Unternehmenskultur aus Perspektive der Geschichtswissenschaft

Defizite und Anknüpfpunkte des Forschungstands


Essay, 2012
13 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

Unternehmenskultur aus Perspektive der Geschichtswissenschaft

Historische Ansätze zur Analyse der Unternehmensethik
Moral Economy
Business Ethics
Unternehmenskultur
Behebung der Defizite und Ausblick

Unternehmenskultur aus Perspektive der Geschichtswissenschaft

Defizite und Anknüpfpunkte des Forschungsstandes Wirtschafts- und Unternehmensethik ist genuin eine integrierte Forschungsrichtung der Wirtschaftswissenschaften und Philosophie.[1] In dieser Arbeit dienen deren Fachtermini zur Orientierung und werden im nächsten Kapitel in die Methodik integriert.

Wirtschafts- und Unternehmensethik hat zunächst einen starken normativen Charakter. Werte und Normen werden nach dem KriterFrium „gut“ bzw. „richtig“ bewertet.[2] Ethik als philosophisch-wissenschaftlicher Begriff geht folgender Fragestellung nach: „Was macht das Handeln des Individuums gut und was macht richtiges Handeln aus?“[3] Ethik als wirtschaftswissenschaftliches Interessengebiet integriert dieses Erkenntnisinteresse in die Ökonomik. Während Ethik einen „Soll-Zustand“ legitimiert, versucht die Wirtschaftsethik „ethische Vernunft“[4] mit ökonomischem Rationalismus zu vereinbaren und wechselseitig anzupassen.[5] Damit folgt die wirtschaftsethische Forschung einem Rechtfertigungsparadigma und versucht gleichzeitig angemessene Lösungsvorschläge zur Implementierung von Normen zu entwickeln.[6]

Im Allgemeinen lässt sich zwischen drei unterschiedlichen Ansätzen unterscheiden. Der normative Ansatz, oder in der aktuellen wirtschaftswissenschaftlichen Debatte als „integrativer Ansatz“ bezeichnete Methode, diskutiert Normen und die Möglichkeiten der Realisierung in der Wirtschaft. Dieser Ansatz lässt sich in unterschiedliche Analysemodelle aufteilen, wobei jedoch immer die Ermittlung einer guten Moral, sowie Normen und Werte im Vordergrund steht.[7] Hingegen beschränkt sich der deskriptive Ansatz, welcher für Sozial- und Kulturwissenschaftler eine höhere Relevanz besitzt, auf die Zustandsbeschreibung normativer Deutungsmuster in einer Gesellschaft. Drittens, untersucht der metatheoretische Ansatz die „Sprache und Logik“[8] der Wirtschaftsethik und versucht damit Kommunikationsstrategien und verwendete Semantiken in Diskursen zu analysieren.[9] Unabhängig von der Stoßrichtung dieser unterschiedlichen Ansätze dient Ethik immer als Legitimationsmuster für menschliches Verhalten.[10]

Die Wirtschaftswissenschaft gliedert Wirtschaftsethik in drei Bereiche. Der Bereich der Makroebene beschreibt die „Ordnungsethik“. Im Erkenntnisinteresse steht hierbei die Orientierung der marktwirtschaftlichen Organisation an ethischen Grundsätzen, wie z.B. der gerechten Verteilung des Volkseinkommens. Damit soll die Ordnungsethik einen bestimmten Zweck der Marktwirtschaft legitimieren. Das Unternehmen leistet die Aufrechterhaltung dieser Ordnung, nicht durch Einhaltung der Gesetze, sondern durch ihre Orientierung an ethischen Grundsätzen, die dem Gewinnstreben gegenüber stehen, wie z.B. dem Paradigma der „sozialen Gerechtigkeit“.[11]

Die „Mesoebene“ an zweiter Stelle rückt die Institution „Unternehmen“ in den Mittelpunkt und betrachtet die Organisationstruktur, Entscheidungs- und Regelsysteme, die Einfluss auf das Management des Unternehmens haben sowie institutionelle Strukturen, die sich auf das Verhalten des Individuums auswirken.[12] Neben der Frage der inneren Organisation gemäß ethischer Grundsätze spielt ebenso die Geschäftstätigkeit eine Rolle. Die Gewinnerzielung wird dabei mit moralischen Bedenken abgewogen.[13] Es handelt sich demnach um die Analyse von Ethik innerhalb des Unternehmens, daher auch „interne Unternehmensethik“ genannt.

Zuletzt ist noch die Mikroebene zu nennen, welche die Beziehungen eines Gesellschaftsmitglieds zu seiner äußeren Umwelt umfasst. Diese sogenannte Individualethik analysiert die Stellung des Einzelnen innerhalb der Gesamtgesellschaft und seiner Pflichten ihr gegenüber. Ethische Grundsätze wie „Klugheit, Gerechtigkeit, Toleranz (und) Diskursfähigkeit“[14] legitimieren individuelles Handeln.[15] Die Mikroebene spielt nur bedingt in dieser Arbeit eine Rolle. Der Diskurs um ethisch legitimiertes Handeln des einzelnen Gesellschaftsmitglieds wird hier nicht miteinbezogen, zwecks einer Verengung auf die Institution Unternehmen. Jedoch ist die ethische Erwartungshaltung des Individuums für den unternehmensethischen Diskurs ebenso von Bedeutung. Als Beispiel dafür kann die Ablehnung von Produktkäufen dienen, die aus menschenunwürdiger Produktion stammen, woraufhin das Unternehmen seine ethischen Standards ändert.[16] Es wird also deutlich, dass die Grenzen dieser inhaltlichen Ebenen fließend sind. Unterschiedliche Akteure, vom Staat bis hin zum Individuum üben unabhängig vom inhaltlichen Bezug Einfluss auf den Diskurs aus.[17]

Diese Grundbegriffe werden als Grundlage zur deskriptiven Analyse genutzt. Jedoch müssen zunächst noch geschichtswissenschaftliche Ansätze miteinbezogen werden, da diese in dem hier zu entwickelnden Forschungsansatz eine nicht unbeträchtliche Rolle spielen.

Historische Ansätze zur Analyse der Unternehmensethik

Moral Economy

Als Erstes soll eine Forschungsdebatte genannt werden, die beispielhaft zeigt, wie moralische Implikationen von Wirtschaftssystemen in die historische Analyse integriert werden können. Karl Polanyi hat die Transformation der Ökonomie in der Übergangszeit vom Feudalismus zur Marktwirtschaft untersucht. Dabei wird die These aufgestellt, dass die Ökonomie aus ihrer normativen Verankerung herausgehoben wurde und sich als selbst-regulierendes Subsystem etablierte.[18] Werte und Normen haben demnach den Zusammenhalt einer Gemeinschaft im Gegensatz zu einer Gesellschaft[19] garantiert und individuelle Profitmaximierung sanktioniert. Die Ökonomie war demzufolge auf den Erhalt der Gemeinschaft ausgerichtet und damit nicht dominierender Bestandteil sozialer Institutionen. [20]

Edward P. Thompson hat auf Grundlage dieses Transformationszyklus die Theorie der „Moral Economy“ entwickelt, wonach Traditionen und Gebräuche von in sich geschlossenen Dorfgemeinden[21] durch Marktmechanismen an Bedeutung verlieren.[22] James C. Scott wendete diese Theorie auf vietnamesische Dorfgemeinden an und beschreibt den Zusammenhalt einer lokalen Gemeinschaft mit dem Prinzip der Subsistenz-Ethik. Demnach sind die Gemeinschaftsmitglieder trotz hierarchischer Ordnung religiösen Normen und Werten verpflichtet, welche für alle Gültigkeit besitzen.[23] Die Erhaltung dieser Ordnung hat oberste Priorität, da durch sie die Subsistenzwirtschaft gesichert sei und lediglich Erntefluktuationen einen Risikofaktor der Nahrungssicherheit darstellten. Im Gegensatz zu Thompson bewertet Scott den auf die Penetration durch Marktmechanismen folgenden Bauernaufstand nicht als genuin anti-kapitalistisch. Demzufolge könnten die Erträge für die Bauern gesteigert werden, jedoch falls der Aufbau eines Wettbewerbs zu einer steigenden Unsicherheit der Nahrungsgewinnung und Erträge führe, seien die althergebrachten Traditionen gefährdet, welche die Nahrungssicherheit garantiert haben. Diese neue Form der Verwertung und Ausbeutung stellten daher eine zusätzliche Bedrohung dar, woraufhin die Bauern rebellierten.[24] Es lässt sich draus eine ethische Verantwortung erkennen, die besagte, dass selbst das Überleben des Ärmsten in einer Gemeinschaft gesichert sein müsse. Vertreter des Ansatzes der Moral Economy machen jedoch keine Aussagen über die Rolle von Privatbesitz in lokalen Gemeinschaften.[25]

Ohne noch weiter auf die Forschungsdebatte der „Moral Economy“ eingehen zu müssen, lässt sich festhalten, dass Ethik als Bezugspunkt geschichtswissenschaftlicher Analysen bereits dort ihren Anfang genommen hat. Zwar bezog sie sich auf die soziokulturellen Bedingungen prä-kapitalistischer Gesellschaftsformen, jedoch lässt sich daraus die generelle Vereinbarkeit mit einem Ansatz zur Analyse von Ethik in kapitalistischen Gesellschaften ableiten. Moral erscheint jedoch im Rahmen dieses Erkenntnisinteresses als Schlagwort, um Aufstände zu erklären und die Veränderung der Kultur und soziale Institutionen einer lokalen Gemeinschaft zu konzeptualisieren.

In dieser Arbeit wird Ethik jedoch als philosophisch definierter Begriff verwendet, der Eingang in die historische Diskursanalyse finden soll. Daher ist es zwar notwendig den geschichtswissenschaftlichen Ansatz der Moral Economy zu nennen, jedoch auch auf den qualitativen Unterschied zum hier verfolgen Ansatz hinzuweisen.

Business Ethics

Während in Deutschland die wirtschaftshistorische Forschung einerseits versucht eigene Ansätze zur Erfassung wirtschaftlicher Zusammenhänge zu entwickeln, andererseits aber bestrebt ist, wirtschaftswissenschaftliche Modelle zu integrieren, um so die Distanz der beiden Disziplinen zu verringern[26], war in den USA die „Business History“ stets in den Wirtschaftswissenschaften der amerikanischen „Business Schools“ integriert.[27] Die Unternehmensethik als Forschungsgebiet hat daher dort schneller Eingang in die historische Forschung erhalten und wird disziplinübergreifend als „Business Ethics“ bezeichnet, wobei das Unternehmen in den Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses gerückt wird und makroethische Fragestellungen ebenso eher aus Sicht der Unternehmen behandelt werden.[28] Interessant ist hierbei, dass in der US-amerikanischen Forschung die unzureichende philosophische Betrachtung der Unternehmensethik bemängelt wird[29], wohingegen die deutsche wirtschaftswissenschaftliche Forschung von der Philosophie inspiriert wurde und weiterhin ist.[30]

[...]


[1] Herold, Norbert: Einführung in die Wirtschaftsethik, Darmstadt 2012, S. 9 f.

[2] Karmasin, Matthias / Litschka, Michael: Wirtschaftsethik – Theorien, Strategien, Trends, Wien 2008, S. 26 ff.

[3] Herold: Einführung in die Wirtschaftsethik, S. 10.

[4] Karmasin u.a.: Wirtschaftsethik, S.22.

[5] ebenda, S. 21 f.

[6] vgl. Hardkte, Arnd / Kleinfeld Annette (Hgg.): Gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen. Von der Idee der Corporate Social Responsibility zur erfolgreichen Umsetzung, Wiesbaden 2010.

[7] Ulrich, Peter: Auf der Suche nach der ganzen ökonomischen Vernunft. Der St. Galler Ansatz der integrativen Wirtschaftsethik, in: Kersting, Wolfgang (Hrsg.): Moral und Kapital. Grundfragen der Wirtschafts- und Unternehmensethik, Paderborn 2008, S. 61 f.

[8] Arefnia, Behnam: Spekulationen am Finanzmarkt. Eine wirtschaftsethische und wirtschaftshistorische Betrachtung, Masterarbeit an der Universität Graz 2010, S. 25.

[9] Karmasin u.a.: Wirtschaftsethik, S. 26.

[10] Noll, Bernd: Grundriss der Wirtschaftsethik. Von der Stammesmoral zur Ethik der Globalisierung. Stuttgart 2010, S. 20-25. Damit wird der Grundsatz von Aristoteles als „Urvater“ der Ethik bis in die heutige Forschung beibehalten.

[11] Walterspiel, Otto: Wirtschaftsethische Fragen aus unternehmerischer Sicht (I), in: Nutzinger, Hans G. (Hrsg.): Wirtschaft und Ethik, Wiesbaden 1991, S. 176.

[12] Ulrich, Peter: Ethics and economics, in: Zsolnai, Laszlo (Hrsg.): Ethics in the economy, Oxford 2007, S. 11 f.; Karmasin u.a.: Wirtschaftsethik, S. 27.; Steinmann, Horst / Löhr, Albert: Zehn Jahre Unternehmensethik – eine Bestandsaufnahme der Kernprobleme, in: Schachtschneider, Karl Albrecht, Wilfried (Hrsg.): Wirtschaft, Gesellschaft und Staat im Umbruch, Berlin 1995, S. 225 f.

[13] Herold: Einführung in die Wirtschaftsethik, S. 139 ff.

[14] Karmasin u.a.: Wirtschaftsethik, S. 27.

[15] ebenda, S. 27.

[16] ebenda, S. 28.

[17] Herold: Einführung in die Wirtschaftsethik, S. 137 f.

[18] Polanyi, Karl: The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen, Wien 1977, S. 94-104.

[19] siehe dazu Tonnies, Ferdinand: Gemeinschaft und Gesellschaft, Darmstadt 1979. Diese terminologische Unterscheidung wird im angelsächsischen Raum übernommen, um den Unterschied zwischen sozialen Institutionen in lokalen feudalen Strukturen und in marktwirtschaftlich ausgerichteten Großterritorien analytisch zu unterscheiden.

[20] Booth, W. J.: On the Idea of the Moral Economy, The American Political Science Review 88 (3), 1994, S. 655-659.

[21] Diese Bedingung wurde kontrovers diskutiert, denn sie besitzt nur ihre Gültigkeit, wenn eine Dorfgemeinde über Jahrhunderte hinweg Gebräuche und Traditionen ohne Einwirkung von außen internalisiert hat.

[22] Thompson, Edward P.: The Moral Economy of the English Crowd in the Eighteenth Century, Past & Present 50, 1971, S. 76-136.

[23] Scott, James C.: The moral economy of the peasant, New York 1976, S. 57.

[24] Kurtz, Marcus J.: Understanding Peasant Revolution: From Concept to Theory and Case, Theory & Society 29 (1), 2000, S. 105 f.

[25] ebenda, S. 112 f.

[26] Pierenkemper, Toni (b): Was kann eine moderne Unternehmensgeschichtsschreibung leisten? Und was sollte sie tunlichst vermeiden, in: Pierenkemper, Toni (Hrsg.): Unternehmensgeschichte, Stuttgart 2011, S. 230 f.; Plumpe, Werner: Perspektiven der Unternehmensgeschichte, in: Schulz, Günther u.a. (Hgg.): Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Arbeitsgebiete – Probleme – Perspektiven, Stuttgart 2004 (Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 169), S. 414 ff. Vgl auch Ellerbrock, Karl-Peter / Wischermann, Clemens (Hgg.): Die Wirtschaftsgeschichte vor der Herausforderung durch die New Institutional Economics, Dortmund 2004 (Untersuchungen zur Wirtschafts-, Sozial- und Technikgeschichte 24).

[27] Pierenkemper (b): Was kann eine moderne Unternehmensgeschichtsschreibung leisten?, S. 213.

[28] Karmasin u.a.: Wirtschaftsethik, S. 29 f.; De George, Richard T: Unternehmensethik aus amerikanischer Sicht, in: Lenk, Hans u.a. (Hgg): Wirtschaft und Ethik, Stuttgart 1992, S. 308 ff. vgl. zur Integration organisationstheoretischer, wirtschaftswissenschaftlicher und historisch inspirierter Arbeiten Feldman, Steven P.: Moral Memory: Why and How Moral Companies Manage Tradition, Journal of Business Ethics 72 (4), 2004, S. 395–409.

[29] Byrne, Edmund F.: Business Ethics: A Helpful Hybrid in Search of Integrity, Journal of Business Ethics 37 (2), 2002, S. 131 ff.

[30] vgl. Herold: Einführung in die Wirtschaftsethik.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Unternehmenskultur aus Perspektive der Geschichtswissenschaft
Untertitel
Defizite und Anknüpfpunkte des Forschungstands
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
13
Katalognummer
V288610
ISBN (eBook)
9783656889182
ISBN (Buch)
9783656889199
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
unternehmenskultur, perspektive, geschichtswissenschaft, defizite, anknüpfpunkte, forschungstands
Arbeit zitieren
Julian Ostendorf (Autor), 2012, Unternehmenskultur aus Perspektive der Geschichtswissenschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/288610

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