Seit Jahrhunderten beschäftigt sich die Menschheit intensiv mit Fragen nach der Legitimität von staatlicher Souveränität. Im Zeitalter der Aufklärung kam es zu einem Umdenken in den politischen Theorien und es wurde, aus neuen Blickwinkeln, speziell der Frage nachgegangen, wie sich Staatsmacht institutionell begründen lässt bzw. welchen moralischen Aspekten eine tragende Rolle zuteil wird und welche Rolle dabei das Individuum einnimmt.
Ideengeschichtlich wurde von einflussreichen, unseren Zugang zur heutigen Staatstheorie prägenden, Theoretikern wie Thomas Hobbes, Jean-Jacques Rousseau, John Locke, John Rawls etc. das Gedankenexperiment bzw. Konzept des Gesellschaftsvertrages begründet und weiterentwickelt. Dieser Gesellschaftsvertrag basiert auf der Annahme, dass die Individuen untereinander einen Vertrag schließen, welcher die Übereinkunft zur willentlichen Übertragung von Souveränität an eine höhere bzw. übergeordnete Instanz beinhaltet; denn so könne Schutz und Frieden garantiert werden.
In der vorliegenden Arbeit wird in einem ersten Teil ein Einblick in das neuzeitliche Denken in Bezug auf den Gesellschaftsvertrag, sodann der Ursprung und die Entwicklung des Geschlechtervertrags sowie seine grundlegenden Inhalte illustriert. Darauf aufbauend wird die
Theorie Pateman’s anhand von spezifisch gewählten Aspekten eingehend erörtert.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Entstehungsgeschichte des Geschlechtervertrags
A. Der Naturzustand als grundlegendes Prinzip neuzeitlichen Denkens
B. Der Gesellschaftsvertrag als zentrales Normgestaltungsprinzip
C. Die Geschichte des Geschlechtervertrags
III. Der Geschlechtervertrag nach Carole Pateman
A. Anknüpfungspunkte Patemans’ im Kontext feministischer Politikwissenschaft
1. Die Interpretation des Grundvertrags
2. Das Patriarchat und der Geschlechtervertrag
3. Der Begriff der Brüderlichkeit
3. Die sexuelle Differenz im Geschlechtervertrag
4. Die Teile der bürgerlichen Gesellschaft
5. Die Unterwerfung des freien Individuums
6. Der Geschlechtervertrag illsutriert durch den Ehevertrag
IV. Das Ende einer alten politischen Geschichte?
V. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht kritisch die klassischen Gesellschaftsvertragstheorien und legt dar, wie durch den Ausschluss von Frauen ein inhärenter „Geschlechtervertrag“ begründet wurde, der patriarchale Machtstrukturen in modernen Staaten zementiert. Ziel ist es, diese unterdrückte Dimension der politischen Theorie aufzudecken und zu zeigen, dass bürgerliche Freiheit auf der Unterwerfung von Frauen basiert.
- Kritik an klassischen Vertragstheoretikern (Hobbes, Locke, Rousseau, Kant)
- Analyse des Geschlechtervertrags nach Carole Pateman
- Zusammenhang zwischen Patriarchat, Ehevertrag und Sklavenvertrag
- Die Dichotomie von öffentlicher und privater Sphäre
- Herausforderungen für eine wirklich freie Gesellschaft
Auszug aus dem Buch
3. Der Begriff der Brüderlichkeit
Um die Kritik Pateman’s als Ganzes zu erfassen, ist es wichtig, nicht nur auf das Patriarchat als solches, sondern auch die Frage nach den Auswirkungen einzugehen. Bisher wurde immer vom patriarchalen System gesprochen, allerdings verbirgt sich dahinter eine weitere Komponente, denn die Söhne emanzipierten sich im Laufe der Zeit und die Väter, welche die Macht ausübten, wurden eben dieser Macht und dem politischen Können beraubt. In der Folge nahmen die Söhne, zur Zeiten der Revolution unter dem Ruf ‘liberté, egalité, fraternité’, eine völlig neue Machtposition ein.
Somit ist der klassische Vertrag ein nicht nur paternalistischer, sondern auch ein von Fraternität getragener Vertrag. Denn die Beteiligten im Grundvertrag mussten in der Lage sein das politische Recht zu schaffen und auch auszuüben, was in der Rolle als Vater nicht mehr möglich war. Allerdings führt Pateman an, dass es sich dabei um eine simple Metapher handelt, die den wahren Gehalt versucht zu vertuschen, denn es wurde suggeriert, dass es sich bei Fraternität um ein Synonym für die Verbindung der gesamten Menschheit, Gemeinschaft, Solidarität, etc. handelt, jedoch verbirgt sich hinter dem Begriff nicht viel mehr als die Bruderschaft aller Männer. Es muss in der Geschichte mitbedacht werden, dass ein weiterer männlicher Bund von großer Relevanz sich als scheinbarer alle Menschen erfassender Bund etabliert hatte.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Arbeit führt in die Problematik staatlicher Souveränität ein und stellt Carole Patemans These vor, dass der klassische Gesellschaftsvertrag einen verborgenen Geschlechtervertrag enthält.
II. Entstehungsgeschichte des Geschlechtervertrags: Dieses Kapitel skizziert die philosophischen Hintergründe des Naturzustandes und des klassischen Gesellschaftsvertrags als Fundament neuzeitlichen politischen Denkens.
III. Der Geschlechtervertrag nach Carole Pateman: Hier werden die zentralen Kritikpunkte Patemans an der Vertragstheorie analysiert, darunter die Rolle des Patriarchats, die sexuelle Differenz und die Ehe als Vertrag.
IV. Das Ende einer alten politischen Geschichte?: Das Kapitel diskutiert, ob trotz rechtlicher Reformen die patriarchale Struktur in der modernen Gesellschaft fortbesteht und warum das Bewusstsein dafür notwendig ist.
V. Schlusswort: Die Arbeit schließt mit dem Fazit, dass die Trennung in Privatheit und Öffentlichkeit weiterhin eine Geschlechterfalle darstellt, deren Überwindung essenziell für echte demokratische Gleichheit ist.
Schlüsselwörter
Geschlechtervertrag, Carole Pateman, Gesellschaftsvertrag, Patriarchat, politische Theorie, Naturzustand, bürgerliche Gesellschaft, Staatsbürgerschaft, Fraternität, Ehevertrag, sexuelle Differenz, politische Macht, Feministische Politikwissenschaft, Unterwerfung, Freiheit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der kritischen Auseinandersetzung der klassischen Gesellschaftsvertragstheorie durch die Politikwissenschaftlerin Carole Pateman und deckt dabei den verborgenen „Geschlechtervertrag“ auf.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis zwischen Individuum und Staat, die Entstehung des modernen Patriarchats, die historische Exklusion von Frauen aus der politischen Sphäre sowie die Analyse von Ehe- und Sklavenverträgen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass die Konzepte von Freiheit und Gleichheit in der klassischen Staatstheorie auf der strukturellen Unterwerfung von Frauen basieren und eine patriarchale Ordnung voraussetzen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine ideengeschichtliche und feministisch-politikwissenschaftliche Analyse der klassischen Vertragstheoretiker (u.a. Hobbes, Locke, Kant) unter Einbeziehung von Carole Patemans Hauptwerk „The Sexual Contract“ durchgeführt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Interpretation des Grundvertrags, das Konzept der „Brüderlichkeit“, die rechtliche und gesellschaftliche Stellung der Frau sowie die Dichotomie zwischen privater und öffentlicher Sphäre.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind Geschlechtervertrag, Patriarchat, Gesellschaftsvertrag, politische Exklusion und sexuelle Differenz.
Warum spielt der Ehevertrag für Carole Pateman eine so große Rolle?
Pateman nutzt den Ehevertrag als Paradebeispiel dafür, wie der moderne „freie“ Vertrag den Zugang der Männer zum Körper der Frauen institutionalisiert und somit patriarchale Macht im Privaten festigt.
Wie definiert die Arbeit den Begriff „Brüderlichkeit“ in diesem Kontext?
„Brüderlichkeit“ wird nicht als allgemeine menschliche Solidarität, sondern als spezifisch männlicher Bund interpretiert, der nach der Ablösung der väterlichen Macht die politische Herrschaft unter Männern neu organisierte.
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- Magistra iura Sarah Maringele (Author), 2015, Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte. Die Entstehung des modernen Staates, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/289038