 Handlungsmaximen
3.2 Prinzipien und Strategien methodischen Handelns
3.3 Grundsätze der schulsozialpädagogischen Arbeit
3.3.1 Prävention
3.3.2 Ressourcenorientierung
3.3.3 Beziehungsarbeit
3.3.4 Prozessorientierung
3.3.5 Methodenkompetenz
3.3.6 Systemorientierung
3.4 Entwicklung von Modellen und Konzepten

5 Anhang

6 Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur)

Das Problemfeld Schulsozialarbeit nimmt eine Scharnierfunktion zwischen Familie, Schule und Jugendhilfe wahr und ist mit der Aufarbeitung von unterschiedlichen Problemlagen, die zwischen den Sozialisationsinstanzen der Jugendlichen entstehen können, beauftragt (vgl. Stickelmann 2002, S. 807). Im Folgenden soll die vielseitige theoretische und praktische Gestaltung dieses Arbeitsfeldes differenziert betrachtet werden.

1 Begriffsdefinitionen und geschichtlicher Hintergrund

Schulsozialarbeit stellt ein vergleichsweise junges Arbeitsfeld der Sozialen Arbeit dar. Der Begriff „Schulsozialarbeit“ taucht erstmals in der deutschen Fachliteratur Ende der 60er Jahre auf und wird von Heinz Abels in terminologischer und konzeptioneller Anlehnung an das amerikanische Berufsfeld „School Social Work“ eingeführt (vgl. Mühlum 1993, S. 241). Vorläufer der Schulsozialarbeit in Deutschland sind die Rettungshausbewegung (ab 1830), Schulkinderfürsorge (ab 1870), der schulärztliche Dienst (ab 1880) und die Schulpflege (ab 1915), die später in Schülerpolizei umgenannt wurde und besonders zur Durchsetzung der Schulpflicht diente (vgl. Mühlum 1993, S. 241; Kraimer 2003, S. 17f). Mit der Verabschiedung des Reichsjugendwohlgesetzes von 1922 wird die institutionelle Trennung von Jugendwohlfahrt und Schule beschlossen. So bezeichnet Gertrud Bäumer die Sozialpädagogik als den „dritten Erziehungsbereich neben Familie und Schule“ (vgl. Kraimer 2003, S. 18). Erst Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre wird die gesellschaftspolitische Diskussion zur Schulsozialarbeit wieder aufgenommen und die gemeinsame Verantwortung von Schule und Jugendhilfe für die gelingende Sozialisation von Jugendlichen neu bewusst gemacht (vgl. Mühlum 1993, S. 244f).

Heute wird die Schulsozialarbeit angesichts der steigenden Gewaltbereitschaft, der aktuellen Drogenproblematik und der wachsenden Kriminalität an den deutschen Schulen besonders stark diskutiert. Der Bedarf an sozialpädagogischer Arbeit ist an Schulen zweifelsfrei vorhanden, doch leider gibt es derzeit keine einheitliche Theorie der Schulsozialarbeit, so dass dieses Arbeitsfeld sich noch in einer konzeptionellen Debatte befindet (vgl. Hartmann 1998, S. 274). Ganz allgemein kann man die Schulsozialarbeit als eine Form der Kooperation von Jugendhilfe und Schule bezeichnen. Es gibt eine Vielzahl an unterschiedlichen Definitionen, die jeweils andere Aspekte dieses Arbeitsfeldes betonen.

Im Weiteren sollen einige Definitionsversuche dieses Arbeitsbegriffes exemplarisch vorgestellt werden:

Anne Frommann versteht Schulsozialarbeit als einen Oberbegriff „für eine Gruppe verschiedener Aktivitäten innerhalb von Schule, die vorwiegend außerhalb des Unterrichts, in Anlehnung an sozialpädagogische Methoden und mit pädagogischen, sozialen und gesellschaftlichen Zielsetzungen betrieben werden (Frommann 1984, zit. n. Mühlum 1993, S. 246).

Außerdem ist Schulsozialarbeit für sie die Bezeichnung eines Arbeitsprinzips.

Wilfried Wulfers definiert Schulsozialarbeit ebenfalls als einen Oberbegriff, „der alle Aktivitäten einschließt, die dazu geeignet sind, Konflikte und Diskrepanzen bei SchülerInnen, Eltern und LehrerInnen auf der Grundlage adäquater Methoden der Sozialarbeit (bzw. Sozialpädagogik) innerhalb der Schule oder auf die Schule bezogen abzubauen “ (Wulfers 1991, zit. n. Mühlum 1993, S. 246).

Gerhard Segel ist der Ansicht, dass unter Schulsozialarbeit „ unterschiedliche Arbeitsansätze gefasst [werden], bei denen Sozialarbeiter/ Sozialpädagogen in der Schule arbeiten (Segel 1996, zit. n. www.schulforum.net 2003).

Albert Mühlum bringt die vielen Definitionen auf eine Kurzformel: „ Schulsozialarbeit ist berufliche Sozialarbeit in und mit Schulen “ (Mühlum 1993, S. 246). Seiner Meinung nach sollten bei einer Präzisierung von Schulsozialarbeit folgende drei Punkte berücksichtigt werden:

- Schulsozialarbeit ist ein Handlungsfeld, kein Arbeitsprinzip, auch keine Methode.
- Schulsozialarbeit basiert auf methodenbewusster beruflicher Sozialarbeit/ Sozialpädagogik.
- Schulsozialarbeit ist direkt in der Schule oder im unmittelbaren schulischen Umfeld angesiedet.

In erster Linie sollte die Schulsozialarbeit immer schülerzentriert sein, auch wenn sie schulunterstützende, familienberatende oder umfeldorientierte Schwerpunkte haben kann (vgl. dazu Mühlum 1993, S. 246f).

Als letzte Definition soll die von Thomas Olk, Gustav-Wilhelm Bathke und Birger Hartnuß angeführt werden.

Unter Schulsozialarbeit verstehen diese Autoren

„sämtliche Aktivitäten und Ansätze einer verbindlich vereinbarten, dauerhaften und gleichberechtigten Kooperation von Jugendhilfe und Schule – bzw. von Fachkräften der Jugendhilfe einerseits und Lehrkräften andererseits – [...] durch die sozialpädagogisches Handeln am Ort sowie im Umfeld der Schule ermöglicht wird. [...] Schulsozialarbeit ist also eine zusätzliche Ressource, die die pädagogische Qualität der Schule weiterentwickeln hilft und das Repertoire pädagogischer Arbeitsformen und Lernchancen erweitert“ (Olk u.a. 2000, S. 178f).

Diese Definition wird favorisiert und liegt auch den folgenden theoretischen Überlegungen dieser Arbeit zugrunde. Sie beinhaltet zwei wichtige Tatsachen: Einerseits muss die Schule ihr bisher „unterrichtszentriertes Selbstverständnis“ aufgeben und sich einer Erweiterung ihres Erziehungs- und Bildungsauftrages öffnen. Andererseits kann Jugendhilfe die Institution Schule, die ein bedeutsamer Lebensort von Kindern und Jugendlichen geworden ist, nicht länger ignorieren und sich aus den schulischen Sozialisationsprozessen heraushalten (vgl. Braun u.a. 1999, S. 261).

Festzuhalten ist, dass Schulsozialarbeit „weder Entmachtung der Institution Schule“, noch deren „Befreiung von der erzieherischen Pflicht“ bedeutet. Sie ist also ein eigenständiger Bereich der Jugendhilfe, der einen eigenen Auftrag hat, diesen aber nur in gemeinsamer Verantwortung und Zusammenarbeit mit Schule erfolgreich erfüllen kann (vgl. Ludewig/Paar 2001, S. 518).

2 Schulsozialpädagogische Profilbildung

Trotz ihrer relativ kurzen Entwicklungsgeschichte ist die Schulsozialarbeit zu einer wichtigen „Orientierungs- und Strukturierungshilfe für Kinder und Jugendliche in der Schule“ (Stickelmann 2002, S. 806) geworden, die sich nicht nur um Freizeit- und Betreuungsangebote kümmert, sondern durch Maßnahmen, Konzepte und Modelle, die theoretisch reflektiert und praktisch evaluiert werden, den Schülern professionelle Hilfestellungen bieten kann (vgl. Kraimer 2003, S. 19).

2.1 Zielgruppen und Zielsetzung

Durch sozialpädagogische Arbeit an Schulen werden folgende weit gefasste und übergreifende Ziele, die für die konkrete Schulsituation in Zusammenarbeit mit der Schulleitung und entsprechend den tatsächlichen Anforderungen, Begebenheiten und Möglichkeiten vor Ort konkretisiert werden müssen, verfolgt (vgl. Braun u.a. 1999, S. 260; Wulfers 1996, S. 55f; Drilling 2001, S. 116):

- Förderung der individuellen und sozialen Entwicklung der Persönlichkeit,
- Erweiterung der schulischen Bildungsmöglichkeiten,
- Abbau und Ausgleich von sozialen Ungleichheiten und Benachteiligungen in der Schule,
- Aufbau von ergänzenden sozialen und kulturellen Lernangeboten,
- Angebot von Hilfen bzw. Hilfestellungen bei Entwicklungskrisen,
- Verhinderung der Entstehung von Verhaltensabweichungen im schulischen Bereich,
- Förderung der sozialen Kompetenz von Schülern durch gezielte Maßnahmen und Aktionen,
- Beratung und Weitervermittlung der Eltern von benachteiligten, sozial auffälligen oder behinderten Schülern.

Grundsätzlich gelten die Angebote der Schulsozialarbeit allen Kindern und Jugendlichen einer Schule. Das heißt, die primäre Zielgruppe bzw. die Adressaten der Schulsozialarbeit sind unmittelbar und mittelbar Schülerinnen und Schüler, die bei der Entfaltung ihrer Fähigkeiten und ihrer personalen und situationsbezogen Handlungsmöglichkeiten sozialpädagogische Hilfen und Angebote brauchen (vgl. Ludewig/Paar 2001, S. 523). Der mittelbare Zugang zu den Schülern erfolgt über die Lehrkräfte, die nach Hintergründen für das Verhalten ihrer Schüler fragen und sozialpädagogisch unterstützt werden möchten, durch Eltern bzw. Erziehungsberechtigte, die bei ihrem Erziehungsauftrag unterstützt werden möchten und über persönliche Kontakte des Schulsozialarbeiters zu den Schülern, z.B. durch Freizeitangebote. So ist neben „dem sichtbaren, äußeren Anlass“ für Bildung einer AG, eines Projektes usw. immer auch eine „zweite Ebene“ vorhanden, weshalb die Schulsozialarbeit an der Mitwirkung im schulischen Alltag interessiert ist. Durch Entstehung von Beziehungen kann nämlich eine vertrauensvolle Basis für Hilfestellungen geschaffen werden (vgl. Drilling 2001, S. 116).

Schulsozialarbeit ist aber nicht nur ein Angebot für Schüler und Schülerinnen, sondern auch für Lehrkräfte. Sie können von den Schulsozialarbeitern Unterstützung und Entlastung in Konfliktsituationen und in der Präventionsarbeit erwarten. Außerdem können die Schulsozialarbeiter die Lehrkräfte bei Problemen mit Schülern beraten, bei Elterngesprächen moderieren und Vermittlungsfunktionen zu anderen Institutionen übernehmen (vgl. Drilling 2001, S. 116, 120f). Die dritte Zielgruppe der Schulsozialarbeit stellen die Eltern der Schüler dar. Auch sie erhalten von den Schulsozialarbeitern durch Beratungsgespräche und Herstellung von Kontakten zu anderen Helferorganisationen Unterstützung in Krisen- und Überforderungssituationen.

„Im Sinne einer ressourcenorientierten Elternarbeit sollte Schulsozialarbeit vermehrt gemeinsam mit der Schule versuchen, Kompetenzen und Stärken von Eltern ins Geschehen im Schulhaus einzubinden. Dann kann in Krisensituationen auf eine positiv besetzte Beziehung zurückgegriffen werden“ (Drilling 2001, S. 119).

Die Aufgabe der Schulsozialarbeit besteht demnach darin: Einerseits präventiv positive Lebensbedingungen für Kinder und Jugendliche zu schaffen und die Schüler und ebenso ihre Eltern zur Wahrnehmung von Eigenverantwortung zu motivieren. Andererseits eingreifend zu handeln und bei besonderen Problemlagen Unterstützung, Hilfen und Beratung anzubieten (vgl. Braun u.a. 1999, S. 260). Ihre Zielsetzung ist somit gleichermaßen individuell, institutionell und gesamtgesellschaftlich ausgerichtet (vgl. Hartmann 1998, S. 270)[1].

2.2 Rechtliche Grundlagen

Die wesentlichen rechtlichen Grundlagen für die Schulsozialarbeit sind im SGB VIII (=KJHG) in den Paragraphen 1, 13, 11 und 81 zu finden. Diese vier Paragraphen sollen nacheinander detailliert betrachtet werden.

§ 1 KJHG [Recht auf Erziehung, Elternverantwortung, Jugendhilfe]

„ (1) Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit. [..] (3) Jugendhilfe soll zur Verwirklichung des Rechts nach Absatz 1 insbesondere

1. junge Menschen in ihrer individuellen und sozialen Entwicklung fördern und dazu beitragen, Benachteiligungen zu vermeiden oder abzubauen,

2. Eltern und andere Erziehungsberechtigte bei der Erziehung beraten und unterstützen,

3. Kinder und Jugendlichen vor Gefahren für ihr Wohl schützen,

4. dazu beitragen, positive Lebensbedingungen für junge Menschen und ihre Familien sowie eine kinder- und familienfreundliche Umwelt zu erhalten oder zu schaffen “ (§ 1 KJHG).

Dieser Paragraph gibt die grundsätzliche Zielrichtung für das SGB VIII vor, d.h. er stellt einen „Generalauftrag“ der Jugendhilfe dar, und ermächtigt die Schulsozialarbeit, ihren Beitrag zum Wohl der Kinder zu leisten (vgl. Ludewig/Paar 2001, S. 522). Vor dem Hintergrund des § 1 KJHG reicht der Handlungsauftrag der Jugendhilfe vom pädagogischen Eingreifen in bestehende Problemlagen über präventive Angebote für Kinder, Jugendliche und Eltern bis hin zu allgemeiner Interessenvertretung junger Menschen (vgl. www.schulforum.net 2003). Demnach bedeutet das, dass Kinder- und Jugendhilfe „präventiv“ und „offensiv“ tätig sein sollte und auch auf Probleme der Kinder und Jugendlichen im schulischen Bereich eingehen, um so ihrem gesetzlichen Auftrag gemäß §1 Abs. 3 nachzukommen (vgl. Ludewig/Paar 2001, S. 522f; www.schulforum.net 2003; Stickelmann 2002, S. 807).

§ 13 KJHG [Jugendsozialarbeit]

Paragraph 13 KJHG gilt als die wichtigste rechtliche Grundlage für das Angebot der Schulsozialarbeit, obwohl sie auch hier nicht ausdrücklich erwähnt wird und nur hergeleitet werden kann. Schulsozialarbeit soll jungen Menschen Unterstützung bieten, um sie in ihrer schulischen Ausbildung, Eingliederung in die Arbeitswelt und sozialen Integration zu fördern (vgl. Stickelmann 2002, S. 807; Ludewig/Paar 2001, S. 522). Bedeutsam für die Schulsozialarbeit ist, dass im Absatz 4 eine Kooperationsverpflichtung der Jugendhilfe mit der Schule enthalten ist:

„ (4) Die Angebote sollen mit den Maßnahmen der Schulverwaltung, der Bundesanstalt für Arbeit, der Träger betrieblicher und außerbetrieblicher Ausbildung sowie der Träger von Beschäftigungsangeboten abgestimmt werden “ (§ 13 KJHG Abs. 4).

Angesichts der wachsenden Zahl „schulmüder Jugendlicher“, der hohen Wertung von schulischen Abschlüssen, der Schwierigkeiten der Jugendlichen, einen Ausbildungsplatz zu bekommen und damit verbunden der hohen Jugendarbeitslosigkeit wird die Bedeutung der Jugendsozialarbeit im Sinne von § 13 KJHG für Schulen und für Jugendhilfe immer wichtiger. Die schul-, arbeitswelt- und berufsbezogenen Angebote haben eine hohe „integrierende und sozialpolitische Funktion“ (vgl. www.schulforum.net 2003). Wenn der § 13 KJHG jedoch als einzige rechtliche Grundlage für die Projekte der Schulsozialarbeit angeführt wird, besteht die Gefahr, dass sie dann traditionellerweise nur auf eine „Fürsorgefunktion“ und auf eine Rolle als „Feuerwehr der Schule“ für „auffällige Schüler“ beschränkt wird (vgl. www.schulforum.net 2003).

§ 11 KJHG [Jugendarbeit]

Im Gegensatz zu § 13 KJHG hat § 11 KJHG als Zielgruppe alle jungen Menschen und ist nicht auf sozial benachteiligte oder individuell beeinträchtigte Kinder und Jugendliche beschränkt. Die Jugendhilfe wird hier verpflichtet, jungen Menschen „die zur Förderung ihrer Entwicklung erforderlichen Angebote“ (Abs. 1) zur Verfügung zu stellen. Diese Angebote sollen den Interessen junger Menschen entsprechen und von ihnen mitbestimmt und mitgestaltet werden. Das Ziel sollte sein, Jugendliche damit „zur Selbstbestimmung zu befähigen, sie zu gesellschaftlicher Mitverantwortung und sozialem Engagement anzuregen und hinzuführen“ (vgl. www.schulforum.net 2003). Auch in diesem Paragraph wird die Schulsozialarbeit nicht speziell erwähnt. Dennoch sieht die Jugendhilfe darin die Berechtigung, Angebote der Jugendarbeit an Schulen anzubieten, weil die Schulen längst zu einem wichtigen Lebensbereich der Kinder und Jugendlichen geworden ist.

§ 81 KJHG [Zusammenarbeit mit anderen Stellen]

Seit In-Kraft-Treten des KJHG wird die Notwendigkeit einer Kooperation der Jugendhilfe mit der Schule bzw. der Schulverwaltung gesehen und gesetzlich im § 81 KJHG Abs. 1 festgelegt (vgl. Stickelmann 2002, S. 807). Diese Regelung ist für die Praxis der Schulsozialarbeit von großer Wichtigkeit, denn die Jugendhilfe kann nur in Zusammenarbeit mit anderen Sozialisationsinstanzen ihren Auftrag „als präventive und offensive Interessenvertretung“ junger Menschen erfolgreich wahrnehmen und erfüllen (vgl. www.schulforum.net 2003).

In den angeführten Paragraphen wird die Schulsozialarbeit leider an keiner Stelle explizit genannt, so dass sie sich immer noch auf dem Status einer „Kann-Leistung“ der Jugendhilfe befindet. Es ist mehr als wünschenswert, dass wegen des inzwischen unumstrittenen Bedarfs für die Schulsozialarbeit eine eigenständige Rechtsnorm im SGB VIII geschaffen wird, „um die Verpflichtung und Verbindlichkeit zu erhöhen“ (vgl. Simon 2003, S. 7). Auch die Kooperationsverpflichtung in § 81 KJHG gilt zunächst nur den Fachkräften der Jugendhilfe. Entsprechende Kooperationsverpflichtungen sind höchstens in den Schulgesetzen einiger Länder (Bayern, Brandenburg, Niedersachsen, Saarland, Baden-Württemberg und Mecklenburg-Vorpommern) enthalten, wobei auch diese Kooperationsregelungen oft Kann-Regelungen sind. Sie erstrecken sich meistens nur auf die Arbeit mit gefährdeten und beeinträchtigten Schülern mit sonderpädagogischem Bedarf oder auf eine Kooperation des Schulleiters mit der Jugendhilfe (vgl. www.schulforum.net 2003).

Die Tatsache, dass Schulsozialarbeit im KJHG nur mittelbar erwähnt wird und nicht einmal in einem Absatz eine eigenständige Berücksichtigung findet, weist auf einen erheblichen Strukturfehler des KJHG hin. Diese unzureichende Beachtung der Schulsozialarbeit trägt zu Unsicherheit der Schulen und der Schulsozialarbeiter, zu geringer gesetzlicher Absicherung und zu mangelhafter institutioneller Verankerung von Schulsozialarbeit bei. Aus diesem Grund wird der Gesetzgeber von vielen „Jugendhilfe-Experten“ aufgefordert, der Vielzahl der entwickelten Schulsozialarbeitsprojekten eine entsprechende gesetzliche Grundlage zu geben und auch die Schulen zu einer Kooperation mit der Jugendhilfe gesetzlich zu verpflichten (vgl. Ludewig/Paar 2001, S. 523; Simon 2003, S. 7).

2.3 Aufgaben und Inhalte

Die übergreifende Aufgabe der Schulsozialarbeit besteht darin,

- zwischen der alltäglichen Lebenswelt der Jugendlichen, der Schule und der Jugendhilfe durch Verständigung und Kooperation zu vermitteln,
- Angebote für Schüler und Schülerinnen für eine erfolgreiche Bewältigung der Entwicklungs- und Lernprobleme zu schaffen,
- und sie im Prozess der Persönlichkeitsentwicklung zu unterstützen (vgl. Braun 1999, S. 258; Ludewig/Paar 2001, S.521).

Außerdem möchte die Jugendhilfe durch Etablierung der Schulsozialarbeit nicht nur zu ihrer Zielgruppe gelangen, sondern auch das Schulleben mitgestalten und besonders an der Stärkung der schulischen Integrationsfunktion für benachteiligte Schüler mitwirken (vgl. Ludewig/Paar 2001, S. 520). Durch Schulsozialarbeit werden präventive Ansätze der Jugendhilfe in die Schule eingebracht und eine „Vermittlungs- und Anlaufinstanz“ für Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichen Problematiken und in unterschiedlichen Lebenslagen (z.B. Schulverweigerung, Gewaltorientierung, psychische Störungen) geschaffen. Schulsozialarbeit hat somit in der Institution Schule einem ergänzenden „Korrekturauftrag“ nachzukommen, da der gesellschaftliche Bildungs- und Erziehungsauftrag durch Schule allein nicht hinreichend erfüllt werden kann (vgl. Stickelmann 2002, S. 806).

[...]


[1] Die im KJHG verankerte Zielsetzung der Jugendsozialarbeit am Ort der Schulen wird im nächsten Abschnitt im Zusammenhang mit den rechtlichen Grundlagen der Schulsozialarbeit beschrieben.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Theoretische Reflexion und Praxis der Schulsozialarbeit
Hochschule
Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
29
Katalognummer
V288546
ISBN (eBook)
9783656887355
ISBN (Buch)
9783656905851
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
theoretische, reflexion, praxis, schulsozialarbeit
Arbeit zitieren
Elisabeth Keller (Autor), 2004, Theoretische Reflexion und Praxis der Schulsozialarbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288546

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