In dieser Arbeit geht es um die Idee des Großvenedig der 1930er Jahre – "la Grande Venezia" – sowie um seine Entstehung und seine Einordnung in den zeitgeschichtlichen Hintergrund des Faschismus.
Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts hatten alle städtebaulichen Entwicklungen Venedigs im Bereich der Inselstadt und seiner benachbarten Inseln in der Lagune stattgefunden. Die Stadt war im 19. Jahrhundert einem tiefgreifenden Umbau unterworfen worden, bei dem die Bebauung und Infrastruktur teilweise radikal modernisiert wurde. Auch die bereits Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzende Industrialisierung, die vor allem während der 1880er Jahre wesentlich größere Ausmaße annahm, vollzog sich auf den Inseln. Die neuen Fabriken nahmen große Teile des Westrandes der Stadt, der Giudecca und Muranos ein.
Diese Phase des neoinsularismo ging bald nach 1900 zu Ende als die Grenzen der Entwicklung der Inselstadt als Hafen und Industriestandort, aber auch als Wohnort abzusehen waren. Es entstand die Idee eines „neuen Venedigs“, einer „Grande Venezia“, die sich vom Festland bis zum Lido erstrecken sollte. Damit wollte man verhindern, dass Venedig, ausgeschlossen von der weiteren industriellen Entwicklung durch eine Konservierung der Stadt, dem Niedergang preisgegeben würde. Andererseits wirkte man damit aber auch einer radikalen Modernisierung der Stadt entgegen.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Idee von der Grande Venezia
2. Die Entstehung der Grande Venezia
2.1. Porto Marghera
2.2. Mestre und Marghera
2.3. Centro storico und Lido
2.4. Die Verkehrsstruktur der Grande Venezia
2.5. Grande Venezia und Faschismus
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit analysiert die städtebauliche Vision des „Großvenedig“ (la Grande Venezia) der 1930er Jahre, untersucht deren historische Genese und ordnet diese Entwicklung in den zeitgeschichtlichen Kontext des italienischen Faschismus ein, wobei die Rolle zentraler Akteure und infrastruktureller Großprojekte beleuchtet wird.
- Die Entstehung und Expansion des Hafens Porto Marghera
- Die städtebauliche Transformation von Mestre, der Inselstadt und des Lido
- Die Bedeutung der modernen Verkehrsinfrastruktur für das Großvenedig-Konzept
- Der Einfluss Giuseppe Volpis und des faschistischen Regimes auf die Stadtplanung
Auszug aus dem Buch
2.5. Grande Venezia und Faschismus
Die schnelle Umsetzung der Grande Venezia und der damit verbundenen Großprojekte in der Zwischenkriegszeit ist durch die politischen Verhältnisse zu erklären. Das faschistische Regime machte es möglich, dass wenige führende Persönlichkeiten der Stadt gegen alle Widerstände ihre Vorstellungen von einem modernen Venedig durchsetzen konnten.
Zentrale Figur war Giuseppe Volpi (1877-1947), der einen unangetasteten Einfluss in allen Bereichen des öffentlichen Lebens innehatte. In seiner Person vereinigten sich die wichtigsten wirtschaftlichen Interessen mit dem Faschismus. Der ehemalige Viehhändler konnte schon vor dem Ersten Weltkrieg als Finanzier und Manager ein weitgestrecktes Finanzimperium errichten. 1905 gründete er die SADE, die schnell zum wichtigsten Stromlieferanten in Venetien und der Emilia-Romagna aufstieg. Volpi war zudem als Großhändler und Investor auf dem Balkan tätig. Dominierten zu Beginn der Industrialisierung Venedigs im 19. Jahrhundert meist ausländische Unternehmer und die venezianischen Juden, so übernahmen am Anfang des 20. Jahrhunderts lokale Industrielle wie Volpi, aber auch Piero Foscari, Vittorio Cini und Archille Gaggia die führende Rolle im wirtschaftlichen Leben der Stadt. Sie bildeten den sogenannten „gruppo veneziano“. Volpi hatte aber auch durch seine politischen Tätigkeiten als Diplomat für die Giolitti-Regierung und als Gouverneur der italienischen Kolonie Tripolitanien nationales Ansehen erlangt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Idee von der Grande Venezia: Dieses Kapitel erläutert die Ursprünge des Konzepts eines neuen Venedigs, das eine notwendige Expansion auf das Festland und eine Entlastung der Inselstadt vorsah.
2. Die Entstehung der Grande Venezia: Das Kapitel beschreibt die schrittweise bauliche und organisatorische Umsetzung des Großvenedig-Konzepts durch die Spezialisierung einzelner Stadtteile wie Marghera, Mestre und des historischen Zentrums.
2.1. Porto Marghera: Hier wird der Bau und die industrielle Entwicklung des neuen Hafen- und Industriegebiets auf dem Festland als Motor der städtischen Transformation detailliert dargestellt.
2.2. Mestre und Marghera: Dieser Abschnitt behandelt die Entwicklung von Mestre und dem Quartier Marghera als Wohn- und Geschäftsviertel zur Unterbringung der wachsenden Bevölkerung.
2.3. Centro storico und Lido: Die Transformation des alten Venedigs zum touristischen und kulturellen Zentrum sowie der exklusive Ausbau des Lido werden in diesem Kapitel thematisiert.
2.4. Die Verkehrsstruktur der Grande Venezia: Im Fokus steht hier die infrastrukturelle Vernetzung der verschiedenen Stadtteile, insbesondere durch den Bau der Lagunenbrücke als Symbol der modernen Verkehrserschließung.
2.5. Grande Venezia und Faschismus: Dieses Kapitel analysiert die politische Instrumentalisierung und die Rolle der faschistischen Elite, insbesondere Giuseppe Volpis, bei der rücksichtslosen Durchsetzung der Großprojekte.
Schlüsselwörter
Großvenedig, Grande Venezia, Venedig, Faschismus, Giuseppe Volpi, Stadtplanung, Porto Marghera, Mestre, Lagunenbrücke, Industriehafen, Stadtentwicklung, Eugenio Miozzi, Infrastruktur, Autarkie, Zwischenkriegszeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das städtebauliche Projekt des „Großvenedig“ (la Grande Venezia) in den 1930er Jahren und seine Einbettung in die faschistische Politik.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Industrialisierung in Marghera, der infrastrukturellen Vernetzung von Insel und Festland sowie der Umgestaltung Venedigs als modernes Kultur- und Tourismuszentrum.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Entstehung der Grande Venezia vor dem Hintergrund des faschistischen Regimes zu erklären und die Rolle zentraler Akteure wie Giuseppe Volpi zu beleuchten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die auf einer fundierten Auswertung von Literatur, zeitgenössischen Planungsdokumenten und Architekturgeschichtsschreibung basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Hafenbau, Wohnungsbau, Verkehrsinfrastruktur sowie die politisch-ökonomische Verflechtung der Akteure mit dem Faschismus.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Großvenedig, Faschismus, Industrieentwicklung, städtische Infrastruktur und die politische Einflussnahme durch die damalige Elite.
Warum war die Lagunenbrücke so wichtig für das Konzept?
Sie diente als physische und symbolische Verbindung, um das Festland mit der Inselstadt zu einem funktionalen städtischen Ganzen zu vereinen.
Welche Rolle spielte Giuseppe Volpi konkret?
Volpi agierte als zentraler Industrieller und Politiker, der seine wirtschaftlichen Interessen mit den Plänen des Regimes zur Modernisierung Venedigs verknüpfte und so die Projekte massiv vorantrieb.
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- Martin Petsch (Author), 2004, Das Großvenedig der 1930er Jahre. Seine Entstehung vor dem Hintergrund des Faschismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/289307